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Full text of "Briefe aus der französischen revolution"

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1817 






AKTES SCIENTIA VERITAS 



BRIEFE 

AVS DER 

FRANZÖSISCHEN 
REVOLUTION 



Ausgewählt, übersetzt und erläutert 



von 



GUSTAV LANDAUER 



ERSTER BAND 



1922 



Literarische Anstalt Rütten & Loening 
Frankfurt am Main 



DC 
\A5 

VA 



Alle Rechte vorbehalten. Copyright 1918 by 
Literarische Anstalt Bütten &Loening, Frankfurta. M. 



5. bis 7. Tausend 



Druck der Spamertchen ßuchdruckerei in Leipzig 



^5"- 3^903^/ 



INHALT 

DES ERSTEN BANDES 

Seite 

Vorwort XI 

Mirabeau 

1. Vor der Revolution (Briefe aus dem Gefängnis) 

An Sophie von Monnier 1777 5 

An Lenoir 1778 7 

An Sophie von Monnier 1778 — 79 11 

An Dupont 1779 16 

An Sophie von Monnier 1780 20 

2. Vorbereitung 

An den Grafen von Montmorin 1785 27 

An Friedrich den Großen 1786 28 

Friedrich der Große an Mirabeau 1786 30 

An Frau von Nehra 1786 31 

An Mauvillon 1786 — 87 33 

An Frau von Nehra 1787 38 

An Mauvillon 1787 39 

An Soufflot 1787 42 

An den Grafen von Montmorin 1787 45 

An van Kussel 1787 46 

An einen Unbekannten 1787 50 

An den Grafen von Montmorin 1787 55 

An Mauvillon 1787 63 

An den Grafen von Montmorin 1788 65 

An den Herzog von Lauzun 1788 67 

An Mauvillon 1788 73 

An Levrault 1788 74 

An Mauvillon 1788 bis Februar 1789 76 

3. In der Revolution. 

An einen Unbekannten, Mai 1789 93 

An Mauvillon. 16. Juni 1789 96 

An Mauvillon, Mitte September 1789 97 

An seinen Oheim, 15. Oktober 1789 98 



VIII INHALT 



Seite 
l^irabeaus Schwester an seine Gemahlin, Ende 1789 103 

An Mauvillon, 8. Dezember 1789 107 

An Mauvillon, 31. Dezember 1789 110 

An den Grafen von der Mark, 4. Januar 1790 . . 112 

An denselben, 15, Januar 1790 113 

An Mauvillon, 31. Januar 1790 117 

An den Grafen von der Mark, 31. Januar 1790 . .122 

An Ludwig XVI., 10. Mai 1790 125 

An den Grafen von der Mark, 4. Juni 1790 . . .126 

An Leroy, Juni 1790 126 

Zweite Note für den Hof, 20. Juni 1790 128 

Dritte Note für den Hof, 23. Juni 1790 128 

An Mauvillon, 4. August 1790 • . . . 128 

Einundzwanzigste Note für den Hof, 1. September 

1790 131 

An den Grafen von der Mark, 22. Oktober 1790 . . 131 
Siebenundvierzigste Note für den Hof, 23. Dezember 

1790 133 

An Etienne Dumont, 5. Februar 1791 .138 

Graf von der Mark an Vicq-d'Azyr, 3. April 1791 . 140 

Camille Desmoulins 

An den Vater 1789 

5. Mai 143 

10. Juni 144 

Juli 145 

16. Juli 148 

20. September 156 

29. September 158 

8. Oktober 160 

4. Dezember 164 

31, Dezember 165 

An den Vater 

11. Dezember 1790 . . 166 

3. Januar 1791 168 

3. April 1792 169 

12. Juli 1792 172 

Aus dem Tagebuch Luciles über den 10, August 1792 . 174 



INHALT IX 

Seite 
An den Vater 

15. August 1792 180 

lÖ. August 1793 181 

An Lucile aus dem Gefängnis 

31. März 1794 183 

1. April 1794 185 

Brief eines Bauern an den Intendanten kurz vor 
der Revolution 193 

Dr. Rigby 

9. Juli bis 25. August 1789 197 

Ludwig von Flue an seinen Bruder 

Anfang September 1789 265 

Gouverneur Morris 

An den Grafen von Moustier, 23. Februar 1789 . 279 

An William Carmichael, 25. Februar 1789 .... 281 

An George Washington, 3. März 1789 282 

An John Jones, 18. April 1789 283 

An George Washington, 29. April 1789 285 

An John Jay, 1. Juli 1789 287 

An William Carmichael, 4. Juli 1789 290 

George Washington an Gouverneur Morris, 13. Ok- 
tober 1789 .291 

An Thomas Jefferson, 22. August 1792 293 • 

An denseU)en, 30. August 1792 294 

Huber an Lord Auckland 

14. Juli, 28. Juli, 27. Dezember 1789 296 

Graf von der Goltz an Lord Auckland 

12. Oktober 1789 301 

Herzog von Brissac an Gräfin Dubarry 

25. August 1789 302 



INHALT 



Seite 

Gaultier von Biauzat an seine Wähler 

4. August 1789 bis 8. Juli 1790 305 

Anton Bergier an Gaultier von Biauzat, 13. August 

1789 311 

Madame Jullien an Mann und Sohn 

6. September 1789 bis Mai 1793 331 

Gerhard Anton von Halem 

September bis November 1790 413 

Ludwig XVI. 

An Malesherbes 1786 435 

An den Grafen von Artois, 13. Juli 1789 .... 437 

An Mirabeau, 8. Januar 1790 437 

An den Grafen von Artois, 20. März 1791 ... . 438 

An Monsieur, 28. April 1792 439 

An den Minister Roland, 21. Mai 1792 441 

An Monsieur, 29. Mai 1792 442 

An denselben, 1. Juli 1792 443 

An denselben, 17. Juli 1792 445 

An den Grafen von Montmorin, 1. August 1792 . 449 

An Vergniaud, 11. August 1792 450 

An Monsieur, 11. August 1792 451 

An denselben, 12. August 1792 452 

Malesherbes an den Präsidenten des Konvents, 11. De- 
zember 1792 453 

An Malesherbes, Dezember 1792 454 

An den Exekutivrat, 20. Januar 1793 ' 456 

Cl^ry an Madame Vigöe-Le Brno 458 

Bericht von Jacques Rouz, 21. Januar 1793 . . . 464 

Henker Sanson an die Zeitung Le Thermomdtre . 466 

Ludwigs XVI. Testament 467 



VORWORT 

Einem | Buche, das nicht von irgendeinem nach- 
träglichen Standpunkt aus über die Revolution spre- 
chen will, sondern in dem die Revolution selbst sich 
aussprechen soll, will ich nur das Notwendige voraus- 
schicken. Den Brauch, dem ich in den letzten Jahren 
öfter begegnet bin, gerade bei Briefbüchern eine Art 
Essay vorauszuschicken, der einen Teil der im Buche 
^ selbst folgenden Briefe im voraus kunstvoll in kleine 
Fetzen zerreißt, um sie dann mit eigenem Kleister 
zusammenzukleben, halte ich nicht eben für nach- 
ahmenswert. Und was an Kenntnis der Einzelvorgänge 
der Revolution nicht vorausgesetzt werden darf, findet 
sich in den Anmerkungen jeweils an Ort und Stelle 
erklärt. Ich will aber hier mit kürzesten Worten aus- 
zudrücken versuchen, was dieses Buch mir vor sämt- 
lichen Darstellungen der Französischen Revolution vor- 
auszuhaben scheint; auch vor solchen, die sich stark, 
aber immer mit parteiisch zerfetzender Auswahl und 
mit Vernichtung der Seelenfülle, auf die Briefliteratur 
stützen. 

Diese Briefe als Gesamtheit in ihrer zugleich ein- 
heitlichen und gegensätzlichen Haltung zeigen, daß 
die Menschen und Parteien der Revolution einander 
nicht kannten, daß sie also auch von sich und dem 



XII VORWORT 



Zusammenhang, mit dem sie sich bewegten, indem sie 
ihn bewegen wollten, das Ganze und Wahre, das 
Wesentliche nicht wußten. Wer das aber gewahrt, 
weiß viel; nichts tut unsrer Zeit mehr not, nichts 
auch kann unsre Zeit uns eindringlicher lehren, als 
daß die Französische Revolution mit ihren Methoden 
und ihren Ergebnissen unsre Vergangenheit werden 
muß; daß wir das Recht zu erlangen die Pflicht haben, 
uns ihre Erben und ihre Überwinder zu nennen. Wer 
wahrhaft erkennt, wie damals guter Wille sich in 
Nuancen manifestierte und wie diese Schattierungen 
einander in Wut zerrissen, der weiß, daß und wieso 
wir auf keinem der damaligen Standpunkte unsern 
Platz einnehmen können und daß wir eine andre 
Aufgabe haben, andern Weg zu gehen haben als jene. 
So klar, wie es uns ist, daß in dem Streit der Parteien 
in der mittelalterlichen Scholastik, in dem Streit der 
Parteien auch in der Reformationszeit jeweils beide 
Teile unrecht hatten, weil die Voraussetzung, die' 
ihnen gemeinsam war und um deren Folgeerschei- 
nungen sie stritten, für uns ein Nichts ist; so sicher 
es ist, daß wir von Erkenntnissen und Betrachtungs- 
weisen nicht loskommen, die uns jene leidenschaft- 
lichen. Kämpfe nur noch historisch nehmen, historisch 
verstehen lassen, eine so sichere Klarheit kann die 
intime Kenntnis der Menschen und Vorgänge aus der 
Revolutionszeit, zu der, glaube ich, diese Briefe ver- 
helfen können, uns geben: daß die innigsten Vertreter 



VORWORT XIII 



der Revolution in ihren reinen Stunden, gleichviel, in 
welches Lager sie schließlich von den tobenden Wogen 
geworfen wurden, glaubten und wollten, sie solle die 
Menschheit zu einer Wiedergeburt führen ; daß es aber 
nicht dazu kam und sie zugleich sich gegenseitig daran 
hemmten und einander die Schuld beimaßen, weil die 
Revolution sich mit dem Krieg, mit der Gewalttat, 
mit der Befehlsorganisation und autoritären Unter- 
drückung, mit der Politik verband. 

Der Mann, den ich für den echtesten Repräsen- 
tanten der französischen Revolution, wie sie in ihrem 
Ursprungsgeist und ihren Anfängen tatsächlich war, 
und für die größte Natur und den stärksten Kopf 
unter allen Revolutionären halte, hat an eine Wieder- 
geburt der französischen Nation und der Menschheit 
nicht in einem überschwänglich absoluten, sondern 
in einem wirklichkeitsfrohen und doch resignierten, 
konkreten, begrenzten Sinn geglaubt: Mirabeau war 
zugleich enthusiastisch und skeptisch, revolutionär 
und politisch, und wenn es je in der Welt so etwas 
wie eine saftige Trockenheit und strotzende Zurück- 
haltung geben könnte, so wäre das sein Teil gewesen. 
Er wollte mit einer unvergleichlichen Kühnheit einen 
großen Schritt vorwärts machen und mit einer Züge- 
lung, deren nur der ursprünglich maßlos Wilde fähig 
zu sein scheint, dann sofort innehalten, begrenzen und 
sichern. Die andern wollten das Unbegrenzte, wurden 
schließlich dahin gedrängt, um der größten Freiheit 



XIV VORWORT 



willen die ärgste, die größte und kleinlichste Gewalt- 
tätigkeit zu üben, und was am Ende übrig blieb, war 
nicht Mirabeaus erreichbarer großer Schritt, sondern 
ein paar weitaus kleinere, die nicht einmal Eindeutig- 
keit und Übereinstimmung untereinander hatten. 
Mirabeau gehört mindestens so sehr der Renaissance 
an wie der Revolution; republikanische Seelen wie 
Frau Roland, Buzot, Georg Forster, Lazare Hoche 
gehören mindestens so sehr echter Wiedergeburt an 
wie der Französischen Revolution. Sie waren schönere 
Seelen, aber kraftlosere Naturen; und wegen ihrer 
größeren Schwäche mußten sie Männer wie Danton, 
Marat, Robespierre und Saint-Just ans Werk der 
Nothilfe lassen, die an Gewalttätigkeit weit über alles 
hinausgingen, was Mirabeau je getan oder geduldet 
hätte; und als dann einer kommen mußte, um dem 
neuen Despoten, dem Staat, und dem neuen Privi- 
legierten, der Bourgeoisie, zu konsolidieren, was von 
der Revolution übrig geblieben war, da war es Na- 
poleon, in dem der Geist der Revolution nur noch 
kümmerlich und verzerrt lebte und die Natur der 
Renaissance eng, launisch und komödiantisch ge- 
worden war. „Das Interim hat den Schalk hinter ihm" 
— jawohl, man muß nur wissen, daß dieser Schalk 
der Teufel ist. Von den Versuchen zur provisorischen 
Sicherung der Freiheit durch gewalttätige Hilfsmittel 
in größter Gefahr des Übergangs und des Chaos ist 
viel mehr organisierte Tyrannei als Freiheit übrig 



VORWORT XV 



geblieben; und die Tyrannei bürgerlicher Farbe, die 
schließlich gierig und in angstvoller Dankbarkeit die 
Reste des ancien regime hätschelt und die verstreuten 
Knochen des Gerippes wieder zusammen zu setzen 
sucht, ist nicht lieblicher als die feudale. 

Was mich an dieser Sammlung von Briefen also 
wichtig dünkt, ist, daß wir in ihnen den Revolutio- 
nären der verschiedenen Richtungen, den gegen- 
seitigen Feinden ins Herz sehen. Diese Briefe sollen 
in ihrem Ensemble die Wirkung des Dramas tun: wir 
sollen das Recht aller und das Unrecht aller gewahren. 
Wo Briefe fehlten, habe ich hie und da mit Anmer- 
kungen helfen können ; und so hoffe ich, daß man z. B. 
in dem Drama Marat-Corday nicht bloß die Mörderin, 
sondern auch den Ermordeten etwas von innen sieht 
und zum wenigsten den Wunsch verspürt, dem ver- 
zweifelten Revolutionär Marat tiefer ins Herz sehen 
zu können, wozu es in seinen Schriften Gelegenheit 
genug gibt. 

Wo von einem Briefschreiber oder einer zusammen- 
gehörigen Gruppe eine größere Zahl Briefe mitzuteilen 
war, habe ich sie in ihrem Zusammenhang gelassen. 
Auf diese Weise spiegelt sich die große Tragödie in 
manchen kleinen, wenn auch eine Komposition von 
der Geschlossenheit und lieblichen Erhabenheit, wie 
sie der romantisch-heroischen Tragödie der Frau 
Roland eignet, sich nur dieses eine Mal fand. Daß 
dann manchmal chronologisch zurückgegriffen werden 



XVI VORWORT 



mußte und es so aussieht, als fange die Bewegung 
immer wieder von neuem an, schien mir weniger 
störend, als es das Zerreißen eines menschlichen Zu- 
sammenhangs gewesen wäre. 

Aus der ungeheuren Menge von Briefen, die aus der 
Zeit der Französischen Revolution von damals an 
veröffentlicht worden sind und noch immer weiter ver- 
öffentlicht werden, habe ich ausgewählt: 

i. Briefe von Repräsentanten der RevdiUion. 

Leider müssen sie sehr ungleich zu Wort kommen; 
von den einen sind reiche Brief schätze da ; von andern 
wenigstens Charakteristisches aus den Höhepunkten 
ihrer Teilnahme an der Revolution ; wieder von andern 
gar nichts oder so gut wie nichts. Amthche Eingaben 
oder Berichte, soweit sie nicht mit menschlichen oder 
unmenschlichen Tönen hergehörten, habe ich nicht 
aufgenommen, obwohl ich gestehen muß, daß ich 
lange zögerte, ob ich nicht z. B. Danton und Robes- 
pierre, von denen keine in Betracht kommenden Briefe 
da sind, wenigstens auf diese Weise anwesend sein 
lassen sollte. Ebenso habe ich eine Weile geschwankt, 
ob nicht Marat mit seinen Alarmbriefen ans franzö- 
sische, vor allem ans Pariser Volk und an den Konvent, 
wie er sie in Flugschriften und in seinem Ami du 
Peuple veröffentlichte, vertreten sein Sollte. Ich habe 
es schließlich unterlassen, weil es sich in diesen Kund- 
gebungen eben doch trotz aller leidenschaftlichen Un- 



VORWORT XV 11 



mittelbarkeit des Ausdruckes um komponierte lite- 
rarische Arbeiten, nicht um Äußerungen von Mensch 
zu Mensch handelt. Auch habe ich nicht aus Ver- 
legenheit Briefe zufälligen Inhalts, die sich zufällig 
erhalten haben, aufnehmen wollen, wie es solche von 
Marat z. B. in Sachen seiner physikalischen Forschun- 
gen und Autoreninteressen gibt. 

Wie sich die Revolution in den Geistern und Ge- 
mütern vorbereitete, habe ich fast ausschließlich in 
den Briefen Mirabeaus gezeigt, mit denen die Samm- 
lung beginnt und den Aufruhr eines großen Einzel- 
daseins stufenweise in den Aufruhr und Aufschwung 
der Nation hinüberführt. Er war ein so eminenter 
Briefschreiber, und von seinen Briefen sind so viele 
und mannigfache erhalten, daß ich jeder Verzettelung 
und mosaikartig künstlichen Zusammensetzung diesen 
natürlichen Zusammenhang in Briefen einer über- 
ragenden Persönlichkeit vorzog; denn nach dem Plan 
meines Buches durfte die Zeit vor der Revolution 
nur knapp einleitend dargestellt werden; ein Werk im 
Umfang etwa der hier vorliegenden zwei Bände könnte 
die Vorbereitung der Revolution in den Geistern 
überaus interessant in Briefen einer größeren Zahl 
Personen darstellen, und es bleibt mein Wunsch, diese 
Vorbereitungszeit eines Tages ebenfalls an Hand der 
vielen Briefschätze vorzuführen. 

Auf Mirabeau habe ich Camille Desmoulins darum 
folgen lassen, weil dieser leicht bewegliche, leicht 

Landauer, Briefe aus der franz(to. Bevolütion I II 



XVin VORWORT 



fertige, liebenswürdige und eitle Junge tätig oder 
leidend in allen großen Stadien der Revolution bis zu 
seinem Ende dabei war, so daß seine Briefe einen 
raschen Überblick über äußere Ereignisse und innere 
Wandlungen von der Eröffnung der Generalstaaten 
bis zum Sturz der Dantonisten gewähren. 

Repräsentanten der Revolution nenne ich die 
Großen, Mittleren und Kleinen, in denen der Geist und 
die Stimmung der Revolution in irgend einem Grad 
wirksam ist; wo die Revolution ihren Einzug gehalten 
hat, ist, solange sie lebendig, wärmend und fortreißend 
da ist, kein Mann und kein Weib klein; solche aber, 
die in der Revolutionszeit bloß eine, wenn auch noch 
so wichtige, politische Rolle gespielt haben, zählen 
mir nicht zu den repräsentativen Gestalten der Re- 
volution. Die Dubarry und ihr galanter Ritter, die, 
einer endgültig versinkenden Zeit angehörig, von der 
Nacht des 4. August her noch einmal in einem spliten 
Schimmer stehen, ehe sie aufs entsetzlichste von den 
Wirbeln der Revolution verschlungen werden, sind 
mir nicht bloß Opfer, sondern in einem leichten GraHe 
Repräsentanten der Revolution. Und in diesem Sinne 
gehört mir auch Ludwig XVI. durchaus mit zu ihren 
repräsentativen Gestalten; die Revolution hat, indem 
sie zu diesem König in Beziehung trat, eine seltsame 
Gestalt angenommen, aber ohne Zweifel steht er in 
seinen Briefen und seinem Vermächtnis so da, wie er 
ohne die Revolution nicht gewesen wäre; er ist in 



VORWORT XIX 



ganz geringem Maße ein aktiver, in sehr starkem Maße 
ein* passiver und schließlich nicht ganz unbeträcht- 
lich ein konträrer Vertreter der Revolution. Er ge- 
hört zuletzt in der Tat zu den Menschen, die von der 
Revolution so innig oder leidenschaftlich in eine ent- 
gegengesetzte Richtung geworfen oder so stark in ihr 
befestigt werden, daß man sie in konträrem Sinne zu 
den Repräsentanten der Revolution rechnen darf; 
manche, wie Chateaubriand und de Maistre, gehören 
einer späteren Zeit an, die hier nicht behandelt wird; 
aber die Vend^e z. B. hat solche Männer und Frauen 
hervorgebracht, und wenn ich bedeutende Briefe von 
ihnen gefunden hätte, wären sie hier an ihrem Platze 
gewesen. Ich fand nichts von entscheidender Wich- 
tigkeit; und um diese Lücke auszufüllen, stehe hier 
eine Stelle aus einem wenig bekannten Brief eines 
Deutschen an einen Deutschen, eines französischen 
Emigranten ah den Sproß einer französischen R6- 
fugiöf amilie , Chamissos nämlich an Fouqu6 vom 
17. November 1810 aus der Vendee: 

. . . Hier in der Vendee, unter den unendlichen 
Trümmern, die noch der Stolz dieser verwüsteten 
Erde sind, hab' ich mtooires manuscrits über den 
herrlichen Krieg gelesen, — da zeigen sich noch 
reine Motive, große Handlungen, ja von beiden 
Seiten, und große Charaktere. Man muß auch 
dieses Land sehen, um zu begreifen, wie das Volk 
dieser Ebenen ein wahres Bergvolk sein kann. — 

II* 



XX VORWORT 



Die Taten sind enorm, der Sinn kindlicii, Selbst- 
bewußtsein and Selbatzatrauen erwachsen nur aus 
den Taten. Die Bauern fordern die Edlen auf, sie 
anzuführen, und die Edlen wiederum erwählen zu 
ihrem Genaral einen Bauer, — Bauern schlagen 
die zahlreichen Armeen der Republik, von den 
talentvollsten Generalen angeführt, in unzähligen 
Schlachten und Gefechten, achlagen sie nicht nur 
hinter ihren Hecken, sondern auch auf dem rechten 
Loire-Ufer mit ihren Weibern flüchtig, auf frem- 
dem Boden und in der Ebene, in zahlreichen ge- 
ordneten Schlachten und Treffen. Keine fremde 
Hilfe, kein Ausländer, keine Politik, keine unreinen 
Mittel, keine unreinen Motive. — Es ist noch eine 
herrliche Regung der Kraft, und nur ganz zuletzt, 
nachdem die Heroen gefallen, werden Spuren der 
kleinlichen Leidenschaft sichtbar. — Wer »die Men- 
schen d^ Städte kennt, muß die Geschichte Lügen 
strafen und sagen: Das sind Mären aus einer an- 
dern Zeit . . . 

Dagegen habe ich, so viel ich mich mit ihr be- 
schäftigte und so eifrig ich suchte, in Marie-Antoi- 
nette nur eine Politikerin, aber in keinem, auch nicht 
im passiven oder konträren Sinne eine Repräsen- 
tantin der Revolution finden können. Von ihr habe 
ich keine Zeile aufnehmen dürfen; ihr Abschiedsbrief 
an ihre Schwägerin Madame Elisabeth ist gefühlvoll 
und würdig, aber doch nur eine Art Kopie von Lud- 
wigs XVI. Testament. Was aber ihre Aktion während 



VORWORT XXI 



der Revolution angeht, so ist es erschreckend, wie in 
ihren Briefen nicht nur jeder Funke vom Geist der 
Revolution, sondern auch alles Persönliche fehlt; sie 
treibt Politik und nur Politik. Ginge es in diesem 
Buch um Zusammenstellung von Briefen oder Brief- 
stellen, die als Quellen dokumentarischen Wert haben, 
so dürften ihre Briefe, zumal die an den Grafen von 
Fersen, gewiß nicht fehlen. Aber es handelt sich hier 
nicht um Quellenmaterial, sondern um Briefe solcher 
Personen, die, schöpferisch oder geschaffen, eine innere 
Beziehung ziu» Revolution eingegangen sind ; zu ihnen 
gehört diese Königin nicht. 

Zuzugeben habe ich aber, daß viele Briefe, die hier 
aufgenommen sind, nebenbei Tatsächliches über die 
Revolution und ihre Parteien, zumal über das Ver- 
hältnis der inneren Gegensätze zum Krieg mit den 
äußeren Feinden beibringen; da nun in dieser Hin- 
sicht der Briefwechsel der Königin mit Fersen, der 
sehr politisch, sehr unpersönlich und ganz und gar 
keine Liebeskorrespondenz ist, überaus wichtige Auf- 
schlüsse gibt (die den Geschichtsforschern seit langem, 
dem politisch interessierten Publikum viel zu wenig 
bekannt sind), möge das Paar hier in diesen Vor- 
bemerkungen, vor der Schwelle, die es nicht über- 
schreiten darf, mit einigen Stellen aus diesen Briefen 
vertreten sein. Am 5. Juni 1792, schon während 
des Krieges also, den ihr Mann der König im Na- 
men der französischen Nation erklärt hat, schreibt 



XXII VORWORT 



sie an den Grafen von Fersen, der beim Feind steht, 
chiffriert : 

Es sind Befehle gegeben worden, daß Luckners 
Armee sofort angreift; er weigert sich, aber das 
Ministerium will es. Es fehlt den Truppen an allem ; 
es herrscht die größte Unordnung bei ihnen. 

Am 30. Juni schreibt dann Graf Fersen an die könig- 
liche Landesverräterin : 

. . . Besonders sehen, Paris nicht zu verlassen. 
Dann wird es leicht sein, zu Ihnen zu kommen, und 
das ist der Plan des Herzogs von Braunschweig. 
Er wird seinem Einmarsch ein sehr starkes Manifest 
vorhergehen lassen, im Namen der koalierten Mächte, 
die ganz Frankreich und besonders Paris für die 
königlichen Personen haftbar machen*). Dann mar- 
schiert er direkt auf Paris, indem er die vereinigten 
Armeen an den Grenzen läßt, um die Plätze zu 
maskieren und die Truppen, die dort sind, zu ver- 
hindern, anderswo handelnd aufzutreten und sich 
seinen Operationen entgegenzustellen . . . 

26. Juli. 
Sie haben sehr wohl daran getan, sich von La 
Fayette und den Konstitutionalisten nicht fort- 
führen zu lassen. Wir haben nicht aufgehört, auf 
das Manifest und die Operationen zu dringen; sie 
werden am 2. oder 3. August beginnen. Das Mani- 
fest ist fertig, und Herr von Bouill6, der es gesehen 
hat, hat darüber zum Baron von Breteuil gesagt: 



♦) Siehe 4ie Fußnote I, 44$— ^7- 



VORWORT XXIII 



. Wir haben darauf gedrungen, daß das 

Manifest drohend sei, besonders was die Verant- 
wortlichkeit hinsichtlich der könighchen Personen 
angeht, und daß darin niemals von Konstitution 
oder Regierung die Rede sei. 

28. Juli. 
Ich erhalte in diesem Augenblick die Erklärung 
des Herzogs von Braunschweig, sie ist sehr gut; es 
ist die des Herrn von Limon . . . usw. 

Man weiß, wie das mordbrennerische Manifest des 
Oberbefehlshabers der koalierten Armeen, des Herzogs 
von Braunschweig, auf das französische Volk gewirkt 
hat; verfaßt worden ist es, wie diese Briefe uns sagen, 
nach langen Erwägungen und in stetem Einvernehmen 
mit der Königin von Frankreich und der Hofpartei, 
von einem französischen Emigranten. Wenn noch 
etwas zum Sturm auf das Königsschloß, zum Sturz 
des Königtums, zum 10. August gefehlt hatte, so war 
es diese fürchterliche Drohung des Feindes, von der 
die Revolutionäre wußten, daß ihr eigener Hof da- 
hinter steckte. Die Beweise, die wir heute haben, 
kannten sie nicht; aber gerade, daß ihr Wissen in der 
Sphäre der Kombination, der Ahnung und des In- 
stinktes blieb, machte ihre rechtzeitige Abwehr in 
höchster Gefahr so furchtbar zur maßlosen blutigen 
Rache. Proben dieser Dokumente, die zum unver- 
äußerlichen Krongut jedes politisch mündigen Vol- 
kes gehören sollten, hier anzuführen, hielt ich für 



XXIV VORWORT 



nötig, damit die im Text folgenden Berichte über den 
10. August und die Septembermorde, den gleichzeitigen 
Auszug der Freiwilligen und die bald einsetzenden 
Siege der Revolutionsarmeen von Valmy an, damit 
die ungeheure, verzweifelte und vor nichts mehr zu- 
rückschreckende Tatkraft Dantons und Marats und 
auch die menschlich ergreifenden, aber sehr kritisch 
zu betrachtenden Äußerungen Ludwigs XVI. besser 
verstanden werden. 

2, Briefe von Berichterstattern, 

Hier gibt es aber keine scharfe Trennung; es sind 
nur solche Berichterstatter aufgenommen, die irgend- 
wie auch innerlich von der Revolution berührt sind. 
Da ist eine Skala, von glühenden oder innigen Revo- 
lutionären, die aktiv teilnehmen und nur gerade 
in der Lage sind, Abwesenden Bericht zu erstatten, 
wie z. B. Madame Jullien oder Georg Forster, über 
Delegierte, die ihren Auftraggebern Rechenschaft ab- 
legen, wie Gaultier von Biauzat, und Reisende, die 
manchmal wie von ungefähr in die Revolution hinein- 
kommen, wie den wackeren Engländer Dr. Rigby, 
bis zu ausländischen Diplomaten, von denen die ameri- 
kanischen ein Gemisch aufweisen von der Revolution, 
die noch in ihrem Herzen lebt, und der schon sich ent- 
wickelnden Sonderpolitik für ihr junges Staatswesen, 
während der preußische Gesandte Graf von der Goltz 
immerhin noch Stoff zum Nachdenken in den großen 



VORWORT XXV 



Umwälzungen und grotesken Vorgängen findet. Und 
dann sind wieder die Schweizer Soldaten da, die die 
Eroberung der Bastille und den Tuileriensturm als 
gemietete Opfer der Revolution mitmachen und deren 
Menschliches so besonders tief aufgerührt wird. 

Daß Ausländer und besonders auch Deutsche unter 
denen, die von ihrem Miterleben der Revolution. Kunde 
geben, hier gut vertreten sind, wird man hoffentlich 
richtig finden. Es hegt in der Natur der Sache, daß 
Fremde, die in ihre Heimat berichten, auf inter- 
essante Dinge eingehen, die von den unmittelbar Be- 
teiligten nur gelegentlich erwähnt und als bekannt 
vorausgesetzt werden; und wie die Französische Re- 
volution in deutschen Liberalen, Revolutionären 
oder aufgerührten Gemütern wirkte, geht uns nahe an. 
Auch sind Männer wie Georg Forster, Georg Kerner, 
Justus Erich Bollmann bei uns viel zu wenig bekannt; 
und es kann gewiß nichts schaden, daß die Gesinnun- 
gen der von der Französischen Revolution entflamm- 
ten deutschen Radikalen und Liberalen, die schließ- 
lich zur Rheinbundpolitik führten, nicht bloß vom 
Standpunkt der späteren preußischen Erhebung aus 
beurteilt werden. Von diesen Männern, zu denen auch 
der spätere Graf von Napoleons Gnaden Reinhard 
gehört, führen Fäden zu Goethe und seiner Stellung 
gegenüber der Revolution und ihrem Vollstrecker Na- 
poleon und zu seinem Mißtrauen gegen den königlich 
preußischen Freiheitskrieg. 



XXVI VORWORT 



Eine besondere Stellung nimmt Lavater ein, um 
seiner innigen Seele und seines tiefen, die Wallungen 
der Oberfläche durchschauenden Geistes willen und 
weil er zugleich mit Schweizern und Franzosen, mit 
Royalisten, Konstitutionalisten, Girondisten und Dan- 
tonisten, mit Mystikern und Freigeistern in guten 
menschlichen Beziehungen stand. 

' 3. Briefe von Soldaten und Heerführern, 

Die Soldatenbriefe nehmen in der Briefliteratur dar- 
um einen verhältnismäßig breiten Raum ein, weil sie 
von den Empfängern und Nachkommen sorgfältiger 
behandelt wurden. Uns sind sie wichtig, weil die Fran- 
zösische Revolution vom Krieg nicht zu trennen ist, 
weil ihre unheilvolle Wehdung daher kam, daß sie 
Krieg nach innen und außen wurde, weil die Frei- 
willigen alle Schichten des Volkes repräsentieren, und 
weil sie auf dem Kriegsschauplatz vom Zentrum der 
Revolution entfernt sind und sich also schriftlich aus- 
führlich über die Dinge aussprechen, die ihnen am 
Herzen liegen. Es sind Männer, die fast allesamt der 
Revolution und nur der Revolution ihr Leben zur 
Verfügung stellen; und nirgends so rein wie in diesen 
Briefen der Freiwilligen kai^n man sehen, wie den ein- 
fachen Menschen in Massen die Revolution ein Stück 
ihres Lebens, gar nicht so selten ihr ganzes Leben ge- 
worden ist und wie die privatesten Angelegenheiten 
zusammen mit den öffentlichen und untrennbar an 



VORWORT XXVII 



sie geknüpft behandelt werden. Das Schreckenswerk 
der Guillotine und die Ruhe der Todesopfer wie der 
Zuschauer wie der Richter wären nicht möglich ge- 
wesen, wenn nicht vorher diese Vermählung des pri- 
vaten Lebens mit dem öffentlichen in den breiten 
Schichten des Volkes vor sich gegangen wäre. 

Mit der Schreckensherrschaft und ihrem Sturz 
schließt die Revolution, wie sie in unsern hier vor- 
liegenden zwei Bänden geschildert wird, ab. Eine Aus- 
nahme wird nur mit Briefen einiger Soldaten und des 
Heerführers Lazare Hoche gemacht, dessen reines, 
starkes Leben bis zu seinem frühen Ende verfolgt 
werden sollte; dieses Leben ist ein Beispiel, wie für 
die revolutionäre Karriere vom Sohn eines Stall- 
knechts, der noch vom ancien regime zum Soldaten 
gepreßt wird, bis zum Oberbefehlshaber, so auch für 
den seltenen Schlag Menschen, denen das Erlebnis der 
Revolution nicht nur den Geist aufschließt und das 
Gemüt erfüllt, sondern zur Achse ihres Charakters wird. 
Gewiß hat es in den Zeiten des Direktoriums, Kon- 
sulats und Kaiserreichs noch viele Revolutionäre und 
viel Revolutionäres gegeben; die Soldatennaturen La- 
zare Hoche und Napoleon Bonaparte aber sind doch 
Repräsentanten für an einander grenzende und ein- 
ander entgegenstehende Zeiten, wie zwei Pole, der 
eine der Revolution, der andere der Konsolidation und 
zugleich des Imperialismus. 

yfer die immense Literatur kennt und auch, wer 



XXVIII VORWORT 



nur gelegentlich das eine oder andre Stück kennen 
gelernt hat, wird mir mit Leichtigkeit Briefe nennen 
können, die ebenso gut wie manches, was aufgenom- 
men wurde, hier hätten Platz finden können. Das 
weiß ich ; der Kenner wird schon merken, daß fast 
meine größte Arbeit die Durchforschung eines Ma- 
terials war, von dem in dem fertigen Buche keine 
Zeile zu finden ist. Gewiß aber habe ich das und jenes 
übersehen oder nicht auftreiben können, was nach dem 
Plan dieses Buches in ihm nicht auch hätte sein 
können, sondern hätte sein müssen, weil es eine Seite 
revolutionären Geistes in einer Art repräsentiert, die 
durch nichts anderes so gezeigt werden kann. Für 
solche Nachweisungen werde ich sehr dankbar sein. 
Doch will ich einiges nennen, was in aller Absicht 
keine Aufnahme fand. Von La Fayette und Männern 
ähnlicher Art gibt es eine große Menge Briefe; es wird 
in meiner Sammlung von bleibenden oder vorüber- 
gehenden Anhängern und von Gegnern so reichlich 
über sie gesprochen, daß ich das Buch mit ihren 
eigenen politischen Gesprächigkeiten nicht auf- 
schwemmen wollte. — Literarische und akademische 
Korrespondenzen blieben unberücksichtigt. — Daß in 
der Revolutionszeit auch sehr viele Briefe geschrieben 
wurden, die sich nur um Alltag, Wissenschaftsbetrieb, 
Klatsch, Eitelkeit und andere persönliche Interessen 
drehten, wollte ich nicht erst an Beispielen zeigen. 
Wichtiger ist eine Abkehr und Schweigsamkeit, die 



VORWORT XXIX 



einmal in einem Briefe erwähnt wird; von einem 
Manne, von dem sonst leider Briefe fehlen. Der be- 
deutende Girondist Lanjuinais schreibt in einem Briefe 
vom 26. April 1793 an seine Freunde in Rennes: 

Glauben Sie nur ja nicht, daß die Bürger von 
Paris diesen sträflichen Ausschreitungen zustim- 
men. Sie weinen bei sich: zu Hause im Kämmerlein 
oder gehen ins Theater. 

Ich habe den Dokumenten den Charakter von 
Briefen dadurch gelassen, daß ich Stellen mit harm- 
losem Geplauder oder weniger interessanten Betrach- 
tungen, Ergüssen und Mitteilungen nicht entfernt habe. 
Trotzdem waren reichliche Kürzungen nötig und mög- 
lich. Sie sind jedesmal, gleichviel, wie viel oder wenig 
wegblieb, durch . . . angedeutet. Einige Male habe 
ich, um den Zusammenhang herzustellen oder um ein 
ungefähres Bild von der Breite des gesamten Briefes 
zu geben, den Inhalt von Weggebliebenem in eckigen 
Klammern kiurz mitgeteilt. 

Meine Quellen habe ich überall angegeben, so daß 
der ernsthafte Forscher wie der Liebhaber eines be- 
sonderen Gebiets mein Verfahren jeweils nachprüfen 
und auch noch weitere Briefe, die ihn interessieren, 
aufsuchen kann. 

Die Erklärungen, die ich für erforderlich hielt, wollte 
ich nicht in einem Apparat als Anhang bringen, son- 
dern zur Bequemlichkeit des Lesers als Fußnoten 
unter den Text setzen. Ich habe wohl manchmal 



** 



XXX VORWORT 



etwas, was aufmerksame Leser von früheren Stellen 
her wissen könnten, trotzdem noch einmal erklärt, 
weil unmittelbares Verstehen jedes Briefes und jedes 
Briefbündels erwünscht ist und ich überdies gar nicht 
erwarte, daß das Buch nur einmal hintereinander ge- 
lesen wird. Mancher wird manche Partien besonders 
lieb haben und wird wohl auch manchmal im Zu- 
sammenhang einer anderen Lektüre den einen oder 
andern Brief aufschlagen. Für all solche Veranlas- 
sungen, außerhalb des Zusammenhangs besondere 
Stellen des Buches aufzusuchen, wird hoffentlich das 
Register gute Dienste, tun. 

Im allgemeinen habe ich es unterlassen, falsche, ein- 
seitige oder parteiische Nachrichten und Äußerungen 
der Brief Schreiber zu berichtigen; das besorgen sie 
am besten untereinander. 

Textkritische Bemerkungen habe ich, wo sie nicht 
ganz ausnahmsweise unentbehrlich schienen, ebenfalls 
unterlassen. Ich weiß, daß einige wenige von den 
Büchern, die ich benutzt habe, im Verdacht stehen, 
gefälschte oder zweifelhafte Stücke zu enthalten; die 
Echtheit der Briefe, die ich in solchen Fällen aufge- 
nommen habe, ist entweder bewiesen oder noch nie 
mit Gründen bezweifelt worden. 

Wer die französische Literatur dieser Art kennt, 
weiß, daß die philologisch genauen Ausgaben selten, 
die von Liebhabern oder Angehörigen, die es mit dem 
Wortlaut oder gar der buchstabengetreuen Wieder- 



VORWORT XXXI 



gäbe nicht gar genau nehmen, die Regel sind und daß 
eine Nachprüfung an Hand der Originale meistens 
unmöglich wäre. Für die Zwecke, die das vorliegende 
Werk verfolgt, war nichts der Art notwendig. Ich 
hatte nicht im geringsten den Ehrgeiz, Ungedrucktes 
beizubringen; die Sucht nach den „lettres inedites** 
grassiert bei den französischen Herausgebern fast noch 
mehr als bei unsern, woher es kommt, daß man das Un- 
interessante meist in den neuen, das Interessante in den 
alten Publikationen findet; dem deutschen Publikum 
wird von dem, was hier folgt, sehr vieles, ich glaube, 
das allermeiste völlig neu sein, und ich glaube, daß 
meine Zusammenstellung auch für die Franzosen selbst 
wertvoll sein müßte. Jedenfalls weiß ich nichts davon, 
daß sie oder eine andre Nation ein Werk dieser Art 
hätten; ich könnte es mir für Frankreich bisher auch 
kaum denken, da die Forscher, ihre Gesellschaften und 
Zeitschriften sich heute noch, wo es sich um die Ge- 
schichte der Revolution handelt, wi5 in der Revolution 
selbst nach scharf gegeneinander stehenden Parteien 
gruppieren. 

Mancher wird mich schließlich für zuständig halten, 
ihm zum noch besseren Verständnis dieses Werkes und 
der Revolution im allgemeinen eine Geschichte der 
Französischen Revolution zu empfehlen. Ich kann 
nur sagen: wer Zeit hat, halte sich an die Quellen und 
nur an die Quellen; und wer keine Zeit hat, begnüge 
sich lieber mit gesicherten Teilausschnitten als mit 



XXXn VORWORT 



Gesamtdarstellungen^ die allesamt in ihrer Zuver- 
lässigkeit, was Tatsachen und Urteil angeht, bedenk- 
lich sind. Will man aber solche zusammenfassenden 
Darstiellungen lesen, so empfehle ich, nie eine einzelne 
vorzunehmen, sondern sich eines Paars von Histo- 
rikern zu bedienen. In der Tat, wer etwa Michelet 
und Kropotkin, Taine und Louis Blanc, Jaures und 
Lamartine zusammen liest, kann großen Nutzen da- 
von haben, sei es durch die Sicherheit, sei es durch die 
Unsicherheit, die er gewinnt. 

Die abschließenden Arbeiten zu diesem Buch habe 
ich von 1914 an in den Kriegsjahren gemacht. Man 
wird das, glaube ich, immer wieder merken, und ich 
verhehle, indem ich das Buch jetzt in die Öffentlich- 
keit gebe, meinen Wunsch nicht: die intime Kenntnis 
des Geistes und der Tragik der Revolution möchte 
uns in den ernsten Zeiten, die vor uns stehen, eine 
Hilfe sein. 

Krumbach in Schwaben, Juni 1918.» 

Gustav Landauer 



MIRABEAU 

Honorö- Gabriel Riqueti, Graf von Mirabeau, geboren als fünftes 
Kind des Marquis von Mirabeau (des „Menschenfreundes**) am 
9. März 1749; Proven^ale; von seinem Vater wegen Liederlich- 
keiten ins Gefängnis auf der Insel Rh4 gesteckt; entflohen tritt er 
in Kriegsdienst, kämpft gegen die Korsen mit; heiratet 1772; 
weitere Verfolgungen des Vaters; 1774 Einsperrung in Schloß If, 
1775 Überführung nach Joux; 1776 Flucht mit der jungen Mar- 
quise Sophie von Monnier, die an einen Siebzigjährigen verheiratet 
war; Aufenthalt in Holland; auf Grund eines von seinem Vater 
erwirkten Verhaftbriefes 1777 ausgeliefert; bis Ende 1780 in Vin- 
cennes eingesperrt; 1778 gebiert ihm Sophie ein Kind, das nicht 
lange lebt; auch sein ehelicher Sohn stirbt. Sophie im Kloster 
gefangen gesetzt. Mannigfache Liebeswirren schon in der letzten 
Zeit seiner sehr gemilderten Gefangenschaft neben seiner allmäh- 
lich erkaltenden Liebe zu Sophie. Beginn seiner publizistischen 
Tätigkeit. Trennung von Sophie; sie tötet sich später aus Liebe 
zu einem andern. 1783 Mirabeaus Ehescheidung. Reise nach 
London. Dreimalige Reise nach Berlin. Werk über die preußische 
Monarchie. Wird 1789 von Marseille und Aix als Vertreter des 
dritten Standes in die Generalstaaten gewählt. — Gestorben am 
2. April 1791. 



Landauer, Briefe aus der französ. Revolution I 



I. Vor der Revolution 

(Briefe aus dem Gefängnis) 



Lettres öcrites du donjon de Vincennes, pendant les ann^es 
1777, 78, 79 et 80. — Seit 1792 eine Reihe von Ausgaben. 



An Sophie von Monnier 

5. Oktober 1777. 

... Sophie ! Was ist das für ein Zauber der Liebe, 
der uns ans Leben fesselt, auch wenn es eine Marter 
ist ? liebe Sophie ! Nicht ohne Grund möchte ich, 
wenn ich Dir schreibe, Gedanken nachgehen, die nichts 
mit meiner Liebe zu tun haben; denn wenn ich dem 
natürlichen Hang meines Herzens folge, reißt mich ein 
Strom der Schmerzen fort und entstürzt meiner Brust, 
um Deine zu verheeren. Das Bild, in dem sich mir die 
Vergangenheit spiegelt, nach welcher Sehnsucht und 
Liebe mich ziehen, macht mir die Gegenwart gräß- 
licher und die Zukunft schrecklicher. Nie hat Deine 
Gegenwart in mir eine glühendere Liebe, heftigere Be- 
gierden erregt, als nunmehr die Erinnerung an Dich 
entzündet; und ihr Ungestüm macht die Qual der 
Entbehrungen schneidender. Ach! was bleibt mir, fern 
von Dir, vom Leben ? Was bliebe mir, wenn ich frei 
wäre? Unfruchtbare oder treulose Freundschaften, 
ungerechter, unversöhnlicher Haß, böse, eingewurzelte 
Vorurteile, Proben feiger, endloser Schwäche, weiter 
habe ich nichts zu erwarten in der Welt. Ich bin 
nicht mehr in den Jahren, wo ich mich an himmel- 
stürmenden Plänen oder leeren Hoffnungen labte, wo 
ich mir eingebildete Güter und Übel schuf, wo ich 
mich mit Tändeleien fütterte, wo ich, gierig nach Zer- 
streuung, den Ereignissen, den Gelegenheiten auf- 
lauerte und mir alles zum Vergnügen machte. Ich 



MIRABBAU 



habe nur noch einen Gegenstand der Neigung, des 
Ehrgeizes, der Sehnsucht: ich kenne nur noch ein 
Glück, und Du allein.kannst es mir geben. Ich trachte 
nicht mehr nach der Gunst der Menschen, nach dem 
Ansehen, den Titeln, den Ehren, der Macht. Meine 
Leidenschaft, meine einzige Leidenschaft ist zu groß, 
zu ausschließlich, als daß ich je den Beifall derer er- 
langte, die nicht lieben wie ich, und ich will nur noch 
eine Zustimmung, und deren bin ich sicher. Ich habe 
nur ein Verlangen, ich kann nur eine Lust genießen, 
hege nur noch einen Wunsch; aber wird er ent- 
täuscht, wird dieses einzige Verlangen nicht gestillt, 
wird diese köstliche Lust mir auf immer entzogen, 
bin ich dazu bestimmt, in den Begierden zu verbrennen, 
ohne je zum Genuß zu kommen, dann gibt es kein 
Glück mehr für Deinen Gabriel: es gibt keines für 
ihn ohne seine Sophie, denn Sophie ist die einzige 
Quelle seiner Seligkeit. Ach, meine Freundin, ich 
hoffe noch; aber nehme ich nicht eben die Gewalt 
meiner Begierden als Wahrscheinlichkeit ihres Er- 
folgs? Ist es möglich? Verblendet mich nicht meine 
Zärtlichkeit? Ah, meine Freundin, Du weißt, ob 
irgend sonst ein Band mich ans Leben knüpft als das 
meiner Liebe. Sind diese Bande zerrissen, oder können 
sie uns wenigstens (denn Du hast mich gewiß nicht 
im Verdacht, ich könnte annehmen, daß sie in unseren 
Seelen lockerer werden) nicht mehr vereinen, welche 
andere Täuschung könnte mein Herz berücken? 
Warum sollte ich meine Augen noch dem Licht öffnen, 
das ich hasse, da es nicht mehr vom Brand der Liebe 



1. VOR DER REVOLUTION 



durchglüht wird? Q Sophie! Wenn Du Deinen 

Gatten nicht mehr in Deine schönen Arme drücken 
darfst, was macht es Dir, daß dieser Busen, der unter 
Deinen Küssen brannte, kalt ist und die Beute der 
Würmer wird, wenn der, dessen Neigungen und Freu- 
den, dessen Herz, dessen Dasein Du teiltest, nicht 
mehr wäre? Wärest Du mehr von ihm getrennt, als 
Du es in diesem Augenblick bist, wo Du nicht einmal 
das Paipier empfangen kannst, das er in seinen Tränen 
gebadet und mit seiner Liebe versiegelt hat? Diese 
Liebe versagt Dir das Glück, das Du von ihr er- 
warten durftest: warum solltest Du wünschen, daß 
das Herz, das sie hegt, sein unnützes Dasein fort- 
setze ? . . . 



An Lenoir*) 

Sonntag, 17. März 1778. 

. . . Die Freiheit, so abgöttisch angebetet von den 
starken Seelen, die Freiheit, die sie im Naturzustand 
wild und im zivilisierten stolz macht, dieses unwider- 
rufliche Himmelsgeschenk, Keim zu jedem Glück und 
jeder Tugend, die Freiheit herrscht in meinem Geist 
und Herzen und wird immer darin herrschen. Dieses 
Herz, gefühlvoll und ehrenhaft, aber zu entzündlich, 
wie es ist, ist stets durch die äußerste Strenge gereizt 
worden, und mein Charakter hat grausam darunter 
gelitten. Ohne einen großen Vorrat natürlicher Heiter- 



*) Polizeibeamter, Vermittler der Liebeskorrespondenz. 



8 MIRABEAU 



keit und vor allem ohne die Liebe, die, wenn ich es 
80 ausdrücken darf, den ganzen sanften Teil meines 
Innern am Leben erhalten, in Tätigkeit gesetzt und 
vervollkommnet hat, wäre ich unerträglich, finster, 
ein Wilder geworden; aber mir war nie die Prüfung 
auferlegt, die ich jetzt durchmache. Um mich dafür 
zu strafen, daß ich mich ehrenhaft und edel gezeigt 
habe, daß ich mich der Freundschaft und einer 
Schwester gewidmet habe, die mein Vater haßte, weil 
sie sein Weib liebte und seine Geliebte verachtete, 
hatte man mich in eine Festung geworfen, einen 
wahren Schlupfwinkel von Bösewichtern, die sich 
gegenseitig verderben, wo jeder junge Mann, der ohne 
Grundsätze und ohne Charakter, das heißt mit den 
zwei Mitgiften der Jugend, der Unwissenheit und dem 
Leichtsinn hinkommt, ein abscheuliches Geschöpf wer- 
den muß. Mein Denken und geistige Arbeit waren 
ein genügend sicheres Gegenmittel gegen dieses Gift. 
Aber ich sollte, wenn möglich, ein noch schlimmeres 
kennen lernen, das dazu bestimmt war, mich ganz 
und gar zu vernichten. Ich wurde in ein Staatsgefängnis 
geworfen (Staat und Gefängnis, was für ein schreck- 
licher Gegensatz in diesen zwei Worten!); und da 
machte ich Leiden durch und mache sie noch durch, 
die völlig neu für mich waren. Wäre ich zum Kriechen 
geboren, so würde ich ohne Zweifel in der Lage, in 
der ich bin, weniger leiden. Aber die Natur hat mir 
Spannkraft gegeben, und diese Spannkraft bereitet 
meine Qual und meinen Untergang. Ich staune selbst 
über den innern Aufruhr, der mich erschüttert und 



1. VOR DER REVOLUTION 



der mich an Leib und Seele zerbräche, wenn ich mich 
nicht in Zerstreuungen flüchtete. Diese Zerstreuungen 
nun kommen mir abhanden oder ich sinke wenigstens 
in die Unfähigkeit, mich ihnen hinzugeben. Je mehr 
ich Sklave bin, um so heftiger lehne ich mich gegen 
die Sklaverei auf; umsonst sage ich mir, daß ich un- 
nütz in meinen Zaum beiße; ich kann es nicht lassen, 
in ihn zu beißen und ihn mit Schaum zu bedecken. 
Die sieben ersten Monate, die ich hier zugebracht 
habe, den Qualen der Einsamkeit, den Schrecknissen 
der Ungewißheit, den bohrenden Angriffen der stärk- 
sten Unruhe ausgeliefert um alles, was ich aufs zärt- 
lichste liebte und lieben sollte, mit einem Worte, 
allem ausgesetzt, was im Gefolge der Verzweiflung 
einhergeht, — diese sieben entsetzlichen Monate haben 
die Kräfte meiner Seele erschöpft. Hätte ich nicht 
ohne Unterlaß mit der ganzen Energie, die mir von 
der Natur verliehen wurde, gegen mich selbst gekämpft, 
ich wäre toll geworden oder hätte mir die Brust zer- 
fleischt. Sie haben mir geholfen. Ihre wohltätige Hand 
hat heilenden Balsam auf die Wunden meines Herzens 
gegossen: Sie haben ihm seine Spannkraft, Sie haben 
ihm ganz wörtlich das Leben wiedergegeben. Aber 
wehe! Ich muß in diesen gräßlichen Zustand zurück- 
fallen, den ich Ihnen geschildert habe, wenn Sie sich 
meiner nicht erbarmen, wenn Sie mir Ihre Güte ent- 
ziehen, die zu verlieren ich nicht verdient habe; und 
je weniger ich diesen Rückfall gefürchtet habe, um so 
grausamer wird er sein. Ich wage es zu sagen, Herr 
Lcnoir, weil es den Mut gilt, alles auszusprechen, was 



/■ 



10 MIRABEAU 



wahr ist: die tapferste, ja sogar die reinste Tugend 
kann bis zu wilder Abscheulichkeit schäumen und 
sich vom Zorn übermannen lassen. Dem Himmel sei 
Dank, ich habe mir kein Verbrechen vorzuwerfen. 
Kennt gleich mein Geist genug Dinge, die er bereut, 
so weiß doch mein Herz nichts von Gewissensbissen; 
wahr ist indessen, bürgen kann ich nicht für mich; 
nicht ohne zu beben, fühle ich die Gärung, die in mir 
siedet. Alles, alles in der Natur läßt mich im Stich, 
außer Ihnen und meiner Freundin: was soll aus mir 
werden, wenn auch Sie mich zurückstoßen? 

Mein Vater ist mein Henker; er fing damit an, daß 
er^mich knechten wollte; und als ihm dies nicht ge- 
lingen konnte, wollte er mich lieber zerbrechen als 
mich neben sich wachsen lassen, aus Furcht, ich könnte 
das Haupt zur Höhe recken, während die Jahre ihm 
seines beugten. Umsonst habe ich ihm oft gesagt: 
Aber, Vater, auch wenn Sie nur Eigenliebe kennen, 
so wären doch meine Erfolge auch die Ihren; es fiel 
ihm nicht ein, in sich zu gehen, nein, er hat mich 
darum nur noch mehr gehaßt, daß er sich erraten sah. 
Als einziger unter allen Vätern wurde er durch die 
Anlagen, durch die wachsende Begabung, die er an 
seinem Sohne zu bemerken glaubte, gedemütigt, und 
auf diesem Grunde des niedrigen, wilden Stolzes haben 
sich alle Triebe der Rache und Bosheit erhoben, die 
noch dazu kamen . . . 

... Es ist nur zu wahr, daß man die menschlichen 
Affekte dadurch, daß man ihnen die Natur nahm 
und sie entweihte, gefährlich gemacht hat. Es ist nur 



1. VOR DER REVOLUTION II 

ZU wahr, daß keine starke Seele in einem Lande am 
Platze ist, in dem die Willkür alles aussaugt, ver- 
schlingt und vernichtet. Aber was hat man von zärt- 
lichen Seelen zu fürchten? Was kann in mir noch 
Schreckliches übrig sein ? Ich liebe, nichts weiter lebt 
mehr in mir, ich liebe. Ich bin ganz und gar dieser 
ersten, dieser holdesten Empfindung der Natur hin- 
gegeben: sie hat mir die Liebe zum Bedürfnis gemacht, 
und die Ehre macht sie mir zur Pflicht . . . 



An Sophie von Monnier 

Ende März 1778. 

meine Freundin! Ich weiß es, wie wenig Dich das 
Opfer dieser Güter der Konvention gekostet hat, die 
für das Glück so wenig bedeuten. Ich weiß, wie wenig 
Du Dir aus dem Vermögen gemacht hast, das die erste 
Ursache Deines Unglücks war, da ohne den Köder 
eines reichen Wittums aber reden wir nicht da- 
von: ich will nur sagen, daß Du mir weit größere Opfer 
gebracht hast, denn es ist eine nur zu allgemein 
gültige Wahrheit, daß Dein Geschlecht die Befriedi- 
gung seiner Eigenliebe in der Heuchelei findet. Wenn 
das die Huldigung ist, die man der Ehrbarkeit dar- 
bringt, so gibt es keine Hilfe mehr: die Verderbnis 
hat vom Herzen Besitz genommen; Phantasie und 
Sinne sind der Herd, von dem beständig die stinken- 
den Dünste aufsteigen, die der Verderbnis Nahrung 
zufuhren: und man endet im schmählichsten Zynis- 



12 MIRABEAU 



mus und der vollendetsten Schamlosigkeit. O meine 
Sophie! Siehst Du, dahin führt die Galanterie: und 
doch verzeiht man gerade das den Frauen am ehesten; 
und die Liebe, die Liebe, die so keusch und so rein 
ist, die Liebe, die die Seele erhebt und Phantasie 
und Sinne im Zaum hält, die Liebe, die keine andre 
Wollust kennt, als die von der Empfindung herbei- 
gerufen ist, die Liebe wird geächtet als eine tobende 
Leidenschaft, die das Glück zerstöre. 

Laß, überlaß diese Lästerungen den Betschwestern, 
die nur durch die Hexerei der Jahre dazu geworden 
sind; laß es ihnen^ die Liebe zu verleumden. Die 
leeren Äußerlichkeiten, die sie Frömmigkeit nennen, 
sind ihre Komplimente an die Adresse der Tugend: 
in ihrer Jugend haben sie sie benutzt, um ihre Aben- 
teuer dahinter zu verbergen; später glauben sie mit 
Gleisnerei und vor allem mit scharfer Strenge alles 
wieder gutzumachen; sie werden Dich verdammen, 
weil Du einen Geliebten hast, während die andern 
. Deines Geschlechts Dich als Romanheldin oder Närrin 
behandeln werden; denn das läuft in der landläufigen 
Sprache auf eins hinaus. Diese Geschöpfe, die in allem, 
was von dem Interesse an der RivaUtät erzeugt wird, 
welche ihre erste und einzige Leidenschaft ist, von 
Kleinlichkeit und Niedertracht erfüllt sind, werden 
mitleidig auf Dich herabsehen; aber die empfindenden 
Seelen und die aufgeklärten Köpfe, welche wissen, daß 
die Empfindung niemals unzüchtig ist, daß die Scham 
ihre Falschheit hat und der Kuß seine Unschuld, sie 
werden Dich, wenn sie schon die ersten Maßlosigkeiten 



1. VOR DER REVOLUTION 13 

Deiner Leidenschaft beklagen, sie werden Dich loben, 
Dich schätzen. Dich achten, daß Du durch Deine Aus- 
dauer Deine Wahl geehrt, Dein Verhalten gerechtfer- 
tigt hast, sie werden über unser Schicksal eine Träne 
vergießen und uns mit ihren Segenswünschen ge- 
leiten ... 

. . . Meine gute Freundin, ich liebe den Krieg durch- 
aus nicht mehr, es sei denn, daß er mich aus diesem 
Kerker erlöst. Wer mich kennt, wird nicht glauben, 
daß mich die Liebe feige gemacht habe. nein! Nicht 
feige, aber so wenig ehrgeizig, wie nur möglich; und, 
wenn man es sich ehrlich und kaltblütig überlegt, was 
gibt es Verrückteres in der Welt als die Kriegswut ? — 
mein Herz! Warum macht man nicht Menschen, 
und vor allem glückliche, anstatt sie zu töten? Du 
bist sicher meiner Meinung, teure friedfertige Freun- 
din, und Du wünschest keinem Böses als den Ver- 
rätern und den Verfolgern. Aber meine Sophie ist 
auch nicht feige, wiewohl so sanft; und unsere Tochter 
soll erst tapfer werden*). Ich will, daß sie reitet, daß 
sie zur Jagd gehe, daß sie unsre Waffen handhabe, 
kurz, daß sie mit den Reizen ihres Geschlechts die 
Vorteile des unsern verbinde; aber sie soll darum 
kein Mannweib werden, denn dieses angenommene 
Wesen entstellt alles. Sie soll wie Du ein Mann sein 
und ein Weib scheinen. Die Seele hat kein Geschlecht, 
aber der Leib hat eines; und die eine darf nicht in 
die Rechte des andern eingreifen. Meine Sophie- 

*) Sophie- Gabrielle war kaum ein Vierteljahr alt; auch sollte 
sie nur noch kurze Zeit leben. 



14 MIRABEAU 



Gabriel, die Du so reizend und so gut, so tapfer und 
so sanft bist, ich habe Deine Festigkeit aufrichtig be- 
wundert, ich bete Deine Entschlossenheit an und Deine 
Verachtung gegen die Vorurteile Deines und sogar 
unsres Geschlechts; aber wie haben mich auch Deine 
entzückende Unschuld, Deine naive Anmut und sogar 
diese köstlichen Nichtigkeiten, die an uns Männern 
lächerlich wären und die die Frauen noch schöner 

machen, beglückt! 

Ach, Sophie! Sophie-Gabriel! Nur Dir konnte es 
vorbehalten sein. Deinem Geliebten zugleich die lieb- 
lichste Liebende, die zuverlässigste Freundin, die wert- 
vollste Gefährtin zu schenken. Du allein konntest die 
Festigkeit und Hingebung eines Mannes mit der zarten 
Liebenswürdigkeit des Weibes verbinden; die schmack- 
haftesten Früchte der Freundschaft mit den holdesten 
Blüten der Liebe . . . 



An Sophie von Monnier 

20. Februar 1779. 

. . . Die Freiheit der Presse! Ah! Ja, das ist der 
Punkt. Wie? Siehst Du nicht, daß alle Wesire und 
Unterwesire, Sultaninnen und Zofen von Sultaninnen, 
betitelte Agioteure, dekorierte Lakaien, begönnerte 
Diebe, bevorrechtete Monopolisten usw. und zwei milli- 
ardenmal usw. glaubten oder sagten, der König wäre 
nicht mehr König, wenn er die Leuchten der Öffent- 
lichkeit benutzen wollte, anstatt sie zu ersticken? Ein 



1. VOR DER REVOLUTION 15 

gewisser Oenomaus schleuderte mitten unter die Prie- 
ster, die die Orakel deuteten, ein Buch des Titels: 
Die entlarvten Sfitzbuben: da hast Du das ewige Ver- 
brechen der Philosophen. Nun, ich habe Dir gezeigt, 
wie diese Ehrenmänner, die Minister heißen, und die 
Ehrenmänner, die Priester heißen, Scharlatane der 
nämlichen Sorte sind; präge es Dir also recht ein, daß 
Despotismus und Willkür die beste Herrschaftsform 
sind, weil sie die einfachste und rascheste Methode 
des Regierens bilden. Nun merkst Du wohl, daß der 
Despotismus immer gerecht sein kann und muß, denn 
die Könige waren alle die Väter ihrer Völker, sind 
es und werden es sein; und ihre Aufseher waren Ehren- 
männer, sind es und werden es unfehlbar sein, bis zur 
Vollendung der Zeiten; und diese neuen Erscheinungs- 
formen des Argus haben genug Augen gehabt, um 
alles zu sehen, haben sie und werden sie haben; und 
kein Merkur konnte sie, kann sie, wird sie je ein- 
schläfern können; und es hat gegeben, gibt und wird 
geben eine Gattung Menschen, die unerschütterlich, 
unfehlbar, vollkommen sind, ganz geschaffen, um 
einem vollkommenen Despoten zu dienen; und engel- 
gleiche Geschlechter werden diesen engelgleichen We- 
sen nachfolgen! All das ist nicht zu bezweifeln; was 
brauchen wir also die Freiheit der Presse? Arme 
Tröpfe, die wir sind! Lassen wir uns führen; es ist 
nicht gut, daß Sklaven so helle Augen haben . . . 



l6 MIRABEAU 



An Dupont*) 

September 1779. 

. . . Nein, ich will nicht, will mir die legitime Ver- 
teidigung meiner selbst nicht verwehren. Die Vertei- 
digung seiner selbst, seines Rufes, seiner Ehre, die 
Wiedererlangung seiner Freiheit, seiner bürgerlichen 
und gesellschaftlichen Rechte sind die erste Pflicht 
eines jeden mit Empfindung begabten Wesens; und 
es macht sich schuldig, wenn es diese Pflicht nicht 
erfüllt. Ich sage es Ihnen nicht ohne Schmerz, mein 
Freund: Sie haben in der hohen Politik und an den 
verächtlichen Höfen des Nordens (die zwei letzten 
Worte sind überflüssig) einen Anstrich von jenem 
ministeriellen Despotismus bekommen, der auf dieser 
unsrer elenden Welt lastet und der Ihre Grundsätze 
und jene innere Stimme, die sich in allen Menschen 
für die Freiheit erhebt, sehr verderbt hat; Sie haben 
sich nie auf diesen Gegenstand mit mir einlassen wol- 
len, weil Sie sehr wohl fühlen, daß Sie unweigerlich 
geschlagen würden; und auch, weil Sie zu ehrenhaft 
sind, um im Ernst bei einer These zu beharren, die 
Ihr Gewissen verwerfen muß. Sie ziehen es vor, den 
Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen und sich in 
schönen Moraldeklamationen zu ergehen, die absolut 



*) Dieser Brief an den Oelehrten, Nationalökonomen, Politiker 
und Philanthropen Dupont, der zwischen Mirabeau Vater und 
Sohn vermitteln wollte, wird von M. in einem Brief an Sophie 
mitgeteilt; eine bedeutungsvolle kleine Stelle, die der Brief- 
schreiber in Klammern gesetzt hat, ist also an Sophie gerichtet. 



1. VOR DER REVOLUTION 17 

nichts beweisen, weil ihnen jede Grundlage und An- 
wendungsmöglichkeit fehlt. Manchmal sind Sie ge- 
schickter, ersetzen Vernunftgründe durch Gefühle und 
rühren mich. Aber bald fallen meine Augen wieder 
auf meine Ketten, und Ketten empören jedes Herz, 
das Ehre hat, jede höhere Seele. mein Freund! 
Gesellen Sie sich nicht zu der Zahl jener sophistischen 
Sklaven, die zweierlei Maß und Gewicht haben, die 
alle Pflichten auf die eine Seite setzen und alle Rechte 
auf die andre, die Moral, Gerechtigkeit und Freiheit 
des Menschengeschlechts verschachern. Es ent- 
geht Ihnen nicht, daß man sich oft, sehr oft schuldig 
macht, wenn man gehorcht; daß das schlimmste der 
Verbrechen, die der Mensch gegen sich selbst begehen 
kann, eben darin besteht, daß er sich Befehlen, daß 
er sich einer Regierung fügt, die ihm den Gebrauch 
seines Willens, seiner Meinung, seiner Gesinnung nimmt 
und in jedem Augenblick das Verbrechen für eine 
seiner Pflichten erklären kann. Sie wissen das, und 
Sie treten für den ein, der nicht nur solchen Befehlen 
sich fügt, sondern der sie anruft! Sie, der Sie eine 
noch dazu maßvolle, wennschon tadelnswerte Schrift 
als schweres Verbrechen behandeln und sie einem Vater- 
mord vergleichen, wissen Sie, daß ein. unglücklicher 
Sklave, der außerhalb der Gesellschaft, außerhalb des 
Machtbereichs der Gesetze steht, die sie lenken und 
die für ihn ohnmächtig geworden sind, von der Natur 
und Gerechtigkeit das Recht erhält, alles zu tun, ich 
sage alleSj ohne Ausnahme, um seine Ketten zu spren- 
gen? Wissen Sie, daß ein Despot, gleichviel wer, ein 

Landauer, Briefe aus der franzöa. Eevolution I 2 



Z8 MIRABEAU 



Kerkermeister und ein Sklavenhändler alle drei dem 
Dolche dessen geweiht sind, den sie in Fesseln halten, 
wenn er die mindeste Hoffnung hat, sie um diesen 

Preis zu zerbrechen ? Ich bin warm geworden, 

mein Freund, aber das sind keine Deklamationen, das 
ist philosophisch und streng bewiesene Vernunft und 
Wahrheit. Sie wissen es so gut wie ich, und es betrübt 
mich, da£ Sie es mir gegenüber immer vergessen, 
weil Sie so Ihre redliche Absicht bei mir in Verdacht 
bringen . . . 

. . . Ach, daß die Beispiele so zahlreich sind, die die 
Tyrannei der geheimen Verhaftbriefe zu rechtfertigen 
scheinen, die diese verhaßte Willkür in Ansehen brin- 
^ gen, so daß geachtete und achtbare Bürger wie Sie, 
denen es sogar nicht an Patriotismus fehlt, nicht er- 
röten, sie den Gesetzen, den Behörden und dem 
Völkerrecht zum Trotz anzurufen! — Menschen! 
Werdet ihr es denn nie müde werden, auf Grund eiu*er 
unüberlegten Maximen oder eurer närrischen Begeiste- 
rung oder eurer feigen Schmeichelgewohnheiten oder 
eurer dummen Gläubigkeit die Tyrannei anzurufen? 
Diese unheilvollen Vorurteile, diese feigherzige Füg- 
samkeit, dieser öde Egoismus, diese feile Dienstfertig- 
keit, die alle Klassen der Gesellschaft vergiften, stär- 
ken die Verwegenheit der Machthaber, die von der 
dem Rechten zugesteuerten öffentlichen Meinung er- 
schreckt, zurückgehalten, vielleicht fortgerissen und 
eines Bessern belehrt werden könnten. Ihr verkauft 
euch selbst; ihr duldet in Erwartung der Katastrophe, 
und ihr werdet noch dulden, wenn die schreckliche 



1. VOR DER REVOLUTION I9 

Lösung schon da ist Aber, mein Freund, ich 

predige einem Bekehrten. Sie wissen besser als ich, 
daß das Geheimnis die wahre Ägide der Tyrannei 
ist; daß sie dank der Finsternis, in die sie sich hüllt, 
ihr Schwert schleift und unsere Ketten schmiedet; 
daß ungesetzliche Befehle, willkürliche Urteile, ge- 
heime Bestrafungen anrufen nichts andres heißt, als 
die Natur, die Gerechtigkeit, die Gesetze und die 
Nation mit Füßen treten . . . 

... Es ist nicht wahr, daß die Beamten immer für 
die Väter gegen ihre Kinder sind; sie wissen zu gut, 
daß es schlechte Väter gibt. Und wenn wahr wäre, 
was Sie sagen, was wäre, um Ihnen ein neues und 
schreckfiches Beispiel anzuführen, aus dem unglück- 
seligen Von Poilly geworden, der von einem geheimen 
Verhaftbrief in ein schimpfliches Gefängnis gebracht 
wurde, um ihn zu bestimmen, in das Kloster einzu- 
treten, in dem ihn die barbarische Vorliebe seiner 
Mutter für ihren Ältesten begraben wollte; der von 
einem zweiten Verhaftbrief gezwungen wurde, das Ge- 
lübde abzulegen, um seinem Kerker zu entrinnen; den 

* 

ein neuer Verhaftbrief trifft, als er gegen diese Ver- 
gewaltigung protestieren will; der nach neunzehn Jah- 
ren Gefangenschaft von dem Minister befreit wird, der 
endlich bekennt, er sei getäuscht worden; der von 
neuem eingesperrt wird, als er sein Vermögen zurück- 
verlangt, und wiederum mit dem Bekenntnis befreit 
wird, die öffentliche Gewalt sei angeführt worden; der 
so in siebenunddreißig Jahren der Verfolgungen von 
Pontius zu Pilatus geschickt wird und endlich das 

2* 



20 MIRABEAU 



Licht und die Gesellschaft wiedererblickt, nachdem 
er in zwei Dritteln seines Lebens das Opfer seiner 

Eltern und willkürlicher Befehle gewesen ist? 

Dieses Beispiel und viele andere beweisen, daß die 
Regierung, wie sie den Strick festhalten will, so auch 
wissen will, wie man ihn wieder bindet. Und fürwahr, 
wenn es den Ministern erlaubt wäre, so mit der Frei- 
heit der Menschen zu spielen und sich damit zu recht- 
fertigen, daß sie ihren Irrtum bekennen, wenn bar- 
barische Maßnahmen, zu denen man auf Grund so 
leichtfertiger und fehlerhafter Informationen greift, 
ein notwendiges Hilfsmittel der Verwaltung wären, so 
müßten wir ein Leben führen, wo wir beständig zwi- 
schen Verzweiflung und Tod schwebten. Mit einem 
Wort, ich gehöre leider zu der Menschenklal&se, die 
YöUig von dem Ruf, in dem sie stehen, abhängen; 
aber der Ruf ist wandelbar, und ich bin nicht von 
der Natur, noch von dem Schlag, der vergessen wird 



An Sophie von Monnier 

7. Juni 1780. 

. . . Ich will Dir, die keinen oberflächlichen Ge- 
schmack hat, ein Geschenk machen, indem ich Dir 
den Inhalt eines im Manuskript vorhandenen Plans 
einer Gesetzgebung für Polen von Jean-Jacques mit- 
teile, den ich Dupont verdanke. Zu diesem großen 
Mann Jean-Jacques, der sich in seinem Alter vom 
Umgang mit allen Menschen und sogar vom Umgang 



1. VOR DER REVOLUTION 21 

mit seinem Genie zurückgezogen hatte, kamen Polen, 
um von ihm in seiner Einsamkeit einen Gesetzgebungs- 
plan zu erbitten. Seine ganze Seele und sein ganzes 
Genie lebten wieder auf, um dieser Aufforderung wür- 
dig zu entsprechen. Das Werk, das so entstand, 
scheint mir ebenso schön, wie die schönsten Erzeug- 
nisse dieses Verfassers. Aber wie fremd ist der Charak- 
ter, den es aufweist, unsern Sitten und Begriffen! Es 
macht den Eindruck, als käme der Philosoph gerade 
von einer Unterhaltung mit Numa in den Wöldern 
der Sabiner oder mit Lykurg auf dem Berg Taygetos. 
Der erste Rat, den er den Polen gibt, lautet, fast jeden 
Verkehr mit dem übrigen Europa abzubrechen. Er 
will zu diesem Behuf keineswegs Mauern gleich jener, 
die es so wenig vermochte, den Chinesen vom Tataren 
zu trennen; er will, daß diese Schranke vom National- 
charakter errichtet werde. Aber wie soll man diesen 
Nationalcharakter bilden? Durch Kindersjnelej ant- 
wortet der große Mann; durch majestätische und rüh- 
rende öffentliche Zeremonien, diurch Feste. Zwei Ge- 
setzgeber des Altertums haben auf diese Weise das 
Bild ihrer Seelen und ihres Charakters den Menschen 
eingedrückt, die ihre Gesetze empfingen: Lykurg und 
Numa: auch heute noch gibt es Männer, die diese hei- 
Hgen Bilder in ihren Charaktern, in ihren Seelen tra- 
gen. Spartaner, die zu Wilden geworden sind, leben 
noch heute frei in den Bergen Lazedämoniens, wo 
sie dem Despotismus des Großtürken trotzen; und im 
Hoheitsgebiet des Papstes zeigen die Trasteveriner oft 
den Charakter jenes römischen Volkes, das in den 



22 MIRABEAU 



Komitien herrschte. Ahmt diese Gesetzgeber und 
ihre Einrichtungen nach, sagt Rousseau zu Polen. 
Schafft euch nationale Schauspiele und Feste, die euch 
den Geschmack an dem Glück der andern Völker 
für immer verleiden; sorgt dafür, daß es euch unmög- 
lich sei, etwas andres als Polen zu sein, und ihr seid 
und bleibt es für die Ewigkeit. Nachbarn, die mäch- 
tiger sind als ihr, werden euch besiegen, aber nicht 
überwinden können; die Russen werden euch ein- 
verleiben^ aber nicht verdaiten können. Indem dieser 
neue Lykurg die Polen so von der ganzen übrigen 
Erde trennt, scheint er ihnen in der Tat ein Glück 
vorzubereiten, das sich nie unter den Menschen ge- 
funden hat: Sitten und fast keine Gesetze. Die Ver- 
nunft das oberste Gesetzbuch der Behörden; Bürger, 
die alle Gesetzgeber sein sollen, auf daß es keinen 
Sklaven unter ihnen gebe; Ackerbauer, die sich durch 
militärische Übungen und Feste, die ihre Erholung 
von den Feldarbeiten bilden, würdig machen, wenn 
es not tut, Verteidiger des Vaterlandes zu sein; die 
Entschädigungen alle in Ehre, keine in Geld be- 
stehend; das Geld fast ganz verbannt, weil es die 
Laster und Verbrechen noch schneller in Umlauf setzt 
als die Reichtümer; alle Ämter in gleicher Weise allen 
Bürgern zugänglich, die sie der Reihe nach bekleiden, 
wie sie stufenweise an Tugenden und Gaben wie an 
Größe wachsen; der Thron sogar von Bürgern besetzt, 
die in all den Ständen, die sie durchlaufen haben, 
die Bedürfnisse und Pflichten aller Stände kennen 
gelernt haben; das Glück schließlich immer maßvoll, 



1. VOR DER REVOLUTION 23 

weil es sich abnützt, wenn es zu groß ist, und weil der 
Mensch bald an den maßlosen Genüssen Langeweile 

und Widerwillen bekommt das ist das Bild der 

Regierung, die der Bürger von Genf Polen schenken 
wollte. Er hat wohl vorausgesehen, daß man ihm 
sagen würde, es sei kein großes Verdienst, die poli- 
tischen Romane Piatos zu erneuern; daß man ver- 
suchen würde, ihn mit dem Lächerlichen zu bekämpfen, 
weil das Lächerliche die einzige Auskunft schwacher 
Köpfe gegen alles ist, was den Stempel der Größe 
und Stärke trägt; daß man ihm den Hang aller mo- 
dernen Völker zu den Genüssen des Luxus und die 
Verderbnis ihrer Sitten entgegenhalten würde, um ihm 
zu beweisen, man müsse ihnen ihren Luxus und ihre 
verderbten Sitten lassen: in der Bekämpfung dieser 
Einwürfe entfaltet er jene sieghafte Sprachgewalt, die 
oft über unsre Abneigung oder unsre Angst vor den 
antiken Sitten triumphiert, oder zeigt jene Biegsam- 
keit des Geistes, die es versteht, sich sogar unsrer 
Laster zu bedienen, um uns stufenweise zu den Tu- 
genden zu geleiten, denen noch ins Auge zu sehen uns 
der Mut gebricht. Die Wandlungen will er nicht wie 
Gott durch sein Wort hervorbringen; er nimmt die 
Werkzeuge des Menschen, die Zeit und kluge Vor- 
kehrungen. Er legt einen reinen, allgemeinen Entwurf 
auf einmal vor uns hin; aber er sieht wohl, daß man 
ihn nur in Teilen ausführen kann. Er sagt nicht: Gebt 
mir Engel, und ich werde zuwege bringen, daß sie als 
Weise leben; gebt mir ein Land, in dem es keinerlei 
Einrichtung gibt, und ich werde vollkommene Ein- 



24 MIRABEAU 



richtungen darin gründen; er sagt: Gebt mir Polen 
und die Polen, so wie sie heute sind, und ich halte es 
nicht für unmöglich, ihnen die Gesetzgebung und das 
Glück zu geben, deren Abbild ich ihnen vorlege. Man 
hält immer allen Reformen die Leidenschaften der 
Menschen als unbesiegliches Hindernis entgegen und 
sieht nicht, daß sie in der Hand dessen, der es ver- 
steht, sie zu handhaben, auch die sichersten und mäch- 
tigsten Werkzeuge bilden; man kann sich ihrer sogar 
bedienen, um sie sämtlich zu zerstören; und wenn es 
je einen wahrhaften Stoiker gegeben hat, so war sein 
Stoizismus das Werk seiner Leidenschaften . . . 



2. Vorbereitung 



( Lucas- Montigny), Memoires biographiques, litteraires et poli- 
tiques de Mirabeau. 8 vols. Paris, 1834 — 35. 
Lettres du Comte de Mirabeau k un de ses amis en Allemagne 
[MauviUon]., 1792. 



An den Grafen von Montmorin*) 

25. November 1785. 

. . . Ich teile die gewöhnlichen Meinungen über das 
Ansehen durchaus nicht; in Ansehen steht bei mir 
nur, was es verdient, Tugend, Talente, keineswegs aber 
die künstliche Fassung der Gesellschaft. Seit langem 
der Illusionen entwöhnt, zu denen mich der Zufall 
meiner Geburt berief, daran gewöhnt, ich zu sein, 
nichts zu sein als ich, mich nur auf Grund meiner zu 
achten, will ich versuchen, jeden Platz zu verdienen, 
und mich trösten, keinen zu bekommen, wenn es Ihrer 
Güte nicht eines Tages gelingt, mein Geschick zu be- 
siegen. In Wahrheit sind die Engländer ebensoviel 
wert wie wir, ja sogar noch ein bißchen mehr; nun! 
es gibt bei ihnen keinen Mann von Verdienst, keinen 
Mann der Öffentlichkeit, kein anerkanntes Talent, das 
nicht lange Zeit an diesen periodischen Schriften, die- 
sen fliegenden Blättern mitgearbeitet hätte, die unsre 
Unkenntnis verachtet und die allenthalben große Ver- 
änderungen in den Dingen, große Revolutionen in den 
Gedanken, große Wirkungen auf die Menschen her- 
vorgebracht haben. Ich kann mich nicht gedemütigt 
finden, wenn ich tue, was die Auslese Englands immer 
getan hat und noch tut; und ich kann nicht glauben, 
meinem Vaterland unnützlich selbst in diesem Sinne 



*) Der binnen kurzem Minister wurde. — Mirabeau hatte in 
dieser Zeit die Absicht, eine Zeitschrift herauszugeben. 



28 MIRABEAU 



gewesen zu sein, wenn das Beispiel eines Mannes, 
dessen Name so wenig wie sein Talent und sein Stil 
untergeordnet ist, bei uns dieses unvernünftige und 
schädliche Vorurteil zerstört . . . 



Mirabeau an Friedrich den Großen*) 

Berlin, 26. Januar 1786. 

Sire, 

Meine Furcht, gegen Eure Majestät unaufrichtig zu 
sein, muß noch größer sein, als die, eine Indiskretion 
zu begehen, die nur mir selbst schaden kann. 

Als Eure Majestät mir die Ehre erwies, mich gestern 
zu fragen, ob ich nach St. Petersburg ginge, antwortete 
ich, ich hätte nicht die Absicht. Es waren ein, sogar 
zwei Zeugen dabei, und meine persönlichen Umstände 
erfordern, daß meine Schritte nicht an die große 
Glocke gehängt werden. 

Jetzt, wo ich zu Eurer Majestät allein spreche, darf 
ich die Ehre haben ihr zu sagen: sehr schlecht für die 
in Wahrheit großen Dienste belohnt, die ich in Frank- 
reich dem Finanzdepartement erwiesen habe; von dem 



*) Auf seiner ersten Heise nac)i Preußen wurde Mirabeau am 
19. Januar 1786 in Berlin der königlichen Familie vorgestellt; am 
25. Januar empfing ihn der 74jahrige Friedrich, der sonst um 
diese Zeit für Fremde nicht mehr zugänglich war, in Potsdam ; am 
Tag darauf schrieb M. diesen Brief. — Es sei gleich hier bemerkt, 
daß die Erzählung, M. sei irgendwann in Preußen des Landes ver- 
wiesen worden, zu den Fabeln gehört, die man darum für quellen- 
mäßig belegt hält, weil sie ein Kompilator dem andern abschreibt. 



2. VORBEREITUNG 29 

jetzigen Minister*), weil ich mich weder mit seiner 
letzten Anleihe befassen noch etwas mit seiner Münz- 
operation zu schaffen haben wollte, in meiner Sicher- 
heit und fast meinem Rufe bedroht; genötigt, solange 
mein Vater lebt, für meine natürliche Rührigkeit und 
mein bißchen Talent eine Beschäftigung zu suchen; 
von dem vielleicht unvernünftigen Verlangen gequält, 
in Frankreich schmerzlich vermißt zu werden, habe 
ich es mit Erlaubnis meines Souveräns, aber mit der 
Absicht verlassen, solange ich jung und zu irgend 
etwas imstande bin, nur dahin zurückzukehren, um 
die beträchtliche Erbschaft anzutreten, die mir mein 
Vater hinterlassen wird. 

Nächst der berechtigten Neugier, die mich nach Berlin 
geführt hat, wo ich wahrscheinlich auf meinen Bruder 
warten werde, der von Eurer Majestät die Erlaubnis 
erbitten wird, den Manövern beiwohnen zu dürfen, 
ist, wie ich Ihnen allein bekennen will, meine Absicht, 
in dem Land, das nach meiner Kenntnis die Fremden 
am nötigsten hat, eine Beschäftigung zu suchen. Ich 
steure also nach Rußland; und gewiß würde ich nicht 
diese nur erst skizzierte Nation und dieses wilde Land 
aufsuchen, wenn mir nicht schiene, daß Ihre Regierung 
zu vollkommen organisiert ist, als daß ich mir schmei- 
cheln dürfte. Eurer Majestät von Nutzen sein zu kön- 
nen. Ihr zu dienen und nicht müßig in den Aka- 
demien zu sitzen, wäre ohne Zweifel mein höchster 
Ehrgeiz gewesen, Sire. Aber die Stürme meiner ersten 
Jugend und die Enttäuschungen meines Vaterlandes 

*) Calonne. 



30 MIRABEAU 



haben meine Gedanken von diesem schönen Plane zu 
lange ferngehalten, und jetzt ist es, fürchte ich, zu 
spät. Geruhen Sie, Sire, die Enthüllung des Plans zu 
genehmigen, auf den mich zu beschränken ich genötigt 
bin. Ich war sie Ihnen schuldig, weil Eure Majestät 
einige Teilnahme an meinen Zielen gezeigt hat; aber 
ich wage Sie inständig zu bitten, mir das Geheimnis 
dieses Plans zu wahren. 



Friedrich der Große an Mirabeau 

Herr Graf von Mirabeau, für die vertrauliche Eröff- 
nung in Ihrem Briefe vom 26. über die Gründe, die 
Sie dazu gebracht haben, Ihr Vaterland mit Erlaubnis 
Ihres Souveräns zu verlassen und im Ausland zu 
suchet, Ihre Talente mit mehr Erfolg zur Geltung zu 
bringen, muß ich sehr dankbar sein. Sie können über- 
zeugt sein, daß ich Ihr Geheimnis wahren und immer 
an dem Schicksal eines Mannes von Ihrem Verdienst 
Anteil nehmen werde, und ich wünsche von ganzem 
Herzen, daß es immer ein günstiges und Ihrer Er- 
wartung entsprechend sein möge. 

Im übrigen soll es ganz von Ihnen abhängen, in 
Berlin bis zur Ankunft Ihres Herrn Bruders, der mich 
um die Erlaubnis bitten will, den Manövern beizu- 
wohnen, in Berlin zu verweilen. Diese Absicht ge- 
währt mir um so größeres Vergnügen, als ich hoffe, in 
der Zwischenzeit das Vergnügen zu haben, Sie noch 
ein paarmal zu sehen, um Sie mündlich all meiner 
Gefühle für Sie zu versichern. Bis dahin bitte ich 



2. VORBEREITUNG 3I 

Gott, er möge Sie, Herr Graf von Mirabeau, in seine 
heilige und würdige Hut nehmen. 

Potsdam, am 28. Januar 1786. 

Prüderie. 



An Frau von Nehra*) 

Potsdam, 19. April 1786. 

Ich war einige Minute^ weniger als eine Stunde beim 
König, der in seinem Lehnstuhl saß, denn die Spazier- 
fahrt des Morgens hatte ihn ermüdet; er war so rasch 
gefahren, daß zwei Pferde noch angespannt zusammen- 
brachen. Unmöglich kann man sich einen frischeren 
Kopf, eine liebenswürdigere Unterhaltung vorstellen, 
aber ich habe sie nicht behaglich genossen. Sein 
äußerst schweres Atmen drückte mich noch mehr als 
ihn. Welch ergreifendes Schauspiel, einen großen Mann 
leiden zu sehen! Die Art seiner Beschwerden ist der- 
art, und meine Aufregung war so stark, daß ich jede 
Erörterung scheute und bis zum Aberglauben alles 
vermied, was eine Unterhaltung hätte verlängern kön- 
nen, die zu jeder andern Zeit mich glücklich gemacht 
hätte. Sie verstehen dieses Gefühl; und es kümmert 
mich wenig, ob es viele verstehen; übrigens wird dieser 
außerordentliche Mann bis zum Ende regieren, und 

*) Henriette Am^lie, natürliche Tochter des holländischen Pu- 
blizisten Onno Zwier van Haren; Nehra ist anagrammatisch aus 
Haren entstanden; geboren 1765; Mirabeaus geliebte und geach- 
tete Freundin in diesen Jahren. — Mirabeau mußte aus privaten 
Gründen für diesmal nach Frankreich zurückkehren und war 
auf ausdrückliche Einladung in Potsdam zur Abschiedsaudienz. 



32 MIRABEAU 



die Sonne wird dieses Ende hinausschieben. Heute 
abend reise ich ab, nachdem ich eine Masse Gärten, 
eine Masse Vergoldungen, einige schöne Bilder, einige 
schöne Antiken und einige Höflinge gesehen habe, 
und bei alledem hat mich nichts so frappiert wie dieser 
Mann, der so weit über den Rang erhaben ist, den 
ihm das Schicksal angewiesen hat, nachdem es ihn 
ausdrücklich gemacht hat, um diesen Platz auszufül- 
len. Übrigens ist mir dieser lebendige Beweis für das, 
was man im- Sande machen kann, sehr angenehm: 
vielleicht zieht ein König einmal Nutzen davon, um 
andre Dinge wachsen zu lassen als Seen und Statuen. 
Sagen Sie Dohm*), daß wir hübsche Gespräche über 
die Juden und über die Toleranz geführt haben. Ich 
empfehle den Fanatikern nicht, ihr Handwerk hier- 
her zu verlegen. 



An Frau von Nehra 

Paris, 1. Juni 1786. 

. . . Um zehn Uhr ist die nackte und völlige Frei- 
sprechung erfolgt**). Von fünf Uhr morgens an drängte 
sich das Volk in dichten Wogen in den Straßen in der 
Nähe des Justizpalastes und in allen Sälen. Ich weiß 

*) Der Publizist und Politiker Christian Wilhelm (von) Dohm, 
einer der Vertrauensmänner Friedrichs des Großen, hatte 1781 
und 83 sein berühmtes Werk „Über die bürgerliche Verbesserung 
der Juden" herausgegeben, das M. wohl jetzt kennen gelernt 
hatte. Davon angeregt, schrieb er nun seine Schrift über Moses 
Mendelssohn. 

*♦) Des Kardinals Rohan im Halsbandprozeß am 31. Mai. 



2. VORBEREITUNG 33 

nicht, wohin das Parlament sich hätte flüchten müs- 
sen, wenn es falsch geurteilt hätte. Das Volk hat sich 
ihnen in den Weg geworfen, hat sie umarmt und 
geküßt: fünfhundert Personen haben sich zu Boden 
geworfen: es war völlige Raserei. Konnte nicht in 
der Tat — wiewohl das nicht das Motiv war — die 
Gefahr, die so unsinnig durch die Leidenschaft der 
Herrschaften heraufbeschworen war, die keine Leiden- 
schaften haben dürfen oder sie wenigstens verbergen 
oder besiegen müssen; konnte nicht diese Gefahr, von 
den Ministern ausgebeutet, eine für das öffentliche 
Wohl werden ? Und hat nicht die öffentliche Meinung, 
die sich nun ihrerseits leidenschaftlich erhitzte, einen 
ganz glänzenden Triumph gefeiert? Vor dreißig Jah- 
ren noch wäre der Kardinal rettungslos verloren ge- 
wesen; ehemals hätte die Autorität die Absurdität mit 
der Tyrannei gedeckt. Zum Glück kann sie es nicht 
mehr. Die Probe ist hart, aber entscheidend; hoffen 
wir, daß nicht andere Leidenschaften sie mißbrau- 
chen . . . 



An Jakob Mauvillon in Braunschweig*' 

Berlin, 30. Dezember 1786. 

. . . Wenn auch der Philosoph in Deutschland von 
Zorn ergriffen werden muß, in diesem Land der 
Knechtschaft und der Eitelkeit, wo ein paar Menschen 

*) Jakob Mauvillon, einer der wichtigsten Mitarbeiter Mira- 
beaus und also auch herzlich mit ihm befreundet. Die Art, wie 
Mirabeau fOr sich selbst eine wissenschaftliche Sozietat gründete, 

Landauer, Briefe aus der französ. Revolution I 3 



34 MIRABEAU 



alles sind und die andern Lasttiere und in Kämpfen 
aufgewachsene Bulldoggen; wo die Feudalität ihre an- 
tike Würde eingebüßt hat und fast nur noch komische 
Züge oder Laster aufweist; wo Großgrundbesitzer, 
die so wohlgestellt sind, daß sie mächtig, glücklich 
und wohltätig in ihrer Wirksamkeit sein könnten, 
der innigen Ehre, bei sich zu Hause als Herren Hirten 

die ihm für seine umfassende publizistische und später politisch- 
rednerische und gesetzgeberische Tätigkeit die Grundlage schuf, 
wird einmal vorbildlich und schöpferisch sein, wenn man erst den 
Zusammenhang zwischen Genialität, Fleiß, Kleinarbeit, Intuition, 
Trockenheit und Temperament besser erkannt und fruchtbar ge- 
macht hat. (Die Ranküne nennt das, wovon hier- geredet wird, 
den Plagiator Mirabeau.) Vorbildlich wird auch die vornehme 
Art sein, wie M. sich in Schulden stürzte, um seine Mitarbeiter 
anständig zu besolden. In diesem Jahr 1786 warb M. Mauvillon 
zu seiner, ihrer gemeinsamen großen Arbeit über die preußische 
Monarchie, die nur eine Vorarbeit zu wichtigeren Werken sein 
sollte. — Jakob Mauvillon, der sich durchaus als Deutscher be- 
trachtete, ist 1743 in Leipzig geboren; sein Vater stammte aus 
Tarascon in der Provence und war Privatlehrer in Leipzig; auch 
die Mutter war französischer Abstammung. Jakob Mauvillon wid- 
mete sich vorwiegend der Militärwissenschaft, stand jetzt als 
Major des Ingenieurkorps in braunschweigischen Diensten und war 
Lehrer der Taktik am Carolinum in Braunschweig; 1790 wurde 
er Oberstleutnant und übernahm auch das Lehrfach der Politik. 
Er war, gleich Mirabeau, Physiokrat, der Jünger und deutsche 
Übersetzer Turgots. Gestorben ist er 1794. — Die Briefe Mirabeaus 
an ihn aus den Jahren 1786 — 1790 gab er schon 1792 heraus. — 
Der diesmalige Aufenthalt M.s in Berlin von Juli 1786 bis Januar 
1787 galt einer geheimen politischen Mission: er hatte über die 
Änderungen in Preußen nach dem Tode Friedrichs zu berichten, 
der erwartet wurde und auch bald eintrat. Seine für die Regierung 
bestimmten Berichte lieferte er in Briefen, die er an Talleyrand 
richtete und die Welschinger herausgegeben hat (deutsch 1900). 
Eine Bearbeitung dieser Berichte ist seine Anfang 1789 anonym 
erschienene „Geheime Geschichte des Berliner Hofes'*. 



2. VORBEREITUNG 35 

ihrer Schutzbefohlenen zu sein, die tristen Genüsse 
unsres großen Babylon vorziehen, wo sie nur verächt- 
liche und verachtete Bourgeois sind, würdiges Objekt 
so vieler drückender Erpressungen und hirnverbrann- 
ter Verschwendungen! in einem Lande, wo mehr als 
anderswo die Spuren der antiken keltischen und ger- 
manischen Barbarei noch fortbestehen und verehrt 
werden und die Natur gegen den Menschen wie der 
Mensch gegen die Natur streitet: wenn auch, sage ich, 
der Philosoph von Zorn ergriffen werden muß, daß 
er so viele Naturschätze und einen so schönen Men- 
schenschlag dem Despotismus einer im großen ganzen 
in jeder Hinsicht verächtlichen Aristokratie schänd- 
lich preisgegeben sehen muß, so ist er dennoch fast 
verpflichtet, um den Bestand dieses Systems, das so 
verwickelt, so zusammenhanglos, so widerspruchsvoll, 
oft so völlig unverständlich und sinnlos ist, zu beten: 
weil es letzten Endes nichts mächtigeres in der Welt 
gibt als die Natur der Dinge, und weil es die Natur 
der Dinge mit sich bringt, daß diese Menge kleiner 
Herrschaftsgebiete weniger vernachlässigt, weniger 
willkürlich ausgepreßt werden, als wenn sie Teile eines 
großen Reiches würden, das der Despotie eines ein- 
zigen unterworfen und der oligarchischen Tyrannei 
einer kleinen Zahl Wesire ausgeliefert wäre, deren Hab- 
gier und Zwecke, die sich in einer kurzen Spanne Zeit 
befriedigen müssen, ungleicher, drückender, unbarm- 
herziger auf die armen Opfer losgelassen würden, die 
mit ihnen fast kein Interesse gemein hätten. Mit 
einem Wort, lieber Freund, behandeln Sie diese große 



36 MIRABEAU 



Frage recht gründlich, daß Deutschland weder einem 
noch zweien gehören darf'*') . . . 



An M auviiloD 

Paris, März 1787. 

. . . Jetzt gerade sind aller Äugen auf mich gerichtet, 
weil ich meine Anzeige der Agiotage an den König und 
die Versammlung der Notabein habe erscheinen lassen, 
die von allen guten Bürgern mit großer Ungeduld, 
von den Schlechten mit viel Angst erwartet wurde 
und in der ich meinen Gegenstand ohne Ansehen der 
Personen oder Sachen behandelt habe. Sie können 
sich keine Vorstellung machen, was für eine Wirkung 
es gab und wie wahrscheinlich es ist, daß diese Wir- 
kung ein Erdbeben hervorrufen wird, das vor den 
Stufen zum Allerheiligsten nicht haltmachen wird; 
so wahr ist es, daß die Tapferkeit dem Menschen- 
geschlecht fast noch nützlicher ist als das Talent! 
Es wird sich daraus ergeben, was kann; aber ich habe 
das Bewußtsein, daß ich meinem Lande unmöglich 
einen größeren Dienst erweisen konnte. Einer meiner 
Freunde aus der Zahl unsrer mächtigsten Männer sagte 
gestern zu mir: „So schafft man sich ein sehr großes 
Ansehen; aber man entfremdet sich alles.** Und ich 
gab zur Antwort: „Ist denn ein großes Ansehen 
nichts?'* Aber selbst in seinem Sinne hat der Mann 



*) Das heißt, weder Österreich oder Preußen noch Österreich 
und Preußen. 



2. VORBEREITUNG 37 

unrecht. Die Sache ist in Wahrheit die, daß er von 
dem Schutzherrn der Agiotage*) vollkommen verführt 
worden war; und dieser letztere hätte mein Werk in 
seinen wertvollsten Folgerungen abgeschwächt, wenn 
er nicht, zum Glück für das Vaterland, die Zitrone 
so gut wie weggeworfen hätte, ohne zu bedenken, daß 
noch Saft darin war**) ; was meinen großen Anschau- 
ungen in Sachen des Gemeinwohls noch die Lust hinzu- 
fügte, einer gewissen Persönlichkeit zu zeigen, daß 
ich zwar gut zu nehmen, aber nicht gut zu lassen bin, 
und mir so nicht wenig in meinen Erörterungen ge- 
holfen hat. 

Übrigens halten sich die Notabein vortrefflich; das 
erstemal, wo man sie versammelt, sind die Menschen 
immer verständig. Sie zeigen Energie und Klugheit, 
weiten Blick und Voraussicht. Diese Epoche wird 
bleiben zur Ehre Frankreichs und zum Ruhm des 
Souveräns***). Inzwischen nehmen die Pasquille kein 
Ende. Auf dem einen sieht man eine Bürgermeisters- 
frau, die in einem großgeblümten Staatskleid in Ver- 
sailles erscheint; ein Stutzer hebt ihren Rock ein 
wenig, drückt einen Kuß darauf und sagt: „Verzeihung, 



*) Diesmal ist Calonne gemeint; ein andermal hätte er auch 
Necker so bezeichnen können. 
**) Die Zitrone ist Mirabeau selbst. 

♦♦♦) Die letzten fünf Worte dürften — etwa in Erinnerung an 
persönliche Gespräche zwischen Mirabeau und Mauvillon — einen 
geheimen Nebensinn haben; sie bilden den Übergang zu dem fol- 
genden Bericht über die beiden Pasquille, die damals ganz Frank- 
reich das erste auf die Königin und ihre Skandale, das zweite auf 
den König und seine Politik bezog. 



38 MIRABEAU 



meine Gnädigste, ich bete die Antiquitäten an/* — 
„Ah, werter Herr, warum haben Sie das nicht gesagt? 
Mein Hinterer ist zwanzig Jahre älter als mein Rock." 
Ein andres ist ein Stich, der einen Pächter darstellt, 
welcher, von der Notabeinversammlung heimkehrend, 
seinen Hühnerhof zusammenruft und zu dem Feder- 
volk sagt: „Liebe Tiere, ich habe euch versammelt, 
um euch zu fragen, in welcher Sauce ich euch ser- 
vieren soll ?" — Was ist das für eine seltsame Nation, 
die Gutes wie Böses nur lachend aufnehmen kann!~ 
Guten Tag, lieber Freund, guten Tag. 



An Frau von Nehra 

1. Juni 1787*). 

Liebe Yet-Lie**), als ich durch diese herrliche Land- 
Schaft in der Nachbarschaft Straßburgs reiste, als ich 
von der Höhe Zaberns aus die zauberhaften Länder 
sah, die man von diesem prachtvollen Aussichtspunkt 
auf beiden Ufern des Rheins liegen sieht, da fühlte ich, 
daß der Teufel, wenn er mich versuchen wollte, sich 
wohlweislich hüten würde, mich auf einen hohen Berg 
zu versetzen. Der Ehrgeiz floh aus meinem Herzen; 
ich sagte mir: Ah! wie glücklich wäre man, wenn man, 
enttäuscht und abgewandt von Menschen und Dingen, 



*) Auf seiner dritten Reise nach Pi'eußen geschrieben« 
**) Kosename, aus Henriette- Amölie entstanden. 



2. VORBEREITUNG 39 

hier seinen Garten bestellen und nur für seine Freundin 
und seinen Sohn leben*) würde! . . . 



An Frau von Nehra 

Braunschweig, 13. Juli 1787. 

. . . Wenn meine Freunde, oder die sich so nennen, 
mich nach dem Erscheinen meines Buches über die 
preußische Monarchie recht unterstützen, wäre es 
leicht, der Regierung die außerordentliche Nützlich- 
keit eines ähnlichen Werkes über England und über 
Frankreich begreiflich zu machen . . . Diese große 
Arbeit, die ich, wenn ich morgen das Vermögen, das 
mir zufällt, in Händen hätte, lediglich im Interesse 
meines Ruhms sofort auf eigene Rechnung unter- 
nähme, wäre von unbestreitbarem Wert für die all- 
gemeine Bildung; und vielleicht kommt endlich der 
Tag, wo man weiß, daß die Bildung eine Finanz- 
quelle ist . . . 



An Mauvillon 

Paris, 4. Oktober 1787 ♦*). 

Ich werde Ihnen nicht von Geschäften sprechen, 
liebster Freuift, ich habe nur eines: Ihnen zu ant- 



*) Ein uneheliches Kind Mirabeaus, das er adoptiert hatte: 
Lucas-Montigny, der spätere Herausgeber des großen Memoiren- 
werks über M. 
**) Nach der Rückkehr aus Deutschland und England. 



40 MIRABEAU 



Worten und mit Ihnen die Arbeiten und Pläne unsrer 
philosophischen Freundschaft zu verwirklichen. Ich 
habe einen solchen Widerwillen gegen dieses Land 
und seine meisten Bewohner; was ich um mich her, 
in der Ahnung, in der Voraussicht sehe, ist so furcht- 
bar für das Gemeinwohl; ich bin so überzeugt, daß 
das einzige Heilmittel im Übermaß des Übels besteht; 
ich bin so entschlossen, künftig nur dadurch, daß ich 
Beispiele aus dem Ausland erörtere, zur Aufklärung 
der Öffentlichkeit beizutragen: daß ich nichts besseres 
zu tun habe als zu reisen; und ich glaube, wenn 
Fauche hier wäre, würde ich unverzüglich abreisen; 
denn ich hoffe nicht einmal auf das Wiedersehen mit 
meinen Freunden, zu sehr sind sie zerstreut, beschäf- 
tigt, abgelenkt, verdunstet. — Ach, mein lieber Major, 
dieser Ausdruck amitie ist ein Wortspiel*). Man hat 
viel zugunsten des Alters geschrieben; Jugend und 
Liebe empfehlen sich selbst. Antike und moderne 
Dichter und ganz im allgemeinen alle großen Schrift- 
steller haben wundervolle Sachen über die Freund- 
schaft gesagt. Diese Empfindung schildert der Mensch 
besonders gern, weil jeder, indem er sie schildert und 
sich als der Freundschaft fähig erweist, in seinen Augen 
außerordentlich liebenswürdig und in denen der an- 
dern achtbar erscheint. Es ist das vielleicht einer der 



*) Es mußte hier, damit wir im folgenden verstehen, inwiefern 
er von einem Wortspiel redet, das französische Wort für Freund- 
schaft stehen, das an aimer = lieben anklingt. — Die Liebe, der 
amour, empfiehlt sich selbst, wie die Jugend; aber was ist amitiö T 
£)twas wie amour; aber nicht er selbst, nicht die Liebe. 



2. VORBEREITUNG 4I 

feinsten Umwege der Eigenliebe, sich in einem andern 
zu lieben, ohne des kleinsten eigenen Interesses be- 
schuldigt werden zu können. Aber man darf nicht 
glauben, daß die Freundschaft so viel Verehrung ge- 
funden und daß die Eigenliebe so viel Gewinn aus 
dieser Empfindung gezogen hätte, wenn die Natur ihre 
Kosten bestritten hätte, wie bei der Liebe oder der 
mütterlichen Zärtlichkeit. Und in der Tat, welcher 
Liebende würde erwarten, daß man ihm Dank dafür 
weiß, daß er seine Geliebte anbetet? Welche Mutter 
hat je mit der Zärtlichkeit zu ihren Kindern ihre Eitel- 
keit befriedigt? Weil also die Freundschaft eine 
menschliche Einrichtung, weil sie eine soziale Tugend 
ist, rechnet sie sich der Mensch zur Ehre an. Er ist 
seinem eigenen Werke gut, und indem er die amüü 
dem amour, die Freundschaft der Liebe entgegen- 
stellte, hat er mit der Natur streiten wollen. Er hat 
geglaubt, die Freundschaft wäre für den Winter des 
Alters, was die Liebe für die Jugend ist. Aber da 
man nichts ohne die Natur ausrichtet, hat es sich 
ereignet, daß die Menschen sich über das, was sie 
Freundschaft nannten, nie recht verstanden haben; 
daß sehr wenige unter ihnen Musterbeispiele dafür 
gewesen sind; und daß es schließlich keine Empfin- 
dung gibt, die mehr, und ich sage getrost, ausgezeich- 
netere Heuchler hervorgebracht hätte als diese. 

Aber der von etwelchem Wohlwollen begleiteten 
Achtung will ich diesen schönen Namen Freundschaft 
nicht geben; und alle andern Empfindungen, die 
man für sie nirftmt, sind ein Schattenspiel von Irr* 



42 



MIRABEAU 



tümern und Illusionen, die gar zu leicht in ihre Be- 
standteile zerlegt werden können. Freundschaft ist 
nur unter Menschen möglich, die derart gestellt sind, 
daß sie, was ihr Alter oder ihr Verdienst oder ihr 
Vermögen angeht, voneinander unabhängig sind; zwi- 
schen denen jeder Verkehr frei und sicher ist; deren 
Grundsätze gleich, deren Neigungen und Anschau- 
ungen im großen ganzen ähnlich sind und die mit 
einem Wort eine wahrhafte Seelenehe unter sich grün- 
den. Solche Menschen wird man nie, weder in den 
Großstädten noch in den höheren Klassen finden. 
Man findet sie nur im Schöße der Forschung und der 
Philosophie. Wir beide sind sehr nahe daran, solche 
Menschen zu sein; und wir werden es in der Folge 
noch viel mehr sein . . . 



An Herrn Soufflot*) 

4. Oktober 1787. 

. . . Was wollen Sie, daß ich in Versailles mache, ich, 
der ich stolz auf meine Dienste und auf meine Kräfte 
bin, ja sogar vielleicht auf meine Fehler, da die Tor- 
heiten einer kochenden Jugend der erste Stachel waren, 
der mich angetrieben hat, meinem Vaterland einen 
edeln Tribut zu weihen ? Was wollen Sie, daß ich an 
einem Orte machen soll, wo man alles über mich 
gesagt zu haben glaubt, wenn man ausruft: er hat 

*) Einer der Vertrauten von Lomönie de Brienne, dem Erx- 
bischof von Toulouse, der jetzt FlnanzmlnUter war. 



2. VORBEREITUNG 43 

ein großes Talent, wie schade! wie wenn das nicht 
genau das nämliche wäre wie: er schreibt treffliche 
Dinge; was für ein Mann, wenn er nicht schriebe! 
wo ich gerade durch das, was mich ehrt, verschrien 
bin, durch meine Dienste gefürchtet, durch mein Ta- 
lent abgetan; wo ich nicht nur in Taten, sondern in 
Worten unfreundlich behandelt wurde von dem Mann, 
der der berufenste war, mich zu würdigen, über die 
Voreingenommenheiten und Redereien erhaben zu 
sein, mit einem Wort, von Ihrem Minister, dem es 
nicht verborgen sein kann, daß man einen großen 
Ruhm nur auf große Verleumdungen gründet. Ah! 
was hatte er mir vorzuwerfen, er ? Daß ich dazu bei- 
getragen habe, den Mann vom Thron zu stürzen, auf 
dessen Trümmern er sich zur höchsten Gewalt er- 
hoben hat? daß ich Grundsätze bekannt habe, die 
er, wie er sagt, zum Gesetz erheben will ? daß ich ein 
paar von den Ungeheuern vernichtet habe, von denen 
er, wie es heißt, sein Land reinigen will? daß ich be- 
wiesen habe, daß der unversöhnliche Feind jeder Auto- 
rität, jedes Ansehens, jeder Stelle, die er nicht selbst 
besaß, nichts Großes hatte außer seinem Scharlatanis- 
mus und seinem Ehrgeiz ? Fürwahr, furchtbare 

Verbrechen! 

Wie es Ihnen beliebt, mein Freund, denn ich gräme 
mich so wenig über die Angst der Leute, die mich 
fürchten, wie ich mich über die Feindseligkeit derer 
beunruhige, die mich hassen. Gewiß verhehle ich mir 
nicht, daß ich von den Umständen, die meinem Vater- 
land einen schönen Morgen versprechen, angezogen 



44 MIRABBAU 



und verführt werde. Ich fühle, daß es mir nur zu 
natürlich, nur zu leicht wäre, mich gänzlich dem 
Mann zu ergeben, der endlich hoffen ließe, daß Frank- 
reich konstitutiert und demzufolge regeneriert würde. 
Aber fern von mir bleibe der Gedanke, mich einem an- 
zubieten, der nicht Pläne hat, die ich kenne und be- 
kenne; fern von mir bleibe die Unklugheit, Vertrauen 
von jemandem zu begehren, der meines noch nicht 
hat; ich suche nichts, ich bin nach nichts lüstern, 
ich begehre nichts; ich habe Verwendung für meine 
Tatkraft wünschen können, sicher wie ich bin, auf 
Grund von Eifer, Fleiß, Ausdauer treu und auch wert- 
voll dienen und also ebensoviel geben zu können, als 
ich empfangen würde. Aber ich werde nie von mir 
aus auch nur den halben Weg entgegenkommen; man 
würde Intrige oder Anmaßung nennen, was nur Liebe 
zum öffentlichen Wohl und ein Patriotismus ist, der 
in seiner Energie ebenso rein wie in seinen Motiven 
uneigennützig ist. 

Lassen Sie mich also in meiner Dunkelheit; ich sage 
Dunkelheit, weil es in der Tat meine Absicht ist, un- 
verändert darin zu bleiben, bis aus dem Wirrwarr, in 
dem wir uns befinden, ein geregelter Stand der Dinge 
hervorgeht, und bis eine große Revolution, sei es zum 
Guten, sei es zum Schlimmen, einem guten Bürger, 
der für seine Willensmeinung und sogar für seine Ta- 
lente immer Rechenschaft schuldet, gebietet, seine 
Stimme zu erheben. Diese Revolution wird nicht lange 
auf sich warten lassen. Die Meerenge, in die das Staats- 
schiff eingelaufen ist, ist in gleicher Weise kurz und 



2. VORBEREITUNG 45 

gefahrvoll. Ein geschickter Lotse kann es ohne Zweifel 
aufs hohe Meer hinaus lenken, und ist es erst da, so 
ist es geborgen; aber er kann es nur, wenn die Beman- 
nung ihm zur Seite steht, und ich kenne in diesem 
Augenblick keinen Matrosen, der zu verachten wäre . . . 



An den Grafen von Montmorin*) 

12. Oktober 1787. 

. . . Wollen Sie bedenken, daß das nämliche Talent, 
das durch die Macht der öffentlichen Meinung gegen 
die Autoritüt hat kämpfen können, ebenso oder besser 
geeignet ist, ihr zu dienen, sowie sie es versteht, sich 
dieses Talent durch die Gemeinschaft der Grundsätze 
und das Band der Wohltaten zu verpflichten. Bis 
zu dem Augenblick, wo das Geschick meinen Vater 
fortnehmen wird, können meine Existenz und mein 
Vermögen nur das Werk meiner selbst oder der Regie- 
rung sein. Begierig wie ich bin, mehr und immer mehr 
zu nützen und den Verleumdern und Bösen durch eine 
Lebensführung, der man die Anerkennung schließlich 
nicht versagen kann, einen Strich durch die Rechnung 
zu machen, sagt mir ein Leben der Wirksamkeit mehr 
zu als der Spekulation, und der Regierung als Gehilfe 
gut dienen wäre mir lieber, als wie Gefahr zu laufen, 
ihr in meinem Beruf als Erzieher zu mißfallen. Es ist 
Ihrer nicht unwürdig, der Regierung einen nützlichen 

*) Seit Februar 1787 Minister des Auswärtigen. — Gestorben 
1792 9ls Opfer der Septembermorde. 



46 MIRABEAÜ 



Menschen zuzuführen, den so viele Ihrer Vorgänger 
zu einem gefährlichen Menschen entstellen wollten; 
es gibt Posten, für die Sie wenig Männer haben, sei 
es mangels der erforderlichen Kenntnisse oder der 
Vertrautheit mit den Sprachen des Nordens, sei es^ 
weil man einen guten Kopf zugleich mit einem sehr 
kühnen Mut dazu braucht, oder die Vereinigung der 
Talente der Initiative und Durchführung mit denen 
des Kabinetts, was beides zusammen nicht sehr häufig 
angetroffen wird. Ich bin in gleicher Weise ganz der 
Mann dazu, meinen Kopf zu riskieren oder ihn im 
Dienst des Königs zu verwenden. Warschau, St. Pe- 
tersburg, Konstantinopel, Alexandria, alles ist mir so 
ziemlich gleich, wenn ich nur die nützliche Verwen- 
dung für meine Tatkraft finde; ich vertraue auf Ihre 
Weisheit für die Art und Weise, auf Ihre bloße Billig- 
keit für die Besoldung und das Gefolge; ich stelle mich 
rein und schlechtweg zur Verfügung und sage nichts 
weiter, als daß ich, an die Undankbarkeit der Menschen 
und die Ungerechtigkeit ihrer Häupter gewohnt, für 
die Wohltaten um so erkenntlicher, für den Wohltäter 
um so dankbarer sein werde*) . . . 



An Herrn van Kussel**) 

30. Oktober 1787. 

. . . Nein, mit Gewalt und Unrecht kann ich keinen 
Vergleich schließen; nein, die Attentate gegen die 

*) Dieser Schritt hatte derzeit keinerlei Erfolg. 
**) Einen der holländischen Patrioten. 



2. VORBEREITUNG 47 

Freiheit der Menschen werden mir zu keiner Zeit die 
Freiheit lassen, mich zurückzuhalten oder zu ver- 
stellen, und Haß gegen die Tyrannen wie Liebe zinr 
Freiheit sind in mir so vehemente, so unwillkürliche 
Leidenschaften, daß ich nicht einmal das Recht habe, 
mich ihrer zu rühmen . . . 

. . . Vor allen den freien Völkern kommt es zu, die 
größte Achtung vor der öffentlichen Meinung zu hegen, 
sich immer auf sie zu berufen, sich der Macht des 
Rechts und des Unrechts zu bedienen, für die jeder 
Mensch den moralischen Sinn dermaßen in seinem 
Herzen trägt, daß es allgemein beobachtet worden ist, 
daß die Manifeste, selbst in den unfreien Ländern, 
die Aushebung der Soldaten ungemein erleichtern. 
Das Volk in seiner Hütte urteilt über den Streit der 
Könige . . . 

. . . Gewiß hege ich eine wahrhafte Neigung für die 
preußische Monarchie. (Was den König von Preußen 
angeht, so habe ich noch in keinem Augenblick meines 
Lebens verstanden, wie man seine Freiheit oder seine 
persönliche Neigung einem Könige schenken kann.) Die 
Existenz dieses Reiches erschien mir immer notwen- 
dig für die politische Freiheit Europas und als die 
einzige Stütze der deutschen Verfassung, die es, gäbe 
sie zwanzig Millionen Menschen auch nur den unschätz- 
baren Vorteil, in kleinen Staaten zu leben, wert ist, 
daß die Weisen sich heilig geloben, sie müsse von 
ewigem Bestand sein. 

Aber wenn der natürliche Wächter der Freiheiten 
Deutschlands sich von seiner großen, seiner einzigen 



48 MIRABEAU 



Aufgabe, von diesem seinem Interesse jeden Augen- 
blick ablenken läßt, um sich dem kleinbürgerlichen 
Ausbruch eines Grolls hinzugeben, der fast so lächer- 
lich wie unbillig ist*) ; wenn er so das Geheimnis seiner 
persönlichen Prinzipien und der Zusammenhanglosig- 
keit seines politischen Systems verrät; wenn er, ge- 
täuscht durch unsern falschen Anstrich von Dekadenz, 
die Schlaffheit und Unfähigkeit unsrer Regierung 
immerzu als Ohnmacht der Nation nimmt und sich 
so durch eine in ihren Motiven so kindliche wie in ihren 
Folgen gehässige Zurschaustellung einer Macht, die 
derlei verderbliche Episoden nicht nötig hat, das Ver- 
trauen und Wohlwollen seiner natürlichen Bundes- 
genossen entfremdet; wenn er durch ein fast unerhörtes 
Attentat gegen das Recht der Nationen verdient, das 
Ziel eines Kreuzzugs zu werden, wenigstens, wenn die 
Menschen es verstünden, sich um der Freiheit willen 
ebenso zu verbünden, wie sie es für die Tyrannei tun, 
— dann können Sie nicht annehmen, daß ich den 
geringsten Anteil an ihm nehme . . . 

... Ich bin überzeugt, daß nichts leichter und nichts 
gerechter wäre, als England über die Maßen verhaßt 
zu machen, diese Nation, die der Tyrann der Erde, 
Tyrann der Meere ist, die allenthalben das Glück und 
die Freiheit verfolgt, als ob die Engländer allein das 
Recht auf ihre Erfolge hätten! als ob kein andres 
Volk einer Verfassung würdig wäre! als ob die übrige 



*) Friedrichs des Großen Nachfolger, Friedrich Wilhelm II. 
von Preußen, der Bruder der Prinzessin von Oranien, hatte im 
holländischen Bürgerkrieg mit Waffengewalt interveniert. 



i. VOllBERfiiTUNC 4^ 

Menschheit geschaffen worden wäre, um unter dem 
Zepter Großbritanniens oder unter der Rute der 
Despoten zu kriechen! Und glauben Sie nicht, werter 
Herr, wie Sie geneigt scheinen, daß es Ihnen zu etwas 
nütze wäre, die Engländer damit schrecken zu wollen, 
daß sich ihr König mit dem Stadhouder in zärtliche 
Beziehungen eingelassen hat. Haben Sie denn nicht 
gesehen, wie sich diese Nation, die vor Hochmut toll 
ist, in den Krieg mit Amerika stürzte, obwohl das ganz 
offenbar der Krieg des Kabinetts von St. James gegen 
die britische Freiheit war ? War es nicht um die Ver- 
fassung geschehen, wenn Amerika unterlegen wäre? 
Burke hatte es ihnen gesagt; von einem Ende Europas 
zum andern sahen es alle Menschen, die Verstand im 
Leibe hatten; und in wahrem politischem Selbstmord 
fuhren die Engländer nichts desto weniger fort, ihre 
eigenen Eingeweide zu zerreißen! . . . 

. . . Unser Land ist aus dem stillen Chaos zum wild 
bewegten übergegangen; es kann, es muß daraus eine 
Schöpfung hervorgehen. Wird es ein Embryo, wird 
es ein Mensch sein? Ich weiß nicht; aber es ist un- 
möglich, daß wir stehen bleiben, und hinuntersinken 
können wir nicht mehr . . . 

. . . Ja, ja! Ihre Provinzen werden wieder frei wer- 
den, oder sie werden wieder im Meer versinken. So 
schlecht eure Verfassung immer war, so seid ihr doch 
niemals Sklaven gewesen; selbst die Koalition, die uns 
heute in Bestürzung setzt, die Koalition der Aristo- 
kraten und des Stadhouder, eine in Ihrer Geschichte 
unerhörte neue Erscheinung, wird für Ihr Volk viel- 

Landauer, Briefe aus der franzds. Revolution I 4 



50. MIRABEAU 



leicht nicht so verhängnisvoll werden, wie man fürch- 
ten könnte; denn der Haß gegen die Aristokraten 
macht in jedem Lande das Volk zum Freund der Ge- 
walt eines einzigen; aus Haß gegen die Aristokraten 
ist Ihr Volk stadhouderisch geworden; und das Haus 
Oranien wird bald seinen Anteil von diesem Hasse 
bekommen, wenn es gemeinsame Sache mit der Ari- 
stokratie macht! 



An einen Unbekannten, 

wahrscheinlich Mitglied des Parlaments von Paris. 

10. November 1787. 

Ich möchte Sie sehen, einmal um Sie zu sehen, und 
dann, weil mir Ihr Jahr 1792 im Kopfe herumgeht*). 
Unmöglich, daß dieses Datum guten Bürgern Ver- 
trauen einflößt. Wenn durch die Macht der Tatsachen, 
wie Sie glauben, 1789 unerläßlich ist, warum nicht 
1789 fordern und diesen Grund dafür angeben? 
Wenn die Regierung darin vom Eigensinn der Schwäche 
besessen ist, warum nicht sich auf das Wort unver- 
züglich beschränken ? Dieses Wort ist tausendmal mehr 
wert als ein entfernter Termin, für den es keinen 
Vorwand gibt, weil man sicherlich keine fünf Jahre 
braucht weder zum Einberufen, noch zum Zusammen- 
tritt, noch zur Vorbereitung, und der Zustand der 



*) Auf dieses Jahr spätestens sollten die Generalstaaten ein- 
berufen werden. 



2. VORBEREITUNG 51 



Nation ist zu kritisch, als daß man denen, die sie da 
hineingebracht haben, erlauben dürfte, noch sechzig 
Monate lang von Behelfen zu leben und fünf bis sechs- 
hundert Millionen zu borgen, um über eine unnütze 
Zwischenzeit hinwegzukommen. Ein Lustrum ist für 
dieses bewegliche Land so viel wie ein ganzer Sonnen- 
zyklus. Der gemeine Bürger wird in dieser Ankün- 
digung den reinen Hohn erblicken. Die tieferen Beob- 
achter werden darin das geheime Einvernehmen der 
Autorität und der Parlamente erblicken, die fortfahren 
wollen, in Abwesenheit der Nation zu regieren. Wie! 
wie steht es dann um euch, Minister und Beamte? 
Glaubt ihr, unbestimmte Einleitungsworte werden den 
Kredit wiederherstellen in einem Lande, wo solche Ein- 
leitungen fast nie etwas anderes waren als der Jargon 
der Pfuscherei oder das Spielzeug der Unredlichkeit? 
in einem Augenblick, wo alles zur Untergrabung des 
Kredits zusammenkommt, wo das Geld einen maßlos 
hohen Kurs hat, die öffentliche Schuld in der Luft 
hängt, das Mißtrauen ganz allgemein ist ? wo die Na- 
tion mit jedem Tage, mit jeder Stunde, mit jedem 
Augenblick ihrer Kräfte sich mehr bewußt und der 
Notlage besser inne wird, die ohne ihren Beistand nicht 
mehr zu beheben ist ? Eine Einberufung der General- 
staaten wird derart gebieterisch von der "Notwendig- 
keit verlangt, ist derart unvermeidlich, daß sie mit 
oder ohne Premierminister, unter Achill oder Thersites 
unzweifelhaft kommen wird, und daß man also, gleich- 
viel, auf welchen Zeitpunkt sie angesagt wird, der 
Regierung nur mäßigen Dank wissen wird; sollte 

4* 



52 MIRABEAU 



jedoch dieser Zeitpunkt hinausgeschoben werden, so 
wäre das ein Grund zu mehr Unzufriedenheit, zur 
weiteren Untergrabung des Kredits und zu feindseliger 
Gesinnung. 

Sie, der Sie in einem Alter, wo man kaum die ersten 
Wallungen der unbeständigen Jugend hinter sich hat, 
einen so schönen Anteil an der Revolution nehmen 
können, die Frankreich konstituieren und ihm die 
Entfaltung seiner Größe gestatten wird, lassen Sie 
sich nicht täuschen, verlieren Sie Ihren edlen Einsatz 
nicht; setzen Sie nicht, was Sie persönlich angeht, eine 
Sache aufs Spiel, bei der Interesse und Ehre in Ein- 
klang stehen; denn die Nation wird das Spiel nicht ver- 
lieren. Die Kraft des Stoßes ist so gewaltig, daß selbst 
jene, die ihn in schlechten Absichten etwa hervor- 
gerufen hätten, nicht mehr in der Lage wären, um- 
zukehren. Das Jahrhundert ist zu vorgeschritten und 
die Geister zu sehr in Gärung, als daß wir etwas von 
dem verlieren könnten, was wir erlangt haben. Als 
Beamter, nutzen Sie den außerordentlichen Verlauf 
der Dinge, der Frankreich parlamentarisch gemacht 
hat; als Bürger, wirken Sie mit all Ihren Kräften 
an dem großen Werk der Verfassung mit, und lassen 
Sie sich davon durch keine Täuschung, durch keine 
Ausflucht abbringen; als Mensch, fragen Sie sich, für 
wie viele Tage wir sicher sind, und verbieten Sie sich 
noch mehr Verzögerungen als Überstürzung; denn 
diese könnte uiis höchstens zu Fehlern führen, die 
nicht hindern werden, daß wir zur Revolution reif 
sind und daß sie sich also vollzieht; die Verzögerungen 



2. VORBEREITUNG 53 

jedoch könnten schreckliche Erschütterungen hervor- 
rufen. V(de, spes altera Ramae/*). 



An den Selben 

18. November 1787. 

. . . Gewiß, der Krieg hat seine Gefahren; aber sie 
sind, zumal für einen Mann der Öffentlichkeit, mit 
dem Abfall von der Sache des Gemeinwohls nicht zu 
vergleichen. Was wird der Erzbischof machen? 
Bankerott? Er steht ihm so wenig mehr zu Gebote 
wie Geld. Proskriptionen? Märtyrer sind auf jede 
Art die Saat von Märtyrern, und gäbe es selbst einen 
Kardinal Richelieu, so gäbe es das Jahrhundert nicht 
mehr für ihn. Krieg gegen die Nation ? Dieser Prozeß 
wäre bald entschieden. Aber nein, er, wird nichts von 
alledem machen. Er hat seine Sache getan; er wird 
zurückweichen und wird stürzen . . . 

Wenn Sie reden, so lassen Sie die Mäßigung in den 
Resultaten von der Energie der Einzelheiten über- 
treffen; aber so sehr Sie auch für den Erzbischof von 



*) Lebe wohl, Roms andere Hoffnung. — Der Minister hatte 
vom Parlament die Eintragung der Anleihe verlangt, gegen das 
formlose, unbestimmte Versprechen, binnen 5 Jahren die General- 
staaten einzuberufen. In einem weiteren Briefe vom 18. Novem- 
ber rät Mirabeau demselben Mitglied des Parlaments dringend 
und mit der ganzen Olut seiner Vernunftgrtinde, die Eintragung 
ahzulehnen, und fährt fort, wie folgt. 



54 MIRABEAU 



Toulouse und für den Frieden eingenommen sein 
mögen, Sie können nicht, ohne liiren guten Ruf zu 
verderben, mit größerer Milde Ihre Meinung aus- 
sprechen als folgendermaßen: 

Überlassen wir der Weisheit des Königs eine Anleihe, 
deren Organisation das Parlament so wenig beurteilen 
kann wie ihre Notwendigkeity überlassen wir sie ihr 
in der Voraussetzung^ daß das Parlament durch die 
väterliche und weise Einberufung der Generalstaaten 
auf das Jahr 1789 die Gewißheit erlange^ daß eine An- 
leihe von 120 Millionen in Wahrheit ein Provisorium 
und das einzige sei, das man vom Parlament bis zu dem 
Augenblick verlangen wird^ wo die Nation zusammen,- 
getreten ist und ihre Bedürfnisse kennen lernen^ ihre 
Pflichten festsetzen^ ihre Rechte ausüben und ihre Hilfs- 
mittel zur Entfaltung bringen kann. 

Man kann nicht sagen, ein solcher Vorschlag sei 
aufrührerisch, denn er bewilligt das Provisorium unter 
vernünftigen und maßvollen Bedingungen. Man kann 
nicht sagen, er sei feige, denn er äußert vor dem König 
in Person die Bedingungen der Nation. Er trägt die 
Eignung in sich, Talent und Geist ans Werk zu lassen. 
Glauben Sie mir, verlassen Sie diesen Boden nicht, 
denn Sie täten niemandem etwas Gutes, und Sie täten 
sich selbst etwas überaus Schlimmes. Es ist nicht 
mehr die Zeit, wo irgendein Individuum einen Privat- 
mann für die öffentliche Achtung entschädigen könnte; 
und der Tag wird leuchten, wo die Stimme der Nation 
genügen wird, um aus einem tüchtigen Menschen einen 
sehr angesehenen Bürger zu machen. Volc et me ama. 




2. VORßEREITÜNO 55 

Wenn Sie mich sprechen wollen, stehe ich Ihnen Tag 
und Nacht zur Verfügung*). 



An den Grafen von Montmorin 

20. November 1787. 

Die Anleihe ist abgelehnt — sie konnte nicht — 
nicht-abgelehnt werden. Eine Anleihe eintragen, deren 
gesetzliche Notwendigkeit nicht dargetan werden 
konnte, und die man nur unter der Bedingung nicht 
für absurd erklären konnte, daß man sagte, man hätte 
nicht die Zeit gehabt, sie zu prüfen und zu beurteilen; 
eine fortdauernde und progressive Anleihe eintragen, 
die der Nation eine unnütze Vermehrung der Schulden- 
last um etwa 500 Millionen vorschlägt; eine Anleihe 
eintragen, die allen Gesetzen des Anstands und der 
Klugheit Hohn spricht, indem sie den Schleier von den 
Launen des Throns zieht, ohne irgend Ereignisse in 
Betracht zu nehmen, die immer eintreten können und 
deren Möglichkeit man nie aus den Augen verlieren 
darf, wie zum Beispiel Unbilden des Wetters, große 
Naturkatastrophen oder einen Krieg zu Wasser und 
zu Land, der leider nur zu wahrscheinlich und nicht 
weniger schrecklich wie all diese Landplagen ist; diese 
Anleihe eintragen und als Gegengabe nur ein unbe- 
stimmtes Versprechen erhalten — das war eine Sache 



*) Am 19. lehnte das Parlament die Eintragung der Anleihe 
ab; und wieder einen Tag später schrieb Mirabeau den folgenden 
Brief. 



56 MIRABEAU 



der Unmöglichkeit, selbst für die Ministerpartei. — 
Die Anleihe ist verworfen; sie hat verworfen werden 

müssen Was wird man tun? Großer Gott! Was 

wird man tun ? Das fragen sich alle, die gute Bürger 
sind, ängstlich; und da für jeden etwas nervösen Geist 
die Antwort nicht zweifelhaft ist; da die Suspendie- 
rung der Zahlungen und bald danach die Verkürzungen 
in der Zinszahlung der öffentlichen Schuld nach dem 
Plan des entscheidenden Ministers unvermeidlich sind; 
da Sie, Herr Graf, Sie, der Ehrenmann des Ministe- 
riums, Sie, den wir alle für einen guten Bürger und den 
persönlichen Freund des Königs halten, da Sie den 
Thron nicht im Stich lassen und die Erwartung der 
Nation in dieser schauderhaften Krise nicht enttäu- 
schen sollten, habe ich geglaubt, es Ihrem guten Rufe, 
den Freundlichkeiten, die Sie mir erwiesen haben, 
und mir selbst, der iöh in der verzweifelten Lage meines 
Vaterlandes nicht stumm bleiben werde, schuldig zu 
sein, kurze Betrachtungen über den entsetzlichen Vor- 
schlag an Sie zu richten, den man im Ministerrat zu 
dem Behuf, sich unter dem Schilde der Mitschuld zu 
bergen, vorbringen will. 

Susfendveren wir die ZaMungen^ weil man uns Pro- 
visorien verweigert — beschneiden wir die Zinsen der 
Staatsschuld^ weü wir Ausgaben und Einnahmen nicht 

balancieren können Also ein Fürst, der für seine 

Güte bekannt ist, soll die heiligsten Verpflichtungen 
abschwören, soll mit einem Schlag vergessen, daß das 
bloße Wort eines Königs mehr wert sein muß als der 
Schwur eines andern Menschen! Mehr als ein 




2. VORBEREITUNG 57 

Höfling wird ohne Zweifel behaupten, diese Operation 
werde das Glück des Souveräns wie des Volks her- 
stellen; sie werden wagen, Seiner Majestät vom öffent- 
lichen Wohl und von Gerechtigkeit zu reden, indem 
sie ihm vorschlagen, den niederträchtigen Wunsch des 
Caligula zu verwirklichen!*) Denn heißt es nicht 
zweihunderttausend Bürger mit einem einzigen Streich 
töten, wenn man sie mit einem und demselben Be- 
schluß vor die fluchwürdige Wahl stellt, Hungers zu 
sterben oder von Verbrechen zu leben? 

Einer Regierung also soll es freistehn, die Pest, 
den Krieg, die Erdbeben zu überbieten! Nein, das 
widerstrebt der menschlichen Natur, der Bestimmung 
und dem Wesen der Gesellschaft. Seine Untertanen 
Hungers sterben lassen oder, was noch viel grausamer 
ist, sie dazu zwingen, das heißt gestehen, daß man 
nicht imstande ist, sie zu regieren, das heißt auf die 
Rechte verzichten, die man über sie ausgeübt hat. 
Was sollte dann aus den vielen Unglücklichen werden, 
die von dem unwiderstehlichen Bedürfnis der Selbst- 
erhaltung gepeinigt werden, aus so vielen, die von 
Renten, Besoldungen, ausgeliehenen Geldern leben 
und die nun unmenschlich der Frucht ihrer Erspar- 
nisse beraubt, unklug ohne Brot gelassen werden sol- 
len, weil das Glück ihrer Schuldner auf einmal ein- 
gestürzt ist ? Fürchtet man nicht, daß sie völlig zügel- 

*) In einer Schrift, die M. bald darauf herausgibt: ,,Als Caligula 
wünschte, das römische Volk möchte nur einen einzigen Kopf 
haben, damit er das Vergnügen haben könnte, ihn herunterzu- 
schlagen, brachte er zugleich das Ziel' und die Ohnmacht des 
Despotismus zum Ausdruck.'* 



58 MIRABEAU 



los und jedes moralischen Halts bar werden müssen ? 
Welchen Schrecken müßte dieses Volk von Entbeh- 
renden einjagen, denen sich sofort alle die anschließen 
würden, die nichts zu verlieren haben! Könnten sie 
nie die zu jedem Aufruhr bereiten Feinde des Staats 
und vor allem des Königs werden? Ist der Fanatis- 
mus des Eigentums, und des Elends dazu, weniger 
brennend, weniger unersättlich als der Fanatismus 
der Religion? 

Das zum mindesten dürfte niemand leugnen, daß 
in einem großen Reiche wie Frankreich das Schreck- 
gespenst des Bankerotts nur auftauchen darf, wenn 
vorher die unerbittliche Notwendigkeit da ist. Man 
müßte beweisen, daß es uns an Hilfsquellen für jetzt 
und künftig fehlt; daß es keinerlei Mittel gibt, den 
Kredit wieder zu heben, oder daß es gefährlich wäre, 
eines davon zu versuchen: lauter Dinge, die von der 
Wahrheit so entfernt sind, daß es lächerlich wäre, 
darüber nur zu reden. Die Engländer haben eine 
Staatsschuld, die viel größer ist als die unsre und die 
sich auf eine Bevölkerung verteilt, die zweieinhalb mal 
kleiner ist als unsre, und sie tilgen davon jedes Jahr 
einen bestimmten Teil. Was für ein Kleinmut, nein, 
was für eine schmähliche Feigheit dürfte uns in die 
Verzweiflung stürzen, uns, die die Natur ganz anders 
begünstigt hat? uns, die wir ungeheure Hilfsquellen 
in der Austilgung einer Menge von Mißbräuchen finden 
könnten, die unsre Rivalen nicht kennen; uns, vor 
denen sie ohne Zweifel nur einen Vorteil voraus haben, 
daß sie nämlich eine konstituierte Nation sind! Wie? 




2. VORBEREITUNG 5g 

sind wir nicht nahe daran, es zu sein? Warum soll- 
ten wir über den gegenwärtigen Mangel an Kredit 
klagen, wenn die Geldbeutel nur zu ihrem eignen 
Leidwesen zugeknöpft bleiben und, um sich zu öffnen, 
nur auf ein Wort des Souveräns warten, der die Na- 
tion dazu einberuft, die öffentliche Schuld festzustel- 
len, zu bewilligen, flüssig zu machen? 

Der Frevel, den man vorbereitet und der unser An- 
sehen in Europa vollends zugrunde richten würde, wo 
man ein Land ohne Armee, ohne Finanzen, ohne Ehre 
nur als die Beute des ersten, der zugreift, betrachten 
würde, dieser Frevel, den man vorbereitet, ist nicht 
bloß unsinnig, er ist zum Glück auch unausführbar. 
Es ist klar, daß alle, die Renten beziehen, sich wie im 
Jahre 1648 zusammentun würden; und diese neue As- 
soziation wäre bei weitem imponierender als die alte, 
weil sie außerordentlich viel zahlreicher wäre und weil 
die Menschen heute besser über ihre Rechte unter- 
richtet sind als früher über ihre Pflichten. Es ist ein- 
leuchtend, daß die Parlamente, die sich die Eintra- 
gung so vieler Steuern, so vieler Anleihen vorzuwerfen 
haben, für ihre vergangenen Fehler gern Verzeihung 
erlangen und ihre Popularität erhöhen würden, in- 
dem sie die Gläubiger des Staats befugen würden, die 
Vermögensobjekte zu beschlagnahmen, die ihnen ver- 
traglich verpfändet sind; es ist einleuchtend, daß die 
Einnehmer der königlichen Gelder nicht wagen wür- 
den, sich dem zu widersetzen, wenn sie von einem 
Ende des Reichs zum andern von der doppelten Auto- 
rität der öffentlichen Meinung und der Behörde ge- 



6o MIRABEAU 



drängt würden. Das unfehlbare Ergebnis eines so bar- 
barischen und verwegenen Unternehmens wäre die 
Reue, es begonnen zu haben^ und die Schande, zwangs- 
weise darauf verzichten zu müssen. 

Was muß man also tun? 

In bestimmter und feierlicher Sprache für 1789 die 
Generalstaaten ankündigen, über die man nicht mehr 
hinwegkommt. Vergebens möchte man versuchen, 
diesen Zeitpunkt hinauszuschieben: das Gewicht der 
Staatsschuld würde dadurch nicht geringer, weil die 
nationale Ehre es den Generalstaaten gewiß nicht er- 
lauben würde, die Verkürzungen zu akzeptieren, die 
geplant sein mögen; ich sage Verkürzungen, denn noch 
mehr planen, das wäre der schändliche Anschlag, den 
heftigsten aller Aufstände zu provozieren. Durch eine 
Vertagung, die, von jedem Einspruch abgesehen, von 
der Macht der Tatsachen bald widerrufen würde, durch 
eine Verzögerung, die überdies alles in Versumpfimg 
oder Anarchie ließe, durch einen entfernten Termin, 
sage ich, würde man nur die gute Wirkung einer so er- 
habenen Ankündigung verderben. Unbestreitbar wird 
das das schönste Jahr im Leben des Königs sein, das 
Jahr, wo er seine Nation versammeln wird. Keinem ist 
verborgen, daß er getäuscht worden ist und sich 
täuschen mußte, jedermann wird seinen Absichten 
huldigen, und er wird nur Trost und Lob ernten, wie 
Ludwig Xn. und Heinrich IV.; und Frankreich, im 
Innern wiedergeboren, nach außen erhöht, wird die 
Strahlen seines eigenen Ruhms seinem Monarchen 
schenken. Jawohl, bei diesem Wort allein: die Oenerat- 



2. VORBEREITUNG 6l 

Staaten aufs Jahr 1789, wird man sehen, wie der Kre- 
dit wiederkehrt, wie er die Anleihen deckt, zu denen 
der jetzige Stand der Dinge nötigt. Das Parlament hat 
in Wahrheit nicht das Recht, ohne Zustimmung der 
Generalstaaten eine Anleihe einzutragen, weil Kapital 
und Zinsen nur mit Hilfe einer Steuer bezahlt werden 
können und die versammelte Nation allein das Recht 

hat, sie zu bewilligen warum sollten wir es uns 

verhehlen, wenn kein Mensch daran zweifelt? Aber 
auf die Willensmeinung der Öffentlichkeit gestützt, 
die ihm in diesem Fall erlauben wird, seine Rechte 
zu überschreiten, wird das Parlament bis zur Berufung 
der Stände sich zu allen Mitteln bereit zeigen, die Seine 
Majestät für geeignet erachten wird; und wenn, den 
unmöglichen Fall angenommen, es sich weigern sollte, 
würde die Entrüstung aller guten Bürger genügen, 
mit diesem Parlament fertig zu werden. 

Da haben wir also die beiden Wege, zwischen denen 
der Ministerrat demnächst für den König zu wählen 
haben wird: entweder ein verbrecherischer und un- 
säglich gefährlicher Staatsstreich, oder ein unweiger- 
lich erforderlicher Akt voll wohltätigster Wirkung 

Und vor dieser Wahl soll man zaudern! Zwischen 
diesen beiden Vorschlägen soll eine Parallele möglich 
sein! 

Ich schwöre, Herr Graf, vor meinem Gewissen und 
angesichts des Himmels, das ist das ruhigste, das maß- 
vollste, das abgeschwächteste, was man über den 
Stand der Dinge sagen kann, zu dem uns die außer- 
gewöhnliche Pfuscherei des leitenden Ministers geführt 



62 MIRABEAU 



hat; das ist das wenigst unheilvolle, was man dem 
König prognostizieren kann. Entehrt nach außen, 
wütend im Innern, ein Gespött den andern, ein Ent- 
setzen uns selbst, gefährlich bloß unsern Häuptern, so 
beschaffen müssen wir werden, wenn der König nur 
Miene macht, sich seinen Verpflichtungen zu entziehen 

Könnte dieses Bild die starken Geister, die uns 

zu diesem verhängnisvollen Punkt geführt haben, 
ohne Furcht lassen, so frage ich, ob man die Krämpfe 
des Hungers, die Genialität der Verzweiflung wohl in 
die Rechnung gestellt hat? Ich frage, wer den Mut 
haben wird, die Folgen für die persönliche Sicherheit 
der ganzen Umgebung des Throns und des Königs 

selbst auf sich zu nehmen ? Ah, Herr Graf, sagen 

Sie das, und unsre verwegenen Herostrate werden 
bald mit ihren blassen, fahlen Stirnen vor Entsetzen 
am Boden liegen! Und Sie werden nicht nur Ihre 
Schuldigkeit getan haben, Ihr Ansehen wird verhun- 
dertfacht sein und Ihre Kräfte mit ihm. Sie wissen 
es, es ist nicht mehr die Zeit, wo die Gunst eines Königs 
genügte, um den Ruhm eines Ministers zu machen, 
und die Ungnade, ihn zu vernichten: anderswo und 
höher liegen heutigentags die Quellen des wahren 
Ruhms; die Nation, nichts als die Nation wird künftig 

das politische Glück entscheiden Lesen Sie, 

lesen Sie wieder und wieder, ich beschwöre Sie im 
Namen des Vaterlandes, diese hastig hingeworfenen 
Zeilen, die ich Ihnen unter dem Siegel der strengsten 
Verschwiegenheit sende. Fassen Sie einen Entschluß 
in Ihrem Gewissen mehr noch als in Ihrer Weisheit. 




2. VORBEREITUNG 63 

Es gibt Augenblicke, wo die Tapferkeit Klugheit ist, 
wo die Schonung zum Verbrechen wird, wo das Schwei- 
gen Schande heißt. Reden Sie also, sagen Sie alles ; und 
wenn man Sie nicht versteht, so treten Sie zurück, 
damit Sie die Ehre der Regierung nicht auf Ihrem 
Posten überleben und damit man Ihnen nicht vor- 
werfen kann, bei der Beschlußfassung mitgewirkt zu 
haben, die über die Schande Frankreichs entschied. 
Oh! mit wie viel Segenswünschen und, früher oder 
später, wie viel Wohlfahrt wird ein, sogar noch zweifel- 
hafter, Tag der schlechten Laune oder Ungnade zu- 
gedeckt werden, und wie schön wird es sein, Nachfolger 
des Mörders seines Vaterlandes zu werden, um sein 
Verbrechen zu strafen und wieder gut zu machen!*) 



An Mauvillon 

Paris, 23. November 1787. 

. . . Ich hätte noch von der Politik zu reden; aber 
mir fehlt die Zeit, und Sie sind kpank. Wenn Sie es 
sich als Mensch und als Philosoph überlegen, kann ich 
mir nicht denken, daß Sie nicht tadeln müssen, was 



*) Mirabeaus Rat wurde zu der Zeit, wie man aus der Geschichte 
weiß, nicht befolgt, und es kam zu dem Konflikt des Königs mit 
dem Parlament. In diesem Stadium kam Graf Montmorin auf 
den Gedanken, Mirabeau, der früher und wieder später allerdings 
den Kampf gegen diese feudal-aristokratische Einrichtung be- 
sonders vehement geführt hat, für diesen Augenblick zum Kampf 
gegen die Parlamente aufzurufen, worauf M. in dem Brief vom 
18. April 1788 antwortete. 



64 MIRABEAU 



sich in Holland zugetragen hat, ganz abgesehen sogar 
von allen Einzelheiten. Denn der Tag, an dem ein 
Volk aufhört, frei zu sein, ist ein Trauertag für die 
Menschheit. Aber, wenn die Sache nicht so ernst 
wäre, zum Lachen wäre alles, was Sie über Frank- 
reich sagen, das Sie bei weitem weniger kennen als 
China und das, von innen her gesehen, noch nie stär- 
ker gewesen ist und sich wohler befunden hat; das 
nie näher daran war, sich in seiner ganzen Statur auf- 
zurichten, und dessen Kabinett vielleicht nur zu gute 
antideutsche Gründe gehabt hat, Holland im Stich 
zu lassen. Gott gebe, lieber Freund, daß Sie nicht 
in allernächster Zeit die Erfahrung machen, daß wir 
um keinen Preis österreichisch werden durften! Das 
wünsche ich von ganzer Seele, aber kommen Sie nur 
von Ihren „fünfzig Jahren, die nötig sind, um die 
inneren Schäden zu reparieren", zurück. Denn diese 
Schäden existieren zum größten Teil nicht. Es gibt 
bei uns keine Schäden, als den sehr vorübergehenden 
Übelstand einer zu unsystematischen Verwaltung und 
die lächerliche Furcht, die Nation zu berufen, um die 
Nation zu konstituieren. In allem übrigen gibt es 
keine einzige Verlegenheit, die das mittelmäßigste Ta- 
lent nicht heben könnte, und ich wiederhole es, nie 
war dieses Land näher daran, zu sein, wozu die Natur 
es gemacht hat: die größte Macht des Universums. 
Aber wenn schon dazu fünfzig Jahre erforderlich 
wären, wie es keiner zehn bedarf, an Zeit fehlt es der 
Natur nicht; und wir armseligen Geschöpfe, die, um 
sie zu messen, keinen andern Maßstab haben als unsre 



2. VORBEREITUNG 65 

kurze Dauer, müßten bedenken, daß fünfzig Jahre 
eine Stunde in der Geschichte sind, und daß die Staa- 
ten ihr System nicht jedes halbe Jahrhundert ändern 
können, besonders wenn die Natur ihnen ihren Gang 
klar vorgezeichnet hat. — Aber das ist schon viel 
mehr Politik, als ich schreiben wollte. 



An den Grafen von Montmorin 

18. AprU 1788. 

... In der Tat, und wenn ich selbst die persönlichen 
Gefahren, denen ich mich aussetzen würde, für nichts 
achten, wenn ich es auf mich nehmen wollte, mir den 
unversöhnlichen Haß von Körperschaften zuzuziehen, 
die nicht zu Boden geschmettert sind, die eine große 
Zahl ihrer Feinde verzehren werden, ehe sie es sind, 
oder vielmehr, um es gerade herauszusagen, die nie 
umzubringen sind, solange man sie, ohne die Nation 
zum Bundesgenossen zu haben, angreift — ist das wohl 
der Augenblick, vor dem Richterstuhl Frankreichs 
eine Aristokratie von Behörden anzuklagen, gerade jetzt, 
wo der König es nicht verschmäht hat, sie in eigener 
Person anzuklagen? Kann man heute der Regierung 
nützlich dienen, indem man ihre Livree trägt? Ist 
das der Augenblick, für die Autorität in die Schran- 
ken zu treten, dieser Augenblick, wo man sich nicht 
gescheut hat, einem König eine Rede in den Mund 
zu legen, von der Frankreich widerhallen wird und 
aus der mit guter Logik hervorgeht, der Wille des 

Landaner, Briefe aus der französ. Revolation I 5 



66 MIRABEAU 



Königs (Mein mache das Gesetz? Kann man glauben, 
daß die Leute, die solche Grundsätze aufstellen, die 
Generalstaaten ehrlich wollen und vorbereiten? Ich 
habe die Ehre gehabt, es Ihnen zu sagen, Herr Graf, 
und ich habe es dem Herrn Großsiegelbewahrer*) 
wiederholt: Ich werde nie anders gegen die Parlamente 
den Krieg führen als in Gegenvxirt der Nation, Dann, 
und nur dann sollen sie, können sie auf ihren Cha- 
rakter als Diener der Justiz und nichts weiter, wenn 
es sein muß, mit Zwang zurückgeführt werden. Aber 
wenn wir an Stelle der Rechte, die sie uns usurpiert 
haben, nicht eine Verfassung erstehen sehen, die durch 
unsre Zustimmung sanktioniert ist, wer unter Männern 
von Ehre wollte die letzten Spuren unsrer sterbenden 
Freiheiten austilgen? Wenn der Wille eines einzigen 
künftig da^ Gesetz in der Monarchie machen soll, was 
brauchen wir uns in die Streitigkeiten mischen, die 
zwischen dem Monarchen und den Bevollmächtigten 
seines Willens entstehen? Was haben wir bei diesem 
Krieg zu verlieren ? oder vielmehr, wie sollten wir nicht 
den Widerstand der einzigen Körperschaften ermu- 
tigen, die die Mittel in der Hand behalten haben, 
sich mit diesem schrecklichen Willen auseinanderzu- 
setzen ? . . . 

. . . Gefährden Sie einen eifrigen Diener nicht, der 
an dem Tage, wo es gelten wird, sich dem Vaterlande 
zu weihen, seine Gefahren für nichts achten wird ; der 
aber um den Preis aller Kronen sich nicht in einer 
zweideutigen Sache prostituieren möchte, bei der das 

*) Der alte Rang und Titel des Justizministers. 




2. V0!IBERE1TUNÖ 67 

Ziel ungewiß, das Prinzip zweifelhaft, der Weg er- 
schreckend und finster ist. Äh! würde ich nicht das 
ganze bißchen Talent, von dessen Einfluß Sie sich 
eine übertriebene Vorstellung machen, zugrunde 
richten, wenn ich auf diese unbeugsame Unabhängig- 
keit Verzicht leistete, die allein mir Erfolge eingetragen 
hat und die allein mich meinem Vaterlande, meinem 
König nützlich machen kann! An dem Tag, wo ich, 
von meinem Gewissen gerufen und stark auf dem 
Grunde meiner Überzeugung, lediglich als Bürger, 
treuer Untertan und jungfräulicher Schriftsteller mich 
in den wogenden Kampf stürzen werde, werde ich 
sagen dürfen: Hört auf einen Mann^ der in seinen 
Grundsätzen nie gewankt^ der die Sache des Gemein" 
woHs nie verraten hat/ 



An den Herzog von Lauzun*) 

Ende Juli 1788. 

Ich habe heute morgen mit sehr lebhaftem Schmerz 
erfahren, Herr Herzog, daß Sie meine Haltung miß- 



*) Louis Armand von Gontaut, Herzog von Lauzun und von 
Biron, geb. 1747; auf Grund freiheitlicher Gesinnung (vielleicht 
auch der Lebensgewohnheiten) mit M. befreundet. Gleich ihm 
nahm er an der Vorbereitung und Durchführung der Revolution 
teil. Januar 1794 starb er auf dem Schafott. Seine Memoiren sind 
auch in deutscher Sprache erschienen. — Dieser Brief Mirabeaus 
an den Herzog von Lauzun kommt hier im vollen Wortlaut zur 
Wiedergabe, weil von ihm aus seine Haltung in der letzten Epoche 
seines Lebens, die nicht zum Abschluß kam, zu beurteilen ist. 
Was an der Schrift, die M. hier gegen den Herzog von Lauzun 



68 MIRABEAU 



billigen, und daß Sie aus Anlaß eines Pamphlets, das 
man mir zuschreibt*), eine Unruhe zeigen, die, so 
schmeichelhaft sie ist, mich darum nicht wenige 
betrübt. 

Herr Herzog, nicht nur müssen in öffentlichen An- 
gelegenheiten unter den besten Freunden die Mei- 
nungen frei sein, sondern es sind wesentliche Menschen 
nur die, die in allem Auf und Ab des Lebens ihre 
Grundsätze zu bewahren wissen; das weiß ich; das 
bekenne ich und übe es, was mich angeht. Das lasse 
ich meinen Freunden. 

Ich bin überzeugt, daß das auch Ihre (Grundsätze 
sind: was mißbilligen Sie also an meiner Haltung? 
an meiner Schrift? denn, wiewohl sie nicht vollständig 
von mir stammt, ist es doch sich^, daß sie ohne mich 
nie geschrieben worden wäre, und daß meine Feder 
alles davon verfaßt hat, was Theorie ist, alles, was 
charakteristisch ist. 

Meine Haltung ist einfach; ich sage, wie Sie wissen, 

yerteidigt, diesem unangenehm aufgefallen war, war der Kampf, 
den M. da für das Recht der Generalstaaten gegen das usurpierte 
Recht der feudalen Pariamente führte. Das Parlament yon Paris 
erschien dem Herzog und seinen Freunden und ganz allgemein 
dem Volk zu der Zeit als Vorkämpfer gegen die Königsgewalt 
und war ungemein populär. Mirabeau aber kam es vor allem auf 
die Einberufung der Generalstaaten, die Verfassung, die kon- 
stituierte Nation an, und so kämpfte er, nicht „in der Liyree 
der Regierung", sondern als Feind des Feudalismus, selbst in 
diesem Zeitpunkt — anonym — gegen das Pariament. — Was 
er bei alledem noch für Hintergedanken hatte, geht aus dem 
Brief selbst hervor. 

*) lUponae aux alarmes des bons eito^ens (^nhooH auf die 
Hüftruf t der guten Burger**), 



\. 



2. VORBEREITUNG 



69 



wie Sie gelesen haben: Wollt ihr eine gänzliche Revo- 
lution ? Ich bin der eure, vorausgesetzt, daß ihr zum 
Nutzen der Nation arbeitet, und daß alles General- 
staaten untergeordnet sei, die formell anzukündigen 
sind und deren Suprematie anerkannt werden muß; 
und da das erst nach feierlichen Akten, die keine Um- 
kehr gestatten, beurteilt werden kann, halte ich mich 
bis dahin zurück. — Habe ich Wort gehalten? frage 
ich Sie, Herr Herzog. — Aber Sie haben diese Bro- 
schüre geschrieben, werden Sie mir vielleicht sagen. — 
Nun, meinetwegen; was ist mit dieser Broschüre? — 
Eine Schmähschrift gegen das Parlament ist sie. — 
Eine Schmähschrift — nun, immer noch meinet- 
wegen, obwohl ich wollte, man führte aus ihr eine 
Verleumdung an. Und ohne dieses Ingrediens gibt 
es keine Schmähschrift. Aber wenn es schon eine 
Schmähschrift wäre — zum mindesten ist dies 
Pamphlet recht national; denn die Generalstaaten 
werden in ihr hingestellt als notwendig und unweiger- 
lich höchster Gesetzgeber, und es wird gefordert, daß 
sie periodisch alle Rechte der Souveränität haben. 
Schön; ich gebe zu, auf dieser Grundlage ein Libell 
geschrieben zu haben; und wenn es wahr sein könnte, 
daß diese Schrift inmitten des Parlamentsfanatismus, 
von dem alle Welt, besonders seit dem ebenso dummen 
wie gehässigen Überfall auf den Justizpalast*), er- 



t) Am 6. Mai 1788 waren zwei Parlamentsrate, die sich durch 
besondere Opposition hervorgetan hatten, Ooislart Ton Monsabert 
und Duval d*Espr4mesnil, in offener Parlamentssitzung verhaftet 
YfQfdf Pf M. erlaubte sjch troj^z dfesem MAftyrer^m über komjsche 



70 MIRABEAU 



griffen isl, dem Parlament wirklichen Schaden getan 
hätte — so will ich im Augenblick sterben, wenn ich 
weiß, was ich deswegen bereuen sollte. 

Aber, werden Sie vielleicht sagen, Sie haben zu 
Gunsten von Leuten zerstört, die nicht aufbauen wol- 
len. Dies ist, glaube ich, der stärkste Einwand, Herr 
Herzog, den man mir machen kann. Wollen Sie meine 
Antwort anhören: 

Diese Leute, das heißt die Minister, sind ehrlich 
oder sie sind es nicht; unsinnig oder voraussehend, 
allmächtig oder Spielball einer Intrige. Wenn sie die 
Nation nicht neu konstituieren wollen, ist ihr Vor- 
gehen unmöglich; sie werden unterliegen, und die 
Macht der Tatsachen wird uns von ihnen befreien, 
nachdem sie uns von den Quadratmützen befreit 
haben*). Das ist genug Gewinn. Haben sie keine 
Vernunft und finden dabei Unterstützung, so werden 
sie zur Gewalt übergehen — zu einer barbarischen 
Narrheit also, die niemals etwas Dauerhaftes hervor- 
gebracht hat, und die Freiheit der Nation wird da- 
durch nur um so schneller ihren Weg finden. 

Wenn sie abgetan sind, ist die königliche Autorität 
verloren und die Krise sehr nahe. 

Auf alle Fälle, was hätte uns besseres begegnen 
können ? und wie wollte man zu einer neuen Ordnung 

Seiten dieses letzteren zu lachen. Daß dieser aber auch im aktiven 
Sinn ein Ori^nal war, würde aus dem Brief Camille Desmoulins 
vom Juli 1789 hervorgehen, wenn er sich den kühnen Hanswurst- 
streich, der dort (siehe S. 146) berichtet wird, wirklich geleistet 
hätte. 

*) Von den Parlamenten nämlich. 



2. VORBEREITUNG 71 

der Dinge schreiten ohne einiges private Mißgeschick ? 
Denn ist nicht das größte Hindernis für das Rechte 
der Wandel zwischen dem Bösen und Guten, als wel- 
eher manchmal schlimmer ist als das Böse ? während 
hier alles fürs Gute bereit ist. Und was will überdies 
privates Mißgeschick besagen neben der Nation, die 
auf die Bühne tritt? Und ist in dem Kampf, der 
sich vorbereitet, der Despotismus der Macht nicht 
tausendmal mehr wert als der der Formen? 

Hätte ich also sogar diesen Schritt beschleunigt (das 
anzunehmen, wäre närrisch), so hätte ich auch noch 
meine Freude daran. Ah ! was hätte ich, ich bitte Sie, 
in die Wagschale gelegt, die ich zum Sinken gebracht 
hätte? Ein mittelmäßiges Pamphlet, ohne Namen, 
sehr eilig geschrieben, sehr schwach, sehr matt, ab- 
gesehen von den strengsten Grundsätzen der Freiheit, 
an die es sich hält — während ich an dem Tag, wo 
es gelten wird, den treulos oder tyrannisch gewordenen 
Despotismus zu treffen, von der ganzen Höhe aus zu- 
schlagen werde, die dann um all mein Schonen und 
all meine unnützen RSctschläge gewachsen sein wird, 
und dazu noch um die falschen Versprechungen, die 
mir für die Nation gemacht worden sind und die dann 
alle enthüllt werden. 

In Wahrheit, Herr Herzog, unterstehe ich mich 
zu glauben, daß kein Schwanken erlaubt war, und 
daß ich meinem Vaterland gut gedient habe, indem 
ich mich nicht der Märtyrerpalme auslieferte, und 
besonders, indem ich mich instand setzte, das Land, 
die Personen und die Pläne, aus denen uns nun bald 



72 MIRABEAU 



Krieg oder Frieden, Heilkrise oder Tod hervorgehen 
soll, etwas mehr aus der Nähe kennen zu lernen. 

Mit einem Wort, Herr Herzog, und dies ist allein 
für Sie und unsern Freund von Bellechasse*), ich ar- 
beite an einer Denkschrift über den frechen Betrug 
des Plenarhofes, selbst wenn man ihn als Provisorium 
betrachtet, und diese Schrift soll dem König in die 
Hand kommen ♦♦); über diesen Plenarhof, dessen Er- 
findung, man kann sich nicht mehr darüber täuschen, 
das Eingeständnis ist, daß man keine Generalstaaten 
will; wenn wir die letzte Maske von so viel Perfidien 
fallen sehen, das schwöre ich auf Ehre, soll diese Denk- 
schrift gedruckt werden, und zwar an dem Tage, wo 
der Abb6 von Perigord***) und Sie^s für angezeigt er- 
klären. Da wird alles enthüllt werden; da wird alles 
über die Dinge, die Personen, die Umstände, über 
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gesagt wer- 
den, so wie mein schwaches Auge sie erkennen kann. 
Das soll mein politisches Testament werden, denn 
nach der Veröffentlichung einer solchen Schrift lebt 
man nicht lange. Aber sie soll der Nachwelt sagen, 
ob ich ein Sklave war, und ob ich Sklaven machen 
wollte ! 



*) Talleyrand. 

**) Der Plenarhof war die Einrichtung, mit der das Ministerium 
Brienne aus eigener Machtvollkommenheit das Recht des Parla- 
ments einschränken wollte; er sollte sich aus Pairs, Prälaten, 
hohen Würdenträgern und Offizieren zusammensetzen, die alle 
der König ernennen sollte; diese Körperschaft sollte in letzter 
Linie die Gesetze, Edikte ußw. eintragen und dsiinit rechtsver-. 
bindlich machen. 
*♦*) Talleyrand. 




2. VORBEREITUNG 73 

Als einzigen Lohn für dieses Vertrauen bitte ich Sie 
inständig, nicht schnell über mich zu urteilen, auch 
unter den nebelhaftesten Umständen nicht, und zu 
glauben, daß der Mann, der Sie zu lieben und ehren 
weiß wie ich, nie aufhören wird, Ihre Achtung zu 
verdienen. 



An Mauvillon 

11. August 1788. 

... Sie werden vielleicht schon, ehe dieser Brief 
ankommt, erfahren haben, daß unsre Generalstaaten 
auf den 1. Mai 1789 einberufen sind. Der Beschluß 
des Rats ist seit gestern bekannt. Da ist die Nation 
binnen vierundzwanzig Stunden um ein Jahrhundert 
vorgeschritten. Ah, mein Freund! Sie sollen sehen, 
was das für eine Nation an dem Tag werden wird, 
wo sie konstituiert ist; an dem Tag, wo auch das 
Talent eine Macht sein wird. Ich hoffe, in dieser Epoche 
sollen Sie günstig von Ihrem Freund reden hören. 
Achten Sie auf mein Glaubensbekenntnis im achten 
Kapitel der Fortsettung der Anzeige der Agiotage*), 
die ich Ihnen mit andern Schriften habe zugehen 
lassen . . . 



*) M. meint die große Stelle, in der er das beste Mittel zur 
Unterdrückung des Börsenwuchers nennt und begeistert nach- 
drücklich mit dem Aufruf anhebt: Donnez, donnez d ce jtays 
une e^tityiion/ Oebt, (j gebt diesem Land eine Verfassnng/ 



74 MIRABEAU 



An den Buchhändler Levrault 
in Straßburg 

16. August 1788. 

... Es ist kein Zweifel mehr daran möglich, daß 
die Generalstaaten zusammentreten werden: ich frage 
Sie, wer würde sonst am 1. Mai 1789 bezahlen? Es 
ist der Regierung gegangen, wie ich es ihr so oft vor- 
hergesagt habe: Wenn ihr sie nicht zu Fuß wollt, 
werden sie zu Pferd kommen; indem sie den Versuch 
machten, sie hinauszuschieben, haben sie ihre Epoche 
schneller herbeigeführt, bis zur Überstürzung, und ge- 
wiß wird man es zu spüren bekommen. Was werden 
sie tun? Ohne Frage viele Dummheiten; aber was 
liegt daran? Die Nationen haben, wie die Kinder, 
ihr Bauchgrimmen, ihr Zahnen, ihr Quaken; sie bilden 
sich trotzdem. 

Die ersten Generalstaaten werden tumultuarisch 
sein, werden vielleicht zu weit gehen ; die zweiten wer- 
den ihren Fortbestand sichern; die dritten werden die 
Verfassung vollenden. Weisen wir das Bedürfnis nicht 
von uns, eine vollständige zu schaffen; wenn heute 
alles recht ist, wird morgen alles gesetzlich sein. Hüten 
wir uns vor allem vor der Gelehrsamkeit, verschmähen 
wir, was geschehen ist, suchen wir, was geschehen soll, 
und unternehmen wir nicht zu viel. Die Zustimmung 
der Nation zur Steuer und zu den Anleihen, die bür- 
gerliche Freiheit, die periodischen Reichsversamm- 
lungen: das sind die drei Hauptpunkte, die auf einer 



2. VORBEREITUNG 75 

bestimmten Erklärung der Rechte der Nation beruhen 
müssen; das übrige wird später kommen. 

Was meine privaten Anschauungen angeht, so will 
ich sie Ihnen — für Sie persönlich — rund heraus- 
sagen. Krieg den Privilegierten und den Privilegien, 
da haben Sie meine Losung. Die Privilegien sind nütz- 
lich gegen die Könige; aber sie sind verabscheuens- 
wert gegen die Nationen, und niemals wird unsre Na- 
tion öffentlichen Geist haben, solange sie nicht von 
ihnen befreit ist; da haben Sie den Grund, warum wir 
bleiben müssen, was ich persönlich in hohem Grade 
bin: monarchisch. Ah, gestehen wir's doch ehrlich, 
was wäre eine Republik, die aus all den Aristokratien 
zusammengesetzt wäre, die an uns nagen? der Hort 
der allerrührigsten Tyrannei. 

Sie werden es zur Genüge an dem inneren Krieg 
kennen lernen, der die Generalstaaten verzehren wird, 
besonders wenn die Regierung sich darauf versteift, 
sie nicht aus vielen Personen zusammensetzen zu 
wollen. Achthundert Personen (und unter dieser Zahl 
gibt es keine genügende Vertretung der französischen 
Nation) lassen sich leichter führen als dreihundert; 
fünf oder sechs Personen werden immer die Herde 
leiten, gleichviel, wie groß sie ist. Wenn sie klein ist, 
werden Privatstreitigkeiten größeren Einfluß haben; 
wenn zahlreich, so das Talent; und ohne zu bestechen 
(die man bestechen kann, sind nie das Bestechen wert), 
kann und muß sich die Regierung diese fünf oder 
sechs Mann sichern. 

Eine sehr tiefe und sehr erfreuliche Aussicht, was 



76 MIRABEAU 



Sie von dem kennzeichnenden Unterschied der Revo- 
lution, die sich jetzt vorbereitet, vor denen, die ihr 
vorhergegangen sind, sagen. Ich bin völlig Ihrer Mei- 
nung. Es hieße unser Zeitalter barbarisch zurück- 
schrauben, wenn man zu gewalttätigen Revolutionen 
seine Zuflucht nähme; der Unterricht genügt dank 
der Buchdruckerkunst, um all die Revolutionen durch- 
zuführen, die die Menschheit sich schuldig ist; und 
bei diesem Verfahren allein werden die Nationen 
nichts von ihren Errungenschaften verlieren. 



An Mauvillon 

21. August 1788. 

. . . Was die Albernheit der Berliner Zeitung an- 
geht, so bitte ich Sie, sie zu rügen, und sogar sehr ent- 
schieden. Das ist leicht; denn in diesem Betracht bin 
ich genau in der Lage jenes Mannes, der vom Parla- 
ment von Paris wegen Impotenz geschieden wurde 
und zu gleicher Zeit vom Parlament von Bordeaux 
verurteilt wurde, weil er einem Mädchen ein Kind 
gemacht hatte. Seit zehn und besonders seit sechs 
Monaten bin ich die Beute aller Verleumdungen der 
Welt, weil ich in Gesprächen den Parlamentsfanatis- 
mus nicht teile und nicht eine einzige Zeile für die 
Oppositionspartei geschrieben habe. In Wahrheit habe 
ich auch keine für die andere Seite geschrieben. Ich 
bin immer der Meinung gewesen, daß es zwischen dem 
König und dem Parlament eme arme kleine dunkle 



2. VORBEREITUNG 77 

Partei gibt, die die Nation beißt und der die Männer 
von gesundem Verstand und redlicber Meinung an* 
geboren sollten . . . 



An Mauvillon 

Paris, 27. August 1788. 

. . . Nun ist aucb dieser verrückte Erzbiscbof von 
Sens gestürzt*), und Necker ist an seiner Stelle König 
von Frankreicb. Nun, der verabscheut micb und bat 
seine Gründe. Es kann also sein, daß er mir in jeder 
Art den Eintritt in die Nationalstaaten unmöglicb 
macbt, was sieb gut tun läßt, da mein Vater nicbt tot 
ist, und dann weiß icb nicbts Besseres zu tun, als auf 
meinen großen Plan mit England zurückzukommen**). 

• . . Aber nocb einmal, man muß abwarten und ein 
bißeben darauf acbten, woher der Wind weht, denn 
zu Necker kann man wie zu Krösus sagen: „Willst 
du an dein unwandelbares Glück glauben, so warte 
die Stunde deines Todes ab!" Royalistisch oder na- 
tional: vor diese Wahl ist er gestellt. Ist er das erste, 



*) Die etwas starke Bezeichnung um des Wortspiels willen: 
Cet insena^ Archey§que de Sens. Es ist immer Lomönie de Brienne, 
ob er Erzbischof von Sens oder von Toulouse heißt. 

**) Er will, wie er schon in dem Werk über die Preußische. 
Monarchie getan und am 4. Oktober 1787 an Mauvillon geschrieben 
hat, „dadurch zur Aufklärung der Öffentlichkeit beitragen'*, daß 
er Beispiele aus dem Ausland erörtert, und denkt, um ein Werk 
über England zu schreiben, an einen mindestens dreijährigen 
Aufenthalt in England, und Mauvillon soll mit seiner Frau auch 
dahin übersiedeln. 



78 MlRABEAU 



80 ist er verloren; denn die Nation will vom Despo- 
tismus nichts mehr wissen, und die größte Macht eines 
Mannes, die man sich vorstellen kann, ist ohne die 
Dazwischenkunft der Nation nicht groß genug, um 
ein Defizit von 140 Millionen zu decken und 280 Mil- 
lionen Vorschüsse zu konsolidieren. Ist er das letzte, 
so wird sein Reich nicht von langer Dauer sein. Die 
Furcht, die trotz dem Widerstreben zu ihm ihre Zu- 
flucht genommen hat, wird ihn mit Hilfe des Grolls 
leicht wieder davonjagen. Vor allem glaube ich nicht, 
daß sein Talent den Umständen gewachsen ist, und 
seine Charaktermängel könnten im Notfall genügen, 
um sein Talent zu zähmen . . . 



An Mauvillon 

20. September 1788. 

... Sie sagen mir über die Angelegenheiten unsres 
Landes sehr weise Dinge, denen ich nichts erwidern 
kann. Es ist nur zu wahr, daß zwei oder drei Aristo- 
kratien sich mit dem König um die Haut des Volkes 
balgen. Es ist nur zu wahr, daß die Privilegierten alle 
so ziemlich einig untereinander sind, die Privilegien 
des Königs zu schmälern, aber unter dem Vorbehalt, 
sich mit all dem zu begaben, was sie ihm wegnehmen 
wollen. Es ist nur zu wahr, daß es überaus ungewiß 
und nebelhaft ist, etwas über die bevorstehende Na- 
tionalversammlung vorauszusagen. Es ist nur zu 
wahr, daß die Lose schwanken, daß es um unsre 




2. VORBEREITUNG 79 

Wiedergeburt oder unsern völligen Verfall geht, und 
daß der Wundermann, der jetzt den einzigen Minister, 
der eine Revolution zugunsten der Nation wollte,, 
gestürzt hat, weder ein den Umständen gewachsenes 
Talent noch eine Bürgerseele noch wahrhaft liberale 
Grundsätze hat. Aber vor allem, mein Freund, sage 
ich Ihnen, daß ich versuchen werde, auf meinem Posten 
eines Bürgers zu sein und da meine Schuldigkeit zu 
tun; ich schwöre, Sie sollen mit dem Mann, den Sie 
in all seinen Regungen und all seinen Schritten lieben, 
zufrieden sein. Aber ich werde mich dabei in die größ- 
ten Gefahren zu begeben haben, und ich sehe ihnen 
zwar kaltblütig, aber ohne Begeisterung entgegen. 

Vergessen Sie den Vorsatz nicht, mein lieber Major, 
daß, komme was will, die Analyse des preußischen 
Landrechts unser politisches Testament sein soll, und 
daß Sie da alle kühnsten Wahrheiten hineinlegen sol- 
len. Wir müssen es vollenden, der Menschheit unsre 
Schuld zu zahlen; und was für einen glücklicheren 
Domino könnten Sie sich wünschen ?*)... 



An Mauvillon 

22. September 1788. 

Kaum ist mein Epief fort, so erhalte ich den Ihren 
vom 11. September, der mir in mehr als einer Hinsicht 
eine Herzstärkung ist, als eine Art gute Vorbedeutung 

*) In späteren Briefen ist noch viel von diesem Werk die Rede, 
das nicht mehr zustande kam. 



8o MIRABEAU 



für das Urteil andrer Menschen von gesundem Ver- 
stand. Ich fürchte nichts für meine persönliche Sicher- 
heit» mein lieber Major; sie haben an zu viele Dinge 
zu denken, und ich bin kein so dunkles und unreines 
Opfer, daß es völlig gefahrlos wäre, mich zu treffen. 
Aber man wird auf alle Weise hindern wollen, daß ich 
in die Generalstaaten komme, in denen mich nützlich 
und sogar nötig zu finden ich anmaßend genug bin; 
und die Feigheit der meisten Körperschaften, die unsre 
Provinzen mit ihrer öffentlichen Gewalt oder ihrem 
Einfluß regieren, wird sich nur allzu gern mit der 
gehässigen Pflichtvergessenheit des Ministers in Ver- 
schwörungen einlassen. Das ist meine bohrendste 
Unruhe, die im Verein mit mehr als einer Verlegenheit, 
wie sie aus der Stockung aller Geschäfte, aus der Übeln 
Lage all meiner Freunde und aus dem Aufhören fast 
all meiner Ministerbeziehungen sich ergeben, immerzu 
ein Gewebe von Widerwärtigkeiten und Aufregungen 
herstellt, von denen ich den Kopf mehr als genug 
voll habe. Dabei ist meine Haltung einfach und wird 
es bleiben. Ich würde das Gemeinwohl selbst aus den 
Händen Ahrimans annehmen. Ich werde mich also 
bis zur Nationalversammlung ruhig verhalten, wenn 
nicht irgendein großer Akt der Tyrannei oder ein 
gar zu verderblicher Scharlatanismus dazwischen- 
kommt, und ich werde mit allen Mitteln versuchen, 
auf meinen Bürgerposten zu gelangen; und dann 
komme, was da wolle: sicherlich werde ich im ganzen 
Umfang meine Schuldigkeit tun, gleichviel, was sich 
daraus ergibt . . . 




2. VORBEREITUNG 8l 

An Mauvillon 

22. Oktober 1788. 

... Im ganzen vergessen wir Menschen zu sehr, und 
Sie, wenn Sie von Frankreich und den Franzosen 
reden, vergessen zu sehr, daß kein Mensch und, darf 
man sagen, kein Werk völlig verderbt ist. Wir sind 
eine seltsame Mischung aus Ormuzd und Ähriman 
oder, philosophischer zu reden, aus dem himmlischen 
Geist Gottes, der eine unvollkommene und rebellische 
Materie beseelt. Daher sollten wir niemals weder zu 
sehr bewundern noch zu sehr Verachten. Und noch 
weniger sollten wir verzweifeln oder hassen. Drei Wege 
sollen uns zu einer unwandelbaren Nachsicht führen: 
das Bewußtsein unsrer eignen Schwächen; die Vorsicht, 
die sich fürchtet, ungerecht zu sein, und die Lust, etwas 
Rechtes zu vollbringen, die, da sie die Menschen so 
wenig wie die Dinge umschmelzen kann, suchen muß, 
alles, was ist, wie es ist, zunutze zu machen. Ich 
fühle mich verpflichtet, diese äußerste Duldung künf- 
tig auf alle philosophischen und religiösen Meinungen 
anzuwenden. Es gilt, die schlechten Taten zu unter- 
drücken, aber die schlechten Ansichten und vor allem 
das schlechte Denken zu dulden. Der Fromme und 
der Atheist, der Ökonomist und auch der Reglemen- 
tierer dienen dem Aufbau und der Lenkung der Welt 
und sollen den Köpfen, die mit rechtschaffenem Ehr- 
geiz begabt sind, dazu dienen, soviel es unsre Schwäche 
vermag, zum Wohlergehen des Menschengeschlechts 
beizutragen. Dulden wir also die Schriftsteller aller 

Landauer, Briefe aus der französ. Revolution I 6 



82 MIRABEAU 



Art: sie appellieren an die Vernunft, sehr gut; wir 
werden vernühftig zu ihnen reden; sie rufen die Frei- 
heit an, noch besser; wir werden ihnen sagen, daß die 
Freiheit des Denkens, des Schreibens, vor allem des 
unschuldigen Tuns, die Freiheit der Arbeit und des 
Handels die Seele der Politik bilden. Sie werden in 
die Hände klatschen und es uns nachsprechen, und 
ihre Schüler werden dasselbe tun. Dulden vh" ebenso 
sogar die Leute mit dem Rosenkranz; sie beten die 
Vorsehung an, ganz recht, sehr vernünftig! Wir wer- 
den ihnen sagen, daß sie ganz und gar wohltätig ist 
und daß sie uns vorschreibt, ihrem Beispiel zu folgen; 
daß sie den Menschen mit Bedürfnissen ausgestattet 
hat; daß sie uns verpflichtet, ihn nicht zu hindern, 
wenn er sie befriedigen will; daß sie ihm Rechte ge- 
geben, Pflichten auferlegt hat; und wir werden aus 
unsrer hilfreichen Philosophie eine Religion, einen 
Kultus machen. Wahrhaftig, in einem gewissen Sinn 
ist mir alles recht; Ereignisse, Menschen, Dinge, Mei- 
nungen; alles hat einen Henkel, eine Handhabe. Ich 
werde zu alt, um den Rest meiner Kraft in Kriegen 
zu verbrauchen. Ich will sie dazu verwenden, denen 
zu helfen, die helfen, und mir sogar von denen helfen 
zu lassen, die nur schwächlich daran denken, und will 
ihnen einreden, sie seien sehr nützlich gewesen. Was 
liegt mir unter andern Bedingungen am Ruhme, den 
man ja selbst wieder nur als Werkzeug gebrauchen 
soll? Es wäre Eitelkeit, einen andern Gebfauch von 
ihm zu machen. Exkommunizieren wir niemanden, 
und gesellen wir uns zu jedem, der eine gesellige Ader 



2. VORBEREITUNG 83 

hat. Schlecht ist^ was schadet; gut ist, was nützt. Wir 
müssen uns hüten, gegen andre Schulen feindselig zu 
sein*). Der Nachwelt bleibt es vorbehalten, den Rang 
anzuweisen. Unser Geschäft ist, das Reich des Eigen- 
tums, der Freiheit und der gegenseitigen Hilfe, wenn 
wir können, um ein paar Jahre, um ein paar Monate, 
um ein paar Tage schneller kommen zu lassen . . . 



An Mauvillon 

8. November 1788. 

. . . Denken Sie manchmal darüber nach, mein 
Freund, in welch seltsamer Lage sich Frankreich be- 
findet? Nichts Außerordentlicheres; nichts Bemerkens- 
werteres! Die Frage, die uns erregt (die Art der Be- 
rufung der Nationalversammlung), steht in Beziehung 
zu den unbekanntesten Teilen unsrer Geschichte; sie 
steht in Beziehung zu den wichtigsten Grundsätzen 
der Gesellschaftsordnung. Sie wird über den Cha- 
rakter entscheiden, den die Revolution, die bei uns 
am Werk ist, annehmen wird; wird in ihr die Ver- 
nunft oder die Vorurteile, das allgemeine Interesse 
oder die Privatinteressen vorherrschen lassen, unser 
Jahrhundert vorwärts bringen oder zurück. Ein außer- 



*) Die Betrachtung schließt an Mauvillons Absicht an, in das 
Werk, das sie vorbereiten, ein Kapitel über die Physiokratie ein- 
zufügen. M. stimmt zu, warnt aber vor Intoleranz gegen andre 
Richtungen. „Die Intoleranz der französischen Nationalökonomen 
hat der Wissenschaft sehr geschadet.*' 

6* 



^4 MlRABfiAÜ 



ordentliches Tribunal ist eingesetzt, um darüber zu 
befinden. Zum erstenmal ist jedermann zum Reden 
und Schreiben aufgefordert. Aber dieser Prozeß der 
Nation gegen die Nation selbst muß binnen nicht ganz 
zwei Monaten anhängig gemacht und entschieden sein! 
Das ist die Macht der Verhältnisse! Das ist der Eil- 
marsch der Ereignisse! 

Frankreich ist nur noch zu regieren durch die 
Generalstaaten; wir wollen als Körperschaft der Na- 
tion versammelt sein, aber wir wissen nicht, wie wir 
uns dabei zu verhalten haben. Gewiß liegt hier keine 
wirkliche Schwierigkeit vor. Aber sicherlich wird sie 
eines Tages unsern Enkeln sehr bizarr vorkommen, 
und sie darf die Ausländer nicht verleiten, ein Vor- 
urteil gegen eine Revolution zu haben, die sich mit 
einem solchen Vorspiel eröffnet. 

Sehen Sie nur, lassen Sie sich von mir zeigen, mein 
Freund, wie viele Umstände hätten eintreten und be- 
wirken können, daß die Frage, die uns jetzt teilt, gar 
nicht an uns herangetreten wäre. 

Hätten wir unsre Generalstände beibehalten wie 
eine benachbarte Nation, die vom nämlichen Punkt 
ausgegangen ist wie wir, um sich zu ihrer gegenwär- 
tigen Verfassung zu erheben, so hätten sie sich mit 
Notwendigkeit auf Grund der nämlichen Bedürfnisse 
und gemäß den nämlichen Grundsätzen ausgestaltet; 
wie die Engländer hätten wir vielleicht die mangel- 
hafteste Vertretung behalten. Aber wenigstens hätte 
sich die Nation in Besitz ihrer Rechte gesetzt, der 
dritte Stand wäre nicht mehr der letzte; er wäre die 



i 



2. VORBEREITUNG 85 

gesetzgebende Gewalt unter dem Namen der Gemeinen 
von Frankreich, 

Hätte der König 1787 statt einer Notabelnversamm- 
lung die Nation selbst berufen, um ihm seine Rechte 
wieder zu verschaffen, so hätte er, in der Zahl, die 
einem so großen Reich entspricht, und in dem Ver- 
hältnis, das dem Gemeinwohl seinen Vorrang gesichert 
hätte, alle Stände des Königreichs berufen, und die 
Nation hätte sich im Rausch ihrer Dankbarkeit nicht 
anders daran erinnert, daß sie einstmals Herren hatte, 
als daß sie sich zu einer neuen Verfassung Glück ge- 
wünscht hätte, deren Gerechtigkeit und Weisheit die 
Übel und Gefahren der alten noch besser beleuchtet 
hätten. 

Hätte sich noch in diesem Jahre, in den Aufruhr- 
bewegungen, deren Nachwehen wir jetzt noch durch- 
machen, das Reich wie die Dauphin^, die so schönen 
Unterricht und noch nützlichere Beispiele gegeben hat, 
gewaltsam versammelt, so hätten wir bei diesem ersten 
Schritt lediglich den gesunden Menschenverstand zu 
Rate gezogen, der die gegenseitigen Rechte mit Leich- 
tigkeit zum Verständnis bringt: wir hätten weder Zeit 
noch Lust gehabt, die Kanzleien unsrer Kreisämter 
zu Rate zu ziehen, und ehe wir eine andre Versamm- 
lung konstituiert hätten, hätten wir erst eine gehabt, 
in der das Volk seinen legitimen Vorrang gehabt hätte, 
weil allein das Volk ihre Kraft ausmachen konnte. 

Hätten sich schließlich all die Denkmäler unsrer 
Vertretungen aus längst vergangenen Zeiten an einem 
einzigen Aufbewahrungsort zusammen befunden, so 



86 MIRABEAU 



hätte ein großes Feuer sie verzehren' können, und 
wir brauchten unsre Vernunft nicht mehr damit zu 
verwirren. 

Unser Unglück kommt also daher, daß wir alte 
Archive bewahrt haben, daß wir früher Versammlungen 
gehabt haben, die sich zu behaupten wußten; daß wir 
nicht durch einen Bürgeraufstand gemacht haben, was 
wir jetzt auf gesetzlichem Wege machen. Ohne das 
wyrde kein Mensch uns das Recht streitig machen, uns 
unsrer Fortschritte zu bedienen, um für die Verfassung 
zu sorgen, die wir uns geben wollen; und der König 
würde um derselben Sache willen gesegnet, gegen die 
er jetzt so heftigen Widerstand erleben muß. 

Und doch, von welcher Bedeutung, von welch furcht- 
barer Entscheidung ist die Wahl, die man treffen wird! 

Erhält die Nation eine gerechte, verständige Ver- 
tretung, die das rechte Verhältnis zwischen den ver- 
schiedenen Gliedern des Staats herstellt und die den 
großen Wirkungen entspricht, die aus ihr hervorgehen 
sollen, so wird das ehrerbietigste Vertrauen sich an sie 
knüpfen; denn die Gegensätze, von denen man so viel 
Lärm im voraus macht, zerstieben schließlich in der 
allgemeinen einmütigen Begeisterung; diese Vertretung 
wird durch die Dekrete dieser Versammlung selbst 
besser werden; da sie keine Richtung zum Schlechten 
hat, wird sie außerordentlich viel Gutes stiften; der 
Geist des Jahrhunderts wird gründlich in die Be- 
ratungen einer solchen Versammlung eingehen; und wir 
werden es sein, die mit unserm Beispiel den andern 
freien Nationen Europas die Reform bringen werden. 



2. VORBEREITUNG 87 



Entschließt man sich hingegen zu dän Ständen von 
1614, wie die Parlamente es so sehr begehren, die die 
Generalstaaten nur zur Nutzlosigkeit verdammen wol- 
len (ich nehme einen Augenblick an, der Plan sei auf 
den jetzigen Zustand des Reichs so anwendbar, wie 
er es in keiner Hinsicht ist), so werden wir, soweit es 
an uns liegt, wieder zu einem feudalen Volke: die 
frische Lebendigkeit unsrer Aufklärung haben wir 
dann nur erfahren, um sie der Hinfälligkeit unsrer 
alten Vorurteile zu unterwerfen. Ein Teil der Nation 
kann dann noch versuchen, den andern zu unter- 
drücken; dieser kann dann endlich all die Unbill, die 
man ihm antut, spüren und seine Rechte an seiner 
wirklichen Macht messen. Diese Versammlung, von 
drei Vierteln der Nation nicht anerkannt und schlecht 
organisiert, wird an die großen Reformen, die not tun, 
zu rühren nicht wagen oder nicht vermögen. Nach 
langen Wirren wird sie einer andern Platz machen 
müssen, die den guten Prinzipien besser entspricht, 
wenn ihre schimpflichen Debatten sie nicht so unfähig, 
sie zu erkennen, wie unwürdig, sie zu beschließen, 
gemacht haben; und wir werden dann zu dem zurück- 
kehren, was zehn oder zwölf rechte Bürger heute vor- 
schlagen: werden dazu zurückkehren, sage ich, wenn 
es noch Zeit dazu ist. 

Da haben Sie, was uns beschäftigt. Wundern Sie 
sich nicht, mein Freund, daß meine ganze Zeit diesen 
Dingen gilt. Wundern Sie sich auch nicht, daß ich 
nichts darüber veröffentliche. Mein Entschluß ist un- 
widerruflich gefaßt, nichts über die Fragen, die uns 



88 MIRABEAU 



trennen, und im allgemeinen über die Nationalver- 
sammlung drucken zu lassen, solange ich nicht sicher 
bin, ob ich ihr angehöre oder nicht; weil ich durch 
meine Schuld keinen einzigen Grund schaffen will, von 
ihr ausgeschlossen zu sein; die Rolle des Mitspielers 
ist unter diesen Umständen von ganz andrer Be- 
deutung als die des Einhelfers. 

Verzeihung, mein Liebster, über all dieses lange Ge- 
kritzel. Aber abgesehen davon, daß es Sie von Haus 
aus interessieren muß, da ich wünsche, daß Sie mit 
unbeschränktester philosophischer Freiheit in dem 
Werk über das Landrecht das Gesetzgebungsrecht 
der Nation, das Vertretungsrecht der Nation, das 
Steuerrecht der Nation, mit einem Wort die unver- 
äußerlichen und unverbrüchlichen Menschenrechte 
und Völkerrechte behandeln, habe ich geglaubt, es 
wäre nicht übel, Ihre Ideen über den Stand der Dinge 
bei uns etwas rege zu machen, von dem Ihre zu über- 
triebene Verachtung gegen die französische Atmo- 
sphäre, die unbestreitbar für alle denkenden Menschen 
die interessanteste Europas wird, Sie gar zu sehr ent- 
fernt . . . 



Herr De Comps, Mirabeaus Sekretär, 

an Mauvillon 

Paris, 28. Januar 1789. 

Der Graf von Mirabeau, der verreist ist, um an 

der Ständeversammlung seiner Provinz teilzunehmen. 



% 



2. VORBEREITUNG 89 

bittet mich, mir die Ehre zu geben, Sie zu benach- 
richtigen, daß er Ihnen binnen einem Monat nicht 
wird schreiben können. Ich erhielt einen Brief von 
ihm, der mir seine Ankunft in Aix mitteilt. Er ist 
dort als Triumphator eingezogen, das Volk ist vor ihm 
hergezogen und hat ihn unter den schmeichelhaftesten 
Zurufen zu seinem Hotel getragen, und immer wieder 
ertönten Rufe: Es lebe der Verteidiger, der Schutz- 
engel des Volkes! Ich teile Ihnen diese Einzelheiten 
mit, geehrter Herr, weil ich glaube, daß Ihr Herz an 
ihnen Anteil nimmt. Herr von Mirabeau beschwört 
Sie, Ihre Arbeit über das Landrecht nicht zu ver- 
gessen. Er beschäftigte sich damit unmittelbar vor 
seiner Abreise, mit der Wärme, die ein so nationales 
Werk verdient. Möchten Sie, geehrter Herr, heute 
Franzose werden wollen, möchten Sie sich herbei- 
lassen, eine der Stützen unsrer Freiheit zu sein! 
Ihre Erfolge, die die unsern sein werden, werden 
Ihnen ein mächtiges Anrecht auf die öffentliche 
Dankbarkeit gewähren, deren Achtung Ihnen aus 
so vielen Gründen gesichert ist. 

Ich bin usw. 

De Comps. 



An Mauvillon 

Paris, Februar 1789. 

Nun bin ich zurück, lieber Herr Mauvillon, für einen 
Augenblicjf jiur, denn unsre Stände sind vertagt, 



90 



MIRABEAU 



und in diesen feierlichen Tagen des Sturms und der 
Wiedergeburt muß man auf seinem Posten sein; aber 
um es zu können, muß man seine Privatsachen in 
Ordnung haben, und um derentwillen habe ich in 
einem Monat 800 Meilen fahren müssen, um unter 
der Last meiner öffentlichen Funktionen nicht zu 
platzen. Seltsames Los, das ich habe, immer treibende 
Kraft einer Revolution zu sein, und immer zwischen 
einem Misthaufen und einem Palaste! . . . 

. . . Die Sendung mit meinen Reden in den Ständen 
der Provence, die ich Ihnen heute zugehen lasse, soll 
Ihnen zeigen, welches Maß ich in meiner öffentlichen 
Laufbahn halte und welchen Weg ich eingeschlagen 
habe. Ich war nichtsdestoweniger in Gefahr, von 
den Priestern und Adligen umgebracht zu werden. 
Sie können sich die Wut und die Anstrengungen der 
Aristokratie nicht vorstellen. Das sind die Zuckungen 
des sterbenden Turnus. 

Die Kälte ist überall dieselbe gewesen; es sieht 
aus, als sei der Racheengel über das Geschlecht der 
Menschen gekommen ... 



Ik^ 



3- In der Revolution 



Correspondance entre le Comte de Mirabeau et le Comte de la Marck 
pendant les annöes 1789, 1790 et 1791. Paris 1851. 
Mauvillon, a. a. 0. — Lucas- Montigny, a. a. 0. 



An einen Unbekannten 

. Mai 1789. 

Es ist sehr gütig von Ihnen, mein Lieber, daß Sie 
sich über all die Gräßlichkeiten der Herren Bericht- 
erstatter aufregen. Seit langem betrachte ich diese 
schmutzigen Schmähungen als die Erträgnisse meiner 
Ritterschaft. Wehe, mein Lieber, wehe jedem, der 
versuchte, eine Revolution zu machen, und nicht ver- 
leumdet würde! Mir geht es schlimmer, ich werde in 
jedem Sinn, mit der ganzen Wut des Hasses und der 
ganzen Rührigkeit der Intrige verfolgt. Ich werde 
bei der Prüfung der Mandate hundert Angriffen aus- 
gesetzt sein, sie werden mir nicht einmal von seiten 
der Gemeinen*) erspart bleiben, und, lassen Sie es 
mich Ihnen, dessen Urteil über mich zu gütig ist, 
sagen, sie werden vielleicht die Schmach und das Un- 
glück haben, Erfolg damit zu haben. Was die privi- 
legierten Stände angeht, so macht man da nicht so 
viel Federlesens. „Man muß sich des Herrn von Mira- 

beau entledigen!" das ist die Parole Aber wie ? — 

Wer wird es besorgen? — Wer? Ach, mein Gott, 
fließt der Fluß nicht für jedermann? — Da haben Sie 
eine Rede, die bei den vornehmsten Persönlichkeiten 



*) Lea Communea übersetzt man für französische Verhältnisse 
gew<Shnlich mit dritter Stand. Es ist aber nicht bedeutungs- 
los, wenn M. zwar von den privilegierten Ständen, von dem 
Bürgertum aber nicht als von einem Stand unter Ständen 
spricht. 



94 MIRABEAU 



von Versailles geführt worden ist. Wahrlich, 

mein Los ist bizarr. Wenn Sie auf die Privilegierten 
hören, so war es meine „unheilvolle und hinterlistige 
Beredsamkeit", die die Gemeinen in dem System 
der Unerschütterlichkeit festgehalten hat, das sie, 
die Wahrheit zu sagen, doch noch immer in beträcht- 
liche Verlegenheit setzt. Wenn Sie auf die Gemeinen 
hören, sogar auf die Ehrenmänner unter ihnen, 
so wird Herr von Mirabeau „die öffentliche Sache 
mit seinem Übereifer verderben; er sagt treffliche 

DiÄge, aber mit einer Hitze !" Und was hat 

die Hitze dieses Brandstifters zuwege gebracht? — 
Das Nichtstun der Gemeinen, die, wenn sie etwas ge- 
tan hätten, ehe sie einen Plan, Einigkeit, Geschlossen- 
heit, Harmonie gehabt hätten, sich bei jedem Schritt 
ihren Feinden ans Messer geliefert und sich zum Ge- 
lächter Europas und zur Geißel des Königreichs ge- 
macht hätten, zu allem ohnmächtig außer zum 
Schlimmen, und, mit einem Wort, der Regierung 
keine andere Wahl gelassen hätten, als sie auf- 
zulösen. 

Eine stolze und schwere Aufgabe hat übernommen, 
wer zum öffentlichen Wohl klimmen will, ohne irgend- 
eine Partei zu schonen, ohne dem Götzen des Tages 
Weihrauch zu streuen, ohne andre Waffen als Ver- 
nunft und Wahrheit, in beständiger Achtung vor 
diesen, in Achtung vor nichts als diesen, ohne andre 
Freunde als sie, ohne andre Feinde als ihre Gegner, 
keinen andern Herrscher anerkennend als sein Gewis- 
sen und keinen andern Richter als die Zeit. Wohlan! 



3. IN DER REVOLUTION 95 

vielleiclit unterliege ich in diesem Unternehmen, 
aber zurückweichen werde ich nicht! 

Sie wünschen, daß ich Ihnen etwas über die Zu- 
kunft voraussage. Der Horizont ist sehr dunstig, das 
ist nicht möglich. Hätte Herr Necker auch nur 
im geringsten Talent und schlimme Absichten gehabt, 
so hätte er binnen acht Tagen 60 Millionen Steuern, 
150 Anleihen gehabt, und am neunten wären wir 
aufgelöst gewesen. Hätte Herr Necker auch nur 
im geringsten Charakter, so wäre er unerschütterlich, 
marschierte mit uns, anstatt unsre Sache preis- 
zugeben, die seine Sache ist, würde Kardinal Richelieu 
über den Hof und wäre der Mann, dem wir unsre 
Regeneration verdankten. Hätte die Regierung auch 
nur die geringste Geschicklichkeit, so würde sich der 
König als Mann des Volks erklären, anstatt daß er 
ahnen läßt, daß er das Gegenteil ist, und in Wahr- 
heit waren wir geneigt, den zweiten Band Dänemarks 
zu spielen*). Statt dessen werden sie um die Wette 
das wunderbare Diktum jenes Macchiavelli wahr 
machen, der alles gesehen hat: „Alles Übel in dieser 
Welt kommt daher, daß man nicht gut genug oder 
nicht schlecht genug ist", und ihre weichliche Unent- 
schlossenheit wird den Bürgerkrieg über uns bringen, 
wenn sie sich nicht vorsehen. 

Im übrigen ist jeder der privilegierten Stände in 
seinem Charakter und spielt seine Rolle. Der eine 



*) M. denkt gewiß an die Popularität des jungen Königs Fried- 
rich VI. und die durchgreifende innere Erneuerung des Reiches 
durch das Ministerium Bernstorff. 



96 MIRABEAU 



haut mit dem Säbel drein, der andre geht mit Listen 
vor. Was uns angeht, so warten wir noch, welches 
die erste Bewegung sein wird, von der auszugehen ist. 
Das ist ebenso ungewiß wie von überragender Wichtig- 
keit. 



An MauviUon 

16. Juni 1789. 

Die Köpfe erhitzen sich ungeheuer, und man 

ist gereizt, daß ich immer bei den gemäßigten Par- 
teien bin. Aber ich bin dermaßen überzeugt, daß es 
einen enormen Unterschied ausmacht, ob man auf der 
Landkarte oder in Wirklichkeit auf der Erde reist; ich 
bin dermaßen überzeugt, daß unsre Auftraggeber sich 
äußerst wenig für unsre metaphysischen Diskussionen, 
so wichtig sie sein mögen, interessieren, und daß wir 
nur wahrhaft auf ihren Beistand zählen können, 
wenn wir ohne Umschweife den Topf aufs Feuer 
stellen; ich bin dermaßen überzeugt, daß das beste 
Mittel, die Revolution zimi Scheitern zu bringen, 
darin besteht, zu viel zu verlangen: daß ich diesen 
ehrenhaften Vorwurf noch lange verdienen werde; 
aber ich beziehe mich in diesen Stücken auf meine 
Briefe an meine Auftraggeber*) und auf Ihr ausge- 
zeichnetes Urteil . . . 



*) Sofort bei Zusammentritt der Generalstaaten hatte M., ohne 
um Erlaubnis zu fragen und ohne es der Zensur einxureichen, 
ein Blatt gegründet: Journal des Etats ffhUraux; er sprach 
kühn aus, in Anwesenheit der Nation, die durch ihre Del^ierten 



3. IN DER REVOLUTION QJr 

. . . Bis in den Grund des Herzens empfinde ich 
die Wahrheit und Freundschaft, die in den letzten 
zwei Seiten Ihres Briefes zum Ausdruck kommt. 
Es ist sicher, daß die Nation nicht l*eif ist. Die grenzen- 
lose Pfuscherei, das erschreckende Durcheinander der 
Regierung haben die Revolution ins Treibhaus ge- 
setzt; die Revolution hat unsre Fähigkeit, unsre 
Ausbildung überholt. Ich richte mein Verhalten 
darnach . . . 



An Mauvillon 

Mitte September 1789. 

. . . Meine Angelegenheit, meine Pläne und meine 
Aussichten, mein lieber Major, haben eine solche Ge- 
stalt angenommen, daß es völlig unmöglich ist, mich 
darüber schriftlich zu erklären. Es ist dafür eine Reise 
nötig, und zwar die eines vertrauten Mannes. Sie 
werden dann erfahren, daß ich mehr als vielleicht 
irgendein anderer Sterblicher daran gesetzt habe, 
eine Revolution ins Werk zu setzen, zu verbessern und 
auszubreiten, die mehr als irgendeine andere das Men- 
schengeschlecht vorwärts bringen wird. Sie werden 



über ihr Schicksal berate, müsse die Zensur ausgeschaltet sein; 
das Blatt wurde zwar nach der zweiten Nummer unterdrückt; 
aber um noch deutlicher zu sagen, daß er auch für die gedruckten 
Äußerungen der Volksvertreter uneingeschränkte Freiheit ver- 
lange, gab er das Blatt von der dritten Nummer an unter dem 
Namen: Briefe an meine Außraggeber heraus; nun blieb es un- 
angefochten. 

Landauer, Briefe aus der franzöa. Revolution I 7 



gS MIRABEAU 



dann auch sehen, daß Sie mir nicht einen Augenblick 
lang aus Kopf und Herzen geschwunden sind, und 
daß das, was Ihnen lange wie die elektrischen Ein- 
fälle eines sehr lebhaften Kopfes vorkommen durfte, 
der Entwurf eines tatkräftigen Philanthropen war, 
der alle Möglichkeiten, alle Umstände, alle Zufälle 
eines sonderbar seltsamen, und an Bizarrerien und 
Eigenheiten überreichen Lebens für sein Ziel zu nutzen 
gewußt hat . . . 

. . . Leben Sie wohl, mein guter und trefflicher 
Freund, lieben Sie mich; lieben Sie die Freiheit; 
lieben Sie Ihre Freunde; lieben Sie die Menschheit, 
und zählen Sie für sich und die Ihrigen stets auf meine 
unwandelbare Ergebenheit. 



An seinen Oheim*) 

15. Oktober 1789. 

Ich war immer wie Sie, mein lieber Oheim, und jetzt 
viel mehr als je der Meinung, daß das Königtum der 
einzige Rettungsanker ist, der uns vor dem Schiff- 
bruch bewahren kann. Welche Anstrengungen habe 
ich aber auch gemacht und mache ich jeden Tag, 
um die ausführende Gewalt zu stützen und ein Miß- 



*) Die Familie der Riqueti von Mirabeau hat mehr als einen 
beträchtlichen Mann hervorgebracht; so außer dem Vater des 
großen Mirabeau auch dessen Bruder, den Malteserritter von 
Mirabeau, der später nur immer der Baüli, das heißt der Komtur 
von Mirabeau genannt wurde. Er lebte von 1717 bis 1794. 



3. IN DER REVOLUTION 



99 



trauen zu bekämpfen, das schuld ist, daß die National- 
versammlung über ihre Schranken hinausgeht . . . 

. . . Was Sie mir über die Überstürzung der Be- 
schlüsse des 4. August sagen, entspricht ebenfalls 
völlig meinen Grundsätzen*), ich kann jedoch nicht 
glauben, daß die Versammlung, selbst wenn nicht 
der größte Teil des Reiches diesen Beschlüssen zu- 
gestimmt hätte, ihre Befugqisse überschritten hat. 
Anstatt einer Verzichtleistung, die viel weniger 
feierlich ist als ein Dekret, hätte ich gewollt, daß alle 
Fragen, die Privilegien und Lehen, Besitztümer, 
auf welchen Lasten ruhen, betreffen, diskutiert 
worden wären; man hätte nicht weniger zerstört**), 
aber man hätte weniger Voreingenommenheit er- 
regt; jeder Teil hätte durch die Versöhnung der 
Geister wiedergewonnen, was er durch Opfer ver- 
loren hätte; man hätte zum wenigsten die Gefahr 
vermieden, das entstehende Gebäude der Freiheit 
unter einem Trümmerhaufen zu begraben. 

Nicht daß ich das geringste Bedauern über die 
Abschaffung all der Reste vom Feudalsystem hätte, 
lieber Oheim; ich kenne Ihre achtenswerten Grund- 



*) An der Sitzung in der Nacht des 4. August hat M. nicht 
teilgenommen; er war bei einem Familientag aus Anlaß des 
Todes seines Vaters. 

^*) Das nteJU ist eine Konjektur des deutschen Herausgebers, 
die von der Logik des Zusammenhangs und von der Vergleichung 
mit andern Äußerungen Mirabeaus über denselben Gegenstand 
trotz dem gleich darauf folgenden Trümmerhaufen geraten scheint. 
Bei Lucas- Montigny, den vielleicht gerade der Trümmerhaufen 
irregeführt hat, ist zu lesen: „man hätte weniger zerstört.** 

7* 



100 MIRABEAU 



sät^e über diesen Punkt: Sie meinen, ein Lehensherr 
sei Bur ein nützlicher Beschützer seiner Vasallen; 
und» indem Sie andere nach sich, Grundsätze nach 
Ihrem Herzen, das, was möglich ist, nach dem, 
was Sie tun, beurteilen, fürchten Sie, daß das Land- 
volk künftig der ganzen Gefräßigkeit der Juristen und 
allen Räubereien der Wucherer wehrlos ausgesetzt sei. 
Aber wollen Sie doch bedenken, lieber Oheim, daß 
zum Unglück der Menschheit Herren, die Ihnen ähn- 
lich sind, überaus selten sind; wollen Sie sich doch 
erinnern, wie groß seit einem Jahr die außerordentliche, 
die unfaßbare Raserei des Adels gewesen ist; wie er 
sich hintereinander mit den Parlamenten, die er 
nicht hätte verteidigen sollen, mit dem Hof, dem er 
nicht hätte dienen sollen, verbündet hat; und Sie 
werden ohne Mühe begreifen, daß seine Vernichtung 
sein eigenes Werk ist. Kein einziges Mitglied der 
Gemeinen ist nicht mit sehr maßvollen Gesinnungen 
in die Nationalversammlung gekommen; aber die 
Hindernisse, die überwunden werden mußten, um 
alle Stände zu einer einzigen Versammlung zusammen- 
zuschweißen, haben alle Gemüter erhitzt. Der Adel 
hat es gemacht wie unkluge Truppen, welche jungen 
Milizen, anstatt sie zu einem entscheidenden Kampf 
herauszufordern, die Zeit lassen würden, sich durch 
Vol'postenkämpfe und Scharmützel an den Krieg zu 
gewöhnen. Der Wahnsinn des Hofes in der Sache 
des 14. Juli hat vollends allen die Köpfe verdreht; 
man suchte in diesem Augenblick nicht mehr die 
Freiheit zu begründen, man glaubte, man habe sie 



% 



3. IN DER REVOLUTION lOI 

erobert; und von da an konnte man leicht vorher- 
sehen, daß eine Revolution, die mit der Belagerung 
der Bastille und mit abgeschnittenen Köpfen anfing, 
hundertmal weiter gehen würde, als man hatte denken 
können. 

Im übrigen, lieber Oheim, wird man das Gute und 
Schlimme, was diese Revolution uns bereitet, nach 
ihrer Gesamtheit und nicht nach der Anarchie und 
Zügellosigkeit zu beurteilen haben, die in diesem 
Augenblick herrschen und die einen Zustand bilden, 
der zu gewaltsam ist, um von Dauer zu sein. Sie 
wissen besser als ich, daß der Zwischenzustand und 
Durchgang zwischen zwei Revolutionen immer schlim- 
mer ist als die Lage, die man gerade verlassen hat, 
so unerträglich sie auch sein mag. Wenn die Revo- 
lution, wie ich es hoffe, sich ohne Bürgerkrieg voll- 
zieht, so werden wir noch gestehen müssen, daß 
viele Nationen nicht zu so billigem Kauf frei ge- 
worden sind. 

Was mich für die Zukunft beruhigt, ist der Umstand, 
daß die Dinge zu dem Punkt gediehen sind, wo die 
Revolution, gleichviel^ ob sie gut oder schlecht ist, 
von den Tatsachen vollendet wird. Die aufgeklärten 
Menschen werden also die ersten sein, zu merken, 
daß man dem Stoß helfen muß, damit er weniger 
heftig sei, daß jeder Widerstand so unnütz wie ver- 
hängnisvoll wäre; und daß alle Bürger, gleichviel 
ob warm oder lau, ob Anhänger des einen oder des 
andern Systems, in diesem Augenblick zum nämlichen 
Ziel streben, die neue Lage des Reichs erleichtern und 



102 MIRABEAU 



die Maschine ihre Bewegung anfangen lassen müssen, 
die uns ihre Güte und ihre Fehler zu beurteilen er- 
möglichen wird. Sind Irrtümer, sind sogar ent- 
scheidende Fehler da, so kann sie eine andre gesetz- 
gebende Versammlung reparieren. Muß man sogar 
rückwärts lenken, so wird es möglich sein, wenn der 
Wagen nicht mehr auf einer Straße, die an Ab- 
gründen vorbeiführt, dahinroUt; man wird auf ebenem 
Boden tun können, was auf einem steilen Abstieg un- 
möglich ist; man wird im Schoß des Friedens tun 
können, was im Schoß der Anarchie undurchführbar 
ist; und da Sie mir empfehlen, lieber Oheim, die aus- 
führende Gewalt zu unterstützen, so können Sie leicht 
einsehen, daß der hartnäckige Widerstand eines Stan- 
des im Staat, der zu neuen Unternehmungen der 
Rache aufreizen, neue Erschütterungen hervorrufen 
müßte, diese nämliche Gewalt vernichten würde, um 
die sich zu sammeln das oberste Gesetz des Staates, 
in diesem Augenblick, gebietet . . . 

... Zu spät merke ich, daß ich Ihnen einen ^hr 
langen und sehr ermüdenden Brief schreibe. Ver- 
zeihen Sie jedoch der Befriedigung, die ich immer 
empfinde, wenn ich mich mit Ihnen unterhalten darf. 
Erfolge auf der Tribüne, Beifall der Galerie und selbst 
der Despotismus der Beredsamkeit wiegen eine 
Viertelstunde einer Beschäftigung nicht auf, die für 
mein Herz Pflicht und Gefühl vollkommen vereinigt. 



3. IN DER REVOLUTION 103 

Die Marquise du Saillant, Mirabeaus 
Schwester, an die Gräfin von Mirabeau, 

seine Gemahlin 

Ende 1789. 

Ich habe mit der Antwort auf Ihren Brief gezögert, 
liebe Schwester, weil dieser Brief, so liebenswürdig* 
er auch ist, doch noch mehr vernünftig und überlegt 
ist, und ich, wenn ich Ihnen schriebe, meinen Bruder 
nicht nur gesehen, sondern gründlich mit ihm ge- 
sprochen haben wollte, und in dem Strom, der ihn 
fortreißt, kann er beim besten Willen von der Welt 
niemals sicher über eine Stunde für sich allein ver- 
fügen. Seine Anstrengung, sein Gesundheitszustand, 
seine Leiden, seine Qualen aller Art würden in gleicher 
Weise Ihr Mitleid erregen. Endlich habe ich ihn, ich 
weiß nicht wie, zum Diner zu meiner Tochter ge- 
schleppt und habe mit ihm gesprochen; im folgenden 
das Ergebnis: 

„Frau von Mirabeaus Brief ist von einem sehr 
guten, sogar von einem weiten Geist diktiert und 
voll von der Vernunft, die ich liebe, das heißt einer 
mit Anmut und Reiz gewürzten. Aber sie weiß nicht 
alles und da sie nicht alle Elemente der Frage hat, 
kann sie sie nicht ganz und gar lösen. Sie hält mich 
für ehrgeizig; sie täuscht sich, zum wenigsten in der 
Bedeutung des Wortes. Ich habe nie das ehrgeizige 
Streben nach Ämtern, Ordensbändern, Würden ge- 
kannt. Ich habe eine große Revolution in den mensch- 



104 MIRABEAU 



liehen Dingen zum Nutzen des Menschengeschlechts 
vorbereiten, beschleunigen, vielleicht zum Ende 
bringen wollen; und mit dem Beistand des Geists 
des Jahrhunderts und außerordentlicher Umstände 
ist mir das bis zu einem gewissen Grad und mehr 
gelungen, als ein gewöhnlicher Sterblicher, dem seine 
Fehler und die d^r andern so viele Hindernisse in 
'den Weg gelegt hatten, hoffen durfte. 

So stark wie ich von dem Adel der Provence ge- 
reizt wurde, ist es natürlich genug, daß man glaubt, 
in meiner Haltung träte irgendwie ein Geist der Rache 
zutage. Man irrt sich. Die Unerf ahrenheit und Nieder- 
tracht der Regierung einerseits, die Dummheit und 
Ungeschicklichkeit der der Revolution feindlichen 
Partei andrerseits haben mich mehr als einmal von 
meinen eigenen Maßnahmen entfernt; aber ich habe 
das Prinzip niemals preisgegeben, selbst als ich ge- 
nötigt wurde, seine Anwendung zu übertreiben, und 
ich habe immer gewünscht, auf der Mittelstraße zu 
bleiben oder zu ihr zurückzukehren. Die Freiheit der 
Nation hatte drei Feinde: den Klerus, den Adel und 
die Parlamentshöfe. Der erste gehört nicht mehr 
unserm Jahrhundert an, und die traurige Lage unsrer 
Finanzen hätte uns genügt, ihn zu töten. Der Adel 
gehört allen Jahrhunderten an, man muß sich also 
mit ihm ins Benehmen setzen. Man kann sich nicht 
anders mit ihm ins Benehmen setzen, als daß man ihn 
im Zaum hält, man kann ihn anders nicht im Zaum 
halten, als dadurch, daß man das Volk mit der Königs- 
gewalt verbündet. Die Königsgewalt wird sich nie- 



3. IN DER REVOLUTION 105 

mals ehrlich mit dem Volk verbünden, solange die 
Parlamentshöfe bestehen. Sie erhalten ihr und ebenso 

I 

dem Adel die verhängnisvolle und täuschende Hoff- 
nung, den alten Stand der Dinge wiederherstellen 
zu können. Es bedarf also noch einer Zerstörung. 
Mehr wäre zu viel. Das ist meine ganze Politik. Das 
sind all meine Geheimnisse. Was bleibt also noch 
zu tun? — Die ausübende Gewalt neu beleben; die 
Königsgewalt regenerieren und sie mit der Frei- 
heit der Nation in Einklang bringen. Das läßt sich 
nicht durchführen ohne ein neues Ministerium, und 
dieses Unternehmen ist schön und schwierig genug, 
um zu wünschen, dabei zu sein. Aber ein neues Mini- 
sterium wird immer schlecht zusammengesetzt sein, 
solange die Minister nicht Mitglieder der gesetz- 
gebenden Körperschaft sind. Man muß also von dem 
Ministerdekret*) wieder abkommen. Man wird davon 
abkommen, oder die Revolution wird niemals Be- 
stand haben. Das wird man einsehen, wenn erst 
die Herrschaft des Scharlatans ganz und gar zerstört 
sein wird. Die Schlappe, über die Frau von Mirabeau 
sehr richtig geurteilt hat, ist nur die Frucht seiner 
Anschläge. Sie hat mich mehr um der Sache, als um 
meinetwillen gekränkt, denn vor langer Zeit habe ich 
schon gesagt: Wehe, wehe den Völkern^ die danJcbar 
sind/ Aber sie hat meine Lage nicht derart geändert, 
wie man von weitem glauben könnte. Alles in allem 
kann und will ich nur durch die Notwendigkeit der 

*) Dekret vom 7. November 1789, das den Abgeordneten den 
Eintritt ins Ministerium verbot. 



I06 MIRABEAU 



Tatsachen hochkommen; ist die Notwendigkeit nicht 
da, erreiche ich ganz einfach das Ziel nicht. Ist sie 
da, so muß alles der Notwendigkeit gehorchen. Auch 
habe ich mich auf keine Zugeständnisse einlassen 
wollen und werde es nicht tun. Übrigens nähere ich 
mich dem Abend des Lebens, ich bin nicht entmutigt, 
aber ich bin müde. Die Umstände haben mich isoliert, 
ich sehne mich mehr nach Ruhe als man glaubt, 
und ich werde mich ihr an dem Tag ergeben, wo ich 
es mit Ehre und Sicherheit tun kann. Trifft es sich 
dann, daß ich genug Vermögen habe, so werde ich 
versuchen glücklich zu sein, etwa mit Kegelspielen; 
mehr bedarf's nicht. Habe ich nicht genug, so wäre 
es sonderbar, wenn ich nicht immer in der Lage wäre, 
eine Gesandtschaft zu erhalten, und das wird für mich 
eine ehrenvolle und erquickliche Zurückgezogenheit 
sein. Aber man muß damit anfangen, sein Handwerk 
zu tun und fertig zu machen, und ich bin überzeugt, 
es hieße es im Stiche lassen und nicht es fertig machen, 
wenn ich mit Männern zusammen ins Kabinett ein- 
träte, denen es unmöglich geworden ist, das Rechte 
zu tun." 

Da, liebe Schwester, haben Sie den genauen Inhalt 
einer Unterhaltung, die er mit ebensoviel Ehrlich- 
keit wie Kenntnis der Sachen, der Menschen und 
des Landes geführt hat. Ich will, um für das Ver- 
trauen, das Sie mir zeigten, meinen ganzen Dank ab- 
zustatten, ein einziges Wort hinzufügen. Gewiß ist 
er müde, wie er es zu mir gesagt hat; aber wenn 
ich recht urteile, wäre er nicht in demselben Maße 



3. IN DER REVOLUTION 107 

rücksichtslos, wenn er die Hoffnung auf Leibeserben 
noch hegen könnte. meine Freundin! Warum ist, 
was für Sie ein Gegenstand so hohen Ruhmes, so 
reicher Wonne hätte werden können, nur eine Quelle 
der Kümmernisse geworden? — Sollte dieser trau- 
rige Schicksalsschluß durch nichts geändert werden 
können ? — Werden Sie immer nur halbes Vertrauen 
zu der zärtlichsten Schwester haben, die Ihr Geheimnis 
derart achten würde, daß sie es, wenn Sie es wün- 
schen würden, selbst vor ihrem Bruder verbärge?*) 



An Mauvillon 

Paris, 3. Dezember 1789. 

... Sie sagen in Ihrem Brief vom 25. September 
überaus vernünftige Dinge über unsre Revolution. 

*) Die geschiedene Gräfin Mirabeau lebte damals bei ihrem 
Vater, Herrn von Marignane, in Aix, der Stadt, die Mirabeau in 
der Nationalversammlung vertrat. Die Beziehungen zwischen den 
geschiedenen Gatten waren wieder freundschaftliche geworden, 
und schon im März 1789, gleich nach der Wahl, war das Volk vors 
Hotel Marignane gezogen, und eine Deputation hatte die Gräfin 
gebeten, sich wieder mit ihrem Manne zu vereinigen. Offenbar 
hatte Mirabeau denselben Wunsch; Briefe gingen hin und her; 
er starb darüber. Bald darauf verließ die Witwe mit ihrem Vater 
Frankreich als Emigrantin und blieb bis 1796 weg, wo sie als 
Frau des Grafen Bocca zurückkehrte und sofort die freundschaft- 
lichen Beziehungen zu ihrer Schwägerin wieder aufnahm. Aber 
schon 1798 starb Graf Rocca infolge eines Unfalls; sie über- 
siedelte nach Paris zu Frau du Saillant ins Hotel Mirabeau, nahm 
bald auch den Namen Mirabeau wieder an und nahm sich des 
natürlichen und Adoptivsohnes Mirabeaus ( Lucas- Montigny) so 
zärtlich an, daß man ihn für ihr Kind hielt. Sie starb bald, 
ach tund vier zig Jahre alt, im Jahre 1800. 



lo8 MIRABEAU 



Aber sie macht sich bei uns mindestens ebenso sehr 
durch Devolution als durch begeisterten Aufschwung, 
und die Partei, die hätte Widerstand leisten können, 
ist durch die unvermeidliche Wirkung eines uralten 
Monopols schon so degeneriert, daß sie eher kindi- 
schen Trotz und weibische Wut gezeigt hat als die 
Lust, eine Gegenrevolution zu machen. Die Monarchie 
ist eher in Gefahr, weil man nicht regiert, als weil 
man Verschwörungen anzettelt. Stellt sich kein Lotse 
ein, so ist es wahrscheinlich, daß das Schiff auf eine 
Klippe gerät. Zwingt dagegen die Macht der Tat- 
sachen dazu, einen Mann von Kopf zu berufen, 
und gibt sie den Mut, alle menschlichen Rücksichten 
und die subalterne Eifersucht zu überwinden, die 
sich dem unaufhörlich entgegenstellen, so glauben 
Sie gar nicht, wie leicht es ist, das Schiff des Gemein- 
wohls flottzumachen. Die Hilfsmittel dieses Landes, 
sogar die Beweglichkeit dieser Nation, die ihr größter 
Fehler ist, lassen noch so viele Behelfe und leichte 
Möglichkeiten übrig, daß man in Frankreich nie 
absprechen oder verzweifeln soll. Wir sind in dem 
Schwächezustand, in dem sich jedes Land befindet, 
das sich konstituiert; aber das Reich ist ganz bei- 
sammen; es gibt zwar Geplänkel, bei dem viel Pulver 
verschossen wird, aber es ist nicht wahr, daß wir eine 
einzige richtige Spaltung hätten ... 

Ich habe nie daran gezweifelt, mein Freund, weder 
daß Sie mit meiner Treue gegen die Grundsätze zu- 
frieden sein müßten, noch daß Sie darüber nicht 
erstaunt wären. Das war und wird bis zum Ende 



"^ 3. IN DER REVOLUTION log 

meine Stärke und der Stützpunkt meines Talentes 
sein . . . 

Unmöglich können Sie den Geist dessen, was in 
der Nationalversammlung und an einem gewissen 
Punkt dieser Versammlung vorgeht, anderswo richtig 
erfassen, als im Courrier de Provence^ der die Fort- 
setzung meiner Briefe an meine Auftraggeber bildet. 
Mir scheint, Sie könnten darin manche gute Lehren 
für Ihr Deutschland holen. Ich bemerke, daß es in 
den Köpfen dort gärt, und ich weiß wohl, daß, wenn 
dort der Funke auf die brennbaren Stoffe fällt, ein 
Steinkohlenfeuer entsteht und kein Strohfeuer wie 
anderswo. Aber ob ihr schon in der Bildung viel- 
leicht weiter vorgeschritten seid, seid ihr doch nicht 
so reif wie wir, die es doch noch vor kurzem nicht ge- 
wesen sind; ihr seid es nicht, sage ich, weil das, was 
euch bewegt, seine Wurzel bei euch im Kopfe hat, 
und weil die Köpfe bei euch seit unvordenklichen 
Zeiten zur Knechtschaft geschaffen sind, weil bei 
euch also die Explosion viel später kommen wird 
als bei einer Nation, bei der alles dramatisch und 
momentan ist und in der die nämliche Viertelstunde 
den Heldenmut der Freiheit und den Götzendienst 
der Knechtschaft aufweisen kann. 

In Ihrem Brief vom 25. Oktober kommen Sie auf 
Ihren Lieblingsgedanken, den Bankrott zurück, der 
tatsächlich in Politik und Moral der einzige Punkt ist, 
über den wir prinzipiell verschieden denken. Mein 
Verdienst, daß ich in diesem Stück mehr Ehrenmann 
bin als Sie, ist übrigens nicht sehr groß; denn da es 



HO MIRABEAU 



für mich erwiesen ist, daß es für uns eine Ersparnis 
ist, alles zu zahlen, ist meine Tugend pure Arithmetik 
und, die Wahrheit zu sagen, ich traue in der Politik 
keiner einzigen Gewißheit, die nicht arithmetisch 
ist . . . 

. . . Da, mein Lieber, haben Sie, was ich eilig und 
diktierend mitten unter tausend und abertausend 
Ablenkungen, Ihnen aufs ungefähr melde, um Ihnen 
wenigstens ein Lebenszeichen zu geben und damit Sie 
sich nicht mehr einbilden, es könnte zwischen uns 
eine Entfernung geben, gleichviel, ob Ihre Minister- 
träume irgend Grund haben oder nicht. Ich will 
Ihnen in dieser Hinsicht zur Antwort geben, was 
ich auch hierzulande gesagt habe: Diese Leute sind 
nickt gescheit genug und ich hin nicht so dumm. Sollte 
dennoch eine Drehung des Glücksrads diesen aus- 
schweifenden Gedanken zur Wirklichkeit machen, 
so wissen Sie wohl, daß Sie nicht der letzte wären, 
der es erfährt, und auch nicht der letzte, der es merkt. 
Leben Sie wohl und lieben Sie mich. 



An Mauvillon 

Paris, 31. Dezember 1789. 

Einem Mann wie Ihnen, mein lieber Major, braucht 
man nicht zu sagen, daß Herr Necker bis jetzt die 
Nationalversammlung in Sachen der Finanz das Ge- 
werbe einer schlechten Rentkammer hat üben lassen, 
aber nicht das Geschäft einer gesetzgebenden Ver- 




3. IN DER REVOLUTION m 

Sammlung. Unsre Aufgabe als Gesetzgeber ist auf 
diesem Gebiet, ein allgemeines Besteuerungssystem 
zu beschließen und demnach eine Steuergesetzgebung 
festzusetzen; eine Arbeit, die um so wichtiger und 
um so schwieriger ist, als alle Besteuerungsyssteme, 
die in Europa in Kraft sind, von Grund aus fehlerhaft 
und schlecht sind. Die Vorhalle nun aber zu diesem 
großen Gebäude ist die Berichterstattung über alle 
Steuersysteme und vor allem das Urteil in dem großen 
Prozeß der direkten und der indirekten Steuern. 
Sie haben alle Elemente dieser großen Frage 1) in 
Ihrem Kopfe, 2) in der „Preußischen Monarchie" 
(wo wir, nebenbei bemerkt, wie ich Ihnen schon 
früher einmal sagte, nicht auf alle Einwände Smiths 
geantwortet haben). Was wäre also zu leisten? 

1) Ein kurzer Geschichtsabriß von der Gedanken- 
verwirrung, die zu der beklagenswerten Unordnung 
geführt hat, die Europa auf diesem Gebiet verheert, 
und die Geschichte der sich daraus ergebenden Un- 
ordnungen in all ihren politischen Beziehungen. 

2) Die gesunde Theorie. 3) Die Antwort auf alle Ein- 
wände gegen die einzige Steuer und namentlich auf 
die aus England und Holland genommenen. Das, 
mein lieber Freund, wäre die Disposition einer Rede, 
deren Ergebnis der Vorschlag eines Dekrets wäre, 
das verfassungsmäßig jede indirekte Steuer unter- 
sagt und ganz im allgemeinen jeder Gesetzgebung 
die Befugnis nimmt, diese Art Besteuerung von dem 
und dem Zeitpunkte an anzuwenden. Denn es bedarf 
der Zeit, um freie Bahn zu machen. Ohne ein solches 



112 MIRABEAU 



Gesetz wird ein Volk niemals frei sein, denn die will- 
kürliche Gewalt wird sich durch das Steuersystem und 
die Unordnung in den Finanzen immer wieder ein- 
schleichen. Ohne ein solches Gesetz werden der mensch- 
liche Fleiß und die Fruchtbarkeit der Erde niemals 
zu ihrer vollen Entwicklung kommen. Wenn ich Sie 
nicht kennte, so wie es der Fall ist, würde ich fürchten, 
daß diese Andeutung Ihrem Geist und Ihrem Willen 
nicht genug sagte! Aber wenn dieser Gedanke Ihnen 
zusagt; wenn Ihre Vorbereitungen über dieses Thema 
so weit gediehen sind, wie Ihr Brief mir anzuzeigen 
scheint; wenn Sie schließlich die Muße dazu haben, 
so setzen Sie sich auf der Stelle hin, schieben Sie den 
Abschluß des „Preußischen Landrechts" und sogar 
auch die Anmerkungen für die zweite Auflage der 
„Preußischen Monarchie" auf, weil jeder Tag wert- 
voll ist, der uns dieser Ordnung der Dinge nähert, und 
Ihre Arbeit dürfte sogar mit der Post an mich expe- 
diert werden . . . 



An den Grafen von der Mark in Brüssel*) 

Paris, 4. Januar 1790. 

Die Karten sind in dieser Spelunke derart gemischt, 
es ist für einen einigermaßen systematischen Spieler 

*) August Maria Raimund Fürst von Arenberg Graf von der 
Mark (de la Marck), 1753 — 1833, spanischer Grande mit Herzogs- 
rang, hoher französischer Offizier und Höfling, mit Mirabeau seit 
1788 bekannt, von ihm 1789 zu seinem Freunde gemacht, ver- 
mittelte die Beziehungen Mirabeaus zum Hofe, die von Mai 1790 
an endgültig hergestellt sind. 



3. IN DER REVOLUTION 113 

SO schwer, da zu kombinieren, wie er ausspielen soll, 
die Albernheiten des einen wie des andern Teils 
vereiteln so vollständig alle Berechnungen, daß man 
sich nach einer gründlichen Vergeudung von Geist und 
Tatkraft, die einen Tag um Tag müde und matt 
macht, auf demselben Punkt befindet, mitten im 
Chaos nämlich. Dieses Reich, mein lieber Graf, 
hält sich noch durch seine Masse aufrecht; aber es 
hat keine Bewegung mehr, und wiewohl die natürlichen 
Lebensprinzipien, die darin walten, vielleicht gut 
sind, ohne freilich die ganze Energie zu haben, die 
man ihnen nachsagt, wird es an Selbstzersetzung 
sterben, wenn man nicht dazu gelangt, ihm diese 
* Bewegung wiederzugeben . . . 



An den Grafen von der Mark in Brüssel 

Paris, 15. Januar 1780. 

Meine Korrespondenz war schon ins Stocken ge- 
kommen, weil meine Augen, die sich empfindlich 
verschlimmert hatten, mir seit vierzehn Tagen nur 
gerade an Sie zu schreiben erlaubten, und auch nur 
sehr schwer und schmerzhaft. Doch hatte sich mein 
Zustand Ende letzter Woche merklich gebessert; da 
ich aber erfuhr, daß Frau Herzogin von Arenberg 
am Montag reiste, schBnte ich mich für eine große 
Depesche, worin ich meinen Geist und meine Seele 
in Freiheit strömen lassen wollte. Am Freitag er- 
schien zu meinem Unglück die Enthebungskammer 

Landauer, Briefe aus der französ. Revolution I 8 



114 MIRABBAU 



des Parlaments von Rennes vor der Schranke*), und 
die Sitzung vom Sonnabend mußte über ihr Schicksal 
entscheiden. Ich sah — und sehe noch — in diesem 
Vorfall die Vernichtung der Revolution und das 
Signal zur Auflehnung und Anarchie für alle Teile des 
Reiches, wenn wir nicht eine edle und entscheidende 
Haltung einnahmen. Ich sprach also, annähernd auf 
meiner Höhe, wenigstens was Lebendigkeit und 
Energie eingeht, in Anbetracht, daß es fortzureißen 
galt und daß die Partei der bretonischen Magi- 
stratur außerordentlich rührig war. Ich sprach länger 
als anderthalb Stunden; ich war schließlich ganz in 
Schweiß gebadet, und im Gefolge einer sehr unpoli- 
tischen Vertagung der Sitzung, zu der unsre Partei 
dank ihrem Verlangen zu pissen und zum Essen zu 
gehen, sich bringen ließ und die uns beinahe um das 
Dekret gebracht hätte, bekam ich einen Zug, der noch 
am nämlichen Abend eine schreckliche Entzündung 
auf mein linkes Auge schlug. Am nächsten Tag 
wollte ich nichts tun; ich mußte mich um einen kran- 
ken Freund kümmern, ging also aus, ohne daß ich 
die Augen aufmachen konnte und ohne daß die un- 
erträglichen Schmerzen einen Augenblick nachließen. 

*) Diese Kammer des Parlaments von Rennes hatte sich ge- 
weigert, das Dekret vom 3. November 1789, das aUe Parlamente 
seiner Funktionen enthob, in die Register eintragen zu lassen. Die 
Nationalversammlung lud die Mitglieder dieser bretonischen Kam- 
mer vor. Mirabeau hielt bei der Gelegenheit eine flammende Rede 
(siehe Vermorel, Mirabeau, Sa vie, ses opinions, ses discours, IV 
178 — 187): die Versammlung beschloß, diese Rede in Druck zu 
geben und suspendierte die Kammer von Rennes von ihren Funk- 
tionen. 



% 



3. IN DER REVOLUTION 1I5 

Schon am Sonntag abend wollte man mich zur Ader 
lassen; am Montag rief die Fakultät alle Heiligen an, 
aber ich war fest entschlossen, die bretonische Schlacht 
nicht verlieren zu lassen, und begab mich in der kläg- 
lichsten Verfassung in die Versammlung, wo ich bis 
acht Uhr abends eine Binde über die Augen trug und 
dabei vier- oder fünfmal sprach. Der Charakter kann 
alles gegen den Schmerz, aber er vermag nichts gegen 
das lokale Übel und verschlimmert es sogar. Sie 
können sich also vorstellen, daß ich am Montag 
abend völlig schachmatt nach Hause gekommen bin; 
Blutegel, Blasenpflaster und solches Teufelszeug. Der 
Tag gestern war gräßlich; heute geht es schon besser, 
aber ich bin völlig außer Stand, irgendwelches Licht 
zu ertragen und mich zu beschäftigen. Da haben Sie 
die Gründe, mein lieber Graf, warum Sie nichts von 
mir gehört haben. 

Gestern gab es Lärm in Paris, dessen wirklichen 
Ursprung zu entwirren noch schwierig ist. Das Er- 
gebnis ist, daß zweihundert und etliche Mann der 
besoldeten Garde, die aber fast alle zu den Deser- 
teuren der Armee gehörten, auf den Elysäischen Fel- 
dern umzingelt und festgenommen wurden, wo sie 
sich zu irgendeinem Zweck versammelt hatten, über 
den die Vermutungen und Behauptungen schwanken. 
Sie merken schon, daß La Fayette nicht ermangelt 
hat, viel Truppen und Rührigkeit zu zeigen. — Die 
andern würden gern ihre Rolle aufgeben, um sich 
zu retten, so kläglich steht es um das Land imd die 
Dinge. Es ist trotzdem wahr, daß die Leute, die aus 

8* 



Il6 MlRAßEAÜ 



unserm Zustand der Anarchie auf die Ohnmacht 
schließen, bei der wir binnen kurzem anlangen sollen, 
wenn die Revolution erst im Lot sitzt (und in der Tat 
bedarf es, um sie unzerstörbar einzurammen, nur eines 
Ministeriums, das ehrlich ist und gesunden Menschen- 
verstand hat), diese Leute, sage ich, sind wahre Maul- 
würfe und leiten ihr Land wie Blinde; aber vielleicht 
besorgen sie unsre Geschäfte nicht ganz so schlecht, 
wie Sie glauben, mein lieber Graf. Sie sehen die Bel- 
gier vom belgischen Standpunkt aus: ich für mein 
Teil, der ich überzeugt bin, daß ein großes Reich nur 
dann erträglich regiert werden kann, wenn es als 
Konföderation kleiner Staaten gegründet ist und daß 
also das unsre sich auflösen oder so konstituieren 
wird, ich zweifle nicht, daß, wenn unsre Regierung 
vernünftig und unsre Verfassung reif wird, alle Ufer 
des Rheins, cmgefangen mit Ihren Provinzen, sich 
uns angliedern werden, und dann wird man endlich 
sehen, wie weit sich die Eroberungen der Freiheit 
und der menschlichen Vernunft erstrecken können. 
Je mehr Torheiten die van der Noot und van Eupen*) 
anstellen werden, um so mehr wird dieses Ereignis, 
wenn man mir meine Voraussetzungen bewilligt, un- 
vermeidlich und um so näher rückt es. Wenn ich 
sehe, wie Holland und Preußen und der Deutsche 
Bund sich abzappeln, um andern Völkern das Ge- 
setz zu diktieren, lächle ich mitleidig und kann mich 
nicht enthalten, mir zu sagen, wie leicht es wäre, 
diesen guten Leutchen bei sich zu Hause mehr Be- 



*) Häupter der Revolution in Brabant. 



3. IN DER REVOLUTION 117 

schäftigung zu geben, als ihre gebrechlichen Schultern 
tragen können. Leben Sie wohl, mein lieber Graf, 
ich fürchte, ich schicke Ihnen Fieberfaseleien statt 
Überlegungen, die Ihrer würdig sind. Ich liebe Sie 
und umarme Sie von ganzem Herzen. 



An Mauvillon 

31. Januar 1790. 

Ich erhielt Ihren Brief vom 18. dieses Monats, 
mein lieber Major, und ich habe meinem Sekretär 
den Verweis erteilt, den er verdient. Man schließt 
in meinem Bureau hundertfünfzig Briefe im Tag; 
es ist kein Wunder, daß das Siegel, das erst angebracht 
wird, wenn alle fertiggemacht sind, manchmal ver- 
gessen wird. Aber daß der Mann, der allein das Amt 
hat, alle meine Privat- und Freundesbriefe zu be- 
sorgen, solche leichtsinnigen Streiche macht, ist nicht 
zu dulden. 

Sie' haben die Arbeit, die ich von Ihnen wünsche, 
gut eingeteilt, mein lieber Freund. Gehen Sie schnell 
an die Steuer, weil das jeden Tag drankommen kann, 
und sogar schon ein Ausschuß eingesetzt wurde, 
um den Plan eines neuen Steuersystems vorzulegen; 
lassen Sie diese Deduktion sehr streng, sehr voll- 
ständig sein; sie schließe mit dem Entwurf eines 
Dekrets, das ein allgemeines Gesetz sein soll und ge- 
wissermaßen ein Evangelium für ganz Europa bilde, 



Il8 MIRABEAU 



und lassen Sie mir diese Sache mit der Post und fran- 
kiert zugehen . . . 

. . . Ich bin wie Sie, mein Freund, der Ansicht, 
daß die Erde im allgemeinen produktiv ist und nicht 
bloß die Landwirtschaft. Ich stehe in Ihren Modifi- 
kationen des physiokratischen Systems auf Ihrer 
Seite. Aber ich wiederhole Ihnen, man hat mir 
gesagt, daß Smith in seiner letzten Auflage sehr starke 
Einwände zu Gunsten der produktiven Fähigkeit der 
Manufakturen und der Händler gemacht habe, die 
nicht beantwortet seien. Das erschüttert mich nicht, 
bringt mich nicht einmal zum Zweifel, denn ich halte 
die Prinzipien fest. Aber man muß diese Bedenken 
zerstreuen. Was das Verfahren angeht, die indirekten 
Steuern in direkte zu verwandeln, so wird das sehr 
nützlich sein; aber vergessen wir nicht zwei Erwägun- 
gen, die uns besonders angehen: 1) Da wir das Ge- 
sellschaftsgebäude neu aufgebaut haben, wäre es sehr 
sonderbar, wenn wir die mangelhafteste aller euro- 
päischen Einrichtungen nur halb mit Verputz be- 
werfen würden; es wäre viel einfacher, wenn wir uns 
als eine neue Vereinigung betrachten würden; die 
sich eine öffentliche Gewalt zu schaffen versucht und 
der es die Umstände, von denen sie umgeben ist, 
nicht erlauben, weniger als so und so viel zu leisten. 
Daraus ergibt sich sofort die erste Einsicht, daß man 
gewiß weder die Personen, die nichts haben, noch 
die Sachen erster Notwendigkeit besteuern kann usw. 
Das ist in den Nutzanwendungen sehr fruchtbar. 
3) Wir wer4ei^ an (Jer Scbmachecke der Fii^an^eii 



3. IN DER REVOLUTION 119 

ZU Grunde gehen, wir und unsre prachtvolle Revolu- 
tion, wenn wir uns nicht entschließen, streng zu um- 
schreiben, was wir vermögen. Was sind die zwei un- 
entbehrlichen Bedürfnisse unsrer Gesellschaft? Die 
Truppen besolden und die Zinsen der Staatsschuld 
bezahlen, damit das Vertrauen und mit ihm das Metall- 
geld wiederkehrt. Wem wird man einreden wollen, 
daß man ein Reich wie das unsre nicht sehr vergnügt 
die 350 bis 380 Millionen tragen lassen kann, die für 
diese beiden Zwecke erforderlich sind? Man ver- 
längere für alles übrige die Zahlungsfristen unter 
Erneuerung des Titels, indem man neue zinstragende 
Papiere ausgibt. Denn Zinsen muß man seinen Gläu- 
bigern zahlen, wenn man die Einlösung hinausschiebt. 
Inzwischen ändere man sein Steuersystem und über- 
lasse es der Industrie und dem Handel, die nun dem 
Regiment der Freiheit anvertraut sind, die Wunden 
der Fiskalität zu heilen und Mittel herbeizuschaffen, 
die Schuld neu zu konstituieren und zu amortisieren, 
und man wird sehen, was binnen fünfzehn Jahren 
aus dem konstituierten französischen Reich geworden 
ist. Ich sage fünfzehn Jahre, weil nichts wahrhaft 
Wurzeln schlagen wird, ohne ein gutes System des 
öffentlichen Unterrichts, und gewiß erfordert es 
wenigstens fünfzehn Jahre, um neue Menschen zu 
pflanzen. 

Völlig stimme ich dem inhaltreichen Abschnitt 
zu, den Sie über Ihre geplante Arbeit schreiben. Aber 
achten Sie darauf, daß es nötig ist, wenn Sie es den 
Distrikts- und Departementsversammlungei^ tiber» 



120 MI RABE AU 



lassen (denn Sie wissen doch, daß wir keine Provinzen 
mehr haben), die Steuern bei sich zu verteilen, daß 
die Nationalversammlung ihren Charakter und ihre 
Quote festsetzt, weil wir sonst in die babylonische 
Sprachverwirrung und die Barbarei der einander 
widersprechenden Erhebungsarten und Abgaben zu- 
rückfielen, ganz abgesehen davon, daß die Regierung 
in diesem Rest des alten Systems Mittel zur Unab- 
hängigkeit fände, die wir ihr niemals lassen dürfen. 
Alles in allem halte ich mehr als je auf mein System, 
daß ein großes Reich nur dann gut regiert werden 
kann, wenn es eine Kongregation von kleinen Föde- 
rativstaaten ist, deren Föderationspunkt in einer Re- 
präsentativversammlung besteht, deren überwachen- 
der Präsident der Monarch ist. So hätten wir durch 
die alleinige Kraft einer guten Verfassung bald die 
Rheinufer, und was mehr ist, einen unwiderstehlichen 
Einfluß auf alle Regierungen Europas durch die Ver- 
besserung und die größte Wohlfahrt des Menschen- 
geschlechts. Aber dazu tut Verwaltung not, wir 
dürfen nicht genötigt sein, außer den allgemeinen 
Gesetzen auch noch die speziellen Gesetze zu machen, 
von denen wir nichts verstehen und nichts verstehen 
sollen. Die Regierung muß der Lehrer und nicht der 
Schüler sein; der Herr und nicht der Sklave. Der 
Delegierte der Nation darf nicht im Gegensatz zu ihr 
stehen*). Endlich darf nicht mehr ein Taschenspieler 



*) Der Delegierte der Nation ist offenbar der Monarch, und 
diese Worte sind ebenso auf Ludwig XVI. gemünzt, wie die fol- 
genden auf seinen Finanzminister Necker. 



3. IN DER REVOLUTION 121 

seine groben Kunststücke machen, wenn es sich nicht 
mehr um Volteschlagen und Gauklerstückchen han- 
delt. Comus oder Pinetti dürfen nicht bei der Akade- 
mie der Wissenschaften Erfolge suchen; es genüge 
ihnen, die Jahrmarktsbesucher entzückt zu haben. ||| 
Ach, mein Freund, Sie haben nur zu recht: „Viel 
Eitelkeit und wenig Liebe zum Ruhm!" Darum gilt 
es, den Charakter der Nation zu ändern; und können 
wir es besser, als indem wir uns konstituieren ? Übri- 
gens gibt es noch keine Parteien bei uns. All das wird 
erst in der zweiten oder vielleicht dritten gesetz- 
gebenden Versammlung zm* Welt kommen; denn wir 
sind von Natur aus nicht systematisch. Ich leugne 
nicht, daß die Versammlung etwas streng gegen mich 
ist. Aber wenn Sie wüßten, in wie vielen Richtungen 
die Regierung und alle Parteiembryonen sie gegen 
mich bearbeitet haben; wenn Sie wüßten, welche 
Rührigkeit der Korruption, der Intrigen und Ver- 
leumdungen die Minister, die Aristokratie und die 
Geistlichkeit aufgewendet haben, so würden Sie sich 
weniger wundern. Und bei alledem verhindern sie 
niemals, daß, wenn es drauf ankommt, diese wider- 
spenstige, lärmende, ausnehmend zum Ostrazismus 
geneigte Versammlung sich mir wieder völlig in die 
Hand gibt. Sehen Sie, mein Freund, es ist schon 
wahr, daß ich der Katze fast alle Schellen angehängt 
habe; welche aber von allen hat nicht geläutet? 
Schließlich habe ich in meinen Batavern*) wahrlich 
aus tiefstem Herzensgrunde gesagt: Wehe, wehe den 

*) „Adrö^se an die Bataver", 1788, 



122 MIRABEAU 



Völkern, die dankbar sind/ — Man wird mit der Rück- 
zahlung der Schuld an sein Vaterland niemals fertig; 
dient man ihm, gleichviel, wie die Sache steht, so 
gewinnt man wenigstens Ruhm; und das ist ein guter 
Handel. Man darf kein Element der Knechtschaft 
im Gemeinwesen haben wollen, und die Dankbarkeit 
ist ein solches Element, und sogar ein sehr kräftiges . . . 



An den Grafen von der Mark in Brüssel 

Paris, 31. Januar 1790. 

Ohne Zweifel habe ich Ihre Nr. 14 vom Datum des 
26. erhalten, und Sie sind darin grämlich, mein lieber 
Graf, wiewohl, wie gewöhnlich, besonnen und scharf- 
sinnig. Zum Beispiel also, Sie übertreiben die Unzu- 
träglichkeiten der Revolution für die gegenwärtige 
Generation ganz außerordentlich. Es hat in den 
Annalen der Welt noch kein Beispiel einer solchen 
Umwälzung oder auch nur einer großen politischen 
Erschütterung mit geringeren Kosten gegeben; und 
wenn man sich verständigen und vor allem regieren 
wollte, so hätte die Revolution keine wahrhaften 
Märtyrer, abgesehen von einer sehr kleinen Zahl 
Satrapen, die sich gar zu skandalös mit erpreßten und 
ausgesaugten Genüssen vollgestopft hatten, und dem 
unvermeidlichen Ärger, den etliche tausend Menschen 
ausstehen müssen, wenn sie sich gezwungen sehen, 
Meinungen und Gewohnheiten zu ändern, ihre Vor- 
urteile zu yerstecjceu oder sogar zu unterdrücken 




3. IN DER REVOLUTION 123 

und den Schlendrian ihres Ehrgeizes und ihre indi- 
viduellen Pläne auf Irrwege oder gar auf neue Wege 
zu schicken. Von diesen Leuten, die, ich wiederhole 
es, mehr verärgert als unglücklich sind, trägt man alle 
Tage welche zu Grabe, und nur in den oberen und also 
wenig zahlreichen Klassen der Gesellschaft vom vier- 
zigsten Lebensjahr bis zum Ende der menschlichen 
Laufbahn sind sie zu suchen. Die volkreichen, die 
gewerbstätigen Klassen sind in Gärung; die Gärung 
ist für den Menschen so wenig ein Unglück, daß es 
sein erstes Bedürfnis ist, gerüttelt zu werden. Sie 
arbeiten wenig? — Das ist ein Übel, welches jedoch 
der kraftvolle Aufschwung, den der erste Impuls der 
Freiheit geben wird, wenn sie sich erst festgesetzt 
und beruhigt hat, mit Wucherzinsen wieder gut 
machen wird. Sie werden zu große Lasten zu tragen 
haben? — Sie werden im Gegenteil sehr erleichtert 
werden, wenn man es recht anfängt. Man muß sich 
sagen: Zweierlei braucht die Gesellschaft unumgäng- 
lich: die Bezahlung der Truppen und der Zinsen für 
die Staatsschuld. Diese zwei Sachen erfordern noch 
lange keine 400 Millionen. Über die Mittel, wie man 
dieses Königreich dazu bringe, diese 400 Millionen 
vergnügt zu zahlen, sich zu beunruhigen, wäre Blöd- 
sinn. Alles übrige muß glatt und sofort in Schuld- 
papiere, die den Anspruch erneut anerkennen und 
die Zahlungsfrist verlängern, umgewandelt werden, 
natürlich zinstragende, denn man muß seinen Gläu- 
bigern Zinsen zahlen, wenn man eine Frist von ihnen 
haben will, Dai^n wird sicli das Vertrauen und mit 



124 MIRABEAU 



ihm der Kredit wieder einstellen; dann wird das 
bare Geld herbeifließen oder wird wenigstens nur in 
dem Verhältnis fallen, das die Forscher schon lange 
vor unsern politischen Wirren und der letzten Periode 
unsres Finanzunverstandes zu bemerken glaubten, 
und gute Handelsbeziehungen werden von selbst und 
sehr schnell diesem ernsten Mißstand abhelfen. Dann 
wird man die Bürde der Landleute, die nichts von 
unsrer Philosophie verstehen, für die unsre Freiheits- 
liebe, wie sie auch sein möge, für langehin nichts 
weiter sein kann als ein hitziger Fieberanfall, ohne 
die wir die Revolution nicht fest und dauernd machen 
können und die keinerlei Anteil an ihr nehmen werden, 
o nein, im Gegenteil, wenn sie durch sie nicht ihre 
unmittelbare und beträchtliche Erleichterung finden, 
die Bürde dieser Landleute wird man dann nicht nur 
nicht schwerer machen, sondern um vieles erleichtern. 
Dann endlich werden alle Fesseln der Industrie und 
des Handels lockerer werden, bis sie gänzlich fallen 
können, und die unversieglichen Quellen der mensch- 
lichen Industrie, die dann lediglich von der Freiheit 
regiert werden, werden eine Ordnung der Dinge herbei- 
führen, von der unsre kurzsichtigen Augen noch nicht 
einmal die Atmosphäre erblicken und noch weniger 
sie durchdringen und hinüberschauen können. Klagen 
Sie also nicht die Revolution an, mein lieber Graf, 
klagen Sie nur die Männer an, die auf Rechnung der 
Regierung diese große Partie spielen , . . 

[Vorschlag einer Begegnung in Valenciennes oder einem ahn- 
lichen Grenzort.] 



% 



3. IN DER REVOLUTION 125 

Dort endlich sollen Sie auch meinen Plan für den 
Aufbau des Deutschen Reichs kennenlernen, in Ver- 
bindung mit einem keineswegs chimärischen System 
für Herstellung des Friedens, fast eines allgemeinen 
Friedens für alle Nationen . . . 



An Ludwig XVI. 

10. Mai 1790*). 

. . . Ich bin ebenso tief getrennt von einer Gegen- 
revolution wie von den Ausschreitungen, zu denen die 
Revolution, die in die Hände ungeschickter und ver- 
derbter Menschen gefallen ist, die Völker gebracht 
hat. Man wird meine Haltung nie teilweise, weder 
nach einer Tat noch nach einer Rede beurteilen dürfen. 
Ich lehne es nicht ab, irgendeine davon zu. erklären; 

*) Aus dem ersten Brief Mirabeaus an den König, mit dem sein 
Geheimdienst begann. Diese Briefe vollständig wiederzugeben und 
nicht Entscheidendes, Geschautes, Gedichtetes hinzuzufügen, 
wird immer eine Geschichtsfälschung erster Ordnung sein. Mira- 
beau hatte einen großen Plan, wir kennen nur seine ersten Schritte, 
nur die Äußerungen des Politikers zu Politikern, er starb, swei- 
undvierzig Jahre alt. Hätte er gelebt, wäre weder Robespierre 
noch Napoleon möglich gewesen, das läßt sich sagen. Alles andere 
bleibe dem großen Dichter überlassen, der, gleichviel in welcher 
Form, sie kann Geschichtschreibung sein, dieses gewaltigsten 
aller geschichtlichen Stoffe mächtig sein wird. Einstweilen hat 
bei weitem das beste über Mirabeau in einem umfangreichen Briefe 
Proudhon gesagt (s. Vermorel, V. 156 — 166). — Hier werden nur 
wenige Stellen ausgehoben, die, politisch wie sie durchaus sind, 
von Mirabeaus strotzender Persönlichkeit getränkt sind, welche 
zum Schluß ihre ganze Leidenschaft in die Klarheit des Blicks 
und des Ziels geworfen hatte. 



126 MtRABBAÜ 



aber urteilen und Einfluß üben kann man nur im 
ganzen. Es ist unmöglich, den Staat von einem Tag 
zum andern zu retten ... 



An den Grafen von der Mark in Paris 

Freitag, 4. Juni 1790. 

Wenn der König es müde sein wird. Gefangener 

zu sein, wollen wir zusehen. Aber behalten Sie im 
Gedächtnis, mein lieber Graf, in dessen Geheimnisse 
ich nicht dringen will, deren Rumoren in den Tuile- 
rien, das täglich stärker wird, ich aber nicht über- 
hören kann, daß man in keinem Fall und unter keinem 
Vorwand Vertrauter oder Mithelfer einer Entweichung 
werden soll und daß ein König nur am hellen Tage 
fortgeht, wenn es geschieht, um König zu sein . . . 



An David Leroy*) 

Juni 1790. 

Mit vielem Dank habe ich das Werk empfangen, 
das Sie mir gesandt haben. Ich hatte es mir schon 
vorgemerkt und hatte mir seit langem vorgenommen, 
es in besondere Erwägung zu nehmen, sowie der Strom, 
der mich fortreißt, mir erlaubt, mich der Sammlung 
und Forschung zu widmen. Es ist nicht zweifelhaft, 

*) David Leroy war ein Architekt; er hatte M. ein Buch (Briefe 
an Franklin) gesandt, in dem er den Plan entwickelte, die Seine 
für die großen Handelsschiffe schiffbar zu machen und Paris zur 
Hafenstadt zu machen. 




3. IN DER REVOLUTION I27 

daß der Gegenstand, den Sie bebandelt baben, aucb 
wenn man ibn nur in seinen Beziebungen zu der 
Wissenscbaft des Staatsmanns betracbtet, immer 
nocb zu den wicbtigsten gehört, die man in der gegen- 
wärtigen Lage behandeln kann, wo es so bedeutungs- 
voll ist, die Existenz von Paris zu ändern, sowohl um 
dieser Hauptstadt selbst willen, wie für die Sicherheit 
des Reichs und die Vervollkommnung seiner sozialen 
Organisation. Paris war unter dem Despotismus 
nie etwas anderes, als eine Hemmung für den poli- 
tischen Körper, in gleicher Weise geeignet und dazu 
bestimmt, ihn zu vampyrisieren und zu verderben. 
Paris muß die Hauptader der politischen Zirkulation 
werden und kann es leicht, wenn, wie ich seit fünfzehn 
Jahren nicht aufgehört habe zu meinen, Ihr Gedanke 
gegründet ist und sich mit den einfachsten Mitteln 
der Technik verwirklichen läßt. Wenn dagegen nicht 
irgendein großes Unternehmen dieser Art kommt 
und die Phantasie ablenkt und beruhigt, die ver- 
scharrten Kapitalien ausgräbt, die müßigen Hände 
beschäftigt, diese ungeheuere Bevölkerung, die nur 
von Agiotage, Prozessen, Luxus, Putz und Schmuck 
oder den Gehältern einer korrumpierenden Regierung 
gelebt hat, endlich neu belebt und unschuldig be- 
schäftigt, dann werden die Krämpfe, die Paris durch- 
machen wird, um eine widernatürliche Existenz 
herabzustimmen oder künstlich aufrechtzuerhalten, 
unberechenbare Wirkungen zeitigen und aller mensch- 
lichen Voraussicht spotten. 



128 MIRABEAU 



Zweite Note Mirabeaus für den Hof 

20. Juni 1790. 

. . . Der König hat nur einen Mann, das ist seine 
Frau. Es gibt keine andre Sicherheit für sie als durch 
die Wiederherstellung der königlichen Autorität. 
Ich .will gern glauben, daß sie kein Leben ohne ihre 
Krone möchte; aber dessen bin ich sicher, daß sie 
ihr Leben nicht behalten wird, wenn sie ihre Krone 
nicht behält . . . 



Dritte Note Mirabeaus ftir den Hof 

Mittwoch, 23. Juni 1790. 

. . . Die Könige können nicht in allen Jahrhunderten 
die nämliche Sprache führen. Der Vertrag ist in 
mehreren Stücken anstößig*). Er bezieht sich nur auf 
das Interesse der beiden Häuser; um alles mit einem 
Wort zu sagen, dieser Vertrag ist nicht national, 
und in diesem Betracht denkt jeder rechte Kopf, 
daß seine Ratifikation unmöglich ist, gleichviel, was 
wir für Anstrengungen zu Ihrer Unterstützung machen 
würden ... 



An Mauvillon 

4. August 1790. 

... Sie haben recht mit Ihrer Meinung, lieber Freund, 
daß die politische Laufbahn alle Tage gewagter wird. 

*) Es handelt sich um den Familienpakt mit Spanien. 



3. IN DER REVOLUTION 129 

Zunächst habe ich nie an eine große Revolution ohne 
Blutvergießen geglaubt, und ich hoffe nicht mehr, daß 
die innere Gärung in Verbindung mit den finanziellen 
Schwankungen ohne Bürgerkrieg verläuft; ich weiß 
nicht einmal, ob diese schreckliche Krise nicht ein 
notwendiges Übel ist. Dann bin ich persönlich das 
Ziel der Ehrgeizigen, Aufrührer und Verschwörer 
geworden. Der Teil der Volkspartei, der nichts weiter 
will als das Durcheinander*), der von mir bei mancher- 
lei Gelegenheiten matt gesetzt und in der Frage des 
Bestimmungsrechts über Frieden und Krieg gebändigt 
worden ist, verzweifelt daran, daß ich die monar- 
chischen Prinzipien preisgeben könnte, und hat mir 
demnach den Untergang geschworen. Der Haus- 
meier**), der wohl weiß, daß er mit mir rechnen muß, 
wenn er etwas anderes sein will als ein großer Bürger, 
und daß es keine geeigneten Handhaben gibt, mich 
von meinen Anschauungen fortzubringen, stellt mir 
alle möglichen Netze. Das Ministerium ist so perfid 
wie feige und nicht imstande, mir, wär's gleich zu 
seinem eignen Heil, die Dienste zu verzeihen, die ich 
der Nation erwiesen habe. Der Thron hat weder 
Ideen, noch Bewegung, noch Willen. Das unwissende 
und anarchisch gewordene Volk schwimmt nach 
Gefallen aller politischen Gaukler und seiner eigenen 

*) Er denkt vor allem an Marat, der in dieser Zeit geschrieben 
hatte, man müsse hundert Galgen in den Tuilerien errichten und 
dergleichen. 

**) La Fayette; M. rechnete aber auch mit ihm und betrachtete 
ihn, gleichviel in welchem Sinne, als einen wichtigen Stein in seinem 
politischen Schachspiel. 

Landauer, Briefe aus der französ. Revolution I 9 



130 MIRABEAU 



niusionen. Gewiß kann man kaum auf einem Weg 
schreiten, der mehr mit Fußangeln belegt wfire. Aber 
ich werde in derselben Haltung auf ihm weitergehen; 
in der Haltung, die das Bewußtsein verleiht, nützlich 
gewesen zu sein und nie etwas anderes gewollt zu 
haben als zu nützen. Wenn ich indessen sage: Ich 
werde weitergehen, so ist damit nicht gesagt, ich sei 
nicht entschlossen, stehenzubleiben; doch, das bin 
ich so lange, wie die Nationalversammlung eine Ver- 
waltungskörperschaft bleibt, anstatt ihr Geschäft 
als konstituierende Körperschaft zu besorgen. Auf 
diese Weise richtet sie sich und uns zu Grunde, und 
ich sehe kein anderes Heilmittel, als daß ein gutes 
und redliches Ministerium gebildet wird, was jedoch 
so lange unmöglich ist, als man nicht das unsinnige 
Dekret aufhebt, das den Mitgliedern der National- 
versammlimg jede Stelle in der Verwaltung verbietet. 
Das ist das wahrhafte Hindernis, das von einem Mann 
aufgetürmt worden ist, den der Zufall an die Spitze 
einer Revolution gestellt hat, der er fremd gegenüber- 
stand und der wohl fühlt, daß sein Reich an dem Tage 
zu Ende sein wird, wo die Ordnung wiederhergestellt 
ist*). So verschwinden die Nachtvögel, wenn die 
Sonne aufgeht. 

Ich denke genau so wie Sie über das Dekret hin- 
sichtlich der Titel, Livreen usw. Am schwersten aus 
den Herzen der Menschen zu reißen ist die Macht der 
Erinnerungen. Der wahre Adel ist in diesem Sinne 
eine so unzerstörbare wie geheiligte Einrichtung. Die 

♦) Necker. 



3, IN DER REVOLUTFON 131 

Formen werden wechseln, aber der Kultus wird bleiben. 
Alle Menschen seien vor dem Gesetz gleich; jedes 
Monopol, vor allem auf moralischem und geistigem 
Gebiet, verschwinde; alles übrige ist nichts weiter als 
ein Umzug der Eitelkeit von einem Ort zum andern . . . 



Einundzwanzigste Note Mirabeaus 

für den Hof 

1. September 1790. 

. . . Man kann nicht Angst genug vor dem Bankerott 
haben. Der festeste und stärkste Despotismus könnte 
seinen Stoß kaum aushalten. Der Despotismus jedoch 
ist in Frankreich für immer vorbei. Die Revolution 
kann scheitern, die Verfassung kann umgestürzt, das 
Reich von der Anarchie zu Fetzen gerissen werden, aber 
man wird nie auf den Despotismus zurückkommen . . . 



An den Grafen von der Mark 

Freitag, 22. Oktober 1790*). 

. . . Gestern bin ich durchaus kein Demagog ge- 
wesen, ich war in hohem Sinne ein Bürger, und viel- 
leicht ein geschickter Redner. Wie! Diese dummen 

*) Diese Antwort bezieht sich auf Mirabeaus Rede über die 
Frage der Flagge auf den Kriegsschiffen : es war beantragt worden, 
die weiBe Flagge durch die Trikolore zu ersetzen; weiß war nun- 
mehr die Farbe der Royalisten, die Trikolore das vom König — 
unfreiwillig — adoptierte Zeichen der Revolution und Verfassung. 

9* 



132 MIRABEAU 

Schufte, von einem pnren Zufallserfolg b^aoscht, 
kommen uns ganz platt mit der Gegenrevolution, 
und man glaubt, ich werde nicht wettern! In Wahr- 
heit, Freund, ich habe keinerlei Lust, irgend jemandem 
meine Ehre und dem Hof meinen Kopf auszuliefern. 
Wäre ich nur Politiker, so würde ich sagen: „Es tut 
mir not, daB diese Leute mich fürchten." Wäre ich 
von ihnen abhängig, so würde ich sagen: „Diesen 
Leuten tut es not, da£ sie mich fürchten." Aber ich 



Nach Mirabeaus Rede, in der er fest und stark für die Trikolore 
und gegen die Gegenreyolationare sprach, kam es zu leidenschaft- 
lichen Sxenen, zumal nachdem IL den Antrag gestellt hatte (der 
dann durchging), die Matrosen sollten morgens und abends und 
bei feierlichen Gelegenheiten nicht mehr: Es Übe der KötUgl rufen, 
sondern Es Übe die Nation, das Geseb und der Königl — Hier ist 
der Punkt, von dem aus Mirabeaus Haltung vielleicht am sicher- 
sten zu erfassen ist, daher hier einige Auszüge aus seinen Reden 

bei der Gelegenheit (s. Vermorel, V. 3 — 9): „ Mit einem Wort. 

man wagt es, vor Ihnen g^anz kalt eine Sprache zu führen, die, 
recht Terstanden, schlechtweg sagt: Wir halten uns für stark ge- 
nug, die weiße Fahne aufzupflanzen, das heißt die Fahne der 
Gegenrevolution statt der yerhaßten Farben der Freiheit! Das 
zu erfahren ist ohne Zweifel interessant; aber das Elrgebnis ist 
nicht erschreckend. Ohne Frage haben sie sich zu weit vorgewagt. 
(Zur Rechten): Glauben Sie mir, lullen Sie sich nicht in eine so 
gefahrliche Sicherheit ein, denn das Erwachen wird schnell und 
furchtbar sein !...** Ein wütendes Mitglied der Rechten ruft Mira- 
beau zu, er sei ein Aufrührer; er antwortet: „Ich behaupte, die 
wahren Aufruhrer, die wahren Verschwörer sind die Leute, die 
von Vorurteilen reden, die man schonen soll, indem sie an die 
Irrtümer unsrer Vorzeit und das Un^ück unsrer schimpflichen 

Sklaverei erinnern I ** „Sie werden auf den Meeren flattern, 

die Nationalfarben f Sie werden die Achtung aller Zonen erlangen 
nicht als Zeichen der Kampfe und des Siegs, sondern als das der 
hefligen Brüderschaft der Freiheitsfreunde auf der ganzen Erde 
und als Schreckenszeichen für die Verschwörer und Tyrannen . . / 



3. IN DER REVOLUTION 133 

bin ein guter Bürger, der den Ruhm, die Ehre und die 
Freiheit über alles liebt, und wahrlich, die Herren vom 
Rückschritt sollen mich immer gerüstet finden, sie 
zu zerschmettern. Gestern hätte ich sie nieder- 
metzeln lassen können; sollten sie diese ihre Spur 
weiter verfolgen, so zwängen sie mich, es zu wollen, 
wäre es auch nur zum Heil der kleinen Zahl Ehren- 
männer unter ihnen. Mit einem Wort, ich bin der 
Mann der Wiederherstellung der Ordnung, und nicht 
einer Wiederherstellung der alten Ordnung. Es gibt 
für Sie ein sehr einfaches Mittel, sich aus der Ver- 
legenheit zu ziehen, von der Sie mir reden und die 
ich nicht recht begreife: meinen Brief vorzuzeigen. 
Vale et me ama*). 



Siebenundvierzigste Note Mirabeaus 

für den Hof 

23. Dezember 1790**). 

. . . Die königliche Autorität wiederherstellen ist 
ein zu sehr zusammengesetzter Gedanke, als daß man 
sich gut genug über die Einzelheiten und die Folgen 
verständigen könnte, wenn man sich darauf be- 

*) Gfaf von der Mark folgte dem Rat und schickte diesen 
Brief Mirabeaus der Königin, deren Entsetzen, nach einem Brief 
des Erzbischofs von Toulouse zu schließen, dadurch nicht ge- 
ringer wurde. 

***) Diese Note ist ein sehr umfangreiches Memorandum, das 
den Untertitel trägt: Darstellung der Lage Frankreichs und der 
Mittel, die öffenUiehe Freiheit mit der königlichen Autorität zu ver- 
einbaren. 



134 MIRABEAU 



Bchränken würde, dieses einfache Ergebnis auszu- 
sprechen. Einen Angriff auf die Revolution machen 
hieße übers Ziel hinausschießen; denn die Bewegung, 
die ein großes Volk dazu bringt, sich bessere Gesetze 
zu geben, verdient eher unterstützt als aufgehalten 
zu werden, selbst wenn man heute ohne Hirnverbrannt- 
heit wollen könnte, daß die französische Nation wieder 
in ihre frühere Lage zurückkehrte, auf all ihre 
Hoffnungen verzichtete und um die Frucht all ihrer 
Mühen käme. Brächte man auf einen Schlag eine 
ganze Generation zum Verschwinden, nähme man 
fünfundzwanzig Millionen Menschen das Gedächtnis, 
so wäre dieser Erfolg noch immer unmöglich: die 
Revolution respektieren und trotzdem auf die Ver- 
fassung in ihrer Ganzheit einen Angriff machen 
und die Franzosen auf den Punkt zurückführen 
wollen, von dem sie am 27. April 1789 ausgingen, 
wäre ebenfaUs ein chimärischer Entwurf, den keine 
Macht mit einer Nation verwirklichen könnte, die 
von Natur aus ungeduldig ist, die sich vor allem eine 
Verfassung geben will, sie erlangt zu haben glaubt 
und ihre Hoffnung nicht ungestraft betrogen sähe. 
Man muß also zugleich die Revolution in ihrem 
Geist und die Verfassung in mehreren ihrer Grund- 
bestimmungen akzeptieren; es ist kein Einvernehmen 
möglich, weder mit dem Volk noch mit seinen Führern, 
noch auch nur mit der Klasse der Unzufriedenen, 
die einigen Einfluß haben können, wenn man sich 
diesen ersten Bedingungen nicht fügt . . . 

, . . Was die Zerstörungen angeht, so sind sie fast 



8. IN DER REVOLUTION 135 

alle der Nation und dem Monarchen in gleicher Weise 
nützlich, und in dieser Hinsicht ist die Revolution, 
deren Werk diese Zerstörungen sind, von der Verfas- 
sung wohl zu unterscheiden. Ich verstehe unter 
Zerstörungen die Abschaffung aller Privilegien, aller 
Befreiungen pekuniärer Art, des Feudalismus, und 
mehrerer unheilvoller Arten der Steuer. Ich verstehe 
darunter weiter die Zerstörung der Provinzkörper- 
schaften, der ständischen Länder, der Parlamente, 
des Klerus und der Lehnsherrschaften als politischer 
Körperschaften im Staat. Ich rechne ferner unter die 
Zahl der großen Vorteile, die beizubehalten sind, 
die Einheit in der Steuerveranlagung, die Grundsätze 
einer populäreren Verwaltung, die Freiheit, aber nicht 
Straflosigkeit der Presse, die Freiheit der religiösen 
Meinung, die Verantwortlichkeit aller Organe der 
ausübenden Grewalt, die Zulassung aller Bürger zu 
allen Ämtern, ein weniger willkürliches Verfahren 
zur Erlangung der Gnaden und Geldunterstützungen 
und eine stärkere Überwachung in der Verwaltung 
des öffentlichen Vermögens. Mit einem Wort, ich 
nehme die Wohltaten der Revolution und die wich- 
tigen Grundlagen der Verfassung gleichermaßen in 
mein System auf . . . 

. . . Ich betrachte in der Tat alle Wirkungen der 
Revolution und alles, was man von der Verfassung 
beibehalten soll, als derart unwiderrufliche Er- 
rungenschaften, daß keine Umwälzung, solange das 
Reich nicht zerstückelt wurde, sie mehr vernichten 
könnte. Ich nehme nicht einmal eine bewaffnete 



136 MIRABEAU 



Gegenrevolution aus; wäre das Königreich wieder 
erobert, so müßte sich der Sieger immer noch mit der 
öffentlichen Meinung ins Benehmen setzen, müßte 
sich des Wohlwollens des Volkes versichern, müßte 
die Abschaffung der Mißbräuche festsetzen, müßte das 
Volk zur Herstellung der Gesetze zulassen, müßte es 
seine Verwaltungsbeamten wählen lassen: das heißt, 
daß man selbst nach einem Bürgerkrieg immer noch 
auf den Plan zurückkommen müßte, der sich ohne 
Erschütterung durchführen läßt . . . 

. . . Genug jetzt zur Skizzierung eines Plans, der, 
da er den Erfahrungen eines jeden Tages unterworfen 
sein wird, mit Notwendigkeit gerade durch die An- 
strengungen, die man zu seiner Ausführung machen 
wird, verbessert werden muß. Ich beschließe ihn mit 
einer Erwägung, die gleichermaßen beruhigend und 
grausam ist. Man darf alles hoffen, wenn dieser Plan 
befolgt wird; und wenn er es nicht wird, wenn diese 
letzte Rettungsplanke uns entgleitet, gibt es kein 
Unglück, von den individueUen Ermordungen bis 
zur Plünderung, vom Sturz des Throns bis zur Zer- 
trümmerung des Reichs, auf das man sich nicht ge- 
faßt machen müßte. Welche Rettung kann es außer- 
halb dieses Plans noch geben? Nimmt die Wildheit 
des Volkes nicht stufenweise zu? Schürt man nicht 
mehr und mehr jeglichen Haß gegen die königliche 
Familie? Spricht man nicht offen von einem allge- 
meinen Blutbad gegen die Adligen und den Klerus ? 
Wird man nicht wegen einer bloßen Meinungs- 



3. IN DER REVOLUTION 137 

Verschiedenheit proskribiert ? Macht man dem Volk 
nicht Hoffnungen auf die Teilung der Ländereien? 
Sind nicht alle Großstädte des Reichs in einer heil- 
losen Verwirrung? Übernehmen nicht die National- 
garden bei allen Rachezügen des Volks die Führung? 
Zittern nicht alle Verwaltungsbeamten um ihre eigene 
Sicherheit, ohne das geringste Mittel zu haben, für 
die der andern zu sorgen? Können schließlich in 
der Nationalversammlung Taumel und Fanatismus 
noch eine höhere Stufe erreichen? Unglückliche 
Nation! Dahin haben dich ein paar Menschen, 
die die Intrige an die Stelle des Talents und die 
Agitationen an die Stelle der schöpferischen Gedanken 
gesetzt haben, gebracht! Guter, aber schwacher 
König! Unglückselige Königin! Da steht ihr nun 
vor dem schauderhaften Abgrund, zu dem euch das 
Schwanken zwischen einem zu blinden Vertrauen und 
einem zu übertriebenen Mißtrauen geführt hat. Ein 
Versuch bleibt noch den einen wie den andern, 
aber es ist der letzte. Gleichviel ob man ihn verwirft 
oder ob man scheitert, ein Leichentuch wird auf 
dieses Land fallen. Welches Geschick erwartet es 
künftig? Wohin wird dieses Fahrzeug verschlagen 
werden, das vom Blitz getroffen ist und vom Sturm 
gepeitscht wird? Ich weiß es nicht; aber wenn ich 
selbst dem Schiffbruch dieser Nation entrinne, werde 
ich in meiner Zufluchtsstätte immer stolz sagen dürfen: 
„Ich habe mich dem Untergang ausgesetzt, um sie 
alle zu retten; sie wollten es nicht!' 



... 



138 MIRABBAU 



An Etienne Dumont in Genf*) 

5. Februar 1791. 

. . . Ich weiß nicht, welches Schicksal uns erwartet, 
mein Freund, und besonders mich, der ich, wenn ich 
Erfolg habe, versuchen werde, die schwierige Probe 
des Glücks zu bestehen, wie Piso sie bestanden 
hätte**). Aber was mir auch begegnen mag, ich weiß, 
daß ich mein ganzes Leben lang mit Ihrem Glück 
und Ihren Erfolgen eng verbunden bin. Ich weiß, 
daß jeder, der für Sie reden wird, mich zum Bundes- 
genossen haben wird, daß, wer gegen Sie sein wird, 
mich gegen sich haben wird. Ich weiß, daß die Leute, 
die hofften, eine Stadt, in der so viele schätzbare 



*) E. D. war, wie Jakob Mauvillon, einer der nächsten Freunde 
und Mitarbeiter Mirabeaus, und also, da M. auf die Lange nur 
mit solchen arbeiten konnte, ein eminent tüchtiger Mann. Er 
stammte aus Genf und lebte von 1759 — 1829; er war auf den Ge- 
bieten der Philosophie, Rechts- und Staatswissenschaften tätig, 
ein Schüler Benthams. Übrigens war er ein Großonkel des wei- 
marischen Prinzenerziehers Soret, der des vertrauten Umgangs 
mit Ooethe genoß; und so bekam Goethe 1832 noch die frisch aus 
Dumonts Nachlaß erschienenen Erinnerungen an Mirabeau zur 
Hand. Ihnen verdanken wir die prachtvollen großen Äußerungen 
Goethes über Mirabeau, in denen er an Hand von Mirabeau und 
sich selber zeigt, was ein Genie ist und wie das Genie arbeitet und 
sich alles aneignet. Soret und nach ihm Eckermann haben dar- 
über unterm Datum des 17. Februar 1832 berichtet. 

**) Bei Tacitus sagt der Kaiser Galba zu Licinius Piso, den 
er aus dem Exil heraus, allerdings nur für fünf Tage, zum Mit- 
kaiser macht: das Elend würde im allgemeinen ertragen, durch 
Glück würden wir korrumpiert. Er, Piso, aber, würde, so glaube 
er, Treue, Freiheit, Freundschaft mit derselben ausdauernden 
Seele auch im Glück bewahren. 



3. IN DER REVOLUTION 139 

Männer die Theorie der Freiheit studiert haben, 
um ihren Dienst zu begründen, eine Stadt, in der ich 
persönlich treffliche Männer gekannt und Mitarbeiter, 
die meine Mittel und Kräfte verzehnfacht haben, 
gefunden habe, diese Stadt vor unsern Augen, an 
unsern Grenzen zu unterjochen oder auch nur zu 
beherrschen*), hirnverbrannte Tempelschänder sind, 
die in ihren eigenen Machenschaften zugrunde gehen 
müßten. Sagen Sie, mein Freund, sagen Sie es denen 
unter ihren Landsleuten, die in ihren Herzen keine 
Gründe haben, Ihnen nicht zu glauben, sagen Sie 
ihnen, daß zur ewigen Schmach der ruchlosen Bünd- 
nisse, die Katastrophen über uns heraufbeschwören 
und die vielleicht Gewitter auf uns ziehen werden, 
unsre Revolution entschieden, gerettet, vollendet, 
unwiderruflich ist, und daß, gleichviel, was das Schick- 
sal ihrer Urheber sein mag, das ihrer Feinde ist, 
unter der Wucht der Tatsachen und der unwider- 
stehlichen Bewegung, die dem Menschengeist ver- 
liehen wurde, zerstampft zu werden; sagen Sie ihnen, 
daß nur noch enge Köpfe und vertrocknete Seelen 
gegenteilige Kombinationen oder Wünsche zu hegen 
wagen; sagen Sie ihnen mit einem Wort, daß die 
Nationalversammlung Frankreichs nichts taugt, wenn 
das Vaterland Rousseaus nicht frei wird**). 



*) Die Stadt ist Genf. 
**) In Qenf hatte die Revolution lange vor der französischen 
begonnen und ging eigentlich im Anschluß an unaufhörliche früher« 
Kampfe zwischen Autokratie und Demokratie das ganze 18. Jahr- 
hundert hindurch. Jetzt aber hatten die Verfechter der Volks- 



140 MIRABEAU 



Graf von der Mark an Herrn Vicq- d' Azyr*) 

Sonntag, 3. AprU 1791. 

Geehrter Herr, ich habe gegen meinen unglück- 
lichen und berühmten Freund eine letzte Pflicht zu 
erfüllen. Sein Körper wird heute vormittag gegen 
zehn Uhr geöffnet werden. Die Anklagen, die im 
Volk umlaufen, haben es zur Notwendigkeit gemacht, 
und es handelt sich gewissermaßen darum, den Tod 
über das Verbrechen, das er begangen hat, zu ver- 
hören. Ich bitte Sie, anwesend zu sein; auch der 
Leichnam dieses großen Mannes soll nur von Männern 
beurteilt werden, die seiner würdig sind. Ich rede 
Ihnen von einem Toten, und ich nenne Ihnen nicht 
einmal den Namen Mirabeau. Aber wer weiß nicht, 
daß er nicht mehr ist ? Und von wem also könnte ich 
sprechen? 

Ich bin mit aufrichtig empfundener Achtung usw. 

rechte den engen Anschluß an die französischen Revolutionäre 
gefunden und Clavidre, Du Roverey und unser Dumont hatten 
sich im Namen des Genfer Volks an die Nationalversammlung 
in Paris gewandt, so daß ein Anschluß der unabhängigen Republik 
Genf an Frankreich vielfach befürchtet wurde, zu dem es ja 1798 
auch tatsächlich kam, bis dann der Wiener Kongreß und der 
zweite Pariser Friede 1815 Genf als Kanton in der Eidgenossen- 
sehaft aufgehen ließ. 

*) Bekannter Arzt in Paris. 



CAMILLE DESMOULINS 

Geboren 1760 in Guise (Aisne) in der Pikardie; Advokat in Paris. 
Gestorben auf dem Schafott 5. April 1794. 

Oeuvres de Camille Desmoulins, Paris, Librairie de la Bibliothdque 
Nationale; Tome 2: Gorrespondance. 






% 



Briefe an den Vater in Guise 

Paris, 5. Mai 1789. 

Das war gestern für mich einer der schönen Tage 
meines Lebens. Man hätte ein schlechter Bürger sein 
müssen, wenn man nicht an dem Fest dieses heiligen 
Tages teilgenommen hätte. Ich glaube, wenn ich nur 
von Guise nach Paris gekommen wäre, um diesen Tag 
der drei Stände und die Eröffnung unsrer General- 
staaten zu sehen, würde ich diese Pilgerschaft nicht 
bereuen. Ich habe nur einen Kummer gehabt, näm- 
lich, daß ich Sie nicht unter unsern Abgeordneten 
sah. Einer meiner Kameraden war glücklicher als ich, 
Robespierre nämlich, der Abgeordnete von Arras. Er 
hat die Klugheit besessen, in seiner Provinz vor Ge- 
richt aufzutreten . . . Man sah gestern den Herzog 
von Orleans an seinem Platz als Abgeordneter des 
Bezirks Crespy, und den Grafen von Mirabeau in der 
Tracht des dritten Standes und einem Degen, einen 
einzigen Benediktiner, keine Bernhardiner; die Tracht 
des Adels, genau die nämliche wie die der Herzöge imd 
Pairs, war prächtig, und es waren an Zahl zweihundert- 
undvierzig. Vierzig Bischöfe waren da. Die meisten 
Leute nahmen Anstoß daran, daß sie hinter der Geist- 
lichkeit in corpore gingen, anstatt daß sie je nach dem 
Platz ihres Bezirks mit der Geistlichkeit zusammen- 
gingen. Der Kardinal von Larochef oucault beansprucht 
auf Grund seines Purpurs die Präsidentschaft, drei 
Viertel des Klerus sind gewillt, einen andern Präsi- 



144 CAMILLE DESMOULINS 

denten zu wählen. Wie unsre Abgeordneten sich in 
die Brust werfen! sie halten cajnU intra nubes . . . 

Der Abbe von Bourville, einer meiner Kameraden, 
nahm mich zu Tisch zu seinem Onkel, dem Brigade- 
general Ritter M . . . mit. Dort konnte ich merken, 
wie gereizt die Adelskörperschaft gegen Herrn Necker 
ist. Zu Tausenden und Tausenden hatte man gerufen: 
Es lebe der König/ Es lebe der dritte Stand! Einige 
Zurufe galten dem Herzog von Orleans, aber nichts 
fiel für die Goldstoffe und die Sutanen ab. Das Ge- 
sicht des Königs strahlte vor Freude. Seit vier Jahren 
hatte er den Ruf: Es lebe der König! nicht mehr 
gehört! . . . 

10. Juni 1789. 

. . . Morgen Sonntag kehre ich nach Versailles zu- 
rück. Ich will entflammen, andre und mich selbst. 
Wir stehen jetzt vor dem Beginn der großen Woche. 
Was in Versailles vor sich geht, muß unsern Abgeord- 
neten wunderbaren Mut verleihen. Dreißigtausend 
junge Leute sind ausgehoben worden, die bereit sind, 
für die Sache einzutreten, die ihre Vertreter in Ver- 
sailles verteidigen. Die Bretonen führen provisorisch 
einige der Artikel ihrer Beschwerdehefte aus. Sie töten 
die Tauben und das Wildbret. Fünfzig junge Leute 
richten ebenso hier in der Gegend eine Verheerung 
ohnegleichen unter Hasen und Kaninchen an. Es 
heißt, sie hätten vor den Augen der Wärter vier- bis 
fünftausend Stück Wild in der Ebene von St. Germain 
umgebracht . . . 



^ 



GAMILLE DESMOULINS 145 

... Sie machen sich keine Vorstellung von der 
Freude, in die mich unsre Wiedergeburt versetzt. Es 
war eine schöne Sache um die Freiheit, da Cato sich 
lieber die Eingeweide aufriß, als einen Herrn zu haben. 



Juli 1789. 

... Im Palais Royal lösen sich die Männer, die über 
eine Stentorstimme verfügen, allabendlich ab. Sie 
steigen auf einen Tisch; man schart sich um sie und 
hört der Vorlesung zu. Sie lesen die stärkste Flug- 
schrift des Tages über die Angelegenheiten der Zeit. 
Das Schweigen wird nur an den kräftigsten Stellen 
durch Bravos imterbrochen. Dann rufen die Patrio- 
ten: bül 

Vor drei Tagen ist ein sehr kluges und wohlerzogenes 
vierjähriges Kind am hellen Tage mindestens zwanzig- 
mal auf den Schultern eines Lastträgers im Garten 
herumgetragen worden und rief: „Beschluß des fran- 
zösischen Volkes. Die Polignac hundert Meilen von 
Paris verbannt. Cond6 dito. Conti dito. D'Artois 
dito. Die Königin ", ich wage es nicht zu wieder- 
holen . . . 



Juli 1789. 

. . . Vorgestern hat im Palais Royal ein Polizeispion 
eine exemplarische Züchtigung erhalten; man hat ihn 
entkleidet, man hat gesehen, daß er Spuren von Peit- 
schenhieben trug, daß er gebrandmarkt war; man hat 
eine Karbatsche bei ihm gefunden; das sind die hän- 
fenen Handschellen, deren sich diese elenden Schufte 

Landauer, Briefe aus der franzöe. Eevolutionl 10 



146 CAMILLE DESMOULINS 

bedienen. Man hat ihn im Bassin gebadet, dann hat 
man ihn gehetzt, wie man einen Hirsch hetzt, bis er 
zusammenbrach, man warf ihn mit Steinen, man 
schlug ihn mit Stöcken, man schlug ihm ein Auge 
aus der Höhle; schließlich warf man ihn, ohne auf sein 
Flehen und sein Um-Gnade-Bitten zu hören, zum 
zweitenmal ins Becken. Seine Marter hat von Mittag bis 
halb sechs Uhr gedauert, und er hatte an 10 000 Hen- 
ker. Gestern abend kamen die Herren von Sombreuil 
und von Polignac, die Husarenoffiziere sind, ins Palais 
Royal, und da diese Uniform aufs äußerste verhaßt 
ist, hat man Stühle nach ihnen geworfen, und sie wären 
am Ende totgeschlagen worden, wenn sie nicht die 
Flucht ergriffen hätten. Sowie sich ein Husar sehen 
läßt, ruft man: Da ist ein Hanswurst l und die Stein- 
arbeiter werfen Steine auf ihn ... 

. . . Noch eine Anekdote, die seltsam genug ist. Ihr 
wißt, das Palais Royal ist das Forum geworden; die 
Menge teilt sich in Gruppen. Vor ein paar Tagen 
schloß einer der Redner der zahlreichsten Gruppen 
seine Rede mit folgendem Antrag: „Man verbrenne 
das Haus des Herrn von Espr^mesnil, seine Frau, seine 
Kinder, seine Einrichtung und ihn selbst." Nachdem 
das einstimmig durchgegangen war, rief jemand: 
„Meine Herren, der Tapezier des Herrn von Espre- 
mesnil bittet ums Wort." Man rief: „Das Wort für 
den Tapezier!" — „Meine Herren," sagte der Wackre, 
„ich bitte um Gnade für die Möbel des Herrn von Espr^- 
mesnil, sie gehören mir, er hat noch keinen HeUer da- 
für bezahlt. Ist meine Bitte nicht gerecht?" — „Sehr 



^ 



CAMILLE DESMOULINS 147 

gerecht", rief die Versammlung. Der Tapezier dankte. 
— „Meine Herren, da Ihr Billigkeitsgeftihl mir meine 
Bitte gewährt hat, fasse ich mir den Mut, Herrn . . . 
zu vertreten, der Architekt und hier nicht anwesend 
ist; er hat das Hotel gebaut, es gehört ihm, denn Herr 
von Espr^mesnil hat ihn ebenso wenig bezahlt wie mich, 
es wäre aber ungerecht, ihn des Gebäudes zu berauben, 
das das Unterpfand für seine Forderung ist, und ich 
bin sicher, daß, wenn hier Nachbarn des Herrn Duval 
sein sollten, sie meinen Antrag unterstützen würden." 
Man rief zugunsten des Architekten und der Nach- 
barn auch für das Hotel Gnade aus. „Was seine Frau 
angeht", fing der Tapezier wieder an, „meine Herren, 
warum wollen Sie verbrennen, was Ihnen gehört ? Sie 
wissen, seine Frau ist ein öffentliches Weibsbild; sie 
gehört jedermann, und mehr als einer unter Ihnen 
muß ihr erkenntlich gewesen sein; also Gnade für die 
Frau, und, meine Herren, müßten Sie nicht fürchten, 
das Verbrechen des Odipus nachzuahmen und Ihr 
eigenes Blut zu ermorden, ohne es zu wissen, wenn 
Sie die Kinder des Herrn Duval d'Espr^mesnil ver- 
brennten ?** — „Ja, ja," rief man, „Gnade für Mutter 
und Kinder." — „Was ihn angeht, meine Herren, so 
habe ich nichts dagegen, daß man ihn in effigie oder ' 
in Person verbrenne." Das Hübscheste an der Anek- 
dote ist, daß man versichert, es wäre Herr von Esprö- 
mesnil selbst gewesen, der diese Fürsprache eingelegt 
hätte. 



10* 



148 CAMILLE DESMOULINS 

16. Juli 1789. 

Lieber Vater! 

Jetzt kann man euch schreiben, der Brief wird an- 
kommen. Ich selbst habe gestern einen Posten in 
einem Postbureau aufgestellt, und es gibt kein ge- 
heimes Kabinett mehr, wo man die Siegel der Briefe 
öffnet. Wie hat sich in drei Tagen das Gesicht aller 
Dinge verändert! Am Sonntag war ganz Paris be- 
stürzt über die Entlassung Neckers; so sehr ich ver- 
suchte, die Geister zu erhitzen, kein Mensch wollte zu 
den Waffen greifen. Ich schließe mich ihnen an; man 
sieht meinen Eifer; man unu*ingt mich; man drängt 
mich, auf einen Tisch zu steigen: in einer Minute habe 
ich sechstausend Menschen um mich. „Bürger,'' sage 
ich nunmehr, „ihr wißt, die Nation hatte gefordert, 
daß Necker ihr erhalten bliebe, daß man ihm ein Denk- 
mal errichtete: man hat ihn davongejagt! Kann man 
euch frecher trotzen? Nach diesem Streich werden 
sie alles wagen, und noch für diese Nacht planen sie, 
organisieren sie vielleicht eine Bartholomäusnacht für 
die Patrioten." Ich erstickte fast vor der Menge Ge- 
danken, die auf mich einstürmten, ich sprach ohne 
Ordnung. „Zu den Waffen," sagte ich, „zu den Waf- 
fen! Wir wollen alle die grüne Farbe tragen, die Farbe 
der Hoffnung." Ich entsinne mich, daß ich mit den 
Worten schloß: „Die niederträchtige Polizei ist hier. 
Wohlan! sie soll mich gut betrachten, gut beobachten, 
ja, ich bin es, der meine Brüder zur Freiheit aufruft." 
Und indem ich eine Pistole erhob: „Wenigstens", rief 
ich, „sollen sie mich nicht lebendig in die Hand be- 



%; 



GAMILLE DESMOULINS 149 

kommen, und ich werde verstehen, ruhmvoll zu ster- 
ben; es kann mich nur noch ein Unglück treffen: daß 
ich sehen muß, wie Frankreich zur Sklavin wird/i 
Dann stieg ich hinab; man umarmte mich, erstickte 
mich fast in Liebkosungen. „Freund," sagten sie alle 
zu mir, „wir werden Ihnen eine Wache bilden, wir 
wollen Sie nicht verlassen, wir wollen hingehen, wo Sie 
hingehen." Ich sagte: ich wollte keinen Befehl haben, 
ich wollte nichts weiter sein als ein Soldat des Vater- 
landes. Ich nahm ein grünes Band und befestigte es 
als erster an meinem Hut. Mit welcher Geschwindig- 
keit griff das Feuer um sich! Das Gerücht von diesem 
Aufruhr dringt bis ins Lager vor; die Kroaten, die 
Schweizer, die Dragoner, das Regiment Royal-Alle- 
mand langen an. Fürst Lambesc an der Spitze dieses 
letztern Regiments zieht zu Pferd in die Tuilerien. 
Er säbelt selbst einen waffenlosen Mann von der Garde 
fran^aise nieder und reitet über Frauen und Kinder. 
Die Wut flammt auf. Nun gibt es in Paris nur noch 
einen Schrei: Zu den W äffen t Es war sieben Uhr. 
Er wagt es nicht, die Stadt zu betreten. Man bricht 
in die Läden der Waffenhändler ein. Am Montag 
morgen wird Sturm geläutet. Die Wahlmänner hatten 
sich im Stadthaus versammelt. Mit dem Vorsteher 
der Kaufmannschaft an der Spitze gründen sie ein 
Bürgerwehrkorps von 78 000 Mann in 16 Legionen. 
Mehr als hunderttausend waren schon schlecht und 
recht bewaffnet und liefen nach dem Stadthaus, um 
Waffen zu begehren. Der Vorsteher der Kaufmann- 
schaft will sie hinhalten, er schickt sie zu den Kartäu- 



150 CAMILLE DESMOULINS 

Sern und nach Saint-Lazare; er versucht, Zeit zu ge- 
winnen, indem er die Distrikte glauben macht, man 
werde dort Waffen finden. Die Menge und die Ver- 
wegensten begeben sich zum Invalidenhaus; man ver- 
langt Waffen vom Gouverneur; er gerät in Angst und 
öffnet sein Magazin. Ich bin, auf die Gefahr, zu er- 
sticken, unters Dach gestiegen. Ich sah dort, will mir 
scheinen, mindestens hunderttausend Flinten. Ich 
nehme eine ganz neue, an der ein Bajonett steckte, 
und zwei Pistolen. Das war am Dienstag, der ganze 
Morgen verging damit, daß man sich bewaffnete. 
Kaum hat man Waffen, so geht's zur Bastille. Der 
Gouverneur, der gewiß überrascht war, mit einem 
Schlag in Paris hunderttausend Flinten mit Bajonetten 
zu sehen, und nicht wußte, ob diese Waffen vom Him- 
mel gefallen waren, muß sehr in Verwirrung gewesen 
sein. Man knallt ein oder zwei Stunden drauf los, 
man schießt herunter, was sich auf den Türmen sehen 
läßt; der Gouverneur, Graf von Launay, ergibt sich; 
er läßt die Zugbrücke herunter, man stürzt drauf los; 
aber er zieht sie sofort wieder hoch und schießt mit 
Kartätschen drein. Jetzt schlägt die Kanone der 
Gardes-frangaises eine Bresche. Ein Kupferstecher 
steigt als erster hinauf, man wirft ihn hinunter und 
bricht ihm die Beine entzwei. Ein Mann von der 
Garde-frangaise ist der nächste, er hat mehr Glück, 
er packt die Lunte eines Kanoniers und wehrt sich, 
und binnen einer halben Stunde ist der Platz im Sturm 
genommen. Ich war beim ersten Kanonenschlag her- 
beigeeilt, aber, es grenzt ans Wunderbare, um halb 



CAMILLE DESMOULINS 151 

drei Uhr war die Bastille schon genommen. Die Ba- 
stille hätte sich sechs Monate halten können, wenn 
sich irgend etwas gegen das französische Ungestüm 
halten könnte; die Bastille genommen von Bürgers- 
leuten und führerlosen Soldaten, ohne einen einzigen 
Offizier! Derselbe Gardist, der im Sturm als erster 
nach oben gekommen war, verfolgt Herrn von Launay, 
nimmt ihn bei den Haaren und macht ihn zum Ge- 
fangenen. Man führt ihn zum Stadthaus und schlägt 
ihn unterwegs halbtot. Er ist so geschlagen worden, 
daß es mit ihm zu Ende gehen will; man gibt ihm auf 
dem Gröveplatz den Rest, und ein Schlächter schneidet 
ihm den Kopf ab. Den trägt man auf der Spitze einer 
Pike und gibt dem Gardisten das Kreuz des heiligen 
Ludwig; zur selben Zeit nimmt man einen Kurier fest, 
man findet bei ihm in seinen Strümpfen einen Brief 
für den Vorsteher der Kaufmannschaft; man führt 
ihn aufs Stadthaus. Schon von Montag morgen an 
nahm man alle Kuriere fest. Man brachte alle Briefe 
nach dem Stadthaus; die an den König, die Königin 
und den Premierminister gerichteten öffnete man und 
las sie öffentlich vor. Man las einen Brief, der an Herrn 
von Flesselles*) gerichtet war; man sagte ihm, er solle 
dergestalt die Pariser ein paar Tage hinhalten. Er 
konnte sich nicht verteidigen; das Volk riß ihn von 
seinem Sitz herunter und schleppte ihn aus dem Saal 



*) Das war der Vorsteher der Kaufmannschaft; so lautete der 
aus feudaler Zeit stammende Titel. Es handelte sich in Wahr- 
heit um den Stadtvogt, den Inhaber der obersten Polizeigewalt, 
der in Diensten des Königs stand. 



152 CAMILLE DE8MOULINS 

hinaus, in dem er den Vorsitz der Versammlung ge- 
führt hatte; und kaum war er die Treppe des Stadt- 
hauses hinabgekommen, als ein junger Mann die Pi- 
stole auf ihn anlegte und ihm eine Kugel vor den 
Kopf schoß; man ruft: bravo; man schneidet ihm 
den Kopf ab, setzt ihn auf eine Pike, und ich habe 
auch .sein Herz auf einer Pike gesehen, das man in 
ganz Paris herumgeführt hat; am Nachmittag knüpfte 
man den Rest der Besatzung auf, den man mit den 
Waffen in der Hand ergriffen hatte; man hängte sie 
an die Laterne des Grdveplatzes. Man begnadigte ein 
paar von ihnen und alle Invaliden durch Zurufe. Es 
wurden auch vier oder fünf Diebe auf der Tat ergriffen 
und auf der Stelle gehängt; was die Spitzbuben derart 
in Bestürzung versetzte, daß man sagt, sie hätten sich 
alle aus dem Staub gemacht. Der Herr stellv^tretende 
Polizeidirektor war so erschreckt über das tragische 
Ende des Vorstehers, daß er seine Demission ins Stadt- 
haus sandte. Die Unterdrücker wollten sich alle aus 
Paris flüchten; aber von Montag abend an war immer 
eine Patrouille von fünfzigtausend Mann auf den Bei- 
nen. Man hat niemanden aus der Hauptstadt hinaus- 
gelassen. Alle Barrieren wurden verbrannt und alle 
Zollbeamten sind in Verzweiflung, das könnt ihr euch 
denken. Die Schweizer, Wachen des Königlichen 
Schatzes, haben die Waffen niedergelegt. Man hat 
dort 24 Millionen gefunden, deren sich die Stadt Paris 
bemächtigt hat. Nach dem Handstreich, der die Ba- 
stille gestürmt hatte, glaubte man, die Truppen, die 
rings um Paris lagerten, könnten eindringen, und nie- 



CAMILLE DESMOULINS 153 

mand legte sich schlafen. In dieser Nacht waren alle 
Straßen beleuchtet; man warf Stühle, Tische, Fässer, 
Pflastersteine, Wagen auf die Straßen, um sie zu ver- 
barrikadieren und den Pferden die Beine zu brechen. 
In dieser Nacht waren 70 000 Mann unter den Waffen. 
Die Gardes-fran^aises patrouillierten mit uns zusam- 
men. Ich war die ganze Nacht durch auf Wache. 
Gegen 11 Uhr nachts traf ich auf ein Husarendetache- 
ment, das eben durch das Tor Saint-Jacques eingezo- 
gen war. Der Gendarm, der uns befehligte, rief: Wer 
da! Der Husarenoffizier rief: Frankreich, die fran- 
zösische Nation; wir wollen uns ergeben und euch 
unsern Beistand anbieten. Da man etwas mißtrauisch 
war, sagte man ihnen, sie sollten erst die Waffen 
niederlegen, und als sie sich weigerten, dankte man 
für ihre Dienste, und es wäre nicht einer von ihnen 
entkommen, wenn sie nicht fortwährend drauf los 
geschrien hätten: Hoch die Pariser! Es lebe der dritte 
Stand! Man führte sie zu den Barrieren zwück, wo 
wir ihnen gute Nacht wünschten. Wir hatten sie eine 
Zeitlang in Paris herumgeführt, wo sie die gute Ord- 
nung und den Patriotismus bewundern mußten. Die 
Frauen brachten Wasser zum Kochen, um es auf die 
Köpfe zu gießen; sie sahen die glühend gemachten 
Pflastersteine an den Fenstern, die dazu bestimmt 
waren, auf sie geschmettert zu werden, und rings um 
sich die zahllosen Milizen von Paris, die mit Säbeln, 
. Degen, Pistolen und mehr als 60 000 Bajonetten be- 
waffnet waren, über 150 Kanonen, die an den Straßen- 
eingängen aufgeprotzt waren. Ich glaube, ihr Bericht 



154 CAMILLE DESMOULINS 

war es, wodurch das Lager in Schrecken und Starrheit 
versetzt wurde. Wir hatten die Pulvervorräte dex 
Bastille, des Arsenals, 50 000 Patronen, die im Inva- 
lidenhaus gefunden wurden. Mein Rat war, nach Ver- 
sailles zu gehen. Der Krieg wäre damit zu Ende ge- 
wesen, die ganze Familie wäre aufgehoben worden, 
alle Aristokraten in einem Fischzug gefangen. Ich 
war sicher, daß die unbegreifliche Eroberung der Ba- 
stille in einem Sturm von einer Viertelstunde das 
Schloß von Versailles und das Lager fassungslos ge- 
macht hatte und daß sie nicht die Zeit gehabt hätten, 
zu sich zu kommen. Gestern morgen ging der ein- 
geschüchterte König in die Nationalversammlung; er 
ergab sich der Versammlung bedingungslos, und nun 
sind alle seine Sünden vergeben. Unsre Abgeordneten 
führten ihn im Triumph zum Schloß zurück. Er weinte 
viel, hat man versichert. Er kehrte zu Fuß zurück 
und hatte nur unsre Abgeordneten zu Wachen, die 
ihn zurückführten. Target*) sagte mir, es sei ein 
schöner Aufzug gewesen. Am Abend war der Umzug 
noch schöner. 150 Abgeordnete der Nationalversamm- 
lung, Klerus, Adel und Gemeine setzten sich in könig- 
liche Equipagen, um den Frieden zu verkünden. Um 
halb vier Uhr langten sie auf der Place Louis XV. an, 
verließen die Wagen und gingen zu Fuß über die Rue 

*) Einer der berühmtesten Advokaten von Paris, einer der 
Vertreter von Paris in der Nationalversammlung. Radikaler Poli- 
tiker, nicht ohne Verdienst am Verfassungswerk, aber ein ge- 
schwollener Redner. Berühmt ist sein Pleonasmus, über den die 
Monarchisten weidlich spotteten: „Die Versammlung will nur 
Frieden und Eintracht, und in ihrem Gefolge Ruhe und^Stille.*' 



CAMILLE DESMOULINS 155 

Saint-Honore bis zum Stadthaus. Sie schritten unter 
den Fahnen der Gardes-fran^aises, die sie küßten, und 
wobei sie sagten: Das sind die Fahnen der Nation, der 
Freiheit, und 100 000 Bewaffnete und 800 000 Men- 
schen mit rot-blauen Kokarden waren um sie. Das 
Rot, um zu zeigen, daß man bereit war, sein Blut zu 
vergießen, und das Blau für eine himmlische Verfas- 
sung. Die Abgeordneten trugen ebenfalls die Kokarde. 
Man machte halt vor dem Palais Royal und vor dem 
Gardisten der Garde-fran^aise, der auf dem Phaeton 
des Herrn von Launay saß, das ihm die Stadt, ebenso 
wie die Pferde, die der geköpfte Gouverneur nicht 
mehr brauchte, zum Geschenk gemacht hatte. Er 
trug eine Bürgerkrone auf dem Kopf. Er reichte allen 
Abgeordneten die Hand. Ich marschierte mit bloßem 
Degen neben Target, mit dem ich plauderte; er war 
von einer unaussprechlichen Freude erfüllt. Sie strahlte 
aus allen Augen, und ich habe nie etwas dergleichen 
gesehen. Unmöglich kann der Triumph des Aemilius 
Paulus schöner gewesen sein. Trotzdem war meine 
Freude am Tag vorher noch größer gewesen, als ich 
auf die Bresche der eroberten Bastille trat und man 
die Fahne der Garden und Bürgerwehren dort auf- 
pflanzte. Dort waren die meisten der eifrigen Patrioten 
beisammen. Wir umarmten uns, wir küßten den Gar- 
disten die Hände und weinten vor Freude und Trun- 
kenheit. 

Nachschrift. Gestern haben die 150 Abgeordneten 
und die Wahlmänner im Stadthaus den Frieden pro- 
klamiert. Der Marquis von La Fayette ist zum General 



156 CAMILLE DE8M0UL1NS 

der 16 Legionen Pariser Milizen ernannt worden, die 
französischen und Schweizer Garden wurden zu Na- 
tionaltruppen erklärt und sollen künftig, ebenso wie 
die zwei ersten unsrer 16 Legionen, im Sold der Nation 
stehen. Herr Bailly ist zum Maire von Paris ernannt 
worden. In diesem Augenblick legt man die BastiUe 
nieder; Necker ist zurückberufen; die neuen Minister 
haben abgedankt oder sind abgedankt worden; Foulon 
ist vor Angst gestorben; der Abb6 Roy ist gehängt; 
der Gouverneiu* und Untergouverneur der Bastille und 
der Vorsteher der Kaufmannschaft sind enthauptet; 
fünf Diebe sind an die Laterne gehängt worden; etwa 
100 Menschen auf beiden Seiten sind bei der Bastille 
umgekommen. Seit Sonntag sind die Theater geschlos- 
sen geblieben, etwas Unerhörtes*)! 



20. September 1789. 

. . . Denkt euch, ein großer Teil der Hauptstadt 
nennt mich unter den hauptsächlichsten Urhebern der 
Revolution. Viele gehen sogar so weit, zu sagen, ich 
wäre ihr Urheber. Ich traf vor drei Tagen bei meinem 
Buchhändler einen Pikarden, den Vizepräsidenten des 



*) Ein Mann mit entgegengesetzter Gesinnung, der junge Ge- 
richtsrat Roiani von Chamhaudrin (der nichts mit Roland de la 
Platidre zu tun hat), schreibt darüber am 18. Juli an Lavakr: 
,,Gegen 2 Uhr nachmittags am Sonntag rottete sich die ganze 
Kanaille von Paris zusammen, zog vor alle Theater und ließ sie 
schließen; sie sagten, da Necker entlassen sei, gezieme es sich, 
Trauer zu tragen und nicht dem Vergnügen nachzugehen." Siehe 
den Brief des Dr. Rigby, der über die Schließung des The&tre 
Fran^ais berichtet. 



CAMILLE DESMOULINS 157 

Distrikts der Feuillants. ,jAh! lieber Landsmann," 
sagte er zu mir, „wie habe ich darunter gelitten, daß 
unser Kirchspiel so schlecht vertreten war! Wenigstens 
haben Sie seine Ehre gerettet, da der Verfasser des 
Freim Frankreich aus dem Vermandois stammt."*) 
Aber das Zeugnis, das mir am meisten geschmeichelt 
hat, ist das meines Gewissens, ist die innere Empfin- 
dung, daß, was ich getan habe, recht ist. Ich habe 
dazu beigetragen, mein Vaterland frei zu machen, ich 
habe mir einen Namen gemacht, und ich fange an 
sagen zu hören: Eine Schrift von Desmoulins ist er- 
schienen; man sagt nicht mehr: von einem Schrift- 
steller namens Desmoulins, sondern: DesmouUns ist 
für den Marquis von Saint-Huruge eingetreten**). 
Mehrere Frauen haben mich eingeladen, ihre Gesell- 
schaften zu besuchen, und Herr Mercier soll mich in 
zwei oder drei Häusern vorstellen, wo man ihn darum 
gebeten hat. Aber nichts könnte mir einen so glück- 
lichen Augenblick verschaffen, wie es der für mich 
gewesen ist, wo ich am 12. Juli von 10000 Menschen, 



*) CD. hatte sich auf dem Titelblatt seiner kleinen Schrift 
La France Libre, die wenige Tage nach dem Bastillesturm er- 
schien, als Wahlmann des Bezirks Vermandois bezeichnet. — 
Ein paar Tage darauf erschien seine Ansprache der Laterne an 
die Pariser, die ihm — im Anschluß an den gewaltsamen Tod 
etlicher beim Volk besonders Verhaßter, vor allem Foulons und 
Berthiers, auf den er in seinem lustigen Ton Bezug nahm — 
den Titel Oeneralprokurator der Laterne eintrug, welchen er ver- 
gnügt akzeptierte. 

**) In einer Anmerkung der Laterne und einem besonderen 
Flugblatt. — Der Marquis war wegen eines angeblichen Briefes 
an den Präsidenten der Nationalversammlung verhaftet worden 



158 GAMILLE DESMOULINS 

ich sage nicht bejubelt, sondern in Umarmungen und 
Tränen erstickt wurde. Vielleicht habe ich da Paris 
von dem völligen Untergang und die Nation von der 
gräßlichsten Knechtschaft errettet 

. • . Ich glaube, ich werde bei Mirabeau arbeiten, 
und ich hoffe, imstande zu sein, auf Eure Unter- 
stützungen zu verzichten. Ihr würdet mich jedoch 
verpflichten, wenn Ihr mir so schnell wie möglich 
Hemden und vor allem zwei Paar Leintücher schicken 
könntet. Ich hoffe zu St. Remigius'*') in meinen eigenen 
Möbeln zu sein. 

. . . Ihr glaubt vielleicht, meine Losung sei auä4ix 

et edax. Durchaus nicht. Diese meine Kühnheit ent- 

« 

stammt nicht dem Hunger. Ihr könnt Euch entsinnen, 
daß ich inmier die Prinzipien gehabt habe, die ich jetzt 
bekenne; zu meinen Prinzipien ist jetzt das Vergnügen 
gekommen, mich auf meinen Platz zu stellen, denen, 
die mich verachtet hatten, meine Stärke zu zeigen, 
mich am Glück, das mich immer, verfolgt hat, dadurch 
zu rächen, diaß ich die, die es über mich gestellt hatte, 
auf meine Stufe zurückhob. Meine Losung ist die der 
anständigen Leute: Caesar vi priorem; die Losung der 
Aristokraten ist die des Pompejus: Pompejus vi 
parem. Gleichheit und keinen Oberen wie Caesar. 



29. September 1789. 

... Seit acht Tagen bin ich in Versailles bei Mira- 
beau. Jeden Augenblick greift er nach meinen Hän- 

*) Das heißt, zum 1. Oktober. 



CAMILLE DESMOULINS 139 

den, schlägt mir derb auf die Schulter; dann geht er 
in die Versammlung, sammelt seine Würde, wenn er 
in die Vorhalle eintritt, und leistet Wunderbares; her- 
nach kommt er mit einer trefflichen Gesellschaft zum 
Essen zurück, und wir trinken treffliche Weine. Ich 
merke, daß seine Tafel, die zu köstlich und zu über- 
laden für micl^ ist, mich verdirbt. Seine Bordeaux- 
weine und sein Marasquino haben ihren Wert, den ich 
mir umsonst zu verhehlen suche, und ich habe die 
größte Mühe, nachher meine republikanische Strenge 
wieder anzunehmen und die Aristokraten zu verach- 
ten, deren Verbrechen es ist, auf solche treffliche Diners 
erpicht zu sein. Ich bereite Anträge vor, und Mira- 
beau nennt das, mich in die hohe Politik einweihen. 
Meine Laterne erregt jetzt das nämliche Aufsehen 
wie mein Freies Frankreich. Als ich vor drei Tagen 
in der Vorhalle der Generalstaaten war und jemand 
mich bei meinem Namen nannte, sah ich eine Menge 
Leute und eine Anzahl Abgeordnete der drei Stände 
mich mit der Neugier ansehen, die meiner Eigenliebe 
schmeichelt und nichts daran ändert, daß ich nicht 
sehr glücklich bin. In einem Augenblick finde ich das 
Leben köstlich und einen Moment nachher ist es mir 
fast verabscheuenswert und so zehnmal in einem Tag. 
Ich habe zwanzig Gänge zu machen, eine Philippika 
im Kopf, einen Antrag in der Druckerei und eine 
zweite Auflage meines Freien Frankreich. Mira- 
beau erwartet mich heute abend. Lassen Sie es sich 
gut gehen und reden Sie nicht gar so schlimm von 
Ihrem Sohn. 



l6o CAMILLE DESM0ULIN8 

8. Oktober 1789. 

Ich habe zwei reizende Wochen bei Mirabeau ver- 
bracht; da ich indessen sah, daß ich ihm zu nichts 
nütze war, habe ich ihm Lebewohl gesagt und bin 
nach Paris zurückgekehrt. Wir haben uns getrennt, 
um uns wiederzufinden, und als gute Freunde; er hat 
mich eingeladen, jedesmal, wenn es mir Vergnügen 
machte, für acht Tage zu ihm zu kommen. Während 
meines Aufenthalts in Versailles hat er mir den Auf- 
trag gegeben, eine Denkschrift für die Stadt Belesme 
gegen ihren Unterdelegierten und den Intendanten von 
Alen^on zu verfassen; ich habe es getan. 

Ich habe Ihnen unter anderm zwei Zeitungen zu- 
gehen lassen, in denen man mich stark gelobt hat. 
Diese Lobeserhebungen habe ich erst recht spät kennen 
gelernt. Alle oder fast alle haben mir Weihrauch ge- 
spendet, aber reicher bin ich davon nicht geworden. 
Jüngst haben mir Herr von Montmorency, Herr von 
Castellane, der Herr Abbj§ Sieyds, Target die angenehm- 
sten Dinge über meine Laterne gesagt. Diese Be- 
rühmheit erhöhte noch meine natürliche Scham, meine 
Notlage merken zu lassen. Ich wage sie nicht einmal 
Herrn von Mirabeau zu entdecken. Sie sind in Wahr- 
heit äußerst ungerecht gegen mich; Sie sehen, daß ich 
es meinen Feinden und Verleumdern zum Trotz ver- 
standen habe, mir unter den SchriftsteUern, den Pa- 
trioten und den charaktervollen Männern meine Stel- 
lung zu schaffen. Dem Himmel sei Dank, ich bin mit 
meinem kleinen Ruhm zufrieden, ich begehre keinen 
größern. Es gibt wenig Menschen in meiner Umgebung 



CAMILLE DESMOULINS l6l 

die ich beneiden könnte, aber das hindert nicht, daß 
ich mit meiner Laterne nur 12 Louis verdient habe, 
während der Buchhändler vierzig oder fünfzig daran 
gewonnen hat; daß mir mein Freies Frankreich nur 
30 Louis gebracht hat, während der Buchhändler 
1000 Taler einsteckte. Das Aufsehen, das diese Werke 
gemacht haben, hat mir meine sämtlichen Gläubiger 
auf den Hals gezogen, die mir nichts gelassen haben, 
weil ich mir die neue Freude meines vergänglichen 
Ruhms nicht von ihrem Geschrei stören lassen wollte. 
Da bin ich nun also fast ohne Schulden, aber auch fast 
ohne Geld. Ich flehe Sie an, da gerade jetzt der Augen- 
blick ist, wo Ihre Renten einlaufen, da der Getreide- 
preis sich hält, schicken Sie mir sechs Louis. Jetzt 
haben der König und die Nationalversammlung ihren 
Aufenthalt hierher verlegt, ich will in Paris bleiben, 
ich gebe meine undankbare und ungerechte Heimat 
auf. Ich will diesen Augenblick des Ruhms benutzen, 
um mir eine eigene Wohnung einzurichten, um mich 
in einem Distrikt einzuschreiben; wollen Sie die Grau- 
samkeit haben, mir ein Bett, ein paar Laken zu ver- 
weigern? Bin ich ohne Habe, ohne Familie? Ist es 
wahr, daß ich nicht Vater noch Mutter habe? Aber, 
werden Sie sagen, diese 30 oder 40 Louis hätten für 
die Anschaffung der Möbel verwendet werden müssen. 
Ich antworte Ihnen: sie mußten verwendet werden, 
damit ich leben kann; ich mußte Schulden bezahlen, 
die Sie mich seit sechs Jahren einzugehen gezwungen 
haben; seit sechs Jahren hat es mir am Notwendigsten 
gefehlt. Sagen Sie die Wahrheit, haben Sie mir je 

Landauer, Britft aug dar französ. Revolution I 11 



l62 GAMILLE DESMOULINS 

Möbel gekauft? Haben Sie mich je instand gesetzt, 
nicht die übermäßig hohe Miete der möblierten Zim- 
mer bezahlen zu müssen? über Ihre schlechte Po- 
litik, mir immer nur zwei Louis auf einmal zu schicken, 
mit denen ich nie hinter jdas Geheimnis kommen 
konnte, wie man Möbel und ein Heim bekommt. Und 
wenn ich bedenke, daß mein Vermögen für ein eigenes 
Heim gereicht hätte; daß ich mit einem solchen Wohn- 
sitz Distriktspräsident oder -kommandant, Vertreter 
der Kommune von Paris hätte werden können, statt 
daß ich jetzt nichts weiter bin als ein angesehener 
Schriftsteller: ein lebendiges Zeugnis für die Tatsache, 
daß man es mit Tugenden, Talenten, Liebe zur Arbeit, 
einem Charakter und großen Diensten, die man ge- 
leistet hat, zu nichts bringen kann. Wunderbar je- 
doch! Nun klage ich seit zehn Jahren auf diese Art, 
und es ist mir leichter gewesen, eine Revolution zu 
machen und Frankreich umzustürzen, als von meinem 
Vater ein für allemal 50 Louisdor zu erhalten und ihn 
dazu zu bewegen, daß er mir zu meiner Niederlassung 
die Hand reicht. Was für ein Mann sind Sie! Mit 
Ihrem ganzen Geist und all Ihren Tugenden haben 
Sie es doch nicht dazu gebracht mich zu kennen. Sie 
haben mich ewig verleumdet, Sie haben mich ewig 
einen verlorenen Sohn, einen Verschwender genannt, 
und ich war nichts weniger als das. Mein ganzes Leben 
lang habe ich nach nichts geseufzt als nach einem 
eigenen Heim, nach einer Niederlassung, und nachdem 
ich Guise und das Vaterhaus verlassen hatte, haben 
Sie nicht gewollt, daß ich in Paris eine andere Herberge 



CAMILLE DESMOULINS 163 

hätte als ein Gasthaus, und dabei bin ich nun dreißig 
Jahre alt. Sie haben mir immer gesagt, ich hätte noch 
mehr Brüder! Ja, aber der Unterschied ist der, daß 
die Natur mir Flügel verliehen hat, und daß meine 
Brüder nicht wie ich die Kette der Not haben spüren 
können, die mich zu Boden drückte. 

Sie haben ohne Zweifel von der großen Revolution 
gehört, die sich vollzogen hat: consummatum e8t*)\ 
Der König, die Königin, der Dauphin sind in Paris. 
50 000 Männer und 10 000 Frauen haben sie mit 
22 Geschützen geholt. Sieben Gardes du Corps, sechs 
Nationalgardisten, eine Frau und sechs Bürger sind 
getötet worden. Als die königliche Familie an- 
kam, war es mir, als sähe ich Perser hinter dem 
Triumphwagen des Paulus Aemilius. Der König und 
die Königin mußten in Tränen ausbrechen. Sie 
kamen erst bei Nacht herein. Man rief: „Wir bringen 
den Bäcker, die Bäckerin und den kleinen Bäcker- 
burschen." Gestern zeigte sich die Königin in den 
Tuilerien am Fenster; hat mit den Fischweibern ge- 
sprochen, hat welche davon zum Essen eingeladen; 
es spielten sich am Fenster eine Art von Konferenzen 
zwischen den Damen des Hofes und den Damen der 
Halle ab. Die Königin bat um Gnade für den Grafen 
von Artois und den Prinzen von Cond^. Die Damen 
der Halle haben die Gnade bewilligt; es war eine un- 
säglich lächerliche Szene. Heute holen sie die National- 
versammlung, die auch nach Paris kommt. Leben 
Sie wohl, denn ich muß eine Menge Gänge machen. 

♦) Es ist vollbracht.. 

11* 



l64 CAMILLE DESMOULINS 

Helfen Sie mir in dieser Lage und senden Sie mir 
ein Bett, wenn Sie mir nicht hier eines kaufen können. 
Können Sie mir wirklich ein Bett verweigern? Ich 
habe Ihnen gesagt, daß ich von Guise nichts mehr 
hören will. Ihre Nichtigkeit in diesem Lande und 
meine, die noch ärger wäre, haben mich davon ab- 
gebracht. Tun Sie also etwas für mich, Ihren ältesten 
Sohn . . . 



4. Dezember 1789. 

Mein lieber Vater! 

Ich habe Ihnen die erste Nummer meines Blattes*) 
zugehen lassen; haben Sie sie nicht erhalten? Ich bitte, 
mir den Empfang zu bestätigen. Ich sende Ihnen zwei 
Prospekte. Wenn es sich machen läßt, denn der Pro- 
phet gilt nichts in seinem Vaterland, so senden Sie 
mir Subskribenten. Nun bin ich also Journalist und 
entschlossen, von der Freiheit der Presse völligen Ge- 
brauch zu machen. Man hat meine erste Nummer voll- 
kommen gefunden; aber werde ich diesen Ton festhal- 
ten können? Ich bin so beschäftigt, daß ich Ihnen 
diese Zeilen um 2 Uhr nach Mitternacht schreibe. 
Ich umarme Sie. 

Nachschrift. Meinen Glückwunsch zum Namenstag 
und fröhlichen Nikolaus. Ahnten Sie, daß ich ein 
Römer würde, als Sie mich Lucius Sulpicius Camillus 
tauften ? 



') Die Revolutionen von Franhreich und Brabant, 



CAMILLB DESMOULINS 165 



31. Dezember 1789. 
Empfangen Sie meine Neujahrswünsche, Sie, meine 
liebe Mutter, meine Brüder und Schwestern. Das 
Glück ist es müde geworden, mich zu verfolgen. Ur- 
teilen Sie selbst über den Erfolg meines Blattes. In 
der einzigen Stadt Marseille habe ich 100 Abonnenten, 
in Dünkirchen 140. Hätte ich diesen Andrang voraus- 
gesehen, so hätte ich mit ^^einem Buchhändler nicht 
den Vertrag auf 2000 Taler jährlich abgeschlossen; 
allerdings verspricht er mir 4000, wenn ich bei 3000 
Subskribenten angelangt sein werde (solche Juden 
sind diese Buchhändler!). Übrigens habe ich bei die- 
sem Unternehmen nicht das Geld im Auge, sondern 
die Verteidigung der Prinzipien. Was für Briefe! Was 
für schmeichelhafte Wahrheiten empfange ich! Man 
hatte mir gesagt, die Königin hätte Herrn von Gou- 
vion den Auftrag gegeben, meine Verhaftung zu for- 
dern. Dieses Gerücht ist Herrn von Gouvion zu Ohren 
gekommen und er hat mir geschrieben, um mir über 
ein Wort in meiner Nummer 5 ganz andere Gefühle zu 
bezeigen. Herr von La Fayette bittet mich jetzt eben, 
ihm zu schreiben, ob ich nicht Zeit habe, zu ihm zu 
kommen, um mich mit ihm über die Vorwürfe, die 
ich gegen ihn erhebe, auszusprechen. Der eine nennt 
mich den besten Schriftsteller, der andre den eifrig- 
sten Verteidiger der Freiheit: aber es ist leicht, be- 
scheiden zu sein, wenn man nicht herabgesetzt wird. 
Ich bin gegen diese Lobeserhebungen ganz gleich- 
gültig geworden, und so eitel ich schien, als man 
sich beeiferte, mich zu demütigen, so viel ?5iehe ich 



l66 CAMILLE DESMOULINS 

heute von den schmeichelhaften Dingen ab, die man 
mir widmet. Was mich viel mehr rührt, oder vielmehr 
das einzige, was mich rührt, ist die Freundschaft der 
Patrioten und die Umarmungen der Republikaner, die 
zu mir zu Besuch kommen, und zwar einige von recht 
weit her. Leben Sie wohl. Ich umarme Sie tausend- 
mal. Vielleicht kann ich Sie binnen kurzem bitten, 
meinen Bruder herzuschi(jken. 



11. Dezember 1790. 

Heute, den 11. Dezember, sehe ich mich endlich 
auf dem Gipfel meiner Wünsche. Mein Glück hat 
lange auf sich warten lassen, aber endlich ist es ge- 
kommen und ich bin so glücklich, als man es auf Erden 
sein kann. Diese entzückende Lucile, von der ich Ihnen 
so oft gesprochen habe, die ich seit acht Jahren liebe, 
ihre Eltern geben sie mir endlich, und sie sagt nicht 
nein. Jetzt eben bringt mir ihre Mutter weinend vor 
Freude diese Botschaft. Die Ungleichheit des Ver- 
mögens, da Herr Duplessis 20 000 Livres Rente hat, 
hatte bisher meinem Glück im Wege gestanden; der 
Vater war von den Anträgen, die man ihm machte, 
geblendet. Er hat einen Bewerber abgewiesen, der 
mit 100 000 Franken aufwartete; Lucile, die schon 
25 000 Livres Rente abgewiesen hatte, ist es nicht 
schwer gefallen, ihm seinen Abschied zu geben. Sie 
sollen sie durch einen einzigen Zug kennen lernen. 
Wie ihre Mutter sie mir jetzt eben gegeben hat, hat 
ßie mich in ihr Zimmer geführt ; ich werfe mich Lucile 



CAMILLE DESMOULINS 167 

ZU Füßen; ich bin erstaunt, sie lachen zu hören, und 
hebe die Augen: um ihre war es nicht besser bestellt, 
als um meine; sie war ganz in Tränen aufgelöst, sie 
weinte in Strömen, aber sie lachte dabei. Nie habe 
ich ein so bezauberndes Schauspiel gesehen, und ich 
hätte mir nicht träumen lassen, daß Natur und Emp- 
findsamkeit diese beiden Gegensätze in diesem Maße 
vereinigen können. Ihr Vater sagte zu mir, er wolle 
unsere Heirat nicht länger verschieben, nur wolle er 
mir vorher die 100 000 Franken geben, die er seiner 
Tochter versprochen hat, und ich könne mit ihm zum 
Notar gehen, wann ich wolle. Ich gab ihm zur Ant- 
wort: Sie sind ein Kapitalist, Sie haben in Ihrem 
ganzen Leben in Talern gewühlt, ich will mich nicht 
um den Ehekontrakt kümmern, und so viel Geld würde 
mich in Verlegenheit bringen; Sie lieben Ihre Tochter 
zu sehr, als daß ich sie bei dem Vertrag vertreten 
müßte. Sie wollen von mir nichts haben; machen Sie 
es also mit dem Kontrakt, wie Sie wollen. Er gibt 
mir überdies die Hälfte seines silbernen Tafelgeschirrs, 
das an die 10 000 Franken wert ist. Bitte, gebt Eurer 
Freude keinen zu lauten Ausdruck. Seien wir im Wohl- 
stand bescheiden. . . . Wir werden uns binnen acht 
Tagen verheiraten können. Es drängt meine liebe 
Lucile ebensosehr wie mich, daß man uns nicht mehr 
trennen kann. Zieht nicht den Haß derer, die uns 
beneiden, mit dieser Kunde auf uns und verschließen 
Sie Ihre Freude im Herzen, wie ich es tue, oder lassen 
Sie sie höchstens in das Herz meiner lieben Mutter, 
meiner Brüder und Schwestern Pich ergießen, Ich bin 



l68 CAMILLE DESMOULINS 

jetzt imstande, Ihnen beizustehen, und das macht 
einen großen Teil meiner Freude aus. Meine Geliebte, 
meine Frau, Ihre Tochter und ihre ganze Familie 
umarmen Euch . . . 



3. Januar 1791. 

Endlich, Mittwoch, den 29. Dezember, haben Lucile 
und ich geheiratet. Mein lieber Berardier hat uns, 
unterstützt von dem Herrn Pfarrer, der fast flehent- 
lich um die Ehre, es tun zu dürfen, gebeten hat, in 
Saint-Sulpice zusammengegeben. Ich habe in der 
bischöflichen Kanzlei wegen des Adventdispenses 
große Schwierigkeiten gehabt. Ein Herr Floirac, Groß- 
vikar, hat zu mir gesagt, ich trüge die Schuld, daß man 
sein Schloß niedergebrannt hätte; ich hätte ihn um 
20 000 Livres Rente gebracht usw. Patrioten der Na- 
tionalversammlung haben diesen Dispens, den sie für 
mich erbeten haben, nicht erlangen können; aber 
Berardier hat sich so lange bemüht, bis er es endlich 
durchgesetzt hat ... Zu Zeugen hatte ich P^thion und 
Robespierre, die Krone der Nationalversammlung, 
Herrn von Sillery, der hatte dabei sein wollen, Brissot 
von Warville und Mercier, die Krone der Journalisten. 
. . . Eine Menge Zeitungen haben von meiner Heirat 
gesprochen; die Patrioten sind darüber erfreut, die 
Aristokraten sind wütend und beschimpfen die Fa- 
milie, die mich mit diesem Bande geehrt hat; aber alle 
kommen darin überein, meine Frau als vollendete 
Schönheit zu bewundern, und ich versichere Sie, daß 
diese Schönheit ihr kleinstes Verdienst ist; es hinge 



CAMILLE DESMOULINS 169 

nur von mir ab, das Journal de la Cour et de la Vüle 
von den neuen Richtern zu erheblicher Buße ver- 
urteilen zu lassen, die es meiner Frau und ihrer Familie 
zahlen müßte; aber diese ehrenwerte Familie hat über 
die Verleumdungen der niederträchtigen Aristokraten 
nur gelacht und hat mir geraten, sie zu verachten. 
Wenig Frauen, die so abgöttisch verehrt worden sind, 
bestehen die Probe der Ehe; aber je besser ich Lucile 
kennen lerne, um so mehr muß ich vor ihr knien. Ich 
hatte nicht die Zeit, Ihnen früher zu schreiben, weil 
ich es mir als Ehrensache in den Kopf gesetzt habe, 
diese Nummer meines Blattes müsse besser werden 
als die bisherigen, und mir nur zwei Tage zur Ver- 
fügung standen, sie zu schreiben. 

Meine Frau umarmt Sie und meine liebe Mutter 
und meine ganze Familie. Sie läßt Ihnen sagen, daß 
sie noch nicht Zeit gehabt hat, wieder zu sich zu 
kommen, daß sie nicht wagt, Ihnen zu schreiben, aus 
Furcht, vor der Meinung, die ich Ihnen von ihr bei- 
bringe, nicht zu bestehen, und daß sie erst in ein 
paar Tagen schreiben wird . . . 

Ihr Sohn 

Camille Desmoulins, 

Glücklichster aller Menschen, 

der keinen Wunsch mehr auf Erden hat. 



3. April 1792. 

Wenn Duport, der Justizminister, Sie nicht zum 
königlichen Kommissar erna];xxit hat, so bat Ihr Sohn,^ 



170 CAMILLE DESMOULINS 

ohne daran zu denken, Sie tüchtig gerächt, denn ich 
habe in einer Schrift, in der ich Brissot antwortete, 
gegen diesen und Condorcet ein Wort veröffentlicht, 
das mir Duport gesagt hatte und dessen Verbreitung 
er mir erlaubt hatte, und als Duport alsdann von den 
beiden zur Rede gestellt wurde, ob er diese Rede gegen 
mich geführt hätte, und es nicht leugnen konnte, war 
das der Grund, der diesen großen Sturm gegen ihn 
erregte und ihn in diesen Schiffbruch trieb, in dem 
er die Siegel*) und 100 000 Livres Rente verlor, ob- 
wohl seine Leute sich wohl gehütet haben, es aufkom- 
men zu lassen, daß das der Grund ihrer Feindseligkeit 
war; aber Sie wissen, in den politischen Ereignissen 
gibt es immer eine offenbare Feder, die nur zum Schein 
ist, und eine geheime, die immer die eigentliche ist, 
und niemals schickt man einen Minister aus dem 
Grund nach Orleans, der angegeben wird. 

Zwei Tage lang habe ich gehofft, es werde mir ge- 
lingen, Danton ernennen zu lassen, einen Kollegen, 
den ich im feindlichen Lager habe und der mich ge- 
nügend schätzt, um den Haß, den er gegen meine An- 
schauungen hat, nicht auf mich auszudehnen. Ich 
hatte mein Bestes getan und hatte ihn dem, den es 
angeht, lebhaft empfohlen. Wir sind gescheitert. 

Ich sehe schon, daß Sie meine letzte Schrift, Der 
demaskierte Brissot^ nicht gelesen haben. (Ich werde 
sie Ihnen bei nächster Gelegenheit zukommen lassen.) 
Sie hätten darin die unumwundene Rechenschaft über 
meine Vermögenslage gefunden, und der Vorschlag, 

♦) Der Justiajminister ist der Großsiegelbewahrer, 



CAMILLE DESMOULINS 171 

den Sie mir machen, hätte Ihnen nicht in den Sinn 
kommen können . . . Ich habe kein flüssiges Geld 
mehr, seit ich mein Blatt aufgegeben habe. Ich habe 
da eine große Dummheit gemacht, denn mein Blatt 
war eine Macht, die meine Feinde zum Zittern brachte, 
während sie sich heute feige auf mich werfen und 
mich als den Löwen behandeln, dem Amaryllis die 
Krallen geschnitten hat. Ich habe mein altes Gewerbe 
als Advokat wiederaufgenommen, dem ich so ziem- 
lich alle Zeit widme, die meine Tätigkeit in der Ge- 
meindeverwaltung oder als Wahlmann oder bei den 
Jakobinern übrig läßt, das heißt, recht wenige Augen- 
blicke. Es fällt mir schwer, so tief herunterzusteigen, 
bourgeoise Prozesse zu vertreten, nachdem ich im An- 
gesicht von Europa so große Interessen und die Sache 
des Gemeinwohls behandelt habe. Ich habe die Wage 
der Großen gehalten; ich habe die großen Persönlich- 
keiten der Revolution hochgebracht oder herunter- 
geholt. Wen ich heruntergebracht habe, der verzeiht 
mir nicht, und von denen, die ich erhöht habe, erfahre 
ich nur Undankbarkeit; aber sie mögen tun, was sie 
wollen, wer die Wage in der Hand hält, ist immer 
höher als die, die er hochbringt. Wenn ich Geld hätte, 
würde i«h wieder zur Feder greifen; ich würde viele 
Leute an die Stelle bringen, an die sie gehören. 

Es scheint, daß Sie für mich hoffen. Möchten Sie 
so lange leben, um zu sehen, was ich anfange zu glau- 
ben und was man niemals so umfassend gesehen hat, 
nämlich, daß nach der Intrige die Reihe an die Red- 
lichkeit und die Tugenden kommt^ J^ufi ;5u den Stellen 



172 CAMILLE DESMOULINS 

m gelangen, nach denen ich persönlich nur geringen 
Ehrgeiz habe. 

12. JuK 1792. 

Ich habe gewartet, bis meine Frau sich von der 
Nied^lninft erholt hat, nm Ihnen zn gleicher Zeit zo 
sagen, daB Matter and Kind wohl sind. Sie ist am 
6. dieses Monats mit einem Knaben niedergekommen, 
der am übernächsten Tag der Gemeindeverwaltung 
präsentiert worde and das Gebortsregista* eröffnet 
hat*). Lecointre and Merlin von Thionville**), zwei 
Abgeordnete, die za meinen besonderen Freanden 
gehören, waren seine Zeagen. Ich habe ihn Horatius 
Camillas Desmoalins genannt. Er ist mit dem kleinen 
Danton gleich zam Stillen nach Isle-Adam gekom- 
men***). Zu keiner gelegeneren Zeit konnte mir der 

*) Das Kind ist wiridich persönlich präsentiert worden und es 
gibt darüber eine ungewöhnliche Geburtsurkunde. Damach hat 
Camille erklärt, in Gemäßheit der Verfassung und des Dekrets 
über den ' bürgerlichen Personenstand müsse in jeder größeren 
Stadt „ein Altar sein, an dem der Vater unter dem Beistand von 
zwei Zeugen seine Kinder dem Vaterland darbringt". Und dann 
fahrt die Urkunde fort: „Der Erschienene will von den Bestim- 
mungen des Verfassungsgesetzes Gebrauch machen und sich er- 
sparen, eines Tages von seinem Sohne den Vorwurf zu hören, dafi 
er ihn durch Eid an religiöse Meinungen gebunden habe, die noch 
nicht die seinigen sein könnten, und dafi er ihn zu einer Zeit, wo 
er noch nicht einmal seine Mutter unterscheiden könne, seinen 
Eintritt in die Welt habe mit einer inkonsequenten Wahl machen 
lassen, die er unter neunhundertundsoundsoviel Religionen ge- 
troffen habe, welche die Menschen teilen.** 

**) Über Merlin von Thionville, der jedenfalls die Keckheit mit 
Camille gemein hatte, s. S. 448. 
•♦♦) Städtchen im Departement Seine-et-Oise. 



CAMILLE DESMOÜLINÖ 173 

Nachfolger kommen, um das Erbe meiner Popularität 
an der Schwelle der Gefahren in Empfang zu nehmen, 
die den hauptsächlichen Urhebern der Revolution von 
der preußischen und österreichischen Invasion drohen. 
Es ist mir manchmal unmöglich, nicht mutlos zu wer- 
den und für die Partei des Volkes, der ich so gut und 
so unnütz gedient habe, nicht Verachtung zu empfin- 
den. Ich habe ihr seit drei Jahren alles vorhergesagt, 
was ihr zustößt. Meine letzten Schriften, besonders 
seit sechs Monaten, und die vier Nummern eines Blat- 
tes, das ich eben begründet habe und das Tribüne 
der Patrioten heißt, haben gezeigt, wie gut ich das 
Menschenherz und die Hauptangeln, um die sich die 
Revolution dreht, gekannt habe. Alle Welt in meiner 
Partei scheint mich in diesem Augenblick mit Augen 
der Überraschung anzusehen; sie sagen sich: Wir 
hätten nie gedacht, daß er die Wahrheit gesagt hat. 
Ich habe nur gesunden Menschenverstand gehabt, 
und es tut nichts weiter not; aber sie sind in diesem 
Augenblick genötigt, mir Genie zuzuschreiben, um 
sich selbst zu entschuldigen und sich zu verhehlen, 
daß sie Dummköpfe gewesen sind. Wie hätte das 
Volk mir glauben sollen? Ich fand nicht einmal hier 
bei meiner Familie Glauben. Ich habe nicht aufgehört, 
meinem Schwiegervater und meiner Frau in diesen 
zwei Jahren zu^sagen, daß der Bankrott unvermeid- 
lich sei; es ist mir nicht schwer gewesen, ihnen zu 
beweisen, daß es, wie zweimal zwei vier sind, das 
beste wäre, ihre Stadtanleihen gegen Nationalgüter 
umzutauschen. Wie glücklich hätte ich mich geschätzt, 



174 CAMILLE DESMOULINS 

wenn ich mit Assignaten Ihnen so viel hätte geben 
können, daß Sie Ihre Schulden losgeworden wären! 
Jetzt hätten Sie Ihre Gläubiger befriedigt, und wären 
nur mein und meines Sohnes Schuldner. Anstatt daß 
ich zugleich Ihnen einen so großen Dienst erwiesen 
und meiner Frau und meinem Sohn ihr Vermögen er- 
halten habe, anstatt so doppeltes Vergnügen, doppel- 
ten Vorteil zu haben, stehe ich vor der Gefahr, eine 
ansehnliche Mitgift ganz und gar zu verlieren, die 
beim König angelegt, das heißt als Hypothek auf die 
Unteilbarkeit der 83 Departements gegeben ist. So 
groß ist meine Furcht, meine Frau in der kleinsten 
Sache zu betrüben, daß ich, da mir wohl bekannt ist, 
daß sie darein willigen würde, ihre Rentenbriefe gegen 
and^e Papiere umzutauschen, ihr nicht einmal davon 
gesprochen habe, weil ich den häuslichen Frieden und 
die eheliche Eintracht als ein Gut betrachte, dem man 
selbst das Vermögen zum Opfer bringen muß, und weil 
es mir leichter ist, in einer Tonne zu leben ak in einem 
Palast, in dem ich mit meiner Frau zanken ¥nirde, 
deren Tugenden und Liebe zu mir verdienen wurden, 
daß ich selbst meine Vernunft zum Schweigen bringe. 



Tagebuchaufzeichnungen von Lucile, 
Camille Desmoulins Frau, über den 

lo. August 1792. 

Donnerstag, 9. August. 

Was soll aus uns werden? Ich halte es nicht mehr 
aus. Camille, o mein armer CamiUe! Was wird aus 



CAMILLE DESMOULINS 175 

dir werden ? Ich habe nicht mehr die Kraft, zu atmen. 
Das ist die Nacht, die verhängnisvolle Nacht. Mein 
Gott ! Wenn es wahr ist, daß du existierst, rette doch 
die Menschen, die deiner würdig sind! Wir wollen 
frei sein. Gott! Um jeden Preis. Um das Unglück 
voll zu machen, verläßt mich der Mut. 



12. Dezember. 

Welche Lücke seit dem 9. August ! Was ist inzwi- 
schen geschehen ! Welchen Band hätte ich geschrieben, 
wenn ich fortgefahren hätte. Wie soll ich mich an 
so viele Dinge erinnern? Gleichviel, ich will etwas 
davon zurückrufen. Am 8. August kam ich vom 
Lande zurück. Es war schon eine starke Gärung in 
allen Geistern. Man hatte Robespierre ermorden 
wollen. Am 9. hatte ich Marseiller zum Mittagessen; 
wir waren recht vergnügt. Nach dem Essen waren 
wir alle bei Herrn Danton. Die Mutter weinte, sie 
war so traurig, wie man nur sein kann, ihr Kleiner 
sah stumpfsinnig aus; Danton war entschlossen. Ich 
für meine Person lachte wie toll. Sie fürchteten, es 
würde nichts aus der Sache. Obwohl ich durchaus 
nicht ganz sicher war, sagte ich ihnen, als ob ich es 
bestimmt wüßte, es würde gut werden. „Aber, wie 
kann man so lachen", sagte Frau Danton zu mir. 
„Ach!" gab ich zur Antwort, „das sagt mir voraus, 
daß ich vielleicht heute abend viel Tränen vergießen 
werde." Am Abend begleiteten wir Frau Charpentier 
zurück. Das Wetter war schön; wir gingen etwas in 
den Straßen umher; es waren ziemlich viel Menschen 



176 CAMIIXE DESMOUUNS 

m sehen. Wir gingen wieder zurück und setzten uns 
▼or ein Cafe. Mehrere Sansculotten kamen Torbei und 
riefen: ^Hoch die Nation!", dann Trappen za Pferde, 
schließlich ungeheore MpnapfiAfimgiigPii- Ich wurde 
Ton Angst ergriffen. Ich sagte zu Frau Danton: „Wir 
wollen nach Hanse gehen." Sie lachte nber meine 
Angst; aber dadnrch, daß ich ihr davon sprach, be- 
kam sie auch Angst; ond wir brachen anf. Ich sagte 
zu ihrer Matter: „Leben Sie wohl, es wird nicht lange 
daaem, bis Sie Stormläaten hörenJ" Als wir bei 
Danton ankamen, sah ich dort Fran Robert and viele 
andre. Danton war erregt. Ich lief aaf Frau Robert 
za und fragte: „\^^rd man Sturm läuten?" „Ja," 
sagte sie, „heute abend noch." Ich hörte aOes und 
sagte kein Wort. Bald sah ich, wie jeder einzelne sich 
bewaffnete. Camille, mein lieber Camille, kam mit 
einer Flinte an. O Gott! Ich verkroch mich in den 
Alkoven, ich barg das Gesicht in den Händen und 
fing zu weinen an; da ich indessen so viel Schwäche 
ja nicht zeigen und nicht laut zu Camille sagen wollte, 
ich wollte nicht, daß er sich mit dem allem zu schaffen 
machte, paßte ich den Augenblick ab, wo ich mit ihm 
reden konnte, ohne daß es jemand hörte, und sagte 
ihm alles, was ich fürchtete. Er beruhigte mich und 
sagte, er würde Danton nicht verlassen. Inzwischen 
habe ich erfahren, daß er sich in Gefahr hieben hat. 
Freron sah drein, als wäre er zum Tode entschlos- 
sen. „Ich bin des Lebens müde," sagte er, „ich will 
nur noch sterben." Bei jeder Patrouille, die kam, 
glaubte ich, sie zum letztenmal zu sehen. Ich setzte 



CAMILLB DESMOULINS 



127 



mich in den leeren Salon, in dem kein Licht brannte, 
um all diese Zw^üstungen nicht zu sehen. Niemand 
war auf der Straße. Alle Welt war nach Hause ge- 
gangen. Unsre Patrioten brachen auf. Ich setzte mich 
neben ein Bett, niedergedrückt, vernichtet, manch- 
mal schlief ich ein, und wenn ich reden wollte, kam 
wirres Zeug heraus. Danton legte sich hin. Er sah 
nicht sehr beschäftigt aus, er verließ das Haus fast 
gar nicht. Mitternacht kam heran. Man suchte ihn 
einige Male auf; endlich ging er auf die Kommune. 
Die Glocke der Cordeliers läutete, sie läutete lange. 
Allein, in Tränen gebadet, auf Knien, am Fenster, 
das Gesicht in ein Tuch gepreßt, hörte ich den Klang 
dieser verhängnisvollen Glocke. Vergebens kam man, 
um mich zu trösten. Mir schien, der Tag, der dieser 
verhängnisvollen Nacht vorhergegangen war, sei der 
letzte gewesen. Danton kam zurück. Frau Robert, 
die in großer Unruhe um ihren Mann war, der in den 
Luxembourg gegangen war, wo er Deputierter für 
seine Sektion war, lief auf Danton zu, der ihr nur eine 
sehr unbestimmte Antwort gab. Er warf sich auf 
sein Bett. Man kam mehrere Male und brachte uns 
gute und schlechte Nachrichten. Ich glaubte zu mer- 
ken, daß es ihr Plan war, in die Tuilerien zu gehen. 
Ich sagte es ihnen schluchzend; ich glaubte, ich würde 
ohnmächtig werden. Vergebens fragte Frau Robert 
nach ihrem Mann, niemand gab ihr Auskunft. Sie 
glaubte, daß er mit dem Faubour^ marschierte. „Wenn 
er umkommt," sagte sie zu mir, „werde ich ihn nicht 
überleben. Aber dieser Danton, er, der Mittelpunkt 

Landauer, Briefe aus der französ. Revolution T 12 



178 CAMILLE DESMOUUNS 

von alledem! Wenn mein Mann umkommt, bin ich 
imstande, ihn zu erdolchen." Ihre Augen rollten. Von 
diesem Augenblick an verlieB ich sie nicht mehr. Wie 
sollte ich wissen, ich, was geschehen konnte ? WuBte 
ich, wessen sie fähig war? So verbrachten wir die 
Nacht in grausamer Aufregung. CamiUe kam um 
ein Uhr zurück; er schlief auf meiner Schulter ein. 
Frau Danton war neben mir, sie schien sich darauf vor- 
zubereiten, den Tod ihres Mannes zu erfahren. „Nein," 
sagte sie zu mir, „ich halte es hier nicht mehr aus." 
Als es lichter Tag geworden war, schlug ich ihr vor, 
mit mir zu kommen und bei mir zu ruhen. Camille 
legte sich hin. Ich ließ ein Gurtbett mit einer Matratze 
und einer Decke in den Salon stellen, sie warf sich 
darauf und kam zu einiger Ruhe. Ich legte mich hin 
und schlief beim Klang der Sturmglocke ein, die nun 
von allen Seiten anstimmte. Wir standen dann auf. 
Camille ging weg und ließ mich hoffen, er werde sich 
nicht in Gefahr begeben. Wir setzten uns zum Früh- 
stück. Es schlug zehn Uhr, elf Uhr, ohne daß wir 
etwas erfuhren. Wir nahmen ein paar Zeitungen vom 
Tag vorher zur Hand, setzten uns auf das Kanapee 
im Salon und fingen an zu lesen. Sie las mir einen 
Artikel vor, während dessen war mir, als hörte ich 
einen Kanonenschuß. Bald hörte ich mehrere Schüsse, 
sagte aber nichts; sie wurden häufiger. Da sagte ich 
zu ihr: „Man schießt mit Kanonen!" Sie horcht, hört, 
wird blaß, sinkt hin und wird ohnmächtig. Ich ent- 
kleidete sie. Ich war selbst nahe am Umfallen, aber 
die Notwendigkeit, ihr beizustehen, verlieh mir Kräfte. 



CAMILLE DESMOULINS 179 

Sie kam wieder zu sich. Jeannette gab Töne von sich 
wie Qine Ziege. Sie wollte die M. V. Q. durchprügeln, 
die sagte, Camille wäre an alledem schuld. Wir hörten 
auf der Straße schreien und weinen, wir glaubten, 
ganz Paris schwimme in Blut. Dann faßten wir uns 
einen Mut und gingen weg, um zu Danton zu gehen. 
Man rief zu den Waffen, und jeder eilte hin. Wir 
fanden das Tor zum Handelsgericht geschlossen. Wir 
klopften, riefen, niemand öffnete uns. Wir wollten, 
um hineinzukommen, beim Bäcker durchgehen, er 
machte uns die Tür vor der Nase zu. Ich war wü- 
tend; endlich öffnete man uns. Wir blieben ziemlich 
lange, ohne etwas zu erfahren. Man kam jedoch und 
sagte uns, daß wir Sieger seien. Um ein Uhr kamen 
alle und erzählten, was geschehen war. Einige Mar- 
seiller waren getötet worden. Aber die Berichte waren 
grausam. Camille kam und sagte mir, der erste Kopf, 
den er hätte fallen sehen, sei der von Suleau gewesen. 
Robert war im Rathaus gewesen und hatte das gräß- 
liche Schauspiel der Schweizer, die man ermordete, 
vor Augen gehabt. Er kam nach dem Essen, gab uns 
einen schauerlichen Bericht von dem, was er gesehen 
hatte, und den ganzen Tag hörten wir von nichts 
anderm reden als von dem, was geschehen war. Am 
nächsten Tag, dem elften, sahen wir den Leichenzug 
der Marseiller. Gott ! Was für ein Schauspiel ! Wie 
preßte sich uns das Herz zusammen. Camille und ich 
schliefen bei Robert. Ich weiß nicht, welche Angst 
in mir wühlte; es schien, wir wären zu Hause nicht 
sicher. 

12» 



l8o GAMILLE DESMOULINS 

. Am Tag darauf, am zwölften, als ich nach Hause 
kam, erfuhr ich, daß Danton Minister war. — — 



15. August 1792. 

Mein lieber Vater! 

Aus den Zeitungen haben Sie die Nachricht vom 
10. August erfahren. Es bleibt mir nur übrig, Ihnen 
das mitzuteilen, was mich angeht. Mein Freund 
Danton ist von der Kanone Gnaden Justizminister 
geworden; dieser blutige T^g mußte, zumal für uns 
beide, so enden, daß wir zusammen erhöht wurden: 
zur Macht oder zum Galgen. Er hat es in der National- 
versammlung gesagt: „Wäre ich besiegt worden, so 
wäre ich ein Verbrecher." Die Sache der Freiheit hat 
gesiegt. So bin ich denn jetzt im Palast der Maupeou 
und der Lamoignon untergebracht*). Trotz all Ihren 
Prophezeiungen, daß nichts aus mir werden würde, 
sehe ich mich in die Stellung erhoben, die die höchste 
Stufe war, die ein Mann in unsrer Robe erlangen konnte, 
und weit entfernt, dadurch eitler zu werden, bin ich 
es viel weniger als vor zehn Jahren, weil ich viel weni- 
ger wert bin als damals, was Phantasie, Wärme, Talent 
und Patriotismus angeht, die ich von Kraft der Emp- 
findung, Humanität und Liebe zu seinesgleichen nicht 
unterscheide, welche alle von den Jahren abgekühlt 
werden. Die Sohnesliebe haben sie in mir nicht lau 
gemacht, und Ihr Sohn, welcher Generalsekretär des 

* 

*) Das heißt im Justizministerium: der Kanzler Maupeou 
kämpfte 1770 und 1771, der Großsiegelbewahrer Lamoignon 1788 
gegen das Parlament. 



CAMILLE DESMOULINS i8l 

Justizdepartements und was man sonst Siegelsekretär 
nannte, geworden ist, hofft, Ihnen das bald beweisen 
zu können. Ich glaube, daß die Freiheit durch die 
Revolution des 10. August befestigt worden ist. Es 
bleibt uns übrig, Frankreich so glücklich und blühend 
zu machen, wie es frei ist. Dem will ich meine schlaf- 
losen Nächte weihen. Wenn Ihr königlicher Kom- 
missar Lust hat zu tauschen und Ihnen seinen Platz 
zu lassen: es regnet seit vierzehn Tagen Rücktritte 
von Kommissaren. 

Camille Desmoulins 
Generalsekretär des Justizdepartements. 



10. August 1793. 

. . . Meine Frau und ich sind von dem Anteil, den 
Sie an unserm liebenswürdigen Kinde nehmen, das 
wir so lieb haben, daß ich eine schreckliche Furcht 
habe, es zu verlieren, herzlich gerührt gewesen. Das 
Leben ist so aus Schlimmem und Gutem, das zu ein- 
ander im Verhältnis steht, gemischt, und seit einigen 
Jahren tritt das Schlimme um mich herum so flutend 
über die Ufer, ohne mich zu erreichen, daß mir immer 
scheinen will, auch an mich wird die Reihe kommen, 
darin unterzutauchen . . . 

Man hat gesagt, in jedem absoluten Staat wäre es 
ein großes Mittel, um hochzukommen: mittelmäßig zu 
sein. Ich sehe, daß das vielleicht auch für die republi- 
kanischen Länder gilt. Was kümmert es mich, hoch- 
zukommen ? Aber ich kann den Anblick der Ungerech- 



l82 CAMILLE DESMOULINS 

ti^Lehen, der Undankbarkeit, der Übel, die sich auf- 
türmen, nicht aushalten. Warum kann ich nicht so 
im Dunkeln sein, wie ich bekannt bin! Wo ist die 
Zuflnchtst&tte, der Raum unter der Erde, der mich 
mit mein^ Frau, meinem Kind und meinen Büchern 
▼or aDen Blicken verbirgt? Ich kann mir nicht ver- 
wehren, immerzu daran zu denken, daB diese Men- 
schen, die man zu Tausenden umbringt, Kinder ha- 
ben, auch ihre Väter haben. Zum wenigsten habe ich 
mir keinen dieser Morde vorzuwerfen, und ebenso 
wenig einen dieser Kriege, gegen die ich mich immer 
ausgesprochen habe, und diese Menge von schlimmen 
Dingen, Früchte blind» Unwissenheit und Ehrsucht, 
die zusammen am Steuer sitzen. Leben Sie wohl, ich 
umarme Sie. Schonen Sie Ihre Gesimdheit, damit ich 
Sie an die Brust drücken kann, wenn ich diese Revo- 
lution überleben werde; wiewohl es Augenblicke gibt, 
wo ich versucht bin, in die Vendee oder an die Grenzen 
zu gehen und mich töten zu lassen, um mich von dem 
Schauspiel so vieler Leiden und einer Revolution zu 
befreien, die mir nicht den gesunden Menschenverstand 
in den Rat derer zurückgebracht zu haben scheint, 
die die Republik r^eren, und in der ich kaum etwas 
anderes sehe als Ehrgeiz an der SteUe des Ehrgeizes 
und Habgier an der Stelle der Habgier. Allerdings 
ist die Freiheit der Presse ein grofies Mittel, dessen 
Wohltat wir der Revolution verdanken, und im neuen 
Regime haben wir vor den Spitzbuben das voraus, 
daß sie gehenkt werden können; vor den Intriganten 
und Dummköpfen, daß man sie der Lächerlichkeit 



CAMILLE DESMOULINS 183 

tiberliefern kann. Der Zustand der Dinge, wie er jetzt 
ist, ist unvergleichlich viel besser als vor vier Jahren, 
weil es eine Hoffnung gibt, ihn verbessern zu können, 
eine Hoffnung, die unter dem Despotismus nicht da 
ist, dessen Sklaven wie die Verdammten sind, die 
keine Hoffnung mehr haben; aber dafür ist so viel 
Blut vergossen worden, daß ich finde, eine so große 
Ausgabe der Nation an Menschenleben hätte ihr mehr 
Glück bringen müssen . . . 



Camille an Lucile 

Gefängnis des Luxembourg*). 
[31. März 1794.] 

Meine Lucile, meine Vesta, mein Engel! 

Mein Geschick lenkt in meinem Gefängnis meine 
Augen wieder auf diesen Garten, in dem ich acht Jahre 
meines Lebens damit verbrachte. Dir zu folgen. Ein 
Eckchen Blick auf den Luxembourg ruft mir eine 
Menge von Erinnerungen an die Zeit unsrer Liebe zu- 
rück. Ich bin in enger Haft, aber niemals war ich mit 
meinem Denken, mit meiner Phantasie, fast mit dem 
Greifen, dir, deiner Mutter, meinem kleinen Horaz 
näher als jetzt. 

Ich schreibe dir diese ersten Zeilen nur, um dich 
um die notwendigsten Sachen zu bitten. Aber ich 
will die ganze Zeit meiner Gefangenschaft damit ver- 

*) In der Nacht zum 31. März 1794 waren Danton und seine 
Freunde verhaftet worden, darunter Camille Desmoulins. 



l84 CAMILLE DESMOULINS 

Z ^ , , ■ . II II ... 

bringen, dir zu schreiben; denn ich habe es nicht nötig, 
meine Feder zu etwas anderem und zu meiner Vertei- 
digung zu benutzen. Meine Rechtfertigung besteht 
ganz und gar in meinen acht republikanischen Bänden. 
Sie sind ein gutes Kopfkissen, auf dem mein Gewissen 
in Erwartung des Tribunals und der Nachwelt ein- 
schläft. meine gute Lolotte, reden wir von etwas 
anderem. Ich werfe mich auf die Knie, ich strecke 
die Arme aus, um Dich zu umarmen, ich finde meinen 
armen Lulu nicht mehr . . . 

Schicke mir einen Wassertopf, das Glas, auf dem 
ein C und ein D stehen, unsre beiden Namen, ein paar 
Leintücher, ein Buch in 12^, das ich vor ein paar Tagen 
bei Charpentier gekauft habe und in dem leere Seiten 
sind, um Notizen hineinzuschreiben. Das Buch handelt 
von der Unsterblichkeit der Seele. Es tut mir not, 
mich zu überzeugen, daß es einen Gott gibt, der ge- 
rechter ist als die Menschen, und daß ich nicht ver- 
fehlen kann, dich wiederzusehen. Rege dich nicht zu 
sehr über meine Gedanken: auf, Liebe, ich verzweifle 
noch nicht an "den Menschen und an meiner Frei- 
lassung: ja. Vielgeliebte, wir können uiis noch im 
Garten des Luxembourg wiedersehen! Aber schicke 
mir dieses Buch! Leb wohl, Lucile! Leb wohl, Horaz! 
Ich kann Euch nicht umarmen, aber durch die Tränen 
hindurch, die ich vergieße, dünkt mich, ich halte Euch 
noch an meine Brust gedrückt. 



iük: 



CAMILLE DESMOULINS 185 

Camille an Lucile 

12. Germinal [1. April 1794]. 

Der wohltätige Schlaf hat meine Leiden unter- 
brochen. Man ist frei, wenn man schläft; da hat man 
keine Empfindung seiner Gefangenschaft; der Himmel 
hat Mitleid mit mir gehabt. Nur erst vor einem Augen- 
blick habe ich dich im Traum gesehen, dich und Horaz, 
aber unser Kleiner hatte durch böse Säfte, die sich 
nach oben ergossen hatten, ein Auge verloren, und 
der Schmerz über dieses Unglück hat mich aufgeweckt. 
Ich fand mich wieder in meinem Kerker; es war schon 
ein wenig Tag geworden. Da ich dich nicht mehr 
sehen und deine Antworten hören konnte, denn du 
und deine Mutter habt mit mir gesprochen, bin ich 
wenigstenß aufgestanden, um mit dir zu reden und 
dir zu schreiben. Aber als ich meine Fenster öffnete, 
hat der Gedanke an meine Einsamkeit, haben die 
schrecklichen Gitterstäbe und die Riegel, die mich 
von dir trennen, alle Festigkeit meiner Seele über- 
wunden. Ich bin in Tränen ausgebrochen, oder viel- 
mehr, ich habe geschluchzt und habe in meinem Grab 
geschrien: Lucile! Lucile! Wo bist du? Gestern abend 
habe ich einen solchen Augenblick gehabt und das 
Herz wollte mir ebenso brechen, als ich im Garten 
deine Mutter sah. Eine mechanische Bewegung warf 
mich auf die Knie gegen das Gitter ; ich rang die Hände, 
wie um ihr Mitleid anzuflehen, und nun, ich bin dessen 
so sicher, weint sie an deinem Busen. Ich habe gestern 
Ihren Schi][^erz gesehen, an ihrem Taschentuch und 



l86 CAMILLE DESMOULINS 

ihrem Schleier, den sie heruntergelassen hat, da sie 
diesen Anblick nicht mehr ertragen konnte. Wenn 
Ihr kommt, soll sie sich mit dir etwas näher heran 
setzen, damit ich Euch besser sehen kann. Es ist keine 
Gefahr, wie mir scheinen will. Mein Fernglas ist nicht 

sehr gut Aber vor allem beschwöre ich dich, 

schicke mir dein Bild, dein Maler möge Erbarmen mit 
mir haben, der ich nur leide, weil ich mit andern zu 
viel Erbarmen gehabt habe; er gebe dir zwei Sitzungen 
täglich. In der Gräßlichkeit meines Gefängnisses wird 
der Tag für mich ein Fest sein, ein Tag des Rausches 
und der Entzückung, der Tag, an dem ich dein Bildnis 
erhalte. Inzwischen schicke mir eine Strähne deiner 
Haare, daß ich sie an mein Herz drücke. Meine liebe 
Lucile! Da bin ich nun in die Zeit meiner ersten Liebe 
zurückgekehrt, wo ein gewisser mich nur interessierte, 
weil er von dir kam. Gestern, als der Bürger, der dir 
meinen Brief gebracht hat, zurückgekehrt war, fragte 
ich ihn: „Nun? Sie haben sie gesehen?" Wie ich 
wohl ehemals zu jenem Abb^ LandreviUe sagte, und 
ich ertappte mich dabei, daß ich ihn ansah, wie wenn 
auf seinen Kleidern, auf seiner ganzen Person etwas 
von dir zurückgeblieben wäre. Es ist eine liebreiche 
Seele, da er dir meinen Brief, ohne etwas auszustrei- 
chen, gebracht hat. Ich werde ihn, wie es scheint, 
zweimal täglich sehen, morgens und abends. Dieser 
Bote meiner Leiden wird mir ebenso lieb wie es ehe- 
mals der meiner Freuden gewesen wäre. Ich habe 
einen Spalt in meiner Zelle entdeckt; ich habe mein 
Ohr daran gelegt; ich habe stöhnen gehört; ich habe 



CAMILLE DESMOULINS 187 

aufs Geratewohl ein paar Worte gesprochen; ich hörte 
die Stimme eines Kranken, der Schmerzen hatte. Er 
fragte mich nach meinem Namen, ich nannte ihn. 
„0 mein Gott!" rief er bei diesem Namen aus und fiel 
auf sein Bett zurück, in dem er sich erhoben hatte, 
und ich erkannte genau die Stimme von Fahre d'Eglan- 
tine. „Ja, ich bin Fahre," sprach er zu mir, „aber 
du hier! Ist denn die Gegenrevolution vollzogen?"*) 
Wir wagen es indessen nicht, miteinander zu spre- 
chen, wir fürchten, der Haß könnte uns diesen schwa- 
chen Trost neiden, und wenn man uns hörte, würden 
wir getrennt und kämen in noch engere Haft; denn 
er hat ein heizbares Zimmer, und das meine wäre schön 
genug, wenn ein Kerker schön sein könnte. Aber, 
Geliebte! Du kannst dir nicht vorstellen, was das 
heißen will, im Gefängnis zu sein, ohne zu wissen, 
warum, ohne verhört worden zu sein, ohne eine ein- 
zige Zeitung zu erhalten! Das heißt leben und tot 
sein zugleich; das heißt nur existieren, um zu fühlen, 
daß man in einem Sarg ist. Man sagt, die Unschuld 
sei ruhig, sei mutig. Ah! Meine teure Lucile! Meine 
Vielgeliebte ! Oft ist meine Unschuld schwach wie die 
eines Gatten, eines Vaters, eines Sohnes! Wenn es 



*) Fahre d'Eglantine (1755 — 1794) war schon am 13. Januar 
verhaftet worden, unter der Anklage der Fälschung. Michelet hat 
nachgewiesen, daß vielmehr diese Anklage eine Fälschung war; die 
Fälschung des Aktenstücks war begangen worden, aber von einem 
andern, dessen Handschrift noch heute zu erkennen ist. Nun 
wurden die der Fälschung Angeklagten und die rein politisch ver- 
folgten Dantonisten nach der beliebten Methode in einem und 
demselben Prozeß abgeurteilt. 



l88 CAMILLE DE8MOULIN8 

Pitt oder Coburg wären, die mich so hart behandeln; 
aber meine Kollegen! Aber Robespierre, der meinen 
Haftbefehl unterzeichnet hat, aber die Republik nach 
allem, was ich für sie getan habe! Das ist der Lohn, 
den ich für so viele Tugenden und Opfer erhalte! Als 
ich hierher kam, sah ich Herault-S^chelles, Simon*), 
Ferroux, Chaumette, Antonelle; sie sind weniger un- 
glücklich, keiner ist in Einzelhaft. Ich, der ich mich 
für die Republik seit fünf Jahren so großem Haß, 
so vielen Gefahren ausgesetzt habe, ich, der ich in- 
mitten der Revolution arm geblieben bin, ich, der ich 
keinen Menschen um Verzeihung zu bitten habe als 
nur dich in aller Welt, meine liebe Lolotte, und du 
hast sie mir gewährt, weil du weißt, daß mein Herz, 
trotz seinen Schwächen, deiner nicht unwert ist; ich 
werde von Menschen, die sich meine Freunde nannten, 
die sich RepubUkaner nannten, in einen Kerker, in 
Einzelhaft geworfen, als ob ich ein Verschwörer wäre, 
Sokrates trank den Schierling, aber er sah doch seine 
Freunde und seine Frau in seinem Gefängnis. Wie viel 
härter ist es, von dir getrennt zu sein! Der größte 
Verbrecher wäre zu hart bestraft, wenn er anders als 
durch den Tod, der den Schmerz einer solchen Tren- 
nung doch wenigstens nur einen Augenblick lang füh- 
len läßt, von einer Lucile gerissen würde; aber ein 
Schuldiger hätte nicht dein Gatte werden können. 



*) J. F. Simon war ein deutscher, aus der Schweiz stammender 
Lehrer, der 1777 von Basedows Philanthropin in Dessau abge- 
gangen war; er spielte in den revolutionären Organisationen und 
Bewegungen iq P^ris keine kleine Rolle. 



CAMlLLE DßSMOULlKS 189 

und du hast mich nur liebgewonnen, weil ich einzig 
für das Glück meiner Mitbürger atmete. Man ruft 

mich -; 

In diesem Augenblick komme ich vom Verhör bei 
den Kommissaren der Regierung. Es wurde mir nur 
die Frage vorgelegt, ob ich mich gegen die Republik 
verschworen hätte. Welche Lächerlichkeit! Kann 
man den reinsten Republikanismus so beschimpfen! 
Ich sehe, welches Los mich erwartet. Leb wohl. 
' Du siehst in mir ein Beispiel der Barbarei und der 
Undankbarkeit der Menschen. Meine letzten Augen- 
blicke sollen dir keine Schande machen. Du siehst, 
daß meine Furcht begründet war, daß meine Ahnungen 
immer wahr gesagt haben. Ich habe eine Frau gehabt, 
die himmlisch war um ihrer Tugenden willen; ich war 
ein guter Mann, ein guter Sohn; ich wäre auch ein 
guter Vater geworden. Ich nehme die Achtung und 
das Bedauern aller wahren Republikaner, aller Men- 
schen, die Tugend und Freiheit lieben, mit ins Grab. 
Ich sterbe mit vierunddreißig Jahren, aber es ist ein 
Wunder, daß ich in diesen fünf Jahren an so vielen 
Abgründen der Revolution dahin gegangen bin, ohne 
hineinzustürzen, und daß ich noch da bin und meinen 
Kopf beruhigt auf das Kissen meiner Schriften lege; 
wohl sind es ihrer zu viele, aber sie atmen alle die 
nämliche Menschenliebe, das nämliche Verlangen, 
meine Mitbürger glücklich und frei zu machen, und 
das Beil der Tyrannen wird sie nicht treffen. Ich 
sehe wohl, daß die Macht alle Menschen berauscht 
und daß alle wie Dionys von Syrakus sagen: „Die 



igo 



CAMILLE DESMOULINS 



Tyrannei ist eine schöne Grabschrift." Aber tröste 
Dich, verlassene Witwe ! Die Grabschrift deines armen 
Camille ist glorreicher: es ist die der Tyrannentöter 
Brutus und Cato. meine liebe Lucile ! Ich war dazu 
geschaffen, Verse zu machen, die Unglücklichen zu 
verteidigen, dich glücklich zu machen, mit deiner 
Mutter und meinem Vater und ein paar Menschen 
nach unserm Herzen ein Otahaiti zu gründen*). Ich 
hatte von einer Republik geträumt, vor der jeder 
Mensch gekniet wäre. Ich konnte nicht glauben, da£ 
die Menschen so wild und so ungerecht sind. Wie 
konnte ich denken, daß ein paar Scherze in meinen 
Schriften, gegen Kollegen, die mich gereizt hatten, 
das Andenken an meine Dienste verlöschen würden! 
Ich verhehle es mir nicht, ich sterbe als Opfer für 
diese Scherze und für meine Freundschaft zu Danton. 
Ich danke meinen Mördern, daß sie mich mit ihm 
und Philippeaux sterben lassen; und da meine Kol- 
legen feige genug gewesen sind, uns preiszugeben und 
ihr Ohr Verleumdungen zu leihen, die ich keineswegs 
kenne, die aber ganz sicher die gröbsten sind, so darf 
ich sagen: Wir sterben als Opfer unsres Mutes, weil 
wir zwei Verräter angezeigt haben**), und unsrer 

*) Otahaiti war der Name, mit dem man ein reines und idyl- 
lisches Naturleben fem von der unsittlichen Zivilisation meinte, 
im Anschlufi an Did^rots Dialog Supplement zu BougainvüUs Reise; 
da sagt ein Greis aus Otahaiti z. B. zu dem französischen Reisen- 
den: ,,. . . Wir sind unschuldig, wir sind glücklich, und du kannst 
unser Glück nur stören. Wir folgen dem reinen Instinkt der 
Natur" . . . usw. 

**) Die zwei „Verräter" dürften Hubert und Cloots sein (viel- 
leicht auch Cloots und Chaumette), radikale, dem Kommunismus 



CAMH^LE DESMOULINS Igt 

Liebe zur Wahrheit. Wir dürfen ruhig das Zeugnis 
mit uns nehmen, daß wir als die letzten Republikaner 
zugrunde gehen. Verzeihung, Geliebte, mein wahr- 
haftes Leben, das ich in dem Augenblick, wo man 
uns getrennt hat, verloren habe, ich beschäftige mich 
mit meinem Andenken. Ich sollte mich vielmehr da- 
mit beschäftigen, es dich vergessen zu lassen. Meine 
Lucile, mein guter Lulu! Lebe für Horaz, sprich ihm 
von mir. Du wirst ihm sagen, was er von mir nicht 
hören kann, daß ich ihn sehr geliebt hätte! Trotzdem 
ich zur Richtstätte muß, glaube ich, daß es einen 
Gott gibt*). Mein Blut wird meine Fehler, die Schwä- 
chen der Menschlichkeit tilgen; und was ich Gutes 
gehabt habe, meine Tugenden, meine Freiheitsliebe, 
wird Gott belohnen. Ich werde dich einst wiedersehen, 
o Lucile! Empfindsam wie ich war, ist da der Tod, 
der mich vom Anblick so vieler Verbrechen befreit, 



geneigte Revolutionäre, die man Exagiris oder Enragia nannte 
und die Desmoulins in der zweiten, fünften und sechsten Nummer 
seines Vieux Corddier — es ist nicht zu leugnen — mit niedrigsten 
Mitteln angegriffen hatte, höchst wahrscheinlich im Einvernehmen 
mit Robespierre. Camille hat geradeso jetzt eben diese Enragia 
der Guillotine zu liefern geholfen wie früher die Br%88oixn8\ und er 
tat es, während er den ergreifenden Ruf nach Müde anstimmte. 
*) Nicht erst angesichts des Todes, sondern schon immer war 
er Deist; so heißt es in der Rede der Laterne (1789): „Es gibt eine 
Religion aller Zeiten und aller Länder, eine Religion, die nicht 
einem bestimmten Volk, dem oder jenem bestimmten Klima an- 
gehört wie das Christentum, sondern eine Religion, die unter allen 
Völkern verbreitet ist, eine angeborene Religion. Sie haben in 
ihrer Reinheit die erleuchteten und weisen Menschen bewahrt . . . 
Woran sie glaubt? Sie glaubt an Gott; was sie liebt ? Sie liebt die 
Menschen wie Brüder; was sie hofft? Ein anderes Leben . . .** 



Igt CAMtLLfi DfiSMOULlNS 

ein so großes Unglück? Leb wohl, mein Leben, meine 
Seele, meine Gottheit auf Erden. Ich hinterlasse dir 
gute Freunde, alles, was es an tugendhaften und füh- 
lenden Menschen gibt. Ich sehe das Ufer des Lebens 
vor mir fliehen. Ich sehe noch Lucile! Ich sehe sie, 
meine Vielgeliebte! Meine Lucile! Meine gebundenen 
Hände umarmen Dich, und mein Kopf läßt noch, 
wenn er vom Rumpfe getrennt ist, seine sterbenden 
Augen auf Dir ruhen*). 



*) Am 5. April wurde Camille mit Danton und den andern 
hingerichtet. — Lucile, die schwache Versuche gemacht hatte, 
ihn zu befreien, wurde in die Anklage wegen Gefängnisverschwö- 
rung verwickelt; sie starb sehr tapfer unterm Beil am 13. April 
zugleich mit der Frau Huberts, mit Ghaumette und mit dem frühe- 
ren Bischof von Paris Gobel, diese beiden letzteren wegen anti- 
religiöser Propaganda; und man kann nicht sagen, dafi Camille 
Desmoulins an dem Tod derer, die mit seiner geliebten Frau zu- 
sammen starben, keinen Anteil gehabt hätte. 



BRIEF EINES BAUERN AN DEN INTENDANTEN 193 



Brief eines Bauern an den Intendanten, 
kurz vor der Revolution 

Tocqueville, L'ancien regime et la rövolution, in den An- 
merkungen. Nach Tocqueyilles Angabe unorthographisch ge- 
schrieben. 

Ob wir gleich in unsrer Gegend wenig Adel haben, 
darf' man nicht glauben, die liegenden Gründe seien 
darum weniger mit Gülten belastet; im Gegenteil, 
fast alle Lehen gehören der Kathedrale, dem Erz- 
bistum, der Stiftskirche von Saint-Martin, den Bene- 
diktinern von Noirmoutiers, von Saint -Julien und 
andern Geistlichen, bei denen die Abgaben nie ver- 
jähren und wo man ohne Unterlaß alte verschimmelte 
Pergamente aufsprießen sieht, deren Fabrik Gott 
allein kennt! 

Die ganze Gegend ist mit Abgaben verpestet. Der 
größte Teil der Ländereien schuldet jährlich den 
siebenten Teil des Weizens pro Morgen, andere Wein; 
der schuldet den vierten Teil der an die Herrschaft 
zu liefernden Früchte, jener den fünften usw., wobei 
immer der Zehnte vorher erhoben wird; der den 
zwölften, jener den dreizehnten. All diese Lasten 
sind so sonderlich, daß ich deren vom vierten Teil 
der Früchte bis zum vierzigsten kenne. 

Was soll man von all diesen Abgaben in allen Ge- 
stalten halten: von Körnerfrüchten, Gemüsen, Geld, 
Geflügel, Fronden, Holz, Obst, Kerzen? Ich kenne 

Landauer, Briefe aus der französ. Revolution I 13 



I04 BRIEF EINES BAUERN AN DEN INTENDANTEN 

solche absonderliche Gülten in Gestalt von Brot, Wachs, 
Eiern, Schweinen ohne Kopf, Hochzeitsgaben, Veil- 
chenstrftußen, goldenen Sporen usw. Es gibt noch 
eine unzählige Menge von andern Herrenrechten. 
Warum hat man Frankreich nicht von all diesen 
verrückten Abgaben frei gemacht? EndUch fängt man 
an, die Augen aufzumachen, und es ist von der Weis- 
heit der gegenwärtigen Regierung alles zu hoffen; sie 
wird den armen Opfern der Erpressungen des alten 
Fiskalsystems, die den Namen Herrenrechte führten 
und die man niemals veräußern oder verkaufen durfte, 
eine hilfreiche Hand reichen. 

Was soll man ferner von der Tyrannei der bei Kauf 
und Verkauf fälligen Gebühren halten? Ein Käufer 
gibt sein letztes her, um ein Stück Land zu kaufen 
und ist genötigt, einen tüchtigen Batzen für die ge- 
richtliche Zusprechung und die Verträge, die Besitz- 
nahme, die Protokolle, die Prüfung und Behändigung 
ein Prozent, acht Sous auf den Livre usw. zu zahlen, 
und obendrein muß er noch seinen Vertrag seinem 
Grundherrn vorweisen, der ihn die bei Kauf und 
Verkauf fälligen Zinsen vom Kapital seiner Erwer- 
bung zahlen läßt: die einen den Zwölften, andere den 
Zehnten. Die einen beanspruchen das Fünftel; die 
andern das Fünftel und das Fünftel vom Fünftel. 
Kurz, es gibt diese Gefälle in allen Preislagen, und 
ich kenne sogar welche, die sich den dritten Teil vom 
Kapital zahlen lassen. Nein, die wildesten und bar- 
barischsten Völker der bekannten Welt haben nie- 
mals so arge und so viele Erpressungen erfunden, wie 



BRIEF EINES BAUERN AN DEN INTENDANTEN 195 

sie unsre Tyrannen aufs Haupt unserer Väter ge- 
häuft haben. 

Wie ! Der selige König hätte die Ablösung der auf 
den städtischen Erben lastenden Grundzinsen erlaubt 
und die ländlichen nicht einbegriffen? Mit diesen 
letzteren hätte er anfangen müssen. Warum will man 
den armen Landleuten nicht erlauben, ihre Ketten 
zu brechen, sich von den Massen der herrschaftlichen 
und auf dem Boden lastenden Abgaben zu befreien 
und sie abzulösen, die den Vasallen so viel Unrecht 
zufügen und den Herren so wenig Nutzen bringen? 
Man durfte für die Ablösungen nicht zwischen Stadt 
und Land, zwischen Grundherren und Privaten unter- 
scheiden. 

Die Intendanten der Pfründeninhaber der Kirchen- 
güter plündern die Pächter bei jedem Besitzwechsel 
und setzen sie in Kontribution. Wir haben dafür ein 
Beispiel aus allerneuester Zeit. Der Intendant unsres 
neuen Erzbischofs hat bei seiner Ankunft allen Päch- 
tern des Herrn von Fleury, seines Vorgängers, die 
Kündigung zugestellt, indem er alle Pachten, die sie 
mit ihm abgeschlossen hatten, für nichtig erklärte 
und alle Pächter vor die Tür setzte, die ihre Pacht- 
abgaben nicht verdoppeln und nicht noch einmal, 
klotzige Pachtprovisionen zahlen wollten, die sie 
schon dem Intendanten des Herrn von Fleiu'y ge- 
geben hatten. Man hat ihnen derart die sieben oder 
acht Jahre geraubt, die sie nach den vor Zeugen ab- 
geschlossenen Pachtverträgen noch hätten auf ihren 
Gütern sitzen können, und hat sie gezwungen, ohne 

13* 



196 BRIEF EINES BAUERN AN DEN INTENDANTEN 

Verzug, am Heiligabend, in der schlimmsten Zeit des 
Jahres, weil es in der Zeit schwierig ist, das Vieh zu 
ernähren, fortzuziehen, ohne daß sie wußten, wo sie 
bleiben sollten. Der König von Preußen hätte es 
nicht schlimmer machen können. 



/ 



Dr. RIGBY 



Dr. Edward Rigby, geboren 1747, ein englischer Arzt, trat mit 
drei andern Engländern zusammen Anfang Juli 1789 eine Ver- 
gnügungs- und Studienreise auf den Kontinent an. Als ge- 
bildeter und am öffentlichen Leben interessierter Mann wußte 
er zwar von den politischen Aufregungen Frankreichs, er kam 
aber keineswegs um ihretwillen, schien sie zunächst auch nicht 
sehr wichtig zu nehmen, sondern wollte Land und Leute kennen 
lernen. Die Briefe richtete er an seine Frau und seine beiden 
Töchter. — Eine Tochter zweiter Ehe hat sie in hohem Alter 
herausgegeben. 

Dr. Rigby's Letters from France etc. in 1789. Edited by his 
daughter Lady Eastlake. London 1880. 



Paris, 9. Juli 1789. 

. . . Ich gestehe, ich bin geneigt, dieses Volk sehr 
hoch zu stellen. Jedermann redet von Politik. Zei- 
tungen werden an den Straßenecken verkauft, und 
große Menschengruppen sind beständig im Palais 
Royal in ernstem Gespräch. „Der dritte Stand" ist 
das Schlagwort des Tags. Am Morgen wurde unser 
Wagen von ein paar Leuten aufgehalten, die die 
Straße pflasterten. Als sie hereingesehen hatten, 
sagten sie: „Laßt sie durch; es sind Herren vom drit- 
ten Stand." In ein paar Tagen wollen wir nach Ver- 
sailles fahren, wo wir die DebatteA iu der National- 
versammlung zu hören gedenken, was in einer so wich- 
tigen Periode sehr lohnend sein wird. 

Nachdem wir Notre-Dame besichtigt hatten, be- 
suchten wir das Arsenal, konnten aber keine Erlaubnis 
erlangen, den Waffenplatz zu sehen. Der berühmte 
Herr Lavoisier wohnt in der Nähe in einem hübschen 
Haus. Ich hatte einen Brief an ihn von Dr. Priestley, 
aber er war dringend beschäftigt. Im Arsenal wird 
unter der Leitung Herrn Lavoisiers Salpeter für 
Kanonenpulver gereinigt*). Wir sahen ein paar 
schöne Salpeterkristalle. Wir begaben uns dann in 
die Spiegelglasmanufaktur, die ein sehr umfangreicher 
Betrieb ist. Wir sahen Platten, die sehr groß waren, 
und sahen, wie sie mit Zinn belegt wurden, ebenso 

*) Man beachte das Datum und erinnere sich, welchen Massen- 
besuch das Arsenal in den nächsten Tagen erhielt. 



200 DR. RIGBY 



wie in England, aber da der Betrieb größer ist, scheint 
es mit größerer Genauigkeit zu geschehen. Wir sahen 
auch die Bastille, ein schreckliches Gebäude. Wir 
aßen an einer Table d'hote zu Mittag und bekamen 
ein vortreffliches Essen mit Wein und Obst für 1 s. 8 d. 
das Gedeck. Abends gingen wir wieder ins Th^&tre 
Italien und sahen Frau du Gazon im „Blaubart". 
Es war alles in allem eine feine Probe des schlechten 
Geschmacks des französischen Dramas; aber Frau 
du Gazon hat sicher große Kraft und eine schöne 
Stimme. Sie brachte den Schrei, als sie die Tür zur 
geheimen Kammer öffnete und ihre Vorgängerinnen 
da hängen sah, bewundernswert gut heraus. Wir 
aßen mit Herrn Dallas zu Abend und spazierten 
zwischen elf und ein Uhr im Palais Royal herum; 
es war voll von aufgeregten Menschen, die über 
Politik sprachen . • . 



Paris, Montag morgen, 13. Juli 1789. 

Meine lieben Teuren! Für den Fall, daß beunruhi- 
gende Berichte über die unglücklichen Aufruhrbe- 
wegungen, die in dieser Stadt stattgefunden haben. 
Euch erreichen, muß ich diesen Brief damit beginnen. 
Euch zu versichern, daß wir alle völlig sicher und ganz 
ohne Gefahr sind . . . 

[Blick auf den Konflikt um Neckers Entlassung und den An- 
fang der Bewegung.] 

. . . Ich bin nicht imstande, irgendeine Meinung über 
den gegenwärtigen politischen Zustand zu äußern. 



DB. RIGBY 201 



Alles, was ich tun kann, ist, zu beklagen, daß ein auf- 
geklärtes und liebenswürdiges Volk in öffentliches Un- 
glück verwickelt werden soll. Ihr dürft Euch auf 
unsre Vorsicht hinsichtlich unsrer eigenen Personen 
verlassen; wir alle haben Freunde in England zurück- 
gelassen, die wir zu lieb haben, als daß wir irgend etwas 
aufs Spiel setzten, um etwas zu befriedigen, was für 
uns bloße Neugier sein muß. Wir hoffen Paris heute 
zu verlassen und werden von der nächsten Post schrei- 
ben; da indessen die Posten sehr unregelmäßig ab- 
gehen, erschreckt nicht, wenn Ihr nicht sofort von 
uns hört. Ich muß noch einmal wiederholen, daß 
wir uns in acht nehmen wollen. Gott segne Euch. 



Paris, Donnerstag morgen, 16. Juli 1789. 

Meine lieben Teuren! In diesem Augenblick höre 
ich, daß eine Gelegenheit ist, einen Brief nach Eng- 
land zu senden, und teile Euch mit, daß wir voll- 
kommen wohl sind und von dem gegenwärtigen un- 
glücklichen Zustand von Paris keine weiteren Un- 
annehmlichkeiten haben, als daß wir ein paar Tage 
länger hier bleiben müssen, als wir vorgehabt hatten. 
Ich habe Eure Briefe noch nicht erbalten und sie 
sind wahrscheinlich nach Lyon gegangen. Seid ver- 
sichert, daß wir auf uns achten werden; es besteht 
aller Grund zu der Annahme, daß von nun an alle 
Gefahr vorüber ist. 



202 DR. RIGBY 



Paris, Sonntag morgen, 18. Juli 1789. 

Meine lieben Teuren! Die Unterbrechung des Post- 
verkehrs, die von den letzten Unruhen in dieser Stadt 
veranlaßt wurde, hat wahrscheinlich verhindert, daß 
Ihr einige meiner Briefe erhieltet. Ich hoffe jedoch, 
daß der letzte, den ich am Donnerstag schrieb, ein- 
getroffen ist, und daß Ihr in bezug auf mich ruhig 
geworden seid. 

Ich bin Zeuge der außerordentlichsten Revolution 
gewesen, die vielleicht jemals in der menschlichen 
Gesellschaft stattgefunden hat. Ein großes und weises 
Volk kämpfte für Freiheit und die Rechte der Mensch- 
heit; sein Mut, seine Umsicht und Ausdauer sind mit 
Erfolg belohnt worden, und ein Ereignis, das zum 
Glück und Gedeihen von Millionen ihrer Nachkommen 
beitragen wird, ist mit sehr geringem Blutverlust und 
mit einer Unterbrechung der Alltagsgeschäfte von 
nur wenigen Tagen eingetreten. Die Einzelheiten 
dieses wundervollen Ereignisses, von denen ich Zeuge 
gewesen bin, haben auf meinen Geist einen dauernden 
Eindruck gemacht, und es wird eine meiner größten 
Freuden sein, bei meiner Rückkehr Euch eingehend 
davon zu berichten. 

Noch ehe wir Paris erreichten, hatten wir genügend 
Beweise dafür ,daß die Franzosen nicht das unwissende 
und tändelnde Volk sind, als das unsre Landsleute es 
so oft hingestellt haben. Nichts hätte diese Meinung 
wirksamer bestätigen können als das Schauspiel, das 
wir in den letzten sechs Tagen vor Augen hatten. 
Solche Geistesgegenwart, solche kühle Beherztheit, 



DE. RIGBY a03 



solch ein bewundernswertes Zusammenarbeiten, solche 
Sorge, Störungen auf den Straßen zu vermeiden und 
so eine allgemeine Aufmerksamkeit und Freundlich- 
keit gegen Fremde wurden vielleicht nie zuvor zu 
einer und der nämlichen Zeit von so vielen tausend 
Personen geübt, die« plötzlich bei einer Gelegenheit, 
die besonders geeignet ist, die rauheren und gewalt- 
tätigeren Leidenschaften heraufzubringen, zu den 
Waffen gerufen wurden. Ich werde immer die stärkste 
Vorliebe für dieses Volk haben*), und ich hoffe,' daß 
in keiner künftigen Zeit die ungereimte Politik unsres 
Landes uns nötigen wird, sie als unsre Feinde zu be- 
trachten. Für das Auge des Moralisten und Philo- 
sophen kann der Ausblick auf die Wirkung dieser 
Revolution auf Wissenschaft, Sitten und mensch- 
liches Glück nur höchst befriedigend sein. Die Be- 
völkerung dieses Landes ist so groß, und die Einwohner, 
selbst wo sie unter vielen erschwerenden Bedingungen 
leben, haben solche Beweise ihres Fleißes, ihres Geistes, 
ihrer Anstelligkeit gegeben, daß man sich gar nicht 
ausdenken kann, welche Höhe der Verbesserung hin- 
sichtlich des Wissens und des Wohlstands sie erreichen 
werden, wenn sie die Freiheit haben, ihre Geistes- 
gaben zu üben, und wenn sie sich den Genuß der 
Früchte des Wohlstands sichern. Wir haben hier 
eine Woche länger, als wir vorhatten, verweilen müs- 



*) Da hier nur ein geringer Teil der Briefe Dr. Rigbys mitgeteilt 
werden kann, darf und muß ergänzend gesagt werden, daß er, 
als er drei Wochen früher die Reise antrat, die landläufige eng- 
lische Voreingenommenheit gegen die Franzosen hatte. 



204 !>»• RIGBY 



sen, und dies wird auf unsrer weiteren Reise etwas 
unangenehm sein. Aber das alles wird aufgewogen 
von der Genugtuung, in einer Periode von so außer- 
ordentlicher Bedeutung hier gewesen zu sein. Wir sind 
sehr wohl. Ich hoffe, ich werde bald wieder den Be- 
richt von unsrer Reise aufnehn^en können. Schreibt 
mir nach Genf postlagernd. 



Marseille, Mittwoch abend, 29. Juli 1789. 

... Es ist hier eine große Bevölkerung, und sie schien 
um so größer, als die Lage der öffentlichen Angelegen- 
heiten für viele Tausende unter den Einwohnern die 
Notwendigkeit herbeigeführt hat, sich zum Zweck 
der Verteidigung im Fall von Unruhen zusammen- 
zuschließen. Jeder Mensch trägt eine Kokarde, und 
die zur Bürgerwehr gehören, haben eine hübsche Uni- 
form; man sagt uns, es seien hier 12 000 Bürger be- 
waffnet, mit 2000 Offizieren. Ich habe es bisher für 
klug gehalten, über politische Gegenstände und über 
den gegenwärtigen Stand der Dinge in Paris und 
Frankreich zu schweigen; da ich jedoch finde, daß 
es jetzt nur noch eine Partei gibt, und daß jeder ohne 
Rückhalt davon spricht, brauche ich nicht länger so 
vorsichtig zu sein. Ein sehr interessantes Schauspiel 
war hier heute vormittag zu sehen. Mehr als siebzig 
Personen, die vor einigen Monaten in das Gefängnis 
zu Aix gesperrt worden waren, weil sie, so sagt man 
uns, sich einigen Maßnahmen der Hofpartei wider- 
setzt hatten, wurden von einer Schar Marseiller Bürger 



DB. RIGBY 205 



befreit, die zu diesem Zweck nach Aix zogen, das 
über zwanzig Meilen entfernt ist. Wäre die Revo- 
lution nicht gekommen, so wären sie wahrscheinlich 
gehängt worden. Unter ihnen waren mehrere Frauen 
• und zwei kleine Kinder, die während der Gefangen- 
schaft ihrer Mütter zur Welt gekommen waren. Es 
waren auch Gefangene dabei, die seit Jahren einge- 
sperrt waren. Eine hübsche junge Frau wurde uns 
gezeigt: ihr Herr, der sie arg mißhandelt hatte, hatte, 
um zu verhindern, daß sie klagbar wurde, die Ge- 
schicklichkeit, sie in das Gefängnis zu Aix überführen 
zu lassen, wo sie neun Jahre lang eingesperrt war. 
Alle diese wurden mit Trommeln und Musik unter 
dem Schutz der bewaffneten Bürger durch die Straßen 
geführt und wurden jeweils von ihren Freunden unter 
lauten Zurufen des Volks begrüßt . . . 



Nizza, Sonntag morgen 5 Uhr, 2. August 1789. 

. . . Habe ichToulon beschrieben? Wenn nicht, laßt 
mich sagen, daß es eine gut gebaute befestigte Stadt 
ist, die an einer sehr schönen Bucht des Mittelmeers 
liegt. Sie ist einer der wichtigsten Kriegshäfen des 
Königs von Frankreich und ist zur Zeit mit sehr statt- 
lichen Schiffen wohl versehen. Die Ausrüstungsstücke 
sind im Arsenal verwahrt, das nur wenig Fremde 
und besonders keine Engländer besuchen dürfen. Alles 
scheint in guter Ordnung und gut imstand, und es 
ist ein Kai da, auf dem abends Scharen gut geklei- 
deter Leute Spazierengehen. Diese Stadt, die haupt- 



206 DE. RIGBY 



Sächlich von Offizieren und andern königlichen An- 
gestellten bewohnt wird, wies nicht dieselben revo- 
lutionären Zeichen auf. ÜberaU, in jeder großen oder 
kleinen Stadt, in jedem Dorf, wo wir durchkamen, 
war jeder Hut mit einer Revolutionskokarde ver- * 
sehen, und unsre Ohren wurden in jedem Stadtteil 
mit den Rufen begrüßt: „Es lebe die Nation und der 
dritte Stand." In Toulon waren keine Kokarden za 
sehen, keine Zurufe zu hören, nichts als die gewohnten 
Erscheinungen französischer Fröhlichkeit, die man 
stets an dem Lächeln der Frauen und der lebhaften 
Art erkennt, in der die Männer mit ihnen vor ihren 
Häusern sitzend sich unterhalten und die Wonne 
ihrer köstlichen Abendluft genießen . . .*) 

. . . Glaubt mir, ich habe Frankreich mit Bedauern 
verlassen. Ich werde es wahrscheinlich nie wieder- 
, sehen, und ich verdanke dieser Reise durch das Land 
und den öffentlichen Zuständen in dieser Zeit Ein- 
drücke, die meinem Geist unaustilgbar eingeprägt 
sind. Das Land hat mir sehr gefallen; das Volk hat 
mich entzückt; Fleiß, Frohsinn und gesunder Ver- 
stand sind hervorragende Merkmale seines Charakters. 
Da^ letzte politische Ereignis, das für ihre künftige 
Wohlfahrt so wichtig ist, ist von dem Mut und der Aus- 
dauer der Mittelklassen hervorgebracht worden, die 

*) Man denke bei dieser Schilderung, die der Engländer 1789 
von dem besonderen, von der Revolution unberührten Oeist Tou- 
lons gibt, daran, wie diese Stadt 1793 sich und die ganze im Hafen 
versammelte Kriegsflotte Frankreichs den Engländern ausliefert 
und freudig dabei ist, wie der englische Admiral Ludwig XVII. 
zum König von Frankreich ausruft. 



^ 



De. rigby 207 



mir hier aufgeklärter scheinen als bei uns. In Eng- 
land reden die Männer allein von Politik, und das 
tun sie in Kneipen, wo sie durch Trinken nicht be- 
lebt, sondern eher verworren werden; hier treffen 
einander die Einwohner ganzer Städte und Bezirke 
auf den öffentlichen Promenaden und Straßen und 
geben und empfangen gegenseitige Unterweisung. 
Aber ich muß abbrechen. Dieses Thema, das mir so 
besonders am Herzen liegt, würde mich zu weit führen, 
denn ich bin von vielen Wirkungen, die es hervor- 
ruft, Zeuge gewesen . . . 



Genf, 11. August 1789*). 

Meine lieben Teuren! Die allgemeinen Verhältnisse, 
die jüngst zu der Revolution in Frankreich geführt 
haben, und die Prinzipien, die das Volk antrieben, 
sie durchzusetzen, sind Euch wahrscheinlich einiger- 
maßen bekannt; aber viele »Ereignisse, die diesem 
außerordentlichen Wandel in der Regierung unmittel- 
bar vorhergingen, müssen Euch völlig unbekannt sein, 
und selbst die, über die Ihr in den englischen Blättern 



*) Zu diesem von Haus aus sehr langen Brief bemerkt die Her- 
ausgeberin: „Ich habe Stellen aus einem gedrängten Tagebuch, 
das er führte, jedesmal eingeschoben, wo ich meinte, daß dieses 
Tagebuch entweder der Erzählung frisches Interesse verleihe oder 
interessanter sei als der Brief selbst.** Da diese Einschiebsel 
nicht bezeichnet sind, da überdies das Tagebuch aus der Zeit der 
Erlebnisse selbst stammt, kommt der Brief hier seinem ganzen 
Umfang nach so zum Abdruck, wie er in der englischen Aus- 
gabe steht. 



208 DE. RIGBY 



Berichte gelesen haben könnt, sind, wie ich anzu- 
nehmen Grund habe, sehr unvollkommen berichtet 
worden. Um bis zu gewissem Grade diesem Mangel 
abzuhelfen und in Erfüllung eines Versprechens, das 
ich Euch in einem meiner früheren Briefe gegeben 
habe, will ich Euch eine rasche Skizze von dem geben, 
wovon ich in der nun schon denkwürdigen Periode 
zwischen dem 10. und 19. vorigen Monats teilweise 
Zeuge war und was ich teilweise durch Berichte in 
Paris erfahren habe. 

Anfang Juli kamen wir in Paris an. Schon eine 
Zeitlang vorher hatten sich in ganz Frankreich Sym- 
ptome der Erregung im öffentlichen Geist gezeigt; 
eine allgemeine Unzufriedenheit, die das Volk immer 
lauter und lauter zum Ausdruck brachte, war her- 
vorgetreten; eine Neigung auch, das Äußerste zu 
wagen, um die Last der Steuern und die Unterdrük- 
kungen der Regierung abzuschütteln, war von der 
großen Masse der Gesellschaft zu oft und unzwei- 
deutig bekundet worden, als daß sie der Hof von 
Frankreich mißverstehen konnte. Teilweise Aufruhr- 
.bewegungen in verschiedenen Provinzen waren be- 
reits die Folge dieser Verfassung des öffentlichen 
Geists gewesen; und da Paris der Brennpunkt ist, in 
dem die Strahlen, die von jedem Fleck dieses aus- 
gedehnten Landes ausgehen, sich treffen, imd Versailles 
die Residenz des Königs und der mehr unmittelbare 
Sitz der Regierung ist, so waren die beiden besonders 
der Schauplatz dieser Volksbewegungen. 

Eine der beträchtlichsten von ihnen fand vierzehn 



DR. RIGBY 



209 



Tage vor unsrer Ankunft in Versailles statt. Necker 
war von der verkehrten Politik des Hofes entlassen 
worden, welcher sich fälschlich und übelberaten in der 
größten Gefahr sah, wenn er einen Minister behielt, 
der in dem Rufe stand, ein Freund der Sache des 
Volks zu sein. Als dieses Ereignis in Paris bekannt 
wurde, zog eine große Volksschar nach Versailles und 
umringte den Palast mit der lauten Forderung, ihren 
Lieblingsminister wieder zu berufen. Der Graf von 
Artois*), der in dem Palast war, antwortete auf die 
Art, die seinem Begriffsvermögen am meisten ent- 
sprach; er befahl den Garden, auf das Volk zu feuern. 
Die Garden jedoch weigerten sich; das Volk drängte 
vorwärts, und Ludwig XVL trat mit der Königin 
und dem Dauphin ans Fenster oder auf den Balkon, 
wo er nicht nur versprach. Necker sollte wieder in 
sein Amt eingesetzt werden, sondern feierlich sein 
Königswort verpfändete, die Beratungen der National- 
versammlung sollten nicht gestört werden und er 
würde ohne Bewilligung dieser Körperschaft keine 
Steuern auferlegen. Das Volk war von dieser Er- 
klärung zufriedengestellt und kehrte nach Paris zu- 
rück; laut verkündete es die Güte des Königs und 
das wichtige Zugeständnis, das ihren Forderungen 
entsprach. Im nämlichen Licht wurde dieser Vorgang 
in den meisten Teilen Frankreichs angesehen. Er war 
der Grund zu allgemeiner Genugtuung und Freude 
und wurde an manchen Orten durch öffentliche Lust- 
barkeiten als großes politisches Ereignis gefeiert. Am 

*) Der jüngere Bruder des Königs, nachmaliger König Karl X. 
Landauer, Briefe aus der französ. Eevolution I 14 



210 DR. RIGBY 



Abend vor unsrer Ankunft in Calais'*') waren die Häuser 
dieser Stadt aus diesem Anlaß illuminiert, und der 
gute Herbergswirt gratulierte uns, daß wir Paris 
völlig frei von Aufruhr finden würden. • 

Aber unser guter Wirt, ebenso wie seine Brüder im 
Volk, setzten etwas zu großes Vertrauen in könig- 
liche Versprechungen. Sie hätten im Auge behalten 
sollen, daß die Umstände, unter denen sie gemacht 
wurden, nichts vom Charakter eines freiwilligen An- 
gebots an sich hatten. Necker allerdings wurde zurück- 
berufen, aber auf unserm Weg nach Paris wurde es 
uns klar genug, daß das Versprechen des Königs nicht 
voll eingelöst werden sollte, und wir fanden auch 
Personen, die freimütig genug waren zu gestehen, 
es sollte und wollte nicht gehalten werden. Denn in 
einer Unterhaltung mit einem englischen Priester der 
katholischen Kirche wiederholten wir die Glückwünsche 
über die Ruhe von Paris und die Zugeständnisse des 
Königs, wie sie uns in Calais mitgeteilt worden waren; 
seine Antwort war, er wisse nichts von den Verspre- 
chungen des Königs, aber er wisse, was die Absichten 
des Hofes wären; er wußte, daß viele Regimenter, 
mit Artillerie wohl versorgt, nach Paris eilten, und 
er zweifelte nicht daran, daß das Volk bald zur Ver- 
nunft gebracht und von der Lust geheilt wäre, sich 
in Dinge zu mischen, die es nichts angingen. In LiUe, 
Cambrai und Chantilly fuhren wir an mehreren Regi- 
mentern vorbei, die nach Paris marschierten, und bei 
unsrer Ankunft erfuhren wir, daß sie aus allen Him- 

* Am 3. Juli kamen sie an. 



Dr. RIGBY 211 



melsrichtungen seit mehreren Tagen hereingeströmt 
waren; daß militärische Vorbereitungen in und um 
Paris getroffen wurden, und daß ein sehr großes Lager 
im Herzen der Stadt gebildet wurde. Diese unzwei- 
deutigen Zeichen, daß der König die Absicht hatte, 
sein Wort nicht zu halten, brachten bereits nicht nur 
Erregung in Paris hervor, sondern veranlaßten eine 
kühne Adresse der Nationalversammlung an den König. 
Sie fragten, warum in Paris und Versailles Truppen 
zusammengezogen würden; sie fürchteten, die Frei- 
heit der Debatte in der Versammlung würde durch die 
Nähe einer bewaffneten Macht vernichtet, und sie 
gaben der Überzeugung Ausdruck, daß eine der Ur- 
sachen der Unzufriedenheit des Volks von Paris, 
hämlich die Brotknappheit, durch den Zuzug so vieler 
Tausender von Soldaten nach Paris nicht verringert 
würde. 

Auf diese Adresse wurde eine ausweichende und 
vorsichtige Antwort gegeben; der Grund, den der 
König für die Ansammlung der Truppen rings um 
Paris angab, war lediglich, Volksaufstände zu unter- 
drücken und den Frieden der Stadt zu bewahren. 

Bald nach unsrer Ankunft in Paris fanden wir 
heraus, daß das Palais Royal, ein großes Viereck, 
das der Herzog von Orleans in letzter Zeit gebaut 
hat, der Platz war, wo jede politische Nachricht und 
Auskunft zu bekommen war; denn hier versammelten 
sich alle Personen, die in dem großen politischen 
Drama eine Rolle spielten — hier wurden politische 
Fragen zuerst diskutiert — und volkstümliche Ent- 

14* 



212 DB. RIGBY 



Schlüsse gefaßt und Vorkehrungen getroffen; hier auch 
liefen die ersten Mitteilungen von der National- 
versammlung, die ihre Sitzungen in Versailles, zwölf 
Meilen von Paris, abhält, ein, und hier waren die im 
Druck erschienenen Verhandlungen der Versammlung 
zuerst zu haben. Schließlich kamen hier auch Zei- 
tungen von einer in der Monarchie bisher unbekannten 
Art ans Licht; hier wurden die mannigfachen Druck- 
schriften über die verschiedenen politischen Gegen- 
stände, die Tag um Tag von allen Seiten heraus- 
gegeben wurden, zuerst gelesen. Auf diesen Platz 
war unsre Aufmerksamkeit am meisten gerichtet, 
und um uns instand zu setzen, häufig Zeugen dieser 
Vorgänge zu sein, zogen wir in ein in der Nähe ge- 
legenes Hotel. Wir standen früh am Morgen auf und 
fanden das Palais Royal zu einer Stunde, wo selbst 
in London die Straßen leer gewesen wären, gesteckt 
voll. Die Franzosen haben überall die Gewohnheit, 
sehr früh aufzustehen. Wir fanden das in Calais und 
bemerkten es besonders in Lille. Aber ihr frühes 
Aufstehen in Paris hatte nun noch einen besonderen 
Grund. Die Verhandlungen der Nationalversammlung 
und die verschiedenen Vorgänge des vorhergehenden 
Tags und Abends wurden in der Nacht gedruckt und 
erschienen bei Tagesanbruch, und so verbreitete sich 
mit dem Herabfluten des Himmelslichts Kunde der 
interessantesten Art; und da das Palais Royal das 
Zentrum der Mitteilung war, wurde es infolgedessen 
beim ersten Tagesanbruch gesteckt voll. Es war 
besonders interessant, in diesem Augenblick den 



DR. RIGBY 213 



Eindruck auf die Menge zu beobachten, den Eifer 
der Menge zu sehen, sich diese Blätter zu verschaffen, 
und die verschiedenen Diskussionen zu hören, die 
sofort zwischen den verschiedenen Klassen statt- 
fanden, aus denen sich die Menge zusammensetzte 
und die in viele bunte Gruppen geteilt waren, von 
denen jede einen oder zwei Redner hatte. Die Adresse 
der Nationalversammlung an den König war gerade 
verlesen worden, als wir den Platz betraten, und 
ebenso die lebhafte Debatte über die Antwort des 
Königs. Mirabeau war in beiden Verhandlungen 
hervorgetreten, besonders in der letztern; der ganze 
Platz widerhallte von seinem Preis, und der wärmste 
Tribut des Beifalls wurde der Versammlung für ihre 
Festigkeit gespendet. Die Nationalversammlung be- 
schloß eine zweite Adresse, aber da der Hof in seinen 
militärischen Vorbereitungen weitere Fortschritte ge- 
macht hatte, wurde die Liebenswürdigkeit und Vor- 
sicht des Königs entsprechend geringer; auf die dritte 
Adresse, die in starken Ausdrücken männlicher 
Warnung gehalten war, antwortete er in der frechen 
Sprache königlicher Siegesgewißheit. Er war zu dem 
Glauben gebracht worden, es wäre eine Militärgewalt 
in Paris eingetroffen, die stark genug wäre, um dön 
Widerstand des Volks zu verhüten, und da er dachte, 
die Loyalität seiner Truppen könnte durch nichts 
erschüttert werden, ließ er sich dazu bringen, in der 
Versammlung zu sagen: „Die Armee ist mein, ich 
werde sie gebrauchen, wie ich will." Unter diesen 
Umständen war ein Konflikt unvermeidlich, und 



214 Dr. rigby 



Symptome dafür, daß er nahe bevorstand, ver- 
mehrten sich von Stunde zu Stunde. 

Früh am Samstag morgen (am 11. Juli) fuhren wir 
nach Versailles und gingen in die Versammlung — 
ein glorreicher Anblick! Jeder wurde ohne Schwierig- 
keit zugelassen. Wir kamen gerade recht, um zu 
hören, wie La Fayette den Antrag auf eine Erklärung 
der Rechte stellte, der wahrscheinlich als eines der 
hervorragendsten Ereignisse in dieser Revolution be- 
trachtet werden wird. Seine Rede war kurz, aber 
lebhaft und ausdrucksvoll. Lally von Tollendal unter- 
stützte den Antrag. Keiner von ihnen hielt lange 
Reden, aber sie wurden von dem größeren Teil der 
Versammlung und von der Menge der Zuhörer, die 
um sie herum waren, mit begeisterter Zustimmung be- 
grüßt. Ein Pfarrer in dem abgenutzten Gewand eines 
bescheidenen Geistlichen, aber mit einer ausdrucks- 
vollen und edlen Haltung, stand neben uns und schien 
Jagd auf jede patriotische Äußerung zu machen; wobei 
er seine Zustimmung in Bewegungen und Gebärden 
immer wiederholte. Einer von unsrer Gesellschaft 
hatte Briefe an Mirabeau, Target und einige andre 
von den volkstümlichen Charakteren in der Ver- 
sammlung, wir warteten ihnen am Nachmittag auf. 
Target war der einzige, der zu Hause war. Er unter- 
hielt sich sehr freimütig über den Zustand Frankreichs. 
Er sagte, die Krise käme schnell heran; der Hof 
wäre zum äußersten getrieben. Aber er wüßte, sie 
hätten beschlossen, die Kontrolle durch die Versamm- 
lung loszuwerden, einen entscheidenden Streich gegen 



DE. RIGBY 



215 



den wachsenden Widerstand des Volks zu führen 
und sich von der öffenthchen Schuld zu befreien*). 
„Wir," sagte er, „Mirabeau, La Fayette, ich und 
andre stehen alle auf der Proskriptionsliste ; aber wir 
sind des Volks sicher und nicht ohne begründete 
Hoffnung, daß die Armee sich für uns erklären wird. 
Wir wissen, welche Dummheit am Hof die Herrschaft 
führt, und daß es in der Verwaltung an Kraft fehlt. 
Wir haben also", so sagte dieses Mitglied der Ver- 
sammlung, „die Zuversicht, daß der Kampf für das 
Volk günstig ausgehen wird, und obwohl wir als 
Individuen mit Notwendigkeit mannigfaltigen Ge- 
fahren ausgesetzt sein müssen, hegen wir doch als 
Körperschaft eine Ruhe und eine Zuversicht, an die 
unsre Feinde nicht glauben wollen, eine unendlich 
größere jedenfalls, als sie selbst besitzen." 

Zu dieser Zeit unterbrach die Versammlung ihre 
Sitzungen am Sonntag, und unsre Beschäftigung an 
dem Teil des Tages, den wir in Versailles verbrachten, 
war nur wenig politisch. Am Nachmittag gingen wir 
in den Parks, Gärten und Wäldern, die zum Schloß 
gehören, spazieren — ein schönes Land, aber das 
Fundament schlecht gelegt. Auf diesem Spaziergang 
sahen wir viele Mitglieder der Versammlung, be- 
sonders solche vom dritten Stand in schwarzen Ta- 
laren, die sich offenbar in großem Ernst miteinander 
unterhielten. Es erinnerte uns an die athenischen 
Haine, in denen Philosophen wandelten. Auch konnten 
wir die Pracht des Schlosses und den König und die 



♦) Das heißt, in irgendeiner Form Bankerott zu machen. 



2l6 DE. RIGBY 



Königin, die, von einer so gemischten Menge begafft, 
ziur Messe gingen, nicht sehen, ohne an die besondere 
Lage des Landes zu denken; und auch, als wir das 
Gesicht Marie-Antoinettens betrachteten, mußten uns 
Symptome einer nicht gewöhnlichen Ängstlichkeit, 
die auf ihm zu lesen standen, auffallen. Man durfte 
in der Tat zugeben, daß die Würde der Haltung, die, 
nach verschiedenen Schilderungen, in einer früheren 
Periode ihres Lebens zu den Reizen natürlicher 
Schönheit, mit denen sie so verschwenderisch aus- 
gestattet ist, noch als besonders interessanter Zug 
hinzutrat, noch da war, aber sie hatte mehr den 
Charakter der Strenge angenommen. Die Stirne war 
gefurcht, die Augenbrauen traten stark heraus, und 
dabei waren die Augen nur wenig geöffnet und zeigten, 
wenn sie sich, wie es schien, behutsam nach beiden 
Seiten richteten, gewiß nicht Frohsinn oder Heiter- 
keit, sondern einen Ausdruck des Argwohns und der 
Unruhe, der die Schönheit, um derentwillen sie einst 
mit Recht gefeiert war, sehr beeinträchtigte*). 

Als ich in der Kirche meine Blicke auf sie richtete, 
wurde meine Aufmerksamkeit durch ein Flüstern 
neben mir abgelenkt. Es war einer der Gendarmen, 
der Dienst in der Kirche hatte und neben einem der 
Pfeiler Platz für mich machte; er fragte mich, ob ich 
heute von Paris käme und ob nicht ein Aufruhr 
erwartet würde. Ich sagte, ich glaubte nicht; er 



*) Lady Eastlake macht hier mit Recht darauf aufmerksam, 
daß die Königin erst vor vierzehn Tagen ihren ältesten Sohn ver- 
loren hatte. 



DB. RIGBY 



217 



erwiderte, es wäre sicher so weit, und seine Haltung 
und die Art seines Redens drückten keineswegs Miß- 
billigung aus. Nach der Kirche sollten wir die große 
Bildersammlung im Schloß besichtigen, aber die 
so erlangte Nachricht und die Tatsache, daß Soldaten 
eilends nach Paris marschierten, veranlaßten uns, 
früh dahin zurückzukehren. Es war ein Glück, daß 
wir sofort aufbrachen, denn vor Einbruch der Dunkel- 
heit war die Verbindung zwischen den beiden Städten 
abgebrochen, und auf unserm Wege kamen wir an 
zwei Regimentern Infanterie vorbei, die schwitzend 
im schnellen Tritt marschierten. Bei unsrer Ankunft 
fanden wir nur dieselbe Art Aufregung, die wir vorher 
miterlebt hatten. Wir waren in aller Ruhe bei Herrn 
Dallas zum Diner und gingen mit ihm ins Thefitre 
Frangais. Wir hatten kaum unsre Plätze eingenom- 
men, als einer der Darsteller mit ernstem Gesicht 
der Zuhörerschaft mitteilte, es würde keine Vorstellung 
stattfinden, und sie ersuchte, an der Kasse das Geld 
zurück zu empfangen. ,, Warum? warum?" rief es 
sofort von allen Seiten des Hauses, „Eine Deputation 
des Volks", erwiderte der Schauspieler, „ist jetzt 
eben hier gewesen und hat erklärt, es würden heute 
nacht in Paris keine Theatervorstellungen stattfinden." 
Wir verließen demnach sofort das Haus und erfuhren 
bald, daß Necker wiederum aus der Regierung ent- 
lassen worden sei, daß er heimlich am Tag vorher nach 
Genf abgefahren sei, und daß eine Regierung aus ver- 
wegeneren Personen gebildet worden sei, die ent- 
schlossen seien, alles slxiU Spiel zu setzen, um die un- 



2l8 DB. RIGBY 



beschränkte Gewalt des Hofes zu behaupten, und der 
intelligente Mann, der uns diese Nachrichten gab, fügte 
hinzu: „Wir wissen alle, was nun kommen soll; 
morgen soll der Bankerott erklärt werden, und für 
die Unterwerfung des Volkes soll die Bajonettspitze 
sorgen. Wir wissen, daB das der Plan des Hofes ist: 
wir sehen die militärischen Vorbereitungen innerhalb 
unsrer Mauern, und wir kennen auch die kaltblütigen 
Berechnungen, die hinsichtlich der Opfer an Leben 
angestellt worden sind, die die Ausführung dieses 
Plans nach sich ziehen kann, und ebenso hinsichtlich 
der Tausende von Familien, die durch die Zahlungs- 
unfähigkeit des Nationalschatzes zugrunde gerichtet 
werden. Aber", so fügte er energisch hinzu, ,, das Volk 
von Frankreich wird sich das nicht bieten lassen; 
Zwang wird jetzt nicht geduldet werden. Paris wird 
ihm ein Beispiel des Mutes geben, und ihr Engländer, 
die ihr im Rufe steht, die Freiheit zu lieben, werdet 
wahrschdnlich bald Zeuge des Kampfes sein." 

Um bei der ersten Gärung, die diese Lage hervor- 
rufen mußte, dabei zu sein, eilten wir in das Palais 
Royal. Wir waren in diesem Augenblick sehr weit 
von ihm entfernt, und auf unserm Weg gingen wir 
durch die Tuileriengärten, die von wohlgekleideten 
Menschen voll waren, die herumwandelten wie im 
St. James's Park in London. Diese Gärten sollten bald 
als die Stelle, wo der revolutionäre Ausbruch zuerst 
erfolgte, eine neue Berühmtheit erlangen. Jetzt war 
hier nichts von Unruhe zu merken, aber als wir nach 
dem Palais Royal kamen, fanden wir das Volk in 




DB. RIGBY 



219 



großer Erregung. Die Diskussion war mehr als ge- 
wöhnlich laut geworden, und die Unzufriedenheit 
über das Verhalten des Hofes wurde mehr und mehr 
lärmend. Argwohn und Beunruhigung steigerten 
einander wechselseitig, und es war deutlich zu merken, 
daß Eindrücke und Regungen so mächtiger Natur 
bald jene Leidenschaften hervorrufen würden, die, 
wenn sie auf große Mengen wirken, so schwer ein- 
zudämmen sind. Viele gerade von den Personen, die 
wir früher wiederholt zu Gruppen redend gesehen 
hatten, schienen diese Gefahr gut genug zu erkennen, 
und sie wandten die ganze Macht ihrer Beredsamkeit 
an, um die aufsteigende Wut zu besänftigen und jeden 
unbesonnenen Akt der Gewalt zu verhüten, der als 
Entschuldigung für das Eingreifen des Militärs hätte 
angesehen werden können. Geduld und Mäßigung 
wurden gerade für dje Rettung des Volks als not- 
wendig empfohlen. Für eine Weile wurde dieser 
ausgezeichnete Rat beachtet, und nach einer Art 
Diskussion wurde beschlossen, eine Deputation der 
Wahlmänner von Paris an die Nationalversammlung 
zu senden, um über den beunruhigenden Zustand der 
Stadt zu berichten und ihre Anweisungen hinsichtlich 
der zu ergreifenden Maßnahmen zu empfangen. Aber 
die Diskussion war bald zu Ende, denn kaum war der 
obige Entschluß gefaßt, als die ganze Masse von neuem 
aufgerührt wurde durch das Auftreten eines Mannes 
in einem grünen Rock, dessen Haltung und ganzes 
Benehmen von äußerster Bestürzung sprach. „Zu 
den Waffen, Bürger," rief er, „die Dragoner haben 



220 DB. RIGBY 



auf das Volk in den Tuileriengärten gefeuert, und ich 
bin selbst verwundet worden", wobei er auf sein Bein 
zeigte. Das wirkte wie ein elektrischer Schlag. Ver- 
gebens versuchten die Redner noch, den Ausbruch der 
Wut zu hemmen, vergebens bestürmte Camille 
Desmoulins, ich glaube, er war es, das Volk, ruhig 
zu bleiben. „Der Mann," so sagte er, „könnte aus- 
geschickt sein, um sie zu einem Akt der Unbesonnen- 
heit zu provozieren." Aber die Tatsache wurde bald 
unzweideutig durch weiteres Zeugnis bewiesen, denn 
andere Personen stürzten mit dem nämlichen Be- 
richt auf den Platz, und das Pferd eines Dra 
goners wurde herangeführt, dessen Reiter entweder 
getötet oder verwundet worden war. Von diesem 
Augenblick an konnte nichts die Wut des Volkes 
im Zaume halten; sie ergossen sich in die Straßen 
mit dem Ruf: Zu den Waffen! Zu den Waffen! 
Jedes Haus, das so aussah, als ob es irgendwelche 
liefern könnte, wurde sofort betreten, die Läden 
der Büchsenmacher wurden geplündert, und in 
sehr kurzer Zeit füllten sich die Hauptstraßen mit 
lärmenden Menschen aus dem niederen Volk, die 
mannigfach mit Flinten, Schwertern, Piken, Brat- 
spießen und jeglichem zu Angriff und Verteidigung 
geeigneten Werkzeug bewaffnet waren. Um halb 
neun Uhr eilten viele so bewaffnet und auch Fackeln 
tragend ins Palais Royal. Das Schauspiel wurde zu 
drohend, als daß es für Personen in unsrer Lage rat- 
sam gewesen wäre, auf den Straßen zu bleiben. Wir 
kehrten ins Hotel zurück und gingen zu Bett (in der 



DR. RIGBY 221 



Nacht des 12. Juli), standen aber bald wieder auf. 
Die Straßen waren voll von Mob und Soldaten, mit 
allgemeinen Symptomen des Alarms: Schreien — 
Schimpfen — Läuten großer Glocken — Fackel- 
glanz — und entfernter Feuerschein. Gegen Morgen 
(13. Juli) konnten wir, obwohl die Straßen noch im- 
mer von dieser bunt bewaffneten Menge voll waren, 
ohne Gefahr ausgehen, und wir erhielten bald auf 
Grund von verschiedenen ehrenwerten und überein- 
stimmenden Zeugnissen den folgenden Bericht über 
den vorigen Abend; einer unsrer Berichterstatter 
war Herr Jefferson, der amerikanische Minister- Resi- 
dent in Paris, dessen Haus sich in den Champs Elys^es 
befindet*). Gegen sieben Uhr abends drang Prinz 
Lambesc, der ein Regiment deutscher Dragoner be- 
fehligte, plötzlich in die Tuileriengärten ein. Der 
Befehlshaber war mit dem Hof verknüpft, die Sol- 
daten waren Landsleute der Königin, und es be- 
ruhte auf offenbarer Politik, ein solches Regiment 
in diesem Dienste zu verwenden. Es scheint aber, 
daß der Prinz, der sich in Paris nicht auskannte, 
gleich zu Anfang einen verhängnisvollen Fehlgriff tat: 
er irrte sich im Ort, in der Zeit und im Ziel des An- 
griffs. Das Palais Royal hätte der Platz sein sollen 
und die Scharen, die sich dort drängten, offenbar die 
Personen, und er hätte offenbar das Schwert erst 
ziehen sollen, wenn genügend Zeit gewesen wäre, 
daß der Bericht über den Regierungswechsel seine 
tiefste Wirkung auf den Geist der Pariser geübt hätte, 



*) Das war der große Jefferson. 



222 Da. RIGBY 



in welchem Fall er wahrscheinlich den unberechen- 
baren Vorteil gehabt hätte, daß er von Seiten des Volks 
angegriffen worden wäre. So hätte denn der Hof 
behaupten können, das Militär wäre lediglich zu seiner 
Verteidigung vorgegangen. Aber, wie ich vorhin 
sagte, er machte die Tuileriengärten zum Schauplatz 
seines Vorgehens und ihre Scharen froher Bürger 
zum Opfer seiner Attacke: Leute, denen es am wenig- 
sten von allen zuzutrauen war, daß sie sich den Kopf 
über Politik zerbrachen und die wahrscheinlich von 
dem plötzlichen Regierungswechsel nichts wußten. 
Gegen diese Scharen führte er seine Truppen, und mit 
nicht geringerer Torheit als Feigheit befahl er dem 
Volk sich zu zerstreuen und erzwang seinen Befehl 
mit einer plötzlichen Musketensalve. Die von Angst 
gejagte Menge floh in alle Richtungen, und die Mitte 
des Platzes war plötzlich von allen gesäubert mit Aus- 
nahme eines schwachen alten Mannes, dessen Gebrech- 
lichkeit ihm verwehrte, davonzurennen. Gegen dieses 
einzelne wehrlose Individuum erhob der feige Prinz 
seinen Arm und verwundete ihn entweder schwer 
oder tötete ihn mit einem einzigen Hieb seines Säbels. 
Diese abscheuliche Tat erregte die Wut der Menge, 
von der sich viele bis zu gewissem Grade der weiteren 
Verfolgung der Dragoner dadurch entzogen hatten, 
daß sie auf einen beträchtlichen Steinhaufen ge- 
klettert waren, der auf der einen Seite des Platzes für 
ein großes Gebäude aufgeschichtet war; sie erholten 
sich etwas von ihrem panischen Schreck, und da der 
Platz sie zum mindesten mit einer Sorte Waffen ver- 




DB. RIGBY 223 



sah, schleuderten sie die Steine auf die Soldaten, 
brachten so einige von den Pferden herunter und ver- 
wundeten andere. Das ganze Regiment zog sich mit 
dem Prinzen beim ersten Versuch ,des Widerstands 
von Seiten des Volks zurück; die Folge wahrscheinlich 
entweder eines Mangels von Festigkeit auf Seiten 
ihres Führers oder noch wahrscheinlicher eines Wider- 
strebens von Seiten der Truppen, einen so gehässigen 
Dienst zu tun. Die Tuilerien hörten von da an auf, 
der Schauplatz der Handlung zu sein, und die Truppen 
zerstreuten sich für mehrere Stunden untätig in ver- 
schiedenen Teilen der Stadt und verbargen sich in 
der Dunkelheit der Nacht; aber die aufgepeitscht^ 
Leidenschaft der entrüsteten Einwohner und noch 
mehr die Wut des nun entflammten Pöbels, der Waffen 
in die Hand bekommen hatte, sah nicht nach Ruhe 
aus. Für diese Stimmung erregte alles, was sie an 
den Hof erinnerte, frischen Zorn, und die verschiedenen 
Embleme des Königtum«, die in vielen Teilen von 
Paris als Schmuck angebracht waren, wurden das 
Ziel der gröbsten Beschimpfungen. Die Barrieren 
der Stadt waren zugleich Zollhäuser für die Ein- 
nahme schwerer Abgaben und Torwachen, die dem 
Aus- und Eingang in Paris lästige oder wenigstens 
ärgerliche Schranken auferlegten; sie waren auch 
Häuser des Königs, und als solche wurden sie von dem 
Pöbel angegriffen und niedergebrannt; das war das 
Feuer, dessen Schein wir in der Nacht gesehen hatten. 
Es wurde berichtet, der Prinz von Lambesc hätte 
versucht, diese Gebäude zu retten und wäre noch 



224 ^^- RIGBY 



einmal gegen das Volk aufgetreten; aber wieder mußte 
er sich zurückziehen, entweder weil seine Truppen 
von diesem Dienst auch nichts wissen wollten, oder 
weil andre Soldaten, wie fest behauptet wurde, sich 
mit dem Volk vereinigt hatten. Der Prinz entkam, 
aber seine Kutsche fiel dem Volk in die Hand, 
und wir sahen, wie sie im Triumph vorbeigefahren 
wurde. Ungefähr um elf Uhr am Montag (13. Juli) 
gingen wir zum Postamt und fanden alles in Ver- 
wirrung; einer der Angestellten war in einem wilden 
Aufruhr der Verzweiflung und schrie und biß sich 
in die Hände. Wir suchten auch Sir John Lambert, 
unsern Bankier, auf, konnten aber kein Geld bekom- 
men, da die Caisse cCEscompte es ablehnte, irgend- 
welche Geschäfte vorzunehmen. Der Pöbel zog immer 
noch in großen Trupps durch die Straßen. Wir stießen 
auf einen, der mindestens viertausend Personen um- 
faßte und auf dem Weg nach dem Palais Royal war; 
sie nötigten uns, unsre Hüte abzunehmen. Alle Ge- 
fängnisse mit Ausnahme der Bastille wurden an diesem 
Tag geöffnet, und wir sahen, wie ein Gefangener, 
ein irischer Edelmann, Lord Massareene, durch die 
Straßen geleitet wurde. Es heißt, er sei dreiund- 
zwanzig Jahre lang gefangen gesessen; er trug einen 
weiten Kittel wie ein Koch und hatte eine Eisen- 
stange auf seinen Schultern*). 



*) Lord Massareene soll wegen Schuldenmachens bei Gelegen- 
heit einer verunglückten Spekulation, bei der er mehr der Be- 
trogene als der Betrüger gewesen wäre, in Gefangenschaft ge- 
wesen sein. Sicher ist, daß er am 13. aus dem Chfttelet be- 




DB. RIGBY 225 



Paris war vielleicht nie zuvor in solch einer wahr- 
haften Gefahr wie an diesem Tag, mit solchen Scharen 
gereizter Pöbelhaufen in seinen Mauern, solch einer 
furchtbaren Armee draußen, und in Versailles ein 
erbitterter und enttäuschter Hof, der bereit war, 
in dem Augenblick loszuschlagen, wo sich eine Ge- 
legenheit bot, den Angriff zu erneuern. Symptome 
allgemeiner Furcht zeigten sich, mit all den Umstän- 
den, wie sie in einer volkreichen und in seiner Be- 
völkerung so mannigfach gemischten Stadt zu er- 
warten sind. Scharen von Fremden und selbst von 
den Einwohnern verließen eilends Paris; und wir 
hätten dasselbe getan, aber da wir auf dem Postamt 
nicht früh genug Pferde bestellten, wurde uns mit- 
geteilt, jetzt eben sei von den Gemeindebehörden 
ein Befehl eingetroffen, der es jedem verbot, die 
Stadt zu verlassen. Das ganze Geschäftsleben kam 
sofort zum Stillstand, und alle Läden schlössen. 
Diese und ähnliche Umstände deuteten genügend 
auf den Grad der Beunruhigung hin, die durch alle 
Klassen der Bevölkerung ging. Es gab indessen andre 
Umstände, die, obwohl ebenfalls die Wirkung der 
allgemeinen Befürchtung, gesunden Verstand und 
Fassung verrieten. Die Gemeindebehörden versam- 
melten sich im Hotel de Vüle (Rathaus), und die Be- 
wohner der verschiedenen Bezirke wurden in die 
Kirchen zusammenberufen, um über die geeigneten 



freit wurde, daß er bald nach England fuhr und daß er dort am 
19. August „Madame Borcier, die Dame, die ihn nach England 
begleitete", geheiratet hat. 

Landauer, Briefe aus der fransös. Eevolution I 15 



226 1>Ä. RIGBY 



Maßregeln zu beraten, die unter Umständen einer 
80 besonderen Gefahr und Dringlichkeit zu ergreifen 
wären. Es wurde beschlossen, daß eine gewisse Zahl 
der achtbaren Einwohner gemustert werden und 
sofort Waffen ergreifen sollte; daß die Behörden 
permanent im Rathaus tagen sollten und daß eben- 
falls permanente Ausschüsse in jedem Bezirk von 
Paris gebildet werden sollten, um den Behörden Nach- 
richten zukommen zu lassen und Anweisungen von 
ihnen zu erhalten. Dieser wichtige und sehr not- 
wendige Beschluß wurde mit wundervoller Schnellig- 
keit und beispielloser Umsicht durchgeführt. Es war 
notwendig, nicht nur eine Auslese von Personen zu 
treffen, auf die man sich verlassen konnte, sondern 
auch diejenigen zu entwaffnen, von denen wenig 
Schutz zu erwarten war und die unordentlich und 
schädlich werden konnten; und die Durchführung 
dieser Maßregel erforderte erhebliche Geschicklich- 
keit. Am frühen Nachmittag (13. Juli) fingen wir 
an, unter den buntgewürfelten Gruppen des Mob, 
der mit solchen Symptomen d6r Gereiztheit durch 
die Straßen zog, wie sie bald hätten zu Ausschrei- 
tungen führen müssen, hie und da einen Mann von 
anständigem Äußern zu bemerken, der eine Muskete 
trug und eine achtunggebietende militärische Haltung 
hatte. Ihre Anzahl wuchs mehr und mehr, und es 
war offenbar ihre Absicht, die unregelmäßigen Banden 
zugleich zu beschwichtigen und zu entwaffnen; und 
dies schien vor dem Abend in der Hauptsache durch- 
geführt, zu welcher Zeit die regelrecht bewaffneten 



\ 



DB. RIGBY 



227 



Bürger fast ausschließlich die Straßen beherrschteD 
und in verschiedene Abteilungen geteilt waren, von 
denen einige auf verschiedenen Punkten Posten stan- 
den, andre patrouillierten und alle Führern, unter 
standen. 

Um diese Zeit fingen einige von ihnen an, als Ab- 
zeichen eine Kokarde zu tragen, deren Farbe jedoch 
grün war. Ich hätte auch noch bemerken sollen, daß 
große Scharen der Bürger, ehe sie sich bewaffneten, 
sich bald, nachdem sie ihre Namen im Rathaus 
eingezeichnet hatten, im Palais Royal aufstellten; 
und zwar bestanden diese Trupps in mehreren Fällen 
aus Personen zusammengehöriger Berufe, die so 
etwas wie Kompagnien bildeten. Nicht die geringste 
an Zahl, noch geringste an Würde und Männlichkeit 
war die Kompagnie der Maitres Perruquiers*), deren 
es tausend sein sollten, von denen jeder vier oder fünf 
gargons*) hatte. Viele unter ihnen waren bemerkens- 
wert famose Gestalten. Als diese Körperschaften 
durch die Straßen zogen, flößten sie mit Notwendig- 
keit Vertrauen ein und wurden mit Beifall begrüßt. 
Als die BaMerkomfagnie, wenn ich mich so aus- 
drücken darf, vorbeizog, wurde sie besonders lebhaft 
begrüßt, und ich, von demselben Geist angesteckt, der 
die Zuschauer beseelte, rief aus: Corps galantl**) 
Kaum hatte ich diese Worte ausgesprochen, als ein 
blaßwangiger Gentleman mit langen goldenen Ohr- 
gehängen erst das Korps und dann mich mit nicht 

*) Die Perückenmachermeister mit ihren Gesellen. 
•♦) Etwa: Eine adlige Truppe! 

15* 



228 DB. RIGBY 



geringer Verachtung musterte und auf mein corps 
galant zur Antwort gab: Verminel*) Einige aus der 
Menge hörten ihn und hätten diesen Anwurf wahr- 
scheinlich nicht in der artigsten Weise geahndet, wenn 
der Gentleman nicht flink gewesen wäre. Er erkannte 
seine Gefahr und schlüpfte eilends in eine der Passagen, 
die zum Palais Royal führen, und verlor sich in der 
Menget Als die Nacht herannahte, waren sehr wenige 
von den Personen, die sich am Abend vorher bewaffnet 
hatten, zu sehen. Einige jedoch hatten sich geweigert, 
ihre Waffen abzugeben, und zeigten im Lauf der Nacht, 
wie gerechtfertigt der Verdacht der Einwohner gegen 
sie war, denn sie fingen an zu plündern; aber es war 
zu spät, um es ungestraft zu tun. Sie wurden bald 
entdeckt und ergriffen, und am folgenden Morgen 
sagte man uns, mehrere dieser unglücklichen Wichte, 
die auf der Tat ergriffen worden waren, seien exeku- 
tiert worden. 

Diese Entwaffnung des Pöbels und Einrichtung 
einer wohlbewaffneten militärischen Körperschaft von 
Bürgern darf als einer der wichtigsten Schritte be- 
trachtet werden, die von den Parisern in dieser Periode 
der Revolution hätten eingeschlagen werden können, 
und die außerordentliche Geschicklichkeit und un- 
erschütterliche Ruhe, die sie dabei an den Tag legten, 
wird wahrscheinlich immer mit Bewunderung er- 
wähnt werden. 

Der folgende Morgen (14. Juli) zeigte deutlich genug 
die guten Wirkungen dieses Verfahrens. Mit Hilfe 

*) Geschmeiß. 



DB. RIGBY 229 



von Öffentlichen Ausrufern und durch gedruckte 
Zettel (placards)^ die in verschiedenen Teilen der 
Stadt angeschlagen wurden, unterrichteten die Be- 
hörden die Einwohner von den wichtigen Maßnahmen, 
die getroffen worden waren; es wurde mitgeteilt, 
daß ein sehr reichlicher Vorrat von Lebensmitteln 
in der Stadt sei; daß die große Kornhalle (Halle de 

• 

bUs) mit Mehl und Weizen wohlversorgt sei, daß eine 
genügende Menge Waffen und Munition beschafft 
sei; und daß die Zahl der Personen, die zu den Waffen 
gegriffen hätten, für die Verteidigung der Stadt völlig 
genüge. Es wurde daher empfohlen, die Bürger sollten 
ihren gewohnten Beschäftigungen nachgehen, und 
die Läden sollten geöffnet werden; das Landvolk 
und die Gärtner unmittelbar vor der Stadt wurden 
ermutigt, ohne Furcht oder Belästigung ihre Er- 
zeugnisse in die Stadt zu bringen. In den Straßen 
war nicht länger ein roher und drohender Pöbel zu 
sehen; er hatte den Bürgersoldaten Platz gemacht, 
die mit jeder Stunde besser organisiert und gerüstet 
waren, nicht nur zur Verteidigung der Stadt, sondern 
sogar auch an ein Unternehmen von nicht geringer 
Größe zu gehn. Wir hatten beabsichtigt, Paris an 
diesem Tag um 10 Uhr zu verlassen, erfuhren aber 
auf der königlichen Post, daß es niemandem erlaubt 
sei, die Stadt zu verlassen, bis die Unruhen sich ge- 
legt hätten; und ein Zettel mit folgendem Inhalt, 
sehr schön geschrieben, wurde uns ausgehändigt: 
„Es ist nicht erlaubt, die Stadt zu verlassen, weder 
mit Postpferden, noch mit andern." Wir wandten 



230 



DR. RIGBY 



uns auch an die Postdirektoren und an den Präsi- 
denten und die Beamten im Rathaus um Reiseerlaub- 
nis, wurden aber abgewiesen. Im Verlauf des Vor- 
mittags waren wir abermals im Palais Royal gewesen, 
das immer noch voll von den populärsten Personen 
war, die einen aktiven Anteil an der Revolution 
nahmen. Ein kanadischer Franzose, den wir in der 
Menge trafen und der gut englisch sprach, war der 
erste, der uns zu verstehen gab, es wäre der Beschluß 
gefaßt worden, eine Attacke auf die Bastille zu machen. 
Wir lächelten über den Mann und wiesen darauf hin, 
wie unwahrscheinlich es wäre, daß undisziplinierte 
Bürger eine Zitadelle einnehmen könnten, die sich 
gegen die geübtesten Truppen Europas gehalten hätte; 
so wenig dachten wir daran, sie könnte schon vor 
Einbruch der Nacht tatsächlich in den Händen des 
Volks sein. Vom Anfang des Kampfes am Sonntag 
abend an war kaum eine Zeit vergangen, wo man nicht 
in allen Stadtteilen schießen gehört hätte, und da 
dies hauptsächlich daher kam, daß die Bürger im 
Gebrauch der Muskete, im Einschießen der Kanonen 
usw. geübt wurden, erregte es, vom erstenmal ab- 
gesehen, nur wenig Beunruhigung. Ein andrer Klang, 
der ebenfalls nicht aufhörte, kam von dem Läuten 
der Glocken, die die Einwohner in den verschiedenen 
Stadtteilen zusammenriefen. Da diese Klänge in 
ihrer Zusammenwirkung sich beständig wiederholten, 
wurde der dazu kommende Lärm, den der Sturm auf 
die Bastille hervorrief, so wenig bemerkt, daß ich 
nicht bezweifle, er hatte schon beträchtliche Zeit 



i 



De. RIGBY 231 



gedauert und war sogar vollendet, ehe er vielen Tau- 
senden der Einwohner ebenso wie auch uns bekannt 
wurde. So wenig in der Tat erwarteten wir ein solches 
Ereignis, und so groß war die augenscheinliche Sicher- 
heit auf den Straßen, daß ich am frühen Nachmittag 
mich dazu bringen ließ, mit einem Teil. meiner Ge- 
fährten die berühmten Gärten des Herzogs von 
Orleans, Monceaux genannt, zu besuchen, und dieser 
Umstand führte uns in einen Teil der Stadt, der von 
der Bastille sehr weit entfernt ist. Auf unserm Weg 
dahin begegneten wir tatsächlich einem Regiment 
Soldaten, das sich der Sache des Volks angeschlossen 
hatte, in einem Zustand großer Aufregung, der 
durch den törichten Bericht hervorgerufen war, es 
wäre der Versuch gemacht worden, das ganze Regiment 
durch Vergiftung ihres Brotes umzubringen. Bei unsrer 
Rückkehr zwei Stunden später (gegen fünf Uhr) 
fanden wir dasselbe Regiment wieder in großer Be- 
wegung — die Trommeln schlugen Alarm, die Mann- 
schaft trat zusammen und setzte sich eilig in Marsch. 
Als wir einige von den Soldaten und ebenso aus der 
sie umgebenden Volksmenge befragten, erfuhren wir, 
es wäre ein Angriff auf die Bastille gemacht worden, 
und sie wären im Begriff, den wackeren Bürgern bei- 
zustehen. Wir fühlten den Wunsch, uns dem Schau- 
platz der Handlung so weit zu nähern, als sich mit 
unsrer persönlichen Sicherheit vertrug. Es war nur 
ein kleiner Umweg, am Hotel vorbeizugehen, und wir 
taten es, weil einer aus unsrer Gesellschaft dort ge- 
blieben war. Wir hatten ihn eben gefunden und waren 



232 DB. RIGBY 



im Begriff zu gehen, als ein ungewohntes Geräusch 
in der Rue St. Honore und eine Bewegung rings um 
uns herum etwas Neues ankündigte. Unser Bedienter, 
der auf der Straße gewesen war, kam sehr schnell und 
eifrig zu uns und rief uns zu, wir sollten herunter- 
kommen. Wir folgten ihm auf die Straße, und mit 
großen Menschenhaufen allerhand Volks, die durch 
dieselben Umstände aufgescheucht worden ¥raren, 
rannten wir bis zum Ende der Rue St. Honor^. Hier 
gewahrten wir bald eine ungeheure Menschenmenge, 
die sich dem Palais Royal zu bewegte. Wir hörten 
Rufe außerordentlicher Art, die aber deutlich genug 
ein freudiges Ereignis verkündeten, und als der Zug 
näher kam, sahen wir eine Fahne, einige große 
Schlüssel und ein Stück Papier, das auf einem Stock 
über die Menge gehoben war imd auf dem zu lesen 
stand: Die Bastille ist genommen^ und die Tore sind 
offen. 

Die auf solche Weise verbreitete Kunde von diesem 
außerordentlichen Ereignis brachte einen in der Tat 
unbeschreiblichen Eindruck auf die Menge hervor. 
Auf einen Schlag brach der tollste Jubel los; jede 
erdenkliche Art, in der sich die entzücktesten Froh- 
gefühle äußern können, waren allenthalben zu sehen 
und zu hören. Rufe und Schreie, Springen und Um- 
armen, Lachen und Weinen, jeder Ton und jede Geste, 
nicht ausgeschlossen Äußerungen, die nervösen und 
hysterischen Zuständen nahe kamen, offenbarten in 
der bunt durcheinander gemischten Menge ein so 
augenblickliches und einstimmiges Aufwallen äußerster 



DB. RIGBY 233 



Freude, wie es, sollte ich meinen, nie zuvor von Men- 
schenkindern erlebt worden ist. Wir wurden als Eng- 
länder erkannt; wir wurden umarmt als freie Männer, 
„denn die Franzosen", sagten sie, „sind jetzt ebenso 
gut frei als ihr; künftig sind wir keine Feinde mehr, 
wir sind Brüder, und nie mehr soll ein Krieg uns 
trennen". Wir wurden von der allgemeinen Be- 
geisterung angesteckt, wir stimmten in die frohen 
Freiheitsrufe ein; wir tauschten mit den befreiten 
Franzosen sehr herzliche Händedrücke aus. Ich für 
mein Teil werde mich immer mit Stolz an die Gefühle 
erinnern, die damals in mir aufstiegen; nie war eine 
Szene mir intensiver nahe gegangen, nie waren meine 
Gefühle so wahrhaft die des Entzückens. Die Menge 
zog weiter nach dem Palais Royal, und nach ein paar 
Minuten folgte eine zweite Schar. Ihr Herannahen 
wurde ebenfalls durch laute und triumphierende Zu- 
rufe angekündigt, aber als sie näher kam, gewahrten 
wir bald einen von der ersten verschiedenen Charakter, 
und obwohl sie die Tatsache, die die erste Schar ver- 
kündet hatte, bestätigte, war doch der Eindruck, 
den sie auf das Volk machte, ein ganz anderer. Ein 
tiefes, dumpfes Murmeln lief mit einem Mal durch 
die Reihen, ihre Haltung drückte Staunen in Ver- 
bindung mit Schrecken aus. Wir hatten dafür zu- 
nächst keine Erklärung; aber als wir uns näher an 
den Mittelpunkt der Menge herandrängten, nahmen 
wir plötzlich an der allgemeinen Empfindung teil 
denn jetzt und erst jetzt gewahrten wir zwei blutige 
Häupter, die auf Piken getragen wurden! Man sagte, 



234 ^*- RIGBY 



es wären die Köpfe des Marquis von Launay, des 
Gouverneurs der Bastille, und des Herrn Flesselles, 
des Vorstehers der Kaufmannschaft. Es war ein 
schauerlicher, gräßlicher Anblick! Die Vorstellung 
der Wildheit und Roheit drängte sich den Zuschauern 
auf, und sofort kamen die Regungen der Freude, die 
bis dahin vorgeherrscht hatten, ins Stocken. Viele 
andre zogen sich gleich uns, von diesem Bild ange- 
widert und empört, sofort von den Straßen zurück. 
Wir kehrten ins Hotel zurück. Der Eindruck, den 
wir eben erhalten hatten, und der kritische Zustand 
von Paris waren nicht geeignet, uns angenehme Ge- 
danken einzuflößen. Die Nacht war nahe; die Menge 
draußen wogte erregt fort. Gerüchte von einem für 
diese Nacht geplanten Angriff auf die Stadt durch 
eine furchtbare Armee unter dem Befehl des Grafen 
von Artois und des Marschalls Broglie waren im Um- 
lauf und erlangten solchen Glauben, daß die Ein- 
wohner dazu übergingen, Maßnahmen zu treffen, 
um ihnen Widerstand zu leisten. Bäume wurden ge- 
fällt und an den hauptsächlichsten Zugängen zur Stadt 
quer über den Weg gelegt; das Straßenpflaster wurde 
aufgerissen, und die Steine trug man auf die Dächer 
der Häuser, die an den Straßen lagen, durch welche 
die Truppen kommen konnten (denn das Schicksal 
des Pyrrhus war den Franzosen nicht unbekannt) ; und 
die Fenster in den meisten Stadtteilen waren erleuchtet. 
Die Nacht verging mit mannigfachen Zeichen des 
Alarms: Kanonen donnerten immerzu; die Sturm- 
glocke läutete unaufhörlich; Gruppen erregter Bürger 



^ 



DB. RIGBY 235 



kamen eilends vorbei, und Abteilungen der Bürger- 
wehr (denn das war die bereits aufgekommene Be- 
zeichnung für die Männer, die am Tag zuvor zu den 
Waffen gegriffen hatten) zogen durch die Straßen. 
Wir hatten schon zwei unruhige Nächte hinter uns, 
aber in dieser Nacht litten wir unter mehr als bloßer 
Schlaflosigkeit. Ich muß gestehen, die Lebensgeister 
wollten mir erschlaffen. Ich empfand, daß unsre 
Lage anfing, sehr ernst zu werden. Ich konnte nicht 
umhin, an die Gefahr und das Unheil zu denken, 
das Fremde in unsrer Lage treffen konnte, wenn der 
Kampf zwischen dem Hof und dem Volk noch mehr 
zum äußersten getrieben wurde. Ich betrachtete 
mich als in einer belagerten Stadt befindlich, und 
meine Phantasie stellte mir geschäftig die Schreck- 
nisse einer solchen Lage vor Augen. Ich dachte an 
England und an all meine Lieben dort, und eine Zeit- 
lang war mir wirklich elend zumute. Aber die Nacht 
verging ohne Anzeichen von Alarm; die Befürch- 
tungen, die sich am Abend erhoben hatten, waren 
nicht eingetroffeif, und allmählich ließ unsre Angst 
nach. 

Ich habe euch oft gesagt, wenn ich genötigt war, 
in Erfüllung meiner Berufspflicht Nächte der Angst 
und der Strapazen durchzumachen, wo es schwer zu 
entscheiden ist, ob der Körper oder der Geist mehr 
leidet, daß der Anbruch des Tages mich immer erfrischt 
hat. Das Licht wirkt, ich bin überzeugt davon, 
unter solchen Umständen als ein Reiz, der in den 
Menschen, ,wie in den Pflanzen, frische Energie er- 



236 DR. RIGBY 



weckt. Ich erfuhr bei der Gelegenheit diese herz- 
stärkende Wirkung des Tagesanbruchs in einem 
wirklich seltenen Grade. Mein Geist war höchlich 
erfrischt, und ich bekam bald Lust, auf die Straßen 
hinabzugehen. Ich tat es (15. Juli) und ließ mich 
vom Geräusch einer herannahenden Menge zum 
Ende der Rue St. Honore führen, und dort wurde ich 
Z^uge eines sehr ergreifenden Schauspiels. Kaum 
war der Eingang zur Bastille erzwungen und der 
Widerstand gebrochen gewesen, als ein eifriges Suchen 
jeden unglücklichen Gefangenen, der in ihren Mauern 
eingeschlossen war, herausgefunden und befreit hatte. 
Zwei elende Opfer der abscheulichen Tyrannei der 
alten Regierung waren jetzt eben entdeckt und aus 
einem der dunkelsten Kerker dieser gräßlichen Burg 
herausgeholt worden; und nun wurden sie von der 
Menge nach dem Palais Royal geführt. Einer von 
ihnen war ein schwächliches altes Männchen, seine 
Geschichte konnte ich nicht erfahren; er sah kindisch 
und schwachsinnig aus; er stolperte im Gehen, und 
sein Gesichtsausdruck wies, kaum etwas anderes auf 
als das Lächeln eines Idioten. Seine Geisteskräfte 
waren seiner elenden Lage zum Opfer gefallen, und 
gewiß kann es keine schrecklichere Wirkung der Ge- 
fangenschaft geben als den Verlust des Verstandes. 
Der andre war ein großer und recht kräftiger alter 
Mann; seine Haltung und ganze Gestalt interessierten 
im höchsten Maße; er ging aufrecht, mit festem und 
sicherem Schritt; seine Hände waren gefaltet und nach 
oben gehoben; er sah kaum auf die Menge; in seinem 



DB. RIGBY 237 



Gesicht stand Überraschung und Unruhe geschrieben, 
denn er wußte nicht, wohin sie ihn führten, er wußte 
nicht, welches Schicksal ihn erwartete; sein Antlitz 
war gen Himmel gerichtet, aber seine Augen waren 
nur halb geöffnet. War er wirklich, wie mir dann 
gesagt wurde, zweiundvierzig Jahre in einer dieser 
Zellen eingeschlossen gewesen, wohin das Licht des 
Himmels nicht dringen kann, so ist es leicht erklärlich, 
warum seine Augen sich nicht recht öffnen wollten. 
Er hatte eine bemerkenswert hohe Stirne, die ebenso 
wie sein Scheitel völlig kahl war; aber er hatte einen 
sehr langen Bart, und auf seinem Hinterkopf war das 
Haar ungewöhnlich üppig und zeigte eine Besonder- 
heit, die einem bei der Spezies Mensch nicht unbe- 
kannten Übel ähnlich sah, das Plica polonica*) 
genannt wird. Es war hinten zu einer unglaublichen 
Länge gewachsen, und da es, wie gesagt wurde, wäh- 
rend der langen Dauer seiner Gefangenschaft nicht 
gekämmt worden war, war es ineinander verfilzt und 
hatte sich in zwei lange Schwänze geteilt, die größte 
Ähnlichkeit mit einem Affenschwanz hatten. Diese 
Schwänze hätten, glaube ich, beinahe bis zum Boden 
gereicht, aber er hatte sie im Gehen über einen Arm 
gelegt. Er trug einen alten schmierigen rötlichen 
langen Rock; Farbe und Schnitt des Gewandes 
zeigten wahrscheinlich an, was für einen Beruf oder 
Rang er einmal gehabt hatte ; denn wir erfuhren später, 
er wäre ein Graf d'Auche und wäre Kavalleriemajor 



*] Weichselzopf. 



238 DA. RIGBY 



gewesen: ein junger, nicht unbegabter Mann, und das 
Vergehen, um dessentwillen er diese lange Ein- 
kerkerung erduldet hatte, war ein Pamphlet gewesen, 
das er gegen die Jesuiten geschrieben hatte. Und 
obwohl die Regierung einige Zeit nachher sich seiner 
Gesinnung ganz anschloß und die Jesuiten aus Frank- 
reich vertrieb, mußte er doch im Gefängnis bleiben, 
entweder weil er vergessen war, weil er damals keinen 
Freund am Hofe hatte, der das Gesuch um seine Frei- 
lassung stellte, oder weil man es für unpolitisch hielt, 
zu verzeihen, besonders wo der Hof einen Irrtum be- 
gangen hatte; auf Grund des Prinzips, um das unter 
den alten Systemen so viel gestritten wurde, daß 
Regierungen nie ihre Irrtümer anerkennen oder ihre 
Schwäche bloßstellen sollten. Jeder einzelne, der 
Zeuge dieses Auftritts war, war wahrscheinlich, wie 
ich, von einer Empfindung erfüllt, die dem Grauen 
und Abscheu vor einer Regierung gleichkam, die so 
verstockt wie ungerecht Menschenwesen solchen 
Qualen aussetzen konnte, und vom Mitleid mit den 
armen Menschen, die wir vor uns sahen. Das letztere 
Gefühl wuchs, als sich meine Aufmerksamkeit mehr 
auf sie richtete; mein Geist war schließlich durch die 
Ereignisse der Nacht weicher, wenn nicht schwächer 
geworden, und ich war weniger als sonst imstande, 
mich jener Wirkung des Mitleids zu erwehren, 
die manchmal zu leidenschaftlichem Schmerz führt. 
Vielleicht müßte ich mich schämen, es manchen 
Menschen zu gestehen; aber ihr werdet darum nicht 
schlechter von mir denken; ich war nicht länger im- 



^' 



DB. RIGBY 



239 



Stande, den Anblick zu ertragen; ich wandte mich 
von der Menge ab, ich brach in Tränen aus. 

Als ich ins Hotel zurückgekehrt war, erzählte ich, 
was jetzt eben vorgefallen war; meine Gefährten 
gingen auf die Straße, sie folgten der Menge ins Palais 
Royal und bekamen, glaube ich, alle die befreiten 
Gefangenen zu sehen. Es war nun Mittwoch (15. Juli), 
und wir erfuhren bald, daß in der Nacht aus ver- 
schiedenen Stadtteilen die Nachricht eingelaufen war, 
daß der König entweder, weil ihn seine Höflinge im 
Stiche gelassen hatten, oder weil er sich überzeugt 
hatte, daß es unter diesen Umständen so das klügste 
war, den Kampf aufgegeben und den Befehl gegeben 
hatte, die Truppen, die um Paris herum lagen, zurück- 
zuziehen. Zu früher Morgenstunde wurde diese Nach- 
richt durch die Ankunft einiger Mitglieder der National- 
versammlung bestätigt, die berichteten, der König 
wäre spät am Abend, nicht lange, nachdcQi die Kunde 
vom Fall der Bastille im Schloß eingetroffen war, 
mit fast keinem Gefolge zu Fuß durch die Straßen 
von Versailles gegangen und hätte sich in die 
Versammlung begeben; er hätte sich unter ihren 
Schutz gestellt, sie um ihren Rat gebeten und ver- 
sprochen, sich unbedingt nach ihren Entscheidungen 
zu richten. 

Die Behörden sorgten auf die schnellste und ge- 
eignetste Weise für die Verbreitung dieser wichtigen 
und sehr willkommenen Nachricht in der ganzen Stadt, 
öffentliche Ausrufer verkündeten sie, und große Pla- 
kate wurden an den auffälligsten Orten angeschlagen. 



240 



DL RIGBT 



Die letztern fügten noch hinzu. Fremde hätten jetzt 
die Erlaubnis, Paris zu verlassen, unter der Bedingung, 
daB sie sich vorher bei der Gemeindebehörde im Rat- 
haus Pässe ausstellen ließen und weder Waffen noch 
Lebensmittel mitnähmen. Wir hegten den Wunsch, 
von dieser Erlaubnis Gebrauch zu machen, und 
nachdem wir mit unserem verständigen Führer, 
Philosophen und Freund, Herrn Dallas (denn in allen 
diesen Eigenschaften hatt« er mit uns zu tun gehabt), 
beraten und zufällig einen vertrauten Bedienten des 
Herzogs von Orleans getroffen hatten, der ein Eng- 
länder namens Smith war und uns am Tag zuvor 
in den Gärten von Monceaux einige Freundlichkeiten 
erwiesen hatte — und seine Meinung ging dahin, es 
wäre bei weitem das klügste für uns, Paris sofort zu 
verlassen, da er von seiner Stellung her wußte, daß 
die Gefahr noch keineswegs vorüber sei — , beschlossen 
wir, wenn es sich machen ließe, noch vor Mittag ab- 
zureisen. Der erste der zu diesem Behuf notwendigen 
Schritte war, wegen eines Passes zimi Rathaus zu 
gehen. Auf unserm Weg dahin kamen wir an der 
Place de Gröve vorbei — dem Hinrichtungsplatz; 
und in der Nähe war die Place des Morgues, wahr- 
haft ein düsterer Platz, auf dem nicht nur die Leichen 
der hingerichteten Verbrecher, bis sie begraben oder 
von ihren Freunden weggeholt waren, sondern auch 
Leichen von solchen untergebracht wurden, die wäh- 
rend der Nacht auf den Straßen gefunden worden 
waren und nun hier ausgestellt wurden, um von ihren 
Freunden erkannt zu werden. 




DR. RIGBY 241 



Auf diesen Platz waren die Leichen einiger von 
denen gebracht worden, die vor der Bastille gefallen 
waren. Eine Menschenmenge, die diesen Ort umstand, 
leitete uns bald hin, und so besichtigten wir ihn unter 
diesen besonderen Umständen. Die verstümmelten 
Körper lagen da wahllos durcheinander geworfen. 
Ich glaube, es waren zwischen zwanzig und dreißig 
Leichen. Ihr Anblick war gräßlich und widerwärtig, 
aber der Anblick einiger lebender Körper in ihrer 
Nähe erregte ein schmerzlicheres Grauen. Leute, die 
in der Nacht Freunde und Angehörige vermißt hatten, 
hatten sich in der schrecklichen Befürchtung, sie 
könnten unter den unglücklichen Toten sein, an diesen 
Ort begeben. Eltern, die ihre Söhne nicht finden 
konnten, Frauen, die ihre Männer verloren hatten, 
kamen, um sie auf der Place des Morgues zu suchen. 
Mehrere unglückliche Frauen waren hier bei diesem 
gräßlichen Geschäft. Sie wandten die Leichen hin und 
her, und diese waren diu'ch den Tod und die Wir- 
kungen breiter, zerrissener Wunden so entstellt, daß 
es keine leichte Sache war, die zu rekognoszieren, 
die sie lebend beim flüchtigsten Blick erkannt hätten. 
Es wurde daher notwendig, Gesicht und Anzug so 
genau zu prüfen, daß es für einen nahen Angehörigen 
wahrhaft schrecklich gewesen sein muß. Wir sahen 
eine Frau in dem Augenblick, wo sie ihren Mann oder 
Sohn entdeckte; da ertönte der lauteste und schrillste 
Schrei, den ich je im Leben gehört habe, und ihr 
wißt, ich habe Frau Siddons*) gehört. Die Menge 

♦) Damals Englands größte Tragödin, am Drury-Lane-Theater* 
Landauer, Briefe aus der französ. Revolution I 16 



242 . DK. RIGBY 



spürte den Schrei, wich zurück und schien ihn wie im 
Echo zu wiederholen. Die Frau riß sich buchstäblich 
Hände voll Haare vom Kopf, dann hob sie ihre Hände 
und Augen mit einer Gebärde solchen Jammers zum 
Himmel, wie ich ihn weder beschreiben kann noch 
ins Gedächtnis zurückzurufen wünsche, und brach 
plötzlich über dem Leichnam zusammen. Wir fühlten 
den Fall mit; es war zu qualvoll, und wir verließen 
die Stätte. Dieser Auftritt war wenig geeignet, unsern 
Wunsch, in Paris zu bleiben, größer zu machen. Wir 
eilten also nach dem Rathaus, um unsre Pässe zu 
erlangen. Die Beamten empfingen uns mit der 
größten Höflichkeit, äußerten die größte Bereit- 
willigkeit, unser Gesuch zu befriedigen und sagten 
auch, sie wollten es nach ihrer eigenen öffentlichen 
Bekanntmachung über diesen Gegenstand nicht ab- 
schlagen; wenn wir indessen nicht sehr zwingende 
Gründe hätten, Paris zu verlassen, rieten sie uns, an 
diesem Tag nicht zu reisen. Die Aufregung des Volks, 
bemerkten sie, sei noch groß; das Volk sei sehr arg- 
wöhnisch gegen Leute, die die Stadt verließen, und 
ganz besonders darauf bedacht, daß nicht irgendwelche 
Personen, die wie Adlige aussahen, fortgehen könnten. 
Es sei auch, betonten sie weiter, kaum Zeit genug ge- 
wesen, daß die Verordnung der Behörden in der ganzen 
Stadt, ganz besonders in den Außenbezirken, genügend 
bekannt und verstanden worden wäre, um uns vor 
einer Unterbrechung der Reise oder vielleicht vor 
Tätlichkeiten zu schützen. Aber wir waren ungeduldig 
zu reisen und beschlossen, den Versuch zu machen. 



De. RIGBY 243 



Wir erhielten also vom Magistrat einen Paß, und man 
wünschte uns höflich gute Reise. Unser nächster 
Schritt war, Postpferde zu erlangen, und als wir im 
Posthaus unsern Paß vorzeigten, wurden die Pferde 
ohne Zögern bestellt, nur wurden wir gebeten, die 
Postillione .mit den Pferden zu unserm Hotel zu be- 
gleiten, wo der Wagen stand, damit, wenn sie ange- 
halten würden, der Paß gleich vorgezeigt werden 
könnte. Wir blieben also da, während die Pferde 
zurechtgemacht wurden, und das gab uns Gelegenheit, 
Zeugen der flinken Beweglichkeit der Franzosen bei 
einem plötzlichen Ereignis zu werden; denn während 
wir in dem Posthof standen und vergnügt zusahen, 
wie die Postillione in ihre Kanonenstiefel hinein- 
fuhren, anziehen kann man nicht sagen, langte eine 
Nachricht an, der Hof hätte Verrat geübt und eine 
Truppenabteilung wäre vor Paris angelangt. Mit einem 
Schlag sprangen die Postillione aus ihren hohen Stiefeln 
heraus, rannten jeder nach einer Flinte und erschienen 
binnen zwei oder drei Minuten in militärischer Aus- 
rüstung und zugleich mit all den andern Postillionen 
und Stallknechten, die das nämliche getan hatten, 
marschierten auf die Straße' und bildeten, da sie sich 
sofort mit andern Nachbarn vereinigten, sehr bald 
eine ansehnliche bewaffnete Truppe. In der Voraus- 
setzung, die Truppen würden dieses Wegs kommen, 
zogen die Einwohner Wagen und Oxhofte und große 
Blöcke Bauholz auf die Straßen, um den Durchgang 
zu versperren. So wurden etwa eine Viertelstunde 
lang die lebhaftesten Anstrengungen gemacht, bis 

16* 



244 ^^- RICißY 



sich herausstellte, daß die Nachricht unbegründet 
gewesen war, und nun kehrten alle wieder mit einer 
Heiterkeit zu ihren Geschäften zurück, wie sie wahr- 
scheinlich nur Franzosen so schnell nach einem so 
ernsthaften Alarm wieder finden können. 

Die Postillione waren mit ihren Pferden bald in 
Ordnung, und wir machten uns mit ihnen auf den 
Weg. Kaum waren wir mit ihnen am Ende der 
ersten Straße angelangt, als wir merkten, wie nötig 
unsre Begleitung war; einige bewaffnete Bürger, 
die da ihren Dienst versahen, hielten die PostiUione 
an und fragten, wohin sie wollten. Sie forderten uns 
auf, den Paß zu zeigen; sie waren befriedigt, und wir 
gingen weiter. Das nämliche ereignete sich auf jedem 
Platz, wo wir die nämliche Art Männer in Waffen 
fanden; und die Entfernung vom Posthaus zum Hotel 
war so groß, daß wir fünf- bis sechsmal angehalten 
wurdei;i, ehe wir da ankamen. Wir hielten unsre 
Abreise nun für gesichert, die Pferde wurden vor den 
Wagen gespannt, und es ging los. Aber ach! wir 
waren erst eine kurze Strecke gefahren, als wir an- 
gehalten wurden. Unser Paß wurde vorgezeigt, und 
nach etlichem Zaudern erlaubte man uns weiter- 
zufahren; aber wir kamen nur bis zum nächsten Posten. 
Da wurde wieder gefragt, wohin wir wollten und wer 
wir wären. Der Paß wurde wieder als unsre Ermächti- 
gung vorgezeigt und hätte uns wahrscheinlich wieder 
weiter geholfen, wenn nicht ein schnelläugiger Bürger 
einen Blick in die Kutsche geworfen und ein Paar 
Pistolen erspäht hätte, die törichterweise in London 



DB. RIGBY 245 



als notwendiger Bestandteil der Reiseausrüstung 
in dem Wagen angebracht worden waren. „Sie tragen 
Waffen", rief er unwillig, „das läuft der Verordnung 
des Magistrats zuwider." Wir versetzten, es wäre 
aus Unachtsamkeit geschehen, wir hätten sie aus 
England mitgebracht, bloß um uns vor Räubern zu 
schützen. „In Frankreich gibt es keine Räuber," 
erwiderte er, „das weiß die ganze Welt, und also 
besteht kein Grund, Pistolen zu tragen." Ein gut- 
mütiger Sterblicher, der dabei stand, bemerkte 
unsre Verlegenheit und bemühte sich, seinen Zorn 
zu besänftigen. Er sagte, sowohl aus dem Paß 
wie aus unserm Aussehen ergäbe sich klar, daß wir 
„echte Engländer" wären; alle Fremden hätten An- 
spruch auf Höflichkeit, und es sollte ihm leid tun, 
wenn irgend jemand Paris mit dem Eindruck ver- 
lassen würde, schlecht behandelt worden zu sein. 
Aber weder seine Artigkeit noch sein gesunder Ver- 
stand nützten etwas; der wütende Mann fuhr fort, die 
Pistolen zu fordern. Es war ganz klar, durch seine 
Beweisführung, daß es in Frankreich keine Räuber 
gäbe, hatte er Lust darauf bekommen, und wir gaben 
sie ihm, ohne länger zu zögern, und waren froh, auf 
diese Weise die Erlaubnis zu erhalten, weiterzufahren. 
Nachdem das geschehen war, kamen wir viel weiter 
als bisher, denn die Männer, die Posten standen, 
waren zum Glück weniger argwöhnisch. Aber noch 
waren wir nicht frei, denn ehe wir an den Barrieren 
ankamen, wurden wir nachdrücklich angehalten; 
die Pferde wurden plötzlich gewendet, und wir er- 



246 DB. RIGBY 



hielten den Befehl, nach dem Rathaus zu fahren, 
um dort geprüft zu werden. Von diesem Augenblick 
an bekam alles ein neues Gesicht. Der Pöbel auf den 
Straßen, der vorher völlig ruhig gewesen war, und 
selbst die Damen an den Fenstern, die, als wir vor- 
übergefahren waren, uns mit der Hand und ihren 
Taschentüchern freundlich Lebewohl zugewinkt hat- 
ten, fingen jetzt an uns zu beschimpfen, die einen in 
grober Sprache, die andern mit Vorwürfen; aber wir 
trugen nur das allgemeine Los des Glücksumschwungs. 
Zuvor fuhren wir mit offenbarer Autorität daher, 
und vielleicht trug die rasche Fahrt in einer englischen 
Kutsche und mit sechs Pferden etwas zu dem Re- 
spekt bei, den uns selbst die Damen bekundeten. 
Jetzt aber wurden wir imwürdig als Gefangene des 
Wegs geschleppt. Es wurde bald bekannt, daß wir 
zum Magistrat geführt wurden ; wir waren Verdächtige ; 
„es sind Adlige!" rief der Pöbel. „Sie wollten durch- 
brennen, aber die Halunken sind erwischt." Überall 
folgten uns Blicke des Zorns und Gebärden der 
Drohung; selbst der Wagen wurde verächtlich an- 
gesehen und bespien. Endlich langten wir am Rat- 
haus an und fanden da zum Glück dieselben Beamten, 
mit denen wir zuvor zu tun gehabt hatten. Sie 
lächelten über unsre Verlegenheit und spotteten uns 
über die Schwierigkeiten aus, die uns dadurch zu- 
gestoßen wären, daß wir nicht auf ihren Rat gehört 
hätten; zugleich aber tadelten sie die Personen, 
die uns aufgehalten hatten. Sie gaben uns einen neuen 
Paß, der in noch entschiedeneren Ausdrücken ge- 



DR. RIGBY 



247 



halten war, und um uns noch wirksamer zu schützen, 
gaben sie uns eine Wache von ehrbaren und bewaff- 
neten Bürgern mit. Wir dankten ihnen und verab- 
schiedeten uns wieder. Wir lernten sofort die guten 
Wirkungen der neuen Maßnahmen kennen und fuhren 
mit einem Anstrich militärischer Würde durch die 
Straßen, denn wir hatten mindestens sechs bewaffnete 
Wachen auf jeder Seite des Wagens. So ging es, 
bis wir an der Barriere ankamen. Hier hielt der 
Wagen, aber wir dachten dabei an nichts Ungewöhn- 
liches, denn wir hatten auch halten müssen, als wir 
nach Paris fuhren. Der Wagenschlag wurde auf- 
gerissen, und ein Mann sagte, er müßte die Koffer 
durchsuchen. Das hielten wir lediglich für den alten 
Brauch, und dem alten Brauch entsprechend boten 
wir ihm ein Trinkgeld. Seine ärgerliche Zurück- 
weisung überzeugte uns, daß er nicht einer von denen 
war, die früher den Dienst an der Barriere versahen, 
denn wir hatten in den verschiedenen Städten, 
durch die wir gekommen waren, nicht einen einzigen 
Zollwächter kennen gelernt, der nicht ein Trinkgeld 
genommen hätte. Wir stiegen also alle aus, und die 
Durchsuchung begann; sie wurde jedoch offenbar 
zu vollkommener Zufriedenheit beendet, und man 
forderte uns auf, wieder unsre Plätze einzunehmen. 
Das taten wir mit erleichterten Herzen in der An- 
nahme, es wäre alles in Ordnung. Aber ein sehr wilder 
Kerl, der übel aussah, ein Mann mit einer Flinte, 
überzeugte uns bald vom Gegenteil. Er sprang in den 
Wagen, stellte sich mit aufgepflanztem Bajonett 



248 Da. RIGBY 



mitten zwischen uns auf nnd befahl den Postillionen, 
zum Rathau3 za fahren. So hatten wir denn also 
wiederum durch die Straßen Spießruten zu laufen 
und lernten diesmal den Zorn des Volks noch unan- 
genehmer kennen als vorh^. Auf dem ganzen Weg 
verfolgte man uns mit Zischen und verächtlichen 
Reden, und als wir auf dem Platz ankamen, auf dem 
das Rathaus steht, war da eine so dicht gedrängte 
Menschenmenge, daß der Wagen nicht bis zum Rat- 
haus durchkam und wir in einer der engen Gassen, 
die zu dem Platz führen, anhalten mußten. Auch 
erlaubte unser übel gestimmter Wächter nicht mehr 
als einem von uns, mit ihm zum Rathaus zu gehen. 
Es war mein Glück, daß ich einer von den dreien war, 
die in der Kutsche blieben. Die Menge rings herum 
wuchs immer mehr an und wurde so wild gegen uns, 
daß wir sicher in beträchtlicher Gefahr waren, von 
ihnen Gewalt zu erleiden, so daß wir einmal ernst- 
haft überlegten, ob es nicht das klügste wäre, uns aus 
dem Wagen davonzumachen und die Kutsche samt 
allem, was darin war, ihrer Wut preiszugeben. Ein 
Zwischenfall jedoch ereignete sich während dieser 
unangenehmen Freiheitsberaubung, der unsre Ret- 
tung war. Während der Pöbel so seinem Zorn Luft 
machte, sprang eine Frau in der Menge, die gewaltig 
gegen uns losgeschrien hatte, plötzlich vorwärts auf 
unsern Bedienten los, der zu Pferd hinter dem Wagen 
war, umarmte ihn und rief laut: „Mein lieber Bruder, 
bist du es ?" Es war wirklich ihr Bruder, und sie hatten 
einander seit vielen Jahren nicht gesehen. Als sie 




DR. RIGBY 



249 



von ihm hörte, wer wir wären, trat sie sofort für uns 
ein. Die plötzliche und unerwartete Begegnung 
zweier einander nahestehender Menschen ist immer 
interessant, und die Franzosen sind nicht die letzten 
in der Empfänglichkeit für Empfindungen. Man 
merkte es bei dieser Gelegenheit; unter dem Einfluß 
dieses Vorfalls wurden sie sanfter, und wir spürten 
die guten Wirkungen davon an ihrer Mäßigung. 

Jedoch dauerte es sehr lange, bis unser Freund 
zurückkehrte. Die Stadtbeamten hatten während 
unsrer Abw;esenheit viel mehr zu tun bekommen, 
und es dauerte lange, ehe sie sich unsrer Sache an- 
nehmen konnten. Aber als unser Freund vorgelassen 
wurde, erkannte ihn der Herr, der vordem so freund- 
lich gegen uns gewesen war, wieder, und die Ver- 
dachtsgründe des Mannes, der uns zurückgebracht 
hatte, wurden nicht als Gegenstand einer Anklage 
zugelassen. Wir waren wieder in Freiheit, und da 
unser Wunsch jetzt nur noch war, sicher in ein Hotel 
geleitet zu werden, fuhren wir nun wieder ab und 
hießen die Postillione in das Hotel Sankt Michael 
fahren, weil es dahin viel näher war als in unser 
früheres Hotel, und weil wir da Aussicht hatten, 
unsern guten Freund Herrn Dallas zu treffen. Aber 
selbst bei dieser kurzen Fahrt waren wir der Schwierig- 
keiten nicht ledig, denn wir wurden angesichts des 
Hotels von einem Wachkommando angehalten, das 
darauf drang, daß wir ausstiegen und uns einer 
Durchsuchung unterwarfen; und diese Zeremonie 
hätte auf der Straße stattgefunden, wenn nicht Herr 



250 DK. RIGBY 



Dallas, der uns ebenso gelegen kam wie die Schwester 
unsres Bedienten, die Strenge des Wichtigtuers, der 
den Befehl über die Wache hatte, insoweit gemildert 
hätte, daß er die Erlaubnis erlangte, die Durchsuchung 
im Hof des Hotels stattfinden zu lassen. Wiewohl wir 
da aber von dem Lärm und den Schmähungen des 
Pöbels verschont blieben, wurde unsre Geduld von 
der äußersten Widerwärtigkeit dieser Prozedur auf 
die höchste Probe gestellt. Jeder Gegenstand in der 
Kutsche wurde peinlich untersucht, alle Papiere in 
unsern Koffern genau geprüft und unsre Taschen und 
unsre Personen visitiert. Und als wir glaubten, nun 
wäre alles vorbei, erhielten die armen Teufel von Postil- 
lionen, die von der Reise dieses Unglückstages so 
ermüdet waren wie wir, den Befehl, sich im Hof bis 
aufs Hemd auszuziehen, und jede Tasche und jeder 
Teil ihrer Kleidung wurde durchsucht. Als jedoch 
nach alledem nichts, was zu unsern Ungunsten sprach, 
entdeckt wurde, zog der Gentleman, der uns all diesen 
Ärger gemacht hatte, endlich ab und war, glaube ich, 
sogar so gnädig, uns Gute Nacht zu wünschen. So 
war uns wieder aus der Patsche geholfen, und nun 
hielten wir es für das beste, uns mit eijaem Aufenthalt 
in Paris zu versöhnen und geduldig zu warten, bis 
günstigere Umstände unsre Abreise erlauben würden. 
Abgesehen von der Revolution hatte Paris genug, 
um Fremde zu interessieren, wären wir auch viel 
länger festgehalten worden, und sein politischer Zu- 
stand lieferte noch weiteren Stoff, um unsre Auf- 
merksamkeit zu erregen. 



%. 



DB. RIGBY 251 



Den folgenden Tag, Donnerstag (16. Juli), ver- 
wandten wir darauf, einige von den öffentlichen 
Plätzen, die ich, glaube ich, früher schon erwähnt 
habe, zu besichtigen und weitere Einzelheiten über 
die Ereignisse zu erfahren, deren Zeugen wir nicht 
persönlich gewesen waren. Da die Einnahme der 
Bastille das außerordentlichste von ihnen allen war, 
waren wir begierig, einen genauen Bericht darüber 
zu erlangen. Aber, so sonderbar es scheinen mag, 
kaum zwei Personen stimmten in den Einzelheiten 
überein; und den folgenden Bericht gebe ich euch 
nur als den, der am wahrscheinlichsten erschien 
und den wir von der ehrenwertesten Seite er- 
hielten. 

Am Nachmittag, kurz vor vier Uhr, erschien eine 
große Schar bewaffneter Bürger vor der Zitadelle, 
mit Kanonen, und forderte den Gouverneur zur Über- 
gabe auf. Er tat so, als unterwerfe er sich, indem er 
unverzüglich eine Parlamentärflagge hißte und befahl, 
daß die Zugbrücke, die die Verbindung mit der Straße 
herstellte, heruntergelassen würde. Die Menge stürzte 
begierig hinein, und als etwa vierhundert von ihnen 
den Graben betreten hatten, wurde die Brücke schnell 
hochgezogen, und einige Invaliden, die auf den Wällen 
waren und den Besatzungsdienst verrichteten, feuerten 
mit Kanonenschüssen auf sie. Dieser gräßliche Akt 
des Verrats mußte die Wut derer, die draußen waren, 
erregen. Ihre Kampfwut richtete sich einmütig gegen 
die Zugbrücke. Verschiedene Versuche wurden ge- 
macht, die massive Kette, die sie festhielt, zu zer- 



252 Da. RIGBY 



brechen, und schließlich, als man die Kanonen gegen 
sie gerichtet hatte, hatte eine Kugel das (Hock, 
die Kette za treffen und zu durchschneiden. Die 
Brücke fiel herunter. Wledoiim drang ein Haufe 
ungestüm hinein, und als sie auf Büchsenschußweite 
vor der Plattform angelangt waren« wo die Soldaten 
und Kanonen waren, feuerten sie alle auf sie und 
töteten, wie sich nachher heraussteUte, jeden Mann, 
der an den Geschützen stand. Natürlich harte das 
Feuern der Bastillekanonen sofort auf, und die Bürger, 
die die Ursache nicht kannten, fürchteten eine neue 
Artist, aber einige besonders Verwegene erkletterten 
die Mauern und stürzten vorwärts zum Haus des 
Gouverneurs. Er sah die Gefahr und setzte in der 
Absicht, die Annäherung zu verwehren, sein Haus in 
Flammen und bemühte sich, dem Suchen der leiden- 
schaftlich wilden Bürger aus dem Wege zu gehen imd 
sich in einem abgelegenen Teil des Hauptgebäudes 
zu verstecken. Ein tapferer Soldat, der weder hohe 
Mauern noch das lodernde Feuer fürchtete, war bei 
dem Unternehmen vornedran, er drang in das Innere 
der Bastille ein und nach langem Suchen fand er den 
Gouverneur in einem kleinen verborgenen Zimmer; 
er lag fast besinnungslos auf einem Sofa. Er zog ihn 
heraus und brachte ihn zu dem Pöbel, wo er bald 
ihrer Wut zum Opfer fiel. Sein Kopf wurde nachh» 
abgeschnitten und auf einer Stange herumgetragen, 
wie wir gesehen hatten. Der andre Kopf, von dem 
man uns zuvor gesagt hatte, er wäre der dea Herrn 
Flesselles, wurde jetzt für den des Kommandanten 



'\ 



DB. RIGBY 253 



der Bastille erklärt, der einen sehr guten Charakter 
hatte und dessen Verhalten bei dieser Gelegenheit, 
wenn das Volk nur kühl genug zur Überlegung ge- 
wesen wäre, besonders löblich hätte genannt werden 
müssen, da er sich bemüht hatte, das Feuern zu ver- 
hindern. 

Entweder am 15. oder 16. wurde in der Kirche 
Notre Dame ein Tedeum abgehalten, und einige der 
wackern Burschen, die sich bei der Eroberung der 
Bastille am meisten ausgezeichnet hatten, erhielten 
Bürgerkronen. Dies soll eine sehr interessante Zere- 
monie gewesen sein, und wir beklagten sehr, daß sie 
unsrer Aufmerksamkeit entgangen war. 

Die Straßen waren nun viel ruhiger, und Zeichen 
der Heiterkeit und des Vertrauens waren zu sehen. 
Aber bei diesem Anschein der Sicherheit, den das 
große Ganze aufwies, wurde nichts vernachlässigt, 
was dazu dienen konnte, gegen neue Gefahren zu 
schützen. Unter diesen Maßnahmen war, wie wir 
mit Überraschung bemerkten, die, daß die Bürger- 
posten in jeder Nacht nach der Eroberung der Bastille 
verdoppelt waren. 

Es war berichtet worden, der König sollte am Don- 
nerstag (den 16. Juli) nach Paris kommen, und große 
Menschenmengen füllten die Straßen, durch die man 
den Zug erwartete; aber er kam erst am Freitag (den 
17. Juli). Wir waren sehr begierig, das Schauspiel 
zu sehen, wie der Monarch so, ich möchte fast sagen, 
als Gefangener herangeführt wurde. Das Schauspiel 
war sehr interessant, wiewohl nicht infolge von künst- 



254 ^^' RIGBY 



liehen Arrangements, wie sie gewöhnlich königliche 
Aufzüge auszeichnen. Der Eindruck, der beim Zu- 
schauer erweckt wurde, war nicht die Wirkung gleich- 
gültigen Gepränges von kostbaren Gewändern od^ 
glitzernden Zieraten — das Auftreten des Königs 
war schlicht, um nicht zu sagen bescheiden; der Mensch 
verbarg sich nicht länger im blendenden Glanz des 
Herrschers. Für einen philosophischen Geist mußte 
es sehr interessant sein, darüber nachzudenken, dafi 
eine der volkreichsten und gebildetsten Nationen in 
der Welt sich bemühte, die bürgerliche Gesellschaft 
in Ordnung zu bringen, das Geltungsbereich der 
intellektuellen Fähigkeiten des Menschen zu erweitem 
und die Grundsätze der politischen Gemeinschaft 
und Regierung zu reformieren. Wir hatten das Glück, 
einen Standort zu erlangen, von dem aus wir den Zug 
vortrefflich sehen konnten. Es war ein Balkon, 
der Herrn Sykes gehörte, am Palais- Roy al-Patz ge- 
legen, über den der Zug nach der Rue St. Honor^ 
gehen sollte. In den Straßen standen drei Mann 
hoch die bewaffneten Bürger Spalier — in einer Aus- 
dehnung von mehreren Meilen, wie man uns ver- 
sicherte. Um y^i Uhr fing der Zug an, über den Platz 
zu kommen, wo wir waren. Die ersten, die zu sehen 
waren, waren die Stadtbeamten und die Polizeiwachen; 
einige Frauen folgten ihnen, die phantastisch ge- 
schmückte grüne Zweige trugen; dann wieder Be- 
amte; dann der Vorsteher der Kaufmannschaft und 
verschiedene Mitglieder des Stadtmagistrats. Viele 
der bewaffneten Bürger folgten zu Pferd; dann einige 



DK. RIGBY 255 



Würdenträger des Königs, teils zu Pferd, teils zu 
Fuß; darauf kam die gesamte Körperschaft der 
Generalstaaten zu Fuß, der Adel, die Geistlichkeit 
und der dritte Stand, jeder Stand in seiner besonderen 
Tracht. Die des Adels war sehr schön; sie trugen 
eine besondere Art Hut mit großen weißen Federn, 
und viele unter ihnen waren stattliche, elegante junge 
Männer. Die Geistlichkeit, besonders die Bischöfe 
und einige der höheren Stufen, waren sehr prächtig 
gekleidet; viele von ihnen in Schleierleinwand, mit 
roten Schärpen und Kreuzen aus massivem Gold auf 
der Brust. Die Kleidung des dritten Standes war 
sehr schlicht, geringer sogar als die der niederen 
Klasse der Robenträger an den englischen Uni- 
versitäten. Nun folgten noch weitere Würdenträger 
des Königs; dann der König in einer geräumigen 
einfachen Kutsche mit acht Pferden. Hinter ihm 
wieder Bürger; dann eine weitere Kutsche mit acht 
Pferden mit andern hohen Staatsbeamten; dann eine 
ungeheure Zahl Bürger; es hieß, es wären zweihundert- 
tausend von ihnen in Waffen gewesen. Der Ausdruck 
des Königs deutete nicht eben darauf hin, daß in 
seinem Innern viel vorging, und seine Haltung im all- 
gemeinen zeigte keineswegs Beunruhigung. Er hatte 
die Gewohnheit, den Kopf sehr weit auf die Schultern 
zurückzulegen, was ihn nötigte, in die Höhe zu blicken 
und seinem Gesicht so eine Art stumpfsinnigen Aus- 
druck gab; indem es breiter aussah und ihm die 
Mannigfaltigkeit des Ausdrucks unmöglich gemacht 
wurde, die entsteht, wenn man die Blicke hin und her 



256 DR. RIGBY 



wendet. Er erhielt vom Volk weder Zeichen des Bei- 
falls noch der Schmähung, es sei denn, daß das Schwei- 
gen als negative Form der Mißachtung gedeutet 
werden konnte. Auch Adel und Geistlichkeit bekamen 
keine Beleidigungen zu hören außer dem Erzbischof 
von Paris, der ein sehr großer, dürrer Mann ist. 
Er wurde sehr stark ausgezischt; der Zorn der Öffent- 
lichkeit war gegen ihn erregt worden durch eine Ge- 
schichte, die im Umlauf war, wonach er den König 
ermutigt hätte, zu strengen Maßregeln gegen das 
Volk zu greifen; überdies hätte er versucht, durch 
das abergläubische Zurschaustellen eines Kruzi- 
fixes einen Eindruck auf das Volk zu machen. Er 
sah recht aufgeregt aus, und ob er ein schweres Auge 
hatte oder nicht, weiß ich nicht, aber es wurde jeden- 
falls vom Boden sehr angezogen. Der warme und 
begeisterte Beifall des Volks galt den Vertretern des 
dritten Standes. Sie wurden als die Vorkämpfer des 
Volks betrachtet, und man hielt ihre festen und 
männlichen Bemühungen in der Nationalversammlung 
für ebenso wirksame Mittel zur Überwindung des 
Despotismus wie die Tapferkeit der Pariser Bürger 
bei der Eroberung der Bastille. „Hoch der dritte 
Stand! Hoch die Freiheit!" das wurde immer wieder 
laut gerufen, wo sie vorbeikamen. Es hätte sich nicht 
machen lassen, dem Zug zu folgen, denn die Straßen 
waren so mit bewaffneten Bürgern besetzt, daß nie- 
mand durchkam außer denen, die zum Zug gehörten. 
Der König begab sich zum Rathaus und wurde vom 
Magistrat mit großem Respekt empfangen: die An- 



J 



DR. RIGBY 257 



spräche an ihn hielt Herr Bailly, der, glaube ich, zum 
Maire gewählt worden war. Er versuchte darauf zu 
antworten oder vielmehr eine Ansprache ans Volk 
zu halten, aber er war verlegen, und entweder Bailly 
oder jemand anders, der in seiner Nähe stand, sagte 
etwas für ihn; worauf er als äußeres und sichtbares 
Zeichen seiner Zustimmung die Volkskokarde an- 
legte. Dies Vief stürmischen Beifall hervor, und er 
kehrte zurück, umbraust von den Zurufen: Es lebe 
der König! Der übrige Tag wurde in festlicher und 
triumphierender Fröhlichkeit verbracht. Im Palais 
Royal speisten große Menschenmengen unter freiem 
Himmel, und patriotische Toaste nach englischer 
Art wurden ausgebracht. Am Abend fanden Illumi- 
nationen statt, und am Rathaus war eine allegorische 
Darstellung der Ereignisse, die stattgefunden hatten, 
angebracht, die für den König schmeichelhaft war, 
der in einer Transparent-Inschrift mit den Titeln 
„Vater seines Volks" und „Wiederhersteller fran- 
zösischer Freiheit" beehrt wurde. 

Am Samstag (18. Juli) besuchten wir einige öffent- 
liche Plätze, aber das interessanteste Ziel, das auch 
die größte Zahl Zuschauer anzog, war die Bastille. 
Wir fanden zweihundert Arbeitsleute eifrig damit be- 
schäftigt, diese Burg des Despotismus niederzulegen. 
Wir sahen, wie unter den Jubelrufen des Volks die 
Festungsmauern zusammenbrachen. Ich bemerkte 
eine Anzahl Künstler, die Zeichnungen von dem 
machten, was von dieser Zeit an nur noch auf dem 
Papier existieren sollte. Wir schätzten uns glücklich, 

Landauer, Briefe aus der JEransös. Berolutionl 17 



258 DE. RIGBY 



daß wir Zeugen vom Sturze dieser Burg des Schreckens 
waren; wir hätten jedoch noch vollkommener be- 
friedigt sein können, wenn nicht unsre Vorsicht oder 
Furcht es verhindert hätte, denn es bot sich uns eine 
Gelegenheit, das Innere dieses berühmten Platzes 
zu besuchen. Ein Herr, bei dem wir ein paar Tage 
vorher eingeführt worden waren, war der Kapitän 
einer Abteilung der bewaffneten Bürger, die im Innern 
der Bastille auf Wache ziehen sollten. Er erbot sich, 
uns als Teil der Wache mit hineinzunehmen, in wel- 
chem Fall wir hätten eine Flinte tragen und eine An- 
zahl Stunden dort bleiben müssen; aber, so sehr wir 
auch den Wunsch hatten, eine Neugier so zu befrie- 
digen, wir fürchteten, die Folgen für uns könnten 
irgendwie unangenehm sein. Die Lage, in der Paris 
war, und der Stand der Revolution waren zu ungewiß, 
um uns vor der Möglichkeit der Gefahr in einem sol- 
chen Platz sicherzustellen; denn wenn zu jener Zeit 
irgendein plötzlicher Alarm gekommen wäre — 
und jede Stunde erzeugte in allen Teilen von Paris 
neuen Alarm — , so wäre es jedenfalls einigermaßen 
mißlich für vier Engländer gewesen, wenn man sie 
bewaffnet in der Bastille gefunden hätte. Wir haben 
es in der Tat seitdem bereut, daß wir diese Gelegen- 
heit nicht benutzten, aber unsre Reue war, wie die 
andrer guter Leute, die Wirkung später eingetretener 
Umstände, nicht aber der Überzeugung, daß es da- 
mals richtig gewesen wäre, so zu handeln. 

An diesem Abend suchten wir, nunmehr zum 
letzten Mal, die Beamten auf dem Rathaus auf und 



i 



DB. RIGBY ' 259 



erhielten einen neuen Paß und die Versicherung, 
daß wir, wenn wir früh am Morgen, ehe das Volk 
auf den Straßen war, an der Barriere wären, unbe- 
lästigt abreisen könnten, was wir, wie euch ein früherer 
Brief mitteilte, am Sonntag den 19. Juli taten. 

Einer aus unsrer Gesellschaft (mir selbst war es 
entgangen) sagt, er habe den Grafen d'Auche, den 
Gefangenen der Bastille, anscheinend sehr vergnügt, 
bei den Magistratsbeamten sitzen sehen. Und dies 
erinnert mich daran, daß ich den andern Gefangenen, 
den schwachen alten Mann, ein zweites Mal gesehen- 
habe. Er war recht in die Augen fallend an einem 
Fenster gegenüber dem Haus, von dem aus wir den 
König vorbeiziehen sahen, aufgestellt, und als der 
König vorbeikam, brachte man ihn gerade nach vorn 
und ließ ihn seinen Hut schwenken, an dem eine drei- 
farbige Kokarde angebracht war. Die Aufmerksam- 
keit des Volks, die so für einen Augenblick erregt war, 
schien einigen Eindruck auf den König zu machen, 
und, ob durch Zufall oder Absicht, die Kutsche blieb 
für eine kleine Weile stehen und nötigte den König 
wahrscheinlich, ihn zu bemerken. 

Ich denke, ich habe mein Versprechen nun ganz 
gut erfüllt, und wenn ich euch mit meinem langen 
Bericht nicht ermüdet habe, so fürchte ich doch, es 
war euch lästig, mein abenteuerliches Gekritzel zu 
entziffern. Wahrscheinlich aber wird es damit noch 
nicht getan sein, denn die Ereignisse, die ich berichtet 
habe, und die Umstände, die mit ihnen zusammen- 
hängen, werden reichlichen Stoff zu moralischen 

17* 



200 DK. RIGBY 



wie politischen Betrachtungen liefern, die ich viel- 
leicht, wenn ich wieder in England bin und Muße 
dafür finde, ordnen und zu Papier bringen kann. 
Gott segne euch! 



Mainz, Dienstag morgen, 25. August 1789. 

. . . Ich denke, mein letzter Brief hat euch bis 
nach Basel gebracht. Wir verließen diesen Ort am 
Samstag morgen (22. August) und reisten den ganzen 
Tag durch eine Provinz Frankreichs bis nach Straß- 
burg. Diese Stadt liegt im Elsaß, und da sie an den 
Grenzen Deutschlands liegt und die Einwohner deut- 
schen Ursprungs sind, reden sie diese Sprache und 
sind offenbar nicht so lebhaft wie die wirklichen 
Franzosen. Die ganze Reise ging durch eine unauf- 
hörliche Ebene, die sehr flach war und zu der roman- 
tischen Landschaft, die wir erst jüngst gesehen haben, 
recht in Gegensatz stand — sehr langweilig und un- 
interessant. Der Boden ist arm, aber überall bestellt. 
Wir bemerkten Tabak, Hanf, Weizen, Hafer usw. 
und viele tote Walnußbäume, Opfer des letzten 
strengen Winters. Gegen Abend jedoch interessierte 
es uns sehr, zu sehen, wie zahlreiche Bauern von der 
Freiheit, auf dem Land, das sie besitzen, zu jagen 
und Wild abzuschießen, Gebrauch machten; dieses 
Privileg wurde ihnen in der Revolution durch ein 
Dekret der Nationalversammlung verliehen. Vor die- 
sem Dekret waren die Jagdgesetze so streng, daß 
jeder, der einen Hasen oder ein Rebhuhn oder sonst 



i 



DE. RIGBY 261 



irgendeines von den Tieren, die in Menge über seine 
Äcker liefen, tötete, auf die Galeeren geschickt wurde. 
In Straßburg erfreuten wir uns auch an den Wir- 
kungen dieser Veränderung in den Jagdgesetzen: 
wir bekamen zum Abendessen einen Hasen und ein 
paar Rebhühner. Straßburg gehört zu Frankreich, und 
die Einwohner treiben einen ansehnlichen Handel. 
Die Bürger waren hier alle bewaffnet und schienen 
glücklich über den großen Wandel, den ihre Frei- 
heit erlebt hatte. Wir gingen in das Münster, das ein 
großer und glücklicher gotischer Bau ist, mit einigen 
schönen gemalten Fenstern. Am Sonntag morgen 
(23. August) verließen wir Straßburg, fuhren etwa 
eine Meile davon über den Rhein und kamen nach 
Deutschland. Dieses Land hat die Natur ebenso 
freundlich bedacht wie Frankreich, denn es hat einen 
fruchtbaren Boden, aber bis jetzt leben die Ein- 
wohner unter einer despotischen Regierung. Wir 
kamen durch viele kleine Städte, von denen einige gut 
und sehr regelmäßig gebaut sind, aber fast in allen ist 
ein Schloß eines deutschen Fürsten, dem das Gebiet in 
der Umgebung gehört; zum größeren Teil besteht es 
aus weiten Wäldern, die das Eigentum dieser Fürsten 
sind und die er dazu braucht, Hirsche, Rehe und 
anderes Wild zu halten, wodurch ein viel zu kleiner 
Teil des Bodens für den Unterhalt des Volkes bestellt 
ist. Die Folge ist, daß es den Städten an Gewerbe 
und Handel fehlt, und daß sie fast ausschließlich 
von solchen bewohnt sind, die zum Hofstaat dieser 
JJ'ürsten gehören. So sind sie nur halb bevölkert up^ 



262 DE. RIGBY 



sehr langweilig, während auf dem Land kaum Wohn- 
stätten sind, recht das Gegenteil von Frankreich, 
das voller Häuser und Bewohner ist. Etliche dieser 
Schlösser, deren Zahl hier so groß ist, sind mit großer 
Pracht gebaut und sind mit Gärten von beträchtlicher 
Ausdehnung umgeben, für deren Ausschmückung 
riesige Summen aufgewendet worden sind, in einem 
Stil jedoch, dem es völlig an wahrem Geschmack 
gebricht. Nicht weit hinter Bruchsal sahen wir die 
Gärten des Kurfürsten von der Pfalz bei einem Ort, 
der Schwetzingen heißt, welche als die schönsten in 
Europa . berühmt sind, aber sie sind in demselben 
schlechten und unnatürlichen Geschmack angelegt, 
der in Versailles, Chantilly usw. herrscht . . . 



LUDWIG VON FLÜE 

AJN SEINEN BRUDER 

Ludwig von Flue, Schweizer (1752 — 1817), stand 1789 als Leut- 
nant beim Regiment Salis-Samaden auf dem Marsfeld bei Paris. — 
Sein Bruder Wolf gang, an den er den Brief Anfang September 1789 
richtete, war Chorherr in Bischofszell. 

Louis Bastillien oder Gardehauptmann Ludwig von Fluo als 
Verteidiger der Bastille am 14. Juli 1789. Obwaldner Volks- 
freund, Samen 1886 (Sonderabdruck). 



. . . Die Bastille liegt in der Vorstadt St. Anton in 
Paris. Acht Türme, welche mit kurzen Wällen zu- 
sammenhängen, bilden den Umfang dieses Schlosses, 
welches noch mit einem tiefen Graben umgeben ist. 
Die Höhe der Türme beträgt ungefähr 80 und die Dicke 
der Mauern 12—15 Fuß. Diese sind mit einer Plattform 
bedeckt, auf welcher sich Batterien von großem Kali- 
ber befinden, und von wo man den größten Teil der 
Stadt beschießen kann. Diese Festung, nach der alten 
Kriegskunst gebaut, ist so stark, daß Heinrich IV. 
und andere Könige mehr als sechs Wochen und auch 
mehr als zwei Monate mit Armeen von 30 000 und 
40 000 Mann davor gelegen, bevor sie selbe erobern 
konnten. Dieses Schloß wurde schon seit vielen Jahren 
als Staatsgefängnis gebraucht und war ein Dorn in 
den Augen der Pariser, weil es dieselben einigermaßen 
im Zaume hielt. Es wurde von jedermann verabscheut 
wegen verschiedener durch die Minister verübten Grau- 
samkeiten, die sie vermöge der Steckbriefe in selbem 
zu vollziehen die Gewalt hatten. 

Der Befehlshaber dieses Schlosses, Herr Graf von 
Launay, ein Mann von geringen Kenntnissen im Kriegs- 
wesen, ohne Erfahrung, mit wenig Herz, wandte sich 
schon im Anfang der Unruhen an die Generale der 
Armee und verlangte, daß man die Besatzung ver- 
stärke, die damals bloß aus 80 Invaliden bestund. 
Er wurde abgewiesen, weil man glaubte, daß der Auf- 
stand nie so heftig werde und weil man nicht vermutete, 



266 LUDWIG VON rnjg 

daß es jemandem in den Sinn komme, sich der BastiUe 
zu bemächtigen. Er wiederholte sein Begehren. End- 
lich, am ihn zo berohigen, wmtle ich mit 30 Mann 
aoserwählt ond den 7. Juli dahin abgeschickt. Schon 
am ersten Tag, nachdem ich angekommen, lernte ich 
diesen Mann kennen und sah deutlich aus aUen seinen 
Zurustungen, die er zur Verteidigung seines Postens 
machte und die zu nichts taugten, aus seiner bestän- 
digen Unruhe und Unentschlossenheit, daß wir sehr 
schlecht kommandiert wären, wenn wir angegriffen 
wurden. Er war so voll Furcht, daß er des Nachts 
den Schatten von Bäumen und andern Gegenständen 
für Feinde ansah und wir deswegen die ganze Nacht 
auf den Fußen sein mußten. Die Herren vom Stab, 
des Königs Leutnant, der Platz-Major und ich selbst 
machten ihm öfters Vorstellungen, um ihn einerseits 
wegen der Schwäche der Besatzung, wcnruber er immer 
klagte, zu beruhigen, andrerseits wegen unbedeuten- 
der Vorsorgen, die er traf, während er wichtigere ver- 
nachlässigte. Er hörte sie an, schien sie zu billigen 
und handelte dann wieder ganz anders; darauf änderte 
er wieder und zeigte in seinem ganzen Tun und Lassen 
die größte Unentschlossenheit. Obschon er mit seinem 
Stab und den Offizieren seiner Garnison verabredet, 
das Äußere des Schlosses, wenn sie angegriffen werden, 
so lange als möglich zu verteidigen, so befahl &r den- 
noch den 12. Juli abends, daß wir uns gänzlich in 
das Innere der Festung zurückziehen sollen und das 
Äußere verlassen, wo sich bis dahin die ganze Besat- 
zung aufgehalten, welches ein Posten war, wo maii^ 



i 



LUDWIG VON FLUE 267 



großen Widerstand leisten konnte. Wir mußten ge- 
horchen. Nun waren wir hinter 80 Fuß hohen und 
15 Fuß dicken Mauern, auf die wir besseres Vertrauen 
hatten als auf die Geschicklichkeit des Befehlshabers. 
Am Morgen des 14. Juli kamen Abgeordnete der 
Bürger und verlangten, daß man ihnen das Schloß 
übergebe. Ich glaube, der Herr Gouverneur würde 
das getan haben, wenn nicht die Herren vom Stab 
und ich ihm deutlich zu verstehen gegeben, daß dieses 
für ihre Ehre ungeziemend und nicht ihrer Schuldig- 
keit gemäß sei. Nachmittags um 3 Uhr wurden wir 
angegriffen. Eine Menge bewaffneter Bürger und auch 
einige von den französischen Garden bemächtigten 
sich der Vorhöfe, die wir schon am Tag vorher ver- 
lassen. Der Gouverneur ließ bei jedem Tor nur einen 
bewaffneten Mann, um dieses den Durchgehenden zu 
öffnen und wieder zu schließen. Die Fallbrücke und 
die Tore, welche zum Schloß führten, wurden zerhauen. 
Dieses konnte leicht geschehen, weil es uns verboten 
war, dieselben von den Türmen aus mit unserm Feuer 
zu schützen. Nun kam man zur letzten Pforte, welche 
hauptsächlich den Eingang zur Festung bildet. Nach- 
dem man die Belagerer umsonst ermahnt, sich zurück- 
zuziehen, da wurde endlich befohlen, auf dieselben 
zu schießen. Herr Launay hatte sich mit 30 Inva- 
liden auf die Plattform begeben. 30 andere Invaliden 
waren zu beiden Seiten des Portals in den Zimmern 
und Schießlöchern, um dasselbe zu beschützen. Es 
kostete Mühe, bis sie sich dahin begaben. Erst nach 
vielem Zureden konnte man sie bewegen, auf die 



268 LUDWIG VON FLCB 

Feinde zu schießen. Ich befand mich mü meiner 
Mannschaft in dem Hof des Schlosses, gegenüber dem 
Portal, wo ich die drei Zweipfünder hatte, die Ton 
12 Soldaten bedient worden, um den Eingang za be- 
schützen, wenn das Portal durchhauen wäre. Um 
ihnen den VcMvatz, den sie hatten, das Portal zu 
durchbrechen, beschwerlicher zu machen, ließ ich in 
die aufgezogene Fallbrücke zwei Löcher hauen, worin 
ich zwei Ton meinen Stücken zu setzen gedachte, um 
damit die Brücke zu wischen. Ich konnte aber mit 
selben nicht nahe genug herbeirücken, um sie mit 
Vorteil gebrauchen zu können. Ich ließ desw^en in 
dieselben zwei Ramportgewehre hineinsetzen und sie 
mit Geschmetter laden. Man konnte aber keinen 
großen Gebrauch daTon machen, weil die Feinde sich 
hinter die Mauer der Vorhöfe zurückgezogen hatten, 
von wo sie durch die Schießlöcher auf uns feuerten. 
Unterdessen hatten sie einen Wagen mit brennendem 
Stroh auf den Eingang der Brücke gebracht und das 
Haus des Gouverneurs, welches im Hofe lag, in Brand 
gesteckt. Dieses hinderte uns, daß wir den Feind 
nicht mehr in großer Anzahl sehen konnten. Sie hatten 
fünf Achtpfünderstücke und einen Bombenkessel her- 
beigeführt, welche sie nicht weit davon in Batterie 
gesetzt, von wo sie unsere Türme beschossen, von denen 
mit unsem Kanonen gegen sie gefeuert wurde. Auf 
diese Weise scharmützten wir drei Stunden. Die Be- 
lagerer hatten, wie wir seither gehört, 160 Tote und 
Verwundete. Als die Feinde sahen, daß ihr Geschoß 
ohnmächtig an den Mauern abpralle, machten sie Aq« 



LUDWIG VON FLUß 26g 

Stalten, die Tore einzubrechen und brachten die Stücke 
auf die Brücke, welche zum Portal führt. Sobald Herr 
Launay diese Anstalten von den Türmen aus sah, 
schien er gänzlich den Kopf verloren zu haben. Ohne 
jemanden vom Stab oder von der Garnison zu beraten 
und ihre Meinung zu vernehmen, ließ er durch einen 
Tambour das Zeichen zur Übergabe geben. Ich hörte 
auf zu feuern, sah mich nach Herrn Launay um, den 
ich im Begriffe fand, einen Zettel zu schreiben, worin 
er den Belagerern meldete: er habe 2000 Zentner Pul- 
ver in der Festung; wenn sie die Kapitulation nicht 
annehmen, dann werde er die Festung, die Garnison 
und die ganze Gegend in die Luft sprengen. Ich machte 
ihm Vorstellungen und sagte: Wir seien noch nicht 
dazu genötigt, wir haben noch keinen Schaden er- 
litten, die Tore seien noch unverletzt. Wir seien noch 
nicht im Fall, uns übergeben zu müssen. Er war aber 
unfähig, etwas anzuhören und übergab mir den Zettel 
mit dem Befehl, ihn dem Feinde zukommen zu lassen. 
Ich übermachte ihn durch eines der Löcher, die ich 
zuvor in die Fallbrücke hatte schneiden lassen. Dieses 
blieb ohne Wirkung. Man wollte nichts von Kapitu- 
lation wissen. Ein allgemeines Geschrei: Man solle 
die Tore öffnen und die Fallbrücke herablassen — 
war die einzige Antwort. Ich meldete dem Gouverneur, 
was vorbeigegangen und begab mich unverzüglich zu 
meinem Volk und erwartete den Augenblick, wo Herr 
Launay seine Drohung vollziehen werde. Ich ver- 
wunderte mich sehr, als ich einen Augenblick nachher 
vier Invaliden sah, die sich dem Portale näherten, 



270 LUDWIG VOX FLUB 

dattdbe öffneten und die Fallbrücke heruntoüefien. 
In einem AngenbUck war die Festung mit Volk an« 
gefuIH, das sich unser bemächtigte und uns entwaffnete. 
Wir mußten fürchten, auf hundoierlei Art ermordet 
zu werden. Man plünderte und verhexte das ganze 
Schloß. Wir verlM^n aDes, was wir bei uns hatten. 
Endlich wurde ich mit einigen Ton meinen Solda- 
ten, die während dies^ Vowirrung bei mir geblieben, 
hinaus und nach dem Rathaus geführt, auf dem ganzen 
Weg, welcher fast eine Mertelstunde weit ist, waren 
die Straßen und Häuser bis auf die Däch^ hinauf mit 
unzähligem Volk besetzt, welches mir nichts als Fluch- 
worte und Drohungen zurief. Unterwegs wurden zwei 
Yon meinen Soldaten Ton dem rasenden Volke ermü- 
det und mehrere schwer Towimdet. Ich selbst hatte 
während dieses Zuges eine Menge von Bajonetten, 
Flinten, Degen und Spießen auf meinem Leib. Die- 
jenigen, welche keine Waffen hatten, hoben Steine 
gegen mich auf. Die Weiber knirschten mit den Zäh- 
nen und drohten mit den Fäusten. So kam ich unter 
allgemeinem Geschrei, mit der Aussicht, aufgehängt 
zu werden, bis etwa 200 Schritte vom Rathaus ent- 
fernt, als man schon den Kopf des Herrn Launay 
mir auf einer Lanze entgegenbrachte und selben zum 
Betrachten darbot. Endlich erreichte ich den Platz 
de Grdve, welcher vor dem Rathaus ist. Man führte 
mich neben dem ermordeten Platz-Major vorbei, der 
noch in seinem Blute lag. Man zeigte mir den Leib 
des Aide-Major. Gegenüber war man im Begriff, zwei 
Invalidenoffiziere und drei Gemeine an einem Laternen- 



i 



LUDWIG VON PLUE 



27t 



pfahl aufzuhängen. Diese alle waren noch kurz vorher 
bei mir, und ich pflegte mit ihnen umzugehen, seitdem 
ich in die Bastille gekommen. In dieser Aussicht be- 
stieg ich die Stiege des Rathauses. Man stellte mich 
einer Ratsversammlung vor und klagte mich an, daß 
ich auch schuld sei an dem Widerstand, den man in 
dem Schloß geleistet und an dem Blut, das vergossen 
worden. Ich suchte mich, so gut als möglich, zu ent- 
schuldigen und sagte: Ich sei nicht schuld, da ich 
selbst ein Untergebener gewesen. Wenn einiges Un- 
glück durch mich geschehen, so komme das daher, 
weil ich die Befehle meiner Oberen vollzogen. Endlich, 
um mich und die Überbleibsel meines Volkes denx 
Strange zu entziehen, trug ich ihnen meine Dienste 
an und übergab mich ihnen und der Nation. Ich er- 
klärte, daß ich mit meinem Volke bereit sei, zu ge- 
horchen, wenn ich ihnen einen Dienst erweisen könne. 
Ob nun der Pöbel vom Morden müde war oder ob 
meine Verteidigung ihnen so überzeugend schien — 
plötzlich änderten sich die Gemüter und ein allgemeines 
Händeklatschen und Geschrei: Bravo! Bravo! Bravo! 
Suisse ! zeigte mir, daß man mein Anerbieten angenom- 
men und daß man mir Gnade widerfahren ließ. So- 
gleich brachte man Wein herbei und wir mußten trin- 
ken auf das Wohlergehen der Stadt und der Nation. 
Man führte uns zum Palais Royal in den Garten, um 
uns dem Volke zu zeigen, welches aber noch nicht ganz 
besänftigt schien. Ein Versehen gewann uns alle Ge- 
müter« Zu dieser Zeit wurde gerade ein Staatsgefan- 
gener, den man bei der Einnahme der Bastille befreit. 



272 LUDWIG VON FLUE 

im Triumph im Garten heromgeführt. Als wegen der 
Anwesenheit von Staatsgefangenen ein Gelärm »- 
hoben wurde, da wurden wir ebenfalls als solche an- 
gesehen. In diesem Augenblick hatte alles Mitleid mit 
uns. Einige glaubten sogar die Wundmale Yon den 
Ketten und Banden an unsem Händen zu sehen. Man 
führte uns in einen Saal. Ein Redner stellte sich ans 
Fenster und rief uns herbei, um uns dem im Garten 
zahlreich yersammelten Volke zu zeigen. Er sagte 
nebst anderem: Wir seien befreite Staatsgefangene, 
welche von den Generälen und Offizieren in die Ba- 
stille gesteckt worden, weil ¥rir ihren Befehlen, auf 
die Bürger zu schießen, nicht gehorchen woUten. Wir 
verdienen ihre Hochachtung und er empfehle uns ihrer 
Gutherzigkeit. Es wurde jemand mit einem Körblein 
geschickt, um für uns das Opfer aufzunehmen. Bald 
nachher kam er mit 12 — 15 Gl. zurück und bezahlte 
das Nachtessen, welches man uns unterdessen gegeben 
hatte. Nun wurden wir wieder auf das Rathaus ge- 
führt und zu zwei und drei in verschiedene Bezirke 
verteilt. Mein Wachtmeister, ein Soldat und ich wur- 
den in den Bezirk St. Jean en Gröve geschickt, wo wir 
die Nacht in der Pfarrkirche, die als Wachtstube 
diente, zugebracht. Als wir da angekommen, glaubte 
ich, daß ich nun außer Gefahr sei und für mein Leben 
nicht mehr zu fürchten habe. Ich l^e mich deshalb 
auf eine Bank und woUte schlafen, was ich schon seit 
mehreren Tagen nicht mehr getan. Mehrere Invaliden, 
die mit uns in der Festung gewesen und die man ge- 
fangengenonmien, wurden schon diesen Abend ent- 



LUDWIG VON FLUE 273 

lassen und in ihre Hotels zurückgeschickt. Bevor man 
sie aber gehen ließ, wurden sie über den Hergang der 
Verteidigung des Schlosses und über das Betragen 
eines jeden in Gegenwart von vielem Volk und der 
französischen Garde befragt. Diese klagten sehr über 
mich und sagten: Ich habe die größte Schuld an dem 
Widerstand, den man geleistet. Ich habe sie zu feuern 
angehalten. Ich sei der einzige gewesen, welcher die 
Festung erhalten wollte. Ohne mich wäre' das Schloß 
wahrscheinlich, ohne daß man einen Schuß getan, 
übergeben worden. Dadurch wurde das Volk wieder 
neuerdings gegen mich aufgebracht. Sogleich setzte 
man mich in Kenntnis von dem, was vorgefallen. Man 
beschnarchte mich, drohte mir und versicherte mir, 
daß meine Sache noch keineswegs ausgemacht sei und 
daß man erst am morgigen Tag über mich absprechen 
werde. Es wurde der Wache wieder auf ein neues 
befohlen, mich mit Sorgfalt zu bewachen. Ein Teil 
der Invaliden wurde erst am 15. morgens entlassen. 
Auch diese wurden zuerst verhört. Diese klagten mich 
ebenfalls an, und sie hätten es wahrscheinlich so weit 
gebracht, daß man mich noch an diesem Tage auf- 
gehängt hätte, wenn nicht ein Unbekannter, der Ge- 
walt hatte, Stillschweigen geboten und gesagt: Sie 
haben jetzt genug Unglückliche gemacht, es sei nicht 
notwendig, daß noch mehr Blut vergossen werde, und 
ihnen befohlen hätte, nicht mehr über mich zu reden. 
Als ich in dieser Ungewißheit meines Schicksals mich 
befand, bemerkte mich um Mittag im Vorbeigehen 
ein Chevalier der königlichen Arquebusiers mit Namen 

Landauer, Briefe aus der franzfle. Eevolution I 18 



274 LUDWIG VON FLUE 

Ricart, der mir schon am Abend vorher große Dienste 
geleistet, indem er mich vor der Wut des Volkes ge- 
schützt. Dieser wahre Menschenfreund ging sogleich, 
und unter dem Vorwand, mich der Arquebusier- 
kompagnie einzuverleiben, bewirkte er einen Befehl, 
gemäß dem man mich aus dem Verhaft entließ. Er 
führte mich nach Hause und bewirtete mich. Einige 
von xneinen Soldaten, die er ebenfalls befreit^ sind 
auf seine Kosten in einem Gasthaus bewirtet worden. 
Sie mußten freilich mit der Arquebusierkompagnie 
in der Stadt Dienst verrichten. Nebstdem waren sie 
ebenso frei wie ich. Am andern Tag verschaffte ich 
mir einen Bürgerrock. Mein Gastgeber sorgte, daß 
ich einen Paß erhielt, mit dem ich ungehindert in der 
Stadt umhergehen konnte. Ich fühlte mich glücklich, 
daß ich, obschon ich Kriegsgefangener war, dem Re- 
giment einen Dienst erweisen und bewirken konnte, 
daß ihm die Bagage, welche man ihm weggenommen 
hatte, wieder zugewendet würde. Nachdem es in Paris 
allmählich wieder ein wenig ruhiger geworden, wandte 
ich mich mehrere Male an Herrn La Fayette und bat 
ihn um meine Entlassung. Unter verschiedenem Vor- 
wand wurde ich immer wieder zurückgehalten. Endlich, 
nachdem ich etwa 15 Tage in Paris gewesen und alle 
die Grausamkeiten, die damals verübt wurden, ge- 
sehen, erteilte mir Herr de Landrai, Commandant 
en Second, einen Urlaub und ich kehrte zum Regi- 
ment zurück, welches ich zu Pontoise antraf. Der 
rührende Empfang von meinen Chefs und Kameraden, 
die Freude, die sie darüber äußerten, daß ich dem 



LUDWIG VON FLUE 275 

Unglück entronnen sei, und das Vergnügen, welches 
ich hatte, als ich so gute Freunde sah, entschädigten 
mich vollständig für die Mühseligkeiten, die ich ge- 
litten, seitdem ich sie verlassen hatte. 

Hier haben Sie den ganzen Verlauf dieser Begeben- 
heit. Nun werden Sie urteilen können über verschie- 
dene Erzählungen, die bezüglich der Einnahme der 
Bastille verbreitet, und von denen Sie wohl auch ge- 
lesen haben. Daraus können Sie nun schließen, was 
von der Verräterei des Herrn Launay, deren er be- 
schuldigt wurde, zu halten ist. Aus dem, was ich weiß 
und gesehen habe, kann ich nicht herausfinden, daß 
er gegen die Stadt oder die Bürgerschaft verräterisch 
gehandelt. * Wenn er das Schicksal, das er gelitten, 
verdient, so hat er es nicht von Seiten der Nation 
verdient. 



18» 



GOUVERNEUR MORRIS 

Gouverneur Morris (Gouverneur ist kein Titel, sondern sein 
Vorname), 1752 — 1816, Anwalt, Politiker; reiste Anfang 1789 
aus privater Veranlassung, zugleich aber in politischer Mission, 
aus den Vereinigten Staaten nach Frankreich. 1792 half er mit 
Geldmitteln bei einem Versuch zur Flucht des Königspaars 
aus Paris. Im selben Jahr wurde er der Vertreter der Ver- 
einigten Staaten in Frankreich und blieb auch während des 
Schreckensregiments auf seinem Posten« 1794 wurde er auf 
Verlangen der französischen Regierung abberufen. 

The Life of Gouverneur Morris &c. by Jared Sparks. 8 vols. 
Boston 1832. 



i. 

i 



An den Grafen von Moustier*) 

Paris, 23. Februar 1789. 

. . . Ihre Nation ist jetzt in einer höchst wichtigen 
Krise, und die große Frage: werden wir von nun an 
eine Verfassung haben, oder wird die Willkür weiter 
Gesetz bleiben, beschäftigt alle Köpfe und bewegt alle 
Herzen in Frankreich. Selbst die Wollust erhebt sich 
jetzt von ihrem Rosenlager und blickt bange hinaus 
auf die bewegte Bühne, vor der jetzt niemand teil- 
nahmlos bleiben kann. 

Ihre Adligen, Ihre Geistlichkeit, Ihr Volk, alle sind 
in Bewegung für die Wahlen. Ein Geist, der seit Ge- 
nerationen im Schlaf gelegen war, steht auf und starrt 
umher; er kennt nicht die Mittel, sein Ziel zu erlangen, 
aber er ist leidenschaftlich entbrannt, es zu erzielen, 
und ist also tätig, energisch, leicht zu lenken, aber 
auch leicht, zu leicht, in die Irre zu führen. So steht 
es um die instinktive Liebe zur Freiheit, die jetzt 
warm im Busen Ihres Landes ersteht. Die Ehrerbie- 
tung vor dem Herrscher, die ein besonderes Merkmal 
des Franzosen ist, stachelt und befestigt bei dieser 
Gelegenheit solche Gesinnungen, von denen man bis- 
her geglaubt hatte, sie wären der Monarchie äußerst 
feindlich; denn Ludwig XVI. hat selbst auf seinem 
Thron den Wunsch verkündet, es möchte jede 



*) Der spätere Marquis v. M., damals Gesandter Frankreichs 
in den Vereinigten Staaten. 



28o GOUVERNEUR MORRIS 

Schranke niedergerissen werden, die von der Zeit 
oder dem Zufall dem allgemeinen Glück seines Volkes 
in den Weg gestellt worden sein mag. 

Es wäre anmaßend von mir, wenn ich über die Wir- 
kungen solcher Ursachen auch nur Vermutungen auf- 
stellen wollte, da sie in einem Material und in Situa- 
tionen vor sich gehen, von denen ich zu bekennen habe, 
daß ich gar nichts von ihnen weiß. Mir ist, als wäre 
ich schon zu weit gegangen, indem ich zu beschrei- 
ben versucht habe, was ich wahrzunehmen glaubte. 
Aber ehe ich den Gegenstand verlasse, muß ich den 
Wunsch, den innigen Wunsch aussprechen, diese große 
Gärung möge nicht nur zum Heil, sondern zum Ruhme 
Frankreichs enden. Auf die Szenen, die sich jetzt 
auf seiner großen Bühne abspielen, richten sich die 
Augen des Universums, nicht ohne Bangigkeit, und 
der Ehre der Nation muß alles an einem glücklichen 
Ausgang liegen. Gestatten Sie also, daß ich die Mei- 
nung ausspreche, daß, bis dieser Ausgang bekannt ist, 
in allen schwebenden Angelegenheiten, den auslän- 
dischen wie den heimischen, eine Pause wird eintreten 
müssen. 

Horaz sagt, wir wechselten, wenn wir übers Meer 
fahren, unser Klima, nicht unsre Seelen. Ich kann 
sagen, was er nicht sagen konnte, daß ich auf dieser 
Seite des Atlantischen Ozeans etwas antreffe, was 
Ähnlichkeit mit dem hat, was ich drüben verlassen 
habe: eine Nation, die in Hoffnungen, Aussichten und 
Erwartungen lebt. Die Ehrfurcht vor alten Einrich- 
tungen ist vergangen, bestehende Formen sind bis 



GOUVERNEUR MORRIS 281 

zum Fundament erschüttert, und eine neue Ordnung 
der Dinge will erstehen, in der alle früheren Einrich- 
tungen, vielleicht sogar bis auf die Namen, die sie 
führten, werden mißachtet werden. 

Zur Beurteilung der Bewegung und Umwälzung, 
die jetzt die Geister aller aufwühlt, kann ich Ihnen 
keinen besseren Maßstab geben, als daß ich Ihnen 
sage, was in allem Ernst wahr ist, daß ich die Feder 
zur Hand genommen habe, um Ihnen Nachrichten von 
Ihren Freunden zu geben und den Eindruck zu be- 
schreiben, den die Gegenstände, die sich in dieser 
großen Hauptstadt, ich sage nicht Frankreichs, son- 
dern Europas, unablässig aufdrängen, auf meinen Geist 
gemacht haben. Und habe ich es getan? Ja; denn 
der eine große Gegenstand, in den alle verstrickt sind, 
hat gleich Aarons Stab in Ägypten jeden andern Zau- 
ber, von dem Frankreich berückt war, verschlungen . . . 



An William Carmichaer) 

Paris, 25. Februar 1789. 

• . . Apropos — Lord Chesterfield macht die gute 
Bemerkung, daß wir diesen Ausdruck immer anwen- 
den, um etwas einzuleiten, was nichts mit der Sache 
zu tun hat — apropos also, ich habe hier die selt- 
samste Beschäftigung, die man sich denken kann. Als 
ein Republikaner, und dazu noch als einer, der aus 



*) Geschäftsträger der Vereinigten Staaten in Spanien. 



282 GOUVERNEUR MORRIS 

der Versammlqng*) hervorg^angen ist, die eine der 
repoblikaiiischsteii aller republikanischen Verfassmigeii 
gegründet hat, predige ich ohne Unterlafi Achtung 
▼or dem Fürsten, Racksicht auf die Rechte des Adeb, 
und Mäßigung nicht nur im Ziel, sondern auch auf 
den Wegen, die zu ihm fähren sollen. Das alles, wer- 
den Sie sagen, ist nicht meines Amtes; aber ich sehe 
Frankreich als den natürlichen Bundesgenossen meines 
Landes an, und natürlich sind wir an seinem Wohl- 
ergehen interessiert; überdies, die Wahrheit zu sagen, 
liebe ich Frankreich, und da ich glaube, dafi der König 
ein ehrlicher und guter Mensch ist, will ich ihm auf- 
richtig wohl, und dies um so mehr, als ich überzeugt 
bin, daß er ernsthaft das Glück seines Volkes wünscht. 



An George Washington**) 

Paris, 3. Mfirz 1789. 

. . . Unser Freund, der Marquis von La Fayette, ist 
jetzt in der Auvergne und besorgt seine Wahl. Dieses 
Land bietet dem, der seine Vorstellungen aus Büchern 
und Nachrichten bezogen hat, die ein halbes Dutzend 
Jahre alt sind, ein erstaunliches SchauspieL Alles ist 
nach englischer Mode, und das Verlangen, die Eng- 
länder nachzuahmen, herrscht gleichermaßen im 



*) Oeneralversammlung von 1787, die die Bandesakte ent- 
worfen hat. 

**) Jetzt eben, am 4. März, wurde W. zum Präsidenten der Ver- 
einigten Staaten gewählt. 



GOUVERNEUR MORRIS 283 

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Schnitt eines Rocks und der Form einer Verfassung. 
Wie die Engländer machen sich auch alle mit Parla- 
mentieren zu schaffen; und wenn wir bedenken, wie 
neu dieses letztgenannte Geschäft sein muß, ver- 
sichere ich Sie, daß ihr Fortschritt keineswegs zu ver- 
achten ist . . . 



An Dr. John Jones 

Paris, 18. April 1789. 

Ich bin schon ganz überzeugt, daß ich nicht zu 
einem Reisenden geschaffen bin; und doch war ich 
andrer Meinung, als ich Amerika verließ. Aber was 
werden Sie zu einem Manne sagen, der durch Ronen 
gereist ist, ohne die große Glocke zu sehen, und der 
über zwei Monate in Paris gewesen ist, ohne den Turm 
von Notre-Dame zu besteigen; der ins Innere keiner 
Kirche gekommen ist, mit Ausnahme von einer, die 
noch im Bau ist; der erst dreimal in Versailles gewesen 
und keinmal davon den König oder die Königin ge- 
sehen hat und auch nicht den Wunsch hatte, sie zu 
sehen; und der, wenn er hier noch zwanzig Jahre 
bliebe, immer noch nicht wüßte, wie lang der Louvre, 
wie breit der Pont Neuf, wie tief die Seine ist, und 
noch tausend andre Längen, Breiten und Dimensionen 
nicht kennte, die, wie jeder weiß, von größter Wich- 
tigkeit sind? 

Wenn Sie mich fragen sollten, was ich gesehen habe, 
würde ich mit den Worten von Nat Hyde stotternden 
Angedenkens antworten: Schwer zu sagen. In Paris 



284 GOUVERNEUR MORRIS 

lebt man in einer Art ^^belwind, der einen so schnell 
im Kreise herumdreht, daß man nichts sehen kann. 
Und da alle Menschen und Sachen in dem nämlichen 
schwindelerregenden Zustand sind, kann man weder 
sich selbst noch seinen G^^enstand zu ordentlicher 
Prüfung in eine ruhige Lage bringen. Daher sind die 
Bewohner dieser Metropole in die Notwendigkeit yct- 
setzt, ihr endgültiges Urteil nach dem ersten raschen 
Blick auszusprechen; und da sie so daran gewohnt 
sind, die Vögel im Fluge herunterzuschießen, haben 
sie, was die Jäger einen schnellen Blick nennen. Ex 
pede Herculem*). Sie erkennen einen witzigen Kopf an 
seiner Schnupftabakdose, einen Mann von Geschmack 
an seiner Schleife und einen Staatsmann am Rock- 
schnitt. Zugegeben, sie schießen, wie andre Jäger, 
manchmal daneben; aber dann haben sie, wie andre 
Jäger, von der Ungeschicklichkeit abgesehen, tausend 
Entschuldigungen. Sie wissen, der Hund, oder det 
Vogel, oder das Pulver, oder die Zündung, oder sogar 
die Büchse kann schuld sein, nicht zu reden vom 
Schützen. 

Wir sind g^enwärtig in einer feinen Situation für 
eine Sache, die die Stutzer und Lebemänner wohl 
einen lustigen oder prächtigen Spaß nennen würden. 
Die Minister haben diese Stadt durch die Art, wie sie 
sie zur Wahl ihrer Vertreter zu den Generalstaaten 
berufen haben, geärgert, und zu gleicher Zeit ist das 
Brot teurer geworden, so daß, wenn sich am kommen- 
den Montag, Dienstag und Mittwoch das Volk mit 

*) Am Fuß (erkennen sie) den Herkolee, 



GOUVERNEUR MORRIS 285 

80 was wie Hunger und Unzufriedenheit versammelt, 
der kleinste Funke alles in Flammen setzen würde. 
Die Staatsärzte haben als eine Art Gegengift zwischen 
15 und 20 000 Mann reguläre Truppen in und um die 
Stadt gelegt, so daß auf jeden Fall die wackeren 
Bürgersleute nicht den ganzen Spaß für sich allein 
haben können. Diese Maßregel ist eher dazu angetan, 
einen Aufruhr hervorzurufen als zu verhüten. Denn 
etliche aus dem jungen Adel haben sich zu dem tat- 
kräftigen Glauben an die natürliche Gleichheit des 
Menschengeschlechts aufgeschwungen und bäumen 
sich gegen alles auf, was wie Zwang aussieht. Es 
laufen etliche Anekdoten der Art um, die kuriosesten 
und drolligsten, die man sich denken kann, aber ich 
habe weder Zeit noch Lust, sie mitzuteilen. 



An George Washington 

Paris, 29. AprU 1789. 

Das Material für eine Revolution in diesem Land 

ist sehr gemischt. Jeder gibt zu, daß es um die Moral 
hier äußerst schwach bestellt ist; aber dieser allgemeine 
Satz kann einem amerikanischen Kopfe nie einen Be- 
griff von dem Grad der Verderbtheit geben. Durch 
keine rhetorische Figur oder Sprachgewalt kann man 
ein Bild davon geben. Hundert Anekdoten und hun- 
derttausend Beispiele sind nötig, um die äußerste 
Fäulnis jedes einzelnen Gliedes zu zeigen. Es gibt 
Männer und Frauen, die groß und hervorragend tu- 



286 GOUVERNEUR MORRIS 

gendbaft sind. Ich habe das Vergnügen, viele zu meiner 
eigenen Bekanntschaft zu zählen; aber sie heben sich 
von einem Hintergrund ab, der tief und dunkel im 
Schatten liegt. Aus solchem bröckligen Stoff jedoch 
muß hier das große Gebäude der Freiheit errichtet 
werden. Kann sein, daß er gleich der Gesteinschicht, 
die unter der ganzen Oberfläche ihres Landes ver- 
breitet ist*), härter wird, wenn er der frischen Luft 
ausgesetzt wird, aber es ist ganz ebenso möglich, daß 
er zusammenfallen und die Bauleute erschlagen wird. 
Ich gestehe Ihnen, daß ich nicht frei von solchen 
Befürchtungen bin, denn es gibt hier ein verhängnis- 
volles Prinzip, das alle Stände durchdringt. Das ist 
vollkommene Gleichgültigkeit gegen die Verletzung 
übernommener Verpflichtungen. Unbeständigkeit ist 
diesem Volk so in Fleisch und Blut und wahrhaftes 
Wesen übergegangen, daß, wenn ein Mann von hohem 
Ansehen und Rang heute über das lacht, was er gestern 
ernsthaft behauptet hat, das als die natürlichste Sache 
von der Welt betrachtet wird. Verläßlichkeit ist ein 
Wunder. Ermessen Sie danach, was ein Bündnis wert 
wäre, wenn so etwas vorgeschlagen und sogar ein- 
gegangen würde. Die große Masse des gemeinen Vol- 
kes hat keine Religion, als ihre Priester, kein Gesetz, 
als ihre Vorgesetzten, keine Moral, als ihr Interesse. 
Das sind die Geschöpfe, die, geführt von trunksüch- 
tigen Pfarrern, jetzt gewaltig in Freiheit schwelgen, 
und die erste Anwendung, die sie von ihr machen, ist, 
allenthalben um des Brotmangels willen Aufstände 

*) Kreide und Jura. 




/ 



GOUVERNEUR MORRIS 287 

hervorzurufen. Wir haben hier gestern und ehegestern 
einen kleinen Putsch gehabt, und man sagt mir, einige 
Männer seien dabei ums Leben gekommen; aber die 
Sache spielte sich so weit von dem Stadtviertel ab, 
in dem ich wohne, daß ich keine Einzelheiten weiß . . . 



An John Jay 

«^ Paris, 1. Juli 1789. 

Ich bin zu beschäftigt, um die Zeit zur Benutzung 
einer Chiffre zu haben, und in der Tat hat die hiesige 
Regierung so viel mit ihren eigenen Angelegenheiten 
zu tun, daß es keine Gefahr ist, Ihnen einen Brief in 
einem Umschlag zu senden. Daß dieser jedoch sicher 
geht, bin ich so gut wie gewiß ... 

Die Soldaten in dieser Stadt, besonders die Gardes 
Fraq^aises erklären, daß sie nicht gegen das Volk vor- 
gehen wollen. Sie werden nun vom Adel freigehalten 
und ziehen mit lauten Jubelrufen auf den dritten 
Stand betrunken in den Straßen herum. Einige von 
ihnen sind infolgedessen eingesperrt worden, nicht 
durch die Stärke, sondern durch die Verschlagenheit 
der Regierung. In der letzten Nacht wurde dieser 
Umstand bekannt, und sofort begab sich ein Mob 
nach dem Gefängnis. Die Soldaten, die auf Wache 
standen, nahmen ihre Bajonette herunter und schlös- 
sen sich den Angreifern an. Eine Abteilung Dragoner, 
die man mit dem Auftrag entsandte, die Tumultuanten 
zu zerstreuen, hielt es für besser, mit ihnen zu trin- 



288 GOUVERNEUR MORRIS 

ken und in ihr Quartier zurückzukehren. Die Solda- 
ten, zusammen mit andern Gefangenen aus demselben 
Arresthaus wurden dann im Triumphzug nach dem 
Palais Royal geführt, das jetzt der Angelpunkt der 
Freiheit in dieser Stadt ist, und da hatten sie, wie 
gewohnt, ihr Fest miteinander. Wahrscheinlich wer- 
den heute abend noch ein paar Gefängnisse geöffnet 
werden; denn Liberte ist jetzt der allgemeine Ruf, und 
Autorität ist ein Name, keine Wirklichkeit. Der Hof 
ist dabei, in der Nähe von Paris ein Lager von 
25 000 Mann unter dem Befehl des Marschalls von 
Broglie zu bilden. Ich kenne ihn nicht persönlich, 
kann also nicht beurteilen, was man von seiner Fähig- 
keit zu erwarten hat; aber nach allem, was ich erfahre, 
wird er seine Armee nie dazu bringen, gegen das Volk 
vorzugehen. Die Gardes du Corps sind, so seltsam 
es scheinen mag, im allgemeinen ebenso warme An- 
hänger des dritten Standes wie irgend sonst wer, so 
daß in Wahrheit das Schwert den Händen des Monar- 
chen entglitten ist, ohne daß er's im geringsten merkt. 
All das bei einer Nation, die noch nicht durch Er- 
ziehung und Sitte an den Genuß der Freiheit gewohnt 
ist, läßt mich häufig den Verdacht hegen, daß sie weit 
über ihr Ziel hinausschießen, wenn sie es nicht in 
Wahrheit schon getan haben. Schon reden manche 
Leute davon, das Veto des Königs gegen Gesetze zu 
beschränken. Und da sie bis jetzt die im Namen ihrer 
Fürsten ausgeübte Autorität streng zu spüren bekom- 
men haben, scheint ihnen jede Beschränkung dieser 
Autorität erstrebenswert. Die Übel einer zu schwa- 



GOUTERNEUR MORRIS 289 

chen Exekutive haben sie nie zu spüren bekommen, 
und so machen vorerst die Unordnungen, die von der 
Anarchie zu fürchten sind, keinen Eindruck . . . 

. . . Meine Meinung ist, daß der König sich allem 
fügen würde, wenn er dadurch auf gute Art sich aus 
der Schlinge ziehen könnte, in die er sich verfangen 
hat. Die Königin — verhaßt, gedemütigt, gereizt — 
regt sich auf und heuchelt und intrigiert, um ein 
paar kümmerliche Reste der königlichen Autorität zu 
retten; aber wissen, daß sie einen Schritt begünstigt, 
ist das sicherste Mittel, seinen Erfolg zu vereiteln. 

Der Graf von Artois ist gleich verhaßt und gleich 
geschäftig, hat jedoch weder den Verstand, sich selbst 
zu raten, noch sich Ratgeber zu wählen, geschweige 
denn, daß er andern raten könnte. Die Adligen blicken 
nach Hilfe zu ihm auf und lehnen sich an etwas, wo- 
von sie wissen, daß es ein gebrochenes Rohr ist, aber 
sie haben nirgends eine festere Stütze. In ihrer Angst 
fluchen sie auf Necker, der in Wahrheit weniger die 
Ursache als das Werkzeug ihrer Leiden ist. Seine 
Volkstümlichkeit kommt jetzt mehr von dem Wider- 
stand, dem er bei der einen Partei begegnet, als von 
irgend ernsthafter Schätzung bei der andern. Der 
Versuch, ihn niederzuwerfen, schützt ihn vor dem 
Fall. Er hat nicht mehr das Übergewicht im Rat, 
das noch vor vierzehn Tagen alles entschied. Wenn 
sie nicht Angst vor den Folgen hätten, würde er ent- 
lassen werden; und aus demselben Prinzip hat der 
König seinen Rücktritt abgelehnt. Wäre seine Ge- 
schicklichkeit gleichen Ranges mit seinem Geist, und 

Landauer, Briefe aus der französ. Eevolution I 19 



290 GOUVERNEUR MORRIS 

w&re er so von Festigkeit getragen, wie er vom Ehr- 
geiz besessen ist, so hätte er die erhabene Ehre, über 
zwanzig Millionen seiner Menschenbrüder eine freie 
Verfassung zu geben und würde lange in ihren Herzen 
herrschen und den einstimmigen Beifall der Nachwelt 
empfangen. Aber so wie er ist, muß er bald fallen; ob 
sein Abgang physisch oder moralisch sein wird, hängt 
von Ereignissen ab, die ich nicht vorhersehen kann. 
Die beste Aussicht, die das Königtum hat, ist, daß 
Ausschreitungen im Volk erlauben, zu den Waffen zu 
rufen. So wie die Dinge jetzt laufen, muß der König 
von Frankreich bald einer der eingeschränktesten Mon- 
archen von Europa sein. 



An William Carniichael 

Paris, 4. Juli 1789. 

... In der Tat hat dieses Land, ohne daß man darauf 
achtete, eine große Veränderung durchgemacht. Der 
Adel, der heute im Besitz weder der Stärke, noch des 
Reichtums, noch der Talente der Nation ist, hat seinen 
Angreifern eher Hochmut als Gründe entgegengesetzt. 
Sie beschäftigten sich damit, die teuern Privilegien 
lang verstrichener Jahrhunderte zu liebkosen und am 
Hof herumzulärmen, während ihre Gegner sich allent- 
halben völlig in den Besitz des öffentlichen Vertrauens 
gesetzt haben. Diese, da sie die Stärke dieser ihrer 
Stellung kennen und fühlen, sind mit einer Kühnheit 
vorwärts gegangen, die denen, die nicht mit allen Tat- 



GOUVERNBUR MORRIS ^t 

Sachen vertraut waren, wie tolle Verwegenheit vor- 
kommen müßte. Aber diese Kühnheit war achtung* 
gebietend. 

Die Leute, die an der Spitze des Widerstandes gegen 
sie stehen, sind nicht im Besitz von Talent oder Tu- 
gend. Das Oberhaupt hat nicht einmal Mut, und Sie 
wissen, daß ohne ihn in Revolutionen nichts zu wollen 
ist. Die französischen Truppen würden, soweit man 
darüber Sicherheit erlangen kann, gegen ihre Lands- 
leute nicht dienen; und die fremden Truppen sind 
nicht zahlreich genug, um einen ernsthaften Eindruck 
zu machen. Das Volk dieser Stadt geht (vermöge 
jenes unsichtbaren Instinkts, der in jedem Lebewesen 
das Verhalten hervorbringt, das seiner Situation an- 
gemessen ist) denselben Weg, der die Morgenröte des 
amerikanischen Widerstandes bezeichnete. Noch vor 
drei Monaten erzeugte der Anblick eines Soldaten eine 
heilige Scheu. Jetzt reden sie davon, ganze Regimen- 
ter anzugreifen, und in der Tat gibt es nicht selten 
eine oder die andere Rauferei mit den fremden Trup- 
pen. Diese Meinung, auf die man überall stößt, wird 
von Tag zu Tag stärker . . . 



George Washington an Gouverneur Morris 

Neuyork, 13. Oktober 1789. 

. . . Die Revolution, die in Frankreich durchgeführt 
wurde, ist von so wunderbarer Natur, daß der Geist 
ftich die Tatsache kaum vergegenwärtigen kann. Geht 



202 GEORGE WASHINGTON 

sie 80 ZU Ende, wie unsre letzten Berichte vom 1. Au- 
gust ankündigen, so wird diese Nation die mächtigste 
und glücklichste in Europa werden; ich fürchte jedoch, 
daß es, ob sie zwar triumphierend durch ihren 
ersten Kampf hindurchgegangen ist, nicht der letzte 
sein wird, der ihr zu schaffen macht, ehe die Dinge 
endgültig geregelt sind. Mit einem Wort, die Revo- 
lution ist zu groß, um in so kurzer Zeit und mit so 
geringem Blutverlust erledigt zu sein. Die Kränkung 
des Königs, die Intrigen der Königin und die Un- 
zufriedenheit der Prinzen und des Adels wird zu Spal- 
tungen führen, wenn mögUch, in der Nationalver- 
sammlung, und sie werden sich ohne Frage jeden fal- 
schen Schritt bei der Errichtung der Verfassung zu 
nutze machen, wenn sie nicht zu einem offeneren, tat- 
kräftigeren Widerstand übergehen. Dazu kommt noch, 
daß die Zügellosigkeit des Volks auf der einen und 
blutige Bestrafungen auf der andern Seite, die best- 
gesinnten Freunde aufbringen und nicht wenig dazu 
beitragen werden, daß das Ziel ihres Strebens zunichte 
gemacht wird. Große Mäßigung, Festigkeit und Vor- 
aussicht in den Bewegungen dieser Körperschaft sind 
nötig. Es zu vermeiden, von einem Extrem ins andre 
zu fallen, ist nichts Leichtes, und wenn es dazu konmien 
sollte, können Klippen und Riffe, die jetzt nicht zu 
sehen sind, das Schiff zum Scheitern bringen und 
einen höher gespannten Despotismus erzeugen als der 
eine, der zuvor war. 



i 



GOUVERNEUR MORRIS 



293 



An Thomas Jefferson*) 

Paris, 22. August 1792. 

. . . Die verschiedenen Gesandten und Bevollmäch- 
tigten ergreifen alle die Flucht, und wenn ich bleibe, 
werde ich allein sein. Ich gedenke indessen zu bleiben, 
es sei denn, daß die Umstände mein Fortgehen ge- 
bieten würden, weil es, wenn man sagen will, daß meine 
Beglaubigungsbriefe der Monarchie und nicht der Re- 
publik gelten, eine gleichgültige Sache wird, ob ich 
in der Zeit, die erforderlich sein mag, bis Ihre Anwei- 
sungen eintreffen oder bis die Sachen hier zur Erle- 
digung kommen, in diesem Lande bleibe oder nach 
England gehe. Fortzugehen würde jedoch so aussehen, 
als nähme ich gegen die jüngste Revolution Partei, 
und ich bin in dieser Hinsicht nicht nur nicht autori- 
siert, sondern muß annehmen, daß die Vereinigten 
Staaten, wenn die große Mehrheit der Nation der 
neuen Form zustimmt, sie anerkennen werden; denn 
in erster Linie haben wir kein Recht, diesem Lande 
die Regierung, die es annehmen will, vorzuschreiben, 
und dann ist die Grundlage unsrer eigenen Verfassung 
das unveräußerliche Recht des Volkes, sie zu errichten. 

Unter denen, die Paris verlassen, befindet sich der 
venezianische Gesandte. Das Auswärtige Amt versah 
ihn mit Pässen, aber er wurde trotzdem an der Bar- 
riere angehalten, nach dem Rathaus gebracht, dort 

stundenlang verhört und seine Wagen wurden be- 

__^_— — — ^— — ^^— — - • 

♦) J., der Morris Vorganger in Paris gewesen war, war jetzt 
Staatssekretär. 



294 GOUVERNEUR MORRIS 

sichtigt und durchsucht. Diese Verletzung der Rechte 
des Gesandten konnte, wie Sie sich denken können, 
nicht verfehlen, Eindruck zu machen. Man gab mir 
deutlich zu verstehen, die Ehre meines Landes und 
meine eigene erfordere, daß ich fortgehe. Aber ich 
bin andrer Meinung und möchte eher annehmen, dafi 
die, die solche Winke geben, einigermaßen von der 
Furcht beeinflußt sind. Nicht zu leugnen, die Lage 
ist nicht ohne Gefahr; aber ich nehme an, daß, als 
der Präsident mir die Ehre erwies, mich zum hiesigen 
Gesandten zu ernennen, dies nicht zu meiner persön- 
lichen Annehmlichkeit oder Sicherheit geschah, son- 
dern zur Förderung der Interessen meines Landes. 
Diese also will ich, so gut ich's verstehe, auch ferner im 
Auge behalten, und die Folgen liegen in Gottes Hand. 



An Thomas Jefferson 

Paris, 30. August 1792. 

. . . Gestern abend zwischen zehn und elf Uhr er- 
hielt ich den Besuch von einigen Kommissaren der 
Sektion, die kamen, weil irgendein Dummkopf oder 
Schurke die Denunziation eingereicht hatte, ich hätte 
in meinem Hause Waffen versteckt. Ich führte ihnen 
die Ungehörigkeit ihres Vorgehens zu Gemüte, sagte 
ihnen, ich hätte keine Waffen, wenn ich aber welche 
hätte, sollten sie nicht eine einzige anrühren. In diesem 
Fall müßten sie sich durch Vermittlung ihres Ministers 
des Auswärtigen an mich wenden und mich bitten, 
sie herauszugeben. Ich drang darauf, daß der Mann, 




GOUVERNEUR MORRIS 295 

der sich herausgenommen hatte, diese Denunziation 
zu machen, ergriffen würde, dann würde ich beweisen, 
daß er falsche Angaben gemacht habe damit er be- 
straft werden könne. Der Auftritt endete damit, daß 
sie sich entschuldigten. Gestern abend war eine allge- 
meine Haussuchung und Durchsuchung nach Waffen, 
ich vermute auch nach Personen, in der ganzen Stadt*). 
Sie dauert noch an. Heute zwischen neun und zehn 
Uhr besuchte mich der Kommissar unter vielen Ent- 
schuldigungen und brachte meine Antwort zu Papier, 
so daß wir als gute Freunde schieden. 

Sie sehen aus alledem, werter Herr, daß ich, wenn 
ich wollte, genügend Gründe hätte, beleidigt zu sein 
und abzureisen; aber ich will, wenn möglich, bleiben, 
um Ihnen die möglichst vollkommene Freiheit des 
Handelns zu wahren. In Wahrheit fühle ich mich 
von dem, was das Volk getan hat, nicht beleidigt, 
weil man nicht wohl verlangen kann, daß die Leute 
etwas vom Völkerrecht verstehen, und weil sie in 
einer Verfassung unbeschreiblicher Wut sind, die sie 
allen Eindrücken zugänglich und zu allen Ausschrei- 
tungen fähig macht. Ich werde mich trotzdem be- 
mühen, die geziemende Festigkeit zu bewahren, und, 
geschehe was da wolle, ich hoffe, daß meine Freunde, 
wenn sie auch möglicherweise Gelegenheit haben, 
mein Schicksal zu beklagen, nie genötigt sein werden, 
über meine Haltung zu erröten. 

*) Die von Danton, dem Justizminister, durchgesetzten Haus- 
suchungen, denen die Septembermorde in den Gefängnissen folgten. 



296 HUBER 



Huber an Lord Auckland*) 

Paris, Dienstag, 14. Juli 1789**). 

. . . Nun wieder zu Herrn Necker zurück. Ich war 
letzten Samstag bei ihm in engstem Kreis zum Diner; 
da er beabsichtigt hatte, an diesem Morgen nach Paris 
zu kommen, hatte er keine Gesellschaft eingeladen. 
Ehe wir uns zu Tisch setzten, sagte man ihm, Herr 
de la Luzerne***) wünsche ihn zu sprechen. Er kam 
zurück, sprach ein paar Worte mit seiner Frau, wir 
setzten uns. Es waren nur sein Bruder, Frau von Sta§l, 
der Erzbischof von Bordeaux, ein intimer Freund und 
ich da. Ich habe nie größere Heiterkeit, größere Auf- 
merksamkeit auf ihre Gäste, größere Geistesgegenwart 
gesehen. Er drückte nur eben bei Tisch Frau von Staöls 
Hand, die sie ihm gereicht hatte. Nach dem Essen 
sagte er, es sei angenehmes Wetter, und da er an diesem 
Abend keinen Ministerrat zu besuchen habe, wolle er 
frische Luft schöpfen. Er fuhr mit Frau Necker nach 



*) Dieser Huber war ein aus Genf stammender naturalisierter 
Engländer, der jetzt in Paris wohnte, ein Freund Neckers; ob er 
ein Verwandter des großen Bienenforschers Franz Huber aus Genf 
war? — Lord Auckland führte diesen Titel damals noch nicht; er 
hieß noch Sir William Eden (1745 — 1814). Er war damals eng- 
lischer Gesandter in Holland. — The Journal and Correspondence 
of William Lord Auckland. 2 vols. London 1861. 

♦♦) Der Anfang des Briefes beschäftigt sich mit den Vorgängen 
in Versailles und Paris bis zum 13. Juli. Daß am 14., wo er schreibt, 
etwas Besonderes in Paris vorgeht, weiß der Brief Schreiber nicht; 
er ist mit seiner Familie mit Packen beschäftigt, um bis zur Wi^« 
derkehr ruhigerer Tage Paris zu verlassen. 
***) Mi^flied des damaligen Ministeriums, 



HUBER 



227 



St. Ouen, dort bestellte er Pferde und fuhr um acht 
Uhr ab. Erst am nächsten Morgen erhielt sein Bruder 
eine Zeile, in der er seine Abreise mitteilte und ihn 
bat, zu seiner Tochter zu gehen, die fast verstört ist. 
Der Brief des Königs besagte, Herr Necker würde ihn 
in einer so heftigen Krise verbinden, wenn er ihn wis- 
sen ließe, daß er sich für einige Zeit entfernt hätte. 
glückliches Reich! Glückliche Untertanen! . . . 



Derselbe an denselben 

Paris, Dienstag, 28. Juli 1789. 

. . . Hier folgt eine Anekdote, bei der sich Ihr Geist 
von diesen Schrecknissen erholen kann und die jedem, 
der den Gang der menschlichen Angelegenheiten be- 
trachtet und lernen will, wie einer sich in unvorher- 
gesehene Wechselfälle findet, philosophische Nahrung 
liefert. Nach Herrn Neckers Ankunft in Basel (wo, 
nebenbei bemerkt, die Umstände ihn wohl eine ganze 
Woche lang festgehalten haben), kam ein Mann, der 
wie ein Abb§ aussah, in das Gasthaus, wo er abge- 
stiegen war, und wollte für eine Anzahl Reisende ersten 
Ranges das ganze Haus mieten. Man war schon fast 
über die Bedingungen einig, als ein Bote aus der Nach- 
barschaft kam, um sich nach Herrn Neckers Befinden 
zu erkundigen. — „Herr Necker!" rief der Fremde, 
„wo ist er?" „Hier, in diesem Hause." Darauf stieg 
der Abb§ wieder auf sein Pferd und sagte, das Haus 
wäre nicjit^ geeignet, er müßte ein größeres haben. Es 



298 HUBER 



war kein anderer als der Abb^ Balivi^re, der gekom- 
men war, um das Haus für die Polignacs zu mieten*). 
Herr Necker wußte von allem, was in Paris seit seiner 
Abreise vorgegangen war, nicht ein Wort. Eine Stunde 
nachher sandte die Herzogin, die mit ihrer ganzen 
Gesellschaft in einem andern Hause abgestiegen war, 
nach Herrn Necker, um ihn um die Freundlichkeit zu 
bitten, ein paar Briefe von ihr nach Versailles mitzu- 
nehmen. Diese Bitte an ihn, von selten der Herzogin, 
muß ihm in diesem Augenblick seltsam genug vor- 
gf kommen sein. Er begab sich indessen zu ihr und 
blieb eine Stunde, in deren Verlauf er sehr viel Neues 
erfuhr. Daß sie nach ihm sandte, und daß er hinging, 
entspricht beider Charakter sehr wohl. Sie war so 
ruhig wie im Gemach der Königin; erstaunt, wie von 
allen Menschen in der Welt gerade sie dazu kam, fort- 
gehen zu müssen, wo sie sich nie in Politik gemischt 
hätte. Die übrige Unterhaltung können Sie sich denken. 
f Herr Necker meinte scherzhaft genug, das wäre 
der Vorwurf für einen Roman, in dem der Held und 
die Heldin nach erstaunlichen Abenteuern einander 
in der Fremde treffen. Wenn wir uns jetzt in die 
Tage vor der Entlassung Herrn Neckers zurückver- 
setzen, was hätte man von der Geistesverfassung eines 
Menschen gehalten, der gesagt hätte — binnen zehn 
Tagen werden Frau von Polignac und Sie einander in 



*) Die Herzogin von Polignac, die beste Freundin der Königin 
und zu der Necker feindlichen Partei gehörig, hatte nach dem 
14. Juli Frankreich verlassen müssen. — Necker war vom König 
zurückberufen; wie Huber oben berichtet, wußte er es noch nicht. 



RUBER ^ 299 



Basel in der Schweiz treffen! Der Widerspruch wäre 
80 schreiend gewesen, daß höchstens die Hexen im 
Macbeth so etwas hätten prophezeien können; denn 
gewiß hätte man meinen sollen, daß die Ursache, die 
eine von den beiden Personen aus Versailles fort- 
schickte, die andre veranlaßte, zu bleiben . . . 



Derselbe an denselben 

26./27. September 1789. 

[In der Nationalversammlung kam es zur Entscheidung über 
den Teil von Neckers Finanzreform, in dem der Minister, um der 
augenblicklichen Not abzuhelfen, die Erhebung einer pairiotischen 
Steuer vom vierten Teil des Einkommens vorschlug. Huber als 
Zuhörer berichtet, wie Mirabeau von Anfang an entschieden die 
Annahme des Projekts empfahl, dem Beschluß aber eine Fassung 
geben wollte, wonach die Verantwortung für das Vorgehen dem 
überlassen wurde, der diesen Plan entworfen hatte. Darüber kam 
es zu stürmischen Debatten. Neckers Freund berichtet nun weiter:] 

. . . Zwei Stunden lang war ich in hitzigem Fieber, 

und Mirabeau sah schließlich, daß er größeres Unheil 

angerichtet hatte, als er beabsichtigt hatte, und daß 

es nun an der Zeit war, die Explosion abzuwenden und 

die schrecklichen Folgen zu verhüten. Er stand um 

fünf Uhr vom Platze auf und fing folgendermaßen an 

zu reden"*): „Ich höre um mich herum drohend das 

Wort Pcdais Royal, ich habe ein ehrenwertes Mitglied 

*) In dem Bericht, den Vermorel a. a. O. IV, 15 — 20, von dieser 
Rede veröffentlicht, findet sich eine ähnliche Stelle, aber erst 
gegen den Schluß der Rede. Doch hat der Bericht unsres Ohren- 
zeugen sehr wesentliche Abweichungen, wie es die Regel ist bei 
all den verschiedenen Berichten, die wir von Reden jener Zeit 
haben. 



300 HUBER 

sagen hören: ,Catilina steht vor den Toren Roms, und 
man hält Beratungen ab/ Ich fürchte weder das Ge- 
schick Catilinas noch die Drohungen mit dem Pa]ais 
Royal, aber ich fürchte die Gesinnungen einiger Mit- 
glieder dieser Versammlung zu durchschauen, die es 
wagen, den Bankrott zu wünschen, weil sie glauben, 
damit der Steuer zu entrinnen." 

Er entwarf dann mit einer Beredsamkeit, einer 
Energie, einer Sprachgewalt, die unmöglich beschrie- 
ben werden kann, ein so wahres und schreckliches 
Bfld des Augenblicks, in dem die Nation und die Ver- 
sammlung sich befand, malte die Ströme Blutes, die 
Hungersnot und den äußersten Zusammenbruch, der 
auf sie vor den Toren wartete, wenn der unvermeidliche 
Bankrott auf ihre Ablehnung des Planes folgte; er 
sagte in einem so unwiderstehlichen Tone: „Es sei 
denn, daß man in der Versammlung ein andres un- 
fehlbares Mittel, in diesem Augenblick den königlichen 
Schatz zu füllen und das Defizit zu verstopfen, finde, 
müssen die schlechtesten wie die besten Bürger sich 
vereinigen, um sofort den Plan des Ministers in seinem 
ganzen Umfang anzunehmen", — daß aUen Mitglie- 
dern der Atem geraubt war, daß das Grausen auf ihrem 
Antlitz zu lesen war, und daß sie einmütig aufsprangen 
und riefen oder vielmehr schrien: „Zur Abstimmung! 
Zur Abstimmung!" Die Stimmen wurden dann sofort 
gesammelt, und der Plan war angenommen. 

Mirabeau ließ sich fast bewußtlos auf seine Bank 
fallen. Ich habe nie eine größere Leistung gesehen. 
Mehrere Minuten lang donnerte im Hause der Beifall, 



GOLTZ 301 

Es gab keine Parteien. Seine erklärten Feinde warf en 
sich ihm in den Weg, um wenigstens seinen Rock zu 
berühren ... 

Graf von der Goltz an Lord Auckland*) 

Paris, 12. Oktober 1789. 

. . . Wissen Sie, Mylord, daß in der Deputation der 
Pariser Bürgerinnen, wo man dem Anschein nach nur 
Damen der Halle sah, diejenige, die am Abend des 5. 
das Wort an den König richtete, sich jetzt als eine 
galante Dame herausgestellt hat, die mit bekannten 
Personen bekannt ist und häufig von ihnen besucht 
wird? Was für Stoff zum Nachdenken!**) 

Ihre Majestäten erweisen dem diplomatischen Korps 
zweimal in der Woche die Ehre, es zu empfangen. Die 
Königin hat dreimal in der Woche ihren Spieltag. Ich 
brauche Ihnen nicht zu sagen, daß, wiewohl die Räume 
in den Tuilerien recht groß sind, die Unterkunft ihrer 
Majestäten nicht so angenehm ist wie in Versailles. 
Die Truppen der Nationalgarde stehen bis zu den 

♦) Graf V. d. G. war der preußische Gesandte in Paris. Der 
Brief ist französisch geschrieben. 

**) Über die Zusammensetzung dieser Frauentruppe vom 5. Ok- 
tober schreibt Herr Garlille, der frühere Privatsekretär Lord 
Aucklands und dann Attache an der englischen Botschaft in 
Paris, an Lord Auckland am 6. Oktober: „In der Rotte vom Mon- 
tag habe ich viele elegante Frauen gesehen, die man aus ihren 
Kutschen geholt und gezwungen hatte, nach Versailles zu gehen; 
es wurden jedoch Mittel gefunden, die meisten von ihnen davor 
zu bewahren, dahin mitgeschleppt zu werden, und manche, die 
auf den Straßien ohnmächtig wurden, überließ man der Barm- 
herzigkeit der Umstehenden/' 



302 BRISSAC 



Türen zu den Gemächern auf der Gartenterrasse. Man 
hört häufige Rufe des Volks, das den Anblick ihrer 
Majestäten und des Dauphin an den Fenstern genießen 
will. Sie haben immer die Güte, hinauszutreten, das 
Wetter mag noch so schlecht sein . . . 

Der Herzog von Brissac an die Gräfin 

Dubarry*) 

Brissac, 25. August 1789. 

. . . Ich befinde mich so wohl, wie es die Umstände 
der Zeit erlauben. Es sind hier drei oder vier Per- 
sonen, die die Ruhe stören, welche in der ganzen 
Gegend hier herrscht. Das ist eine Mißlichkeit, die 
man eben tragen muß. Die Freiheit ist so kostbar, 
daß man sie schon mit einigen Schmerzen erkaufen 
muß. Wird sie uns glücklicher machen? Vielleicht 
nein; besser? Das müßte sein. Gleichheit, bescheidenes 
Leben, Einfachheit bilden eine Rast, die höflich und 
menschlich machen muß . . . 

Man hat mir gestern sehr geräuschvoll, sehr mili- 
tärisch zum Namenstag gratuliert; mir wollte scheinen, 
daß bei den Wünschen meiner Mitbürger das Herz 
mitsprach; die Zerstörung des Feudalismus wird nicht 
hindern, daß das, was gut und zuverlässig ist, geehrt 
und geliebt wird . . . 

*) Aus Dauban, La Demagogie en 1793, Paris 1868. — Der 
Herzog von Brissac (geb. 1734) widmete der Gräfin Dubarry, der 
Maitresse Ludwigs XV. (geb. 1746), in diesen Jahren zftrtliche 
Freundschaft. Er kam 1792 in den Septembermorden um, sie 
wurde 1798 als hilfreiche Freundin Ton Emigranten guiUotiniert 



GAULTIER VON BIAUZAT 

Geboren 1739 (als fünfzehntes Kind seiner Eltern); Advokat in 
Clermont-Ferrand in der Auvergne; Vertreter des dritten Standes 
in den Generalstaaten. Gehört zu den Gründern des Klubs der 
FeuiUafUs (konstitutionelle Monarchisten). — Später Laufbahn 
als Richter. — 1815 gestorben. Die Abgeordneten, und so auch 
Gaultier von Biauzat, standen in dauernder schriftlicher, häufig 
auch persönlicher Verbindung mit ihren Auftraggebern während 
der Dauer ihres Mandats. Sie erstatteten fortlaufend Bericht und 
erhielten ihre Weisungen. Die Berichte wurden der Bevölkerung 
durch den Druck und öffentliche Vorlesungen bekanntgegeben; 
manchmal in heikein Fällen blieben es Geheimberichte an den 
permanenten Munizipalausschuß. Von diesen Berichten Gaultiers, 
typischen Beispielen der ganzen Gattung, folgen hier einige. 

Francisque Mdge, Gaultier de Biauzat. Sa vie et sa correspondance. 
2 vols. Paris 1890. 



Dienstag, 4. August 1789. 

Wir kommen aus der erquicklichsten und interes- 
santesten Sitzung, die wir noch gehabt haben. Voll 
von meinem Gegenstand, aber von der Schwierigkeit 
in Verlegenheit gesetzt, Ihnen seine Schönheit und 
Größe zum Ausdruck zu bringen, bin ich versucht, 
die Sprache des Dichters zu reden. Ich rufe die Gott- 
heit an, sie möge mir die geziemenden Ausdrücke 
eingeben, damit ich Ihnen auf würdige Art von 
Frankreichs Glück Bericht erstatte. 

Aber es kommt mir der Gedanke, daß das einzige 
Mittel, mich auf die Höhe dieses Gegenstandes zu 
erheben und darauf zu erhalten, ist, die schlichte Be- 
redsamkeit der Sachlichkeit anzuwenden. Ich werde 
also die Tatsachen reden lassen. 
\ .Die Sitzung begann mit der Vorlesung der Pro- 
klamation, die der Redaktionsausschuß auf Grund 
der Beschlüsse vom Montag abend entworfen hatte. 

Der Herr Graf von Noailles sagte, Versprechungen 
genügten nicht, um die Agitationen zu beruhigen, 
die in allen Teilen Frankreichs Unruhen hervorriefen; 
die Hauptursache der Unzufriedenheit bilde die Un- 
gleichheit in der Verteilung der Steuern, die Unge- 
rechtigkeit und Härte bei der Erhebung der meisten 
Feudallasten; man müsse sofort dekretieren, daß alle 
Steuern ohne Ausnahme mit verhältnismäßiger Gleich- 
heit von allen Personen, unbeschadet ihres Ranges 
und ihrer Eigenschaft, und von allen Vermögen und 

Landauer, Briefe aus der franzOe. Revolution I 20 



3o6 GAULTIBR VON BIAUZAT 

Einkünften ohne Ausnahme erhoben würden; daß 
ferner ebenfalls sofort die herrschaftlichen Fronden, 
die Rechte der Toten Hand und alle Lasten, die aus 
persönlicher Leibeigenschaft herrühren, ohne irgend- 
welche Entschädigung abgeschafft seien, und daß 
es denen, die irgendwelche andre herrschaftliche Ab- 
gaben schuldig seien, freistünde, das Kapital zu einem 
festzusetzenden Satze abzulösen, entweder durch güt- 
liche Vereinbarung oder nach der Ordnung, wie sie 
die Nationalversammlung festsetzen würde. 

Der Herr Herzog von Aiguillon unterstützte diesen 
Antrag durch einen ähnlichen, den er in einer Schrift 
abgefaßt hatte und der bewies, daß dieser Grundherr 
ebenfalls den Plan gefaßt hatte, das Übel mit der 
Wurzel ausziu*eißen. 

Die Herren Legrand, Lapoul, Tierengal (von Ke- 
rangal)*) und Dupont sprachen über diesen Antrag, 
um die Tragweite und Ungeheuerlichkeit der Un- 
gerechtigkeiten darzutun, die das Volk durch diese 
noch existierenden Feudalrechte erleidet. 

Herr Dupont forderte, daß den Bürgerwehren ein- 
geschärft würde, der ausführenden Gewalt Hilfe und 
Beistand zu leisten. 

Der Herr Herzog von Chätelet unterstützte die 
Anträge der Herren von Noailles und von Aiguillon 
und zwar in exemplarischer Art, indem er er- 
klärte, von Stund an seinen sämtlichen Vasallen 
alle Lasten persönlicher Leistungen zu erlassen und 

*) Sonst Le Ouen du K^rangall genannt: ein bretoniscber Ad- 
liger, der in heimischer Bauemtraeht ging. 



GAULTIER VON BIAUZAT 307 

es ihnen freizustellen, die gesetzlichen Abgaben ab- 
zulösen. 

Der Herr Graf von Custine sprach im nämlichen 
Sinne und mit derselben Stärke. 

Herr von Montmorency wandte sich gegen die 
Länge der Debatte über diese Anträge. „Die Ge- 
schäftsordnung bestimmt," sagte er, „daß die An- 
träge, gegen die sich kein Widerspruch erhebt, ohne 
Debatte angenommen werden. Niemand in dieser 
Versammlung kann gegen die Anträge der Herren 
von Noailles und von Aiguillon sein. Ich verlange, 
daß man sofort zur Abstimmuujg darüber schreitet." 

Der Herr Graf von Virieu hat trotzdem sprechen 
wollen, um dadurch, daß er denselben Plan vorlas, 
den er vor mehreren Tagen niedergeschrieben hatte, 
ganz deutlich den Anträgen zuzustimmen. „Ich will 
es mir auch nicht nehmen lassen,** so sagte er sehr 
schlicht, „wie Catull meinen Spatz dem Vaterland 
zum Opfer darzubringen.** 

Der Herr Graf von Foucaud sagte, man solle noch 
ein ebenso gerechtes und wirksameres Mittel anwen- 
den, um das Volk davon zu überzeugen, daß wir in 
der Zeit der Gerechtigkeit leben und daß es sich 
uneingeschränkt der Freude überlassen darf: in die- 
sem Sinne müßten die reichen Adligen, denen alle 
Gnaden zuteil geworden seien, von Stund an auf alle 
unverdienten Pensionen verzichten und in die Ver- 
ringerung all derer willigen, die begründet scheinen 
könnten. 

Herr Göttin, einer der Abgeordneten der Gemeinen, 

20* 



308 GAULTIER VON BIAUZAT 

der für fünf- bis sechsmalhunderttausend Livres 
herrschaftliche Güter besitzt, sagte: „Meine Herren, 
Edelmann bin ich keiner, aber die Gerechtigkeit liebe 
ich auch. Ich habe meinen Vasallen schon alle Lasten 
persönlicher Leistungen erlassen und ich willige in 
diö Ablösung aller andern Abgaben." 

Die Geistlichkeit erklärte, die Schnelligkeit, mit 
der die Herren Adligen ihr mit den Wortöieldungen 
zuvorgekommen wären, hätte der Bekundung ihres 
Mitgefühls und ihrer Gerechtigkeit Abbruch getan; 
sie begehrte gegen die Vorschrift der Geschäftsord- 
nung noch zu Wort zu kommen. 

Die Bischöfe von Nancy und von Chartres sprachen 
hinter einander, um für die Anträge einzutreten. Der 
von Chartres sagte, daß er, wenn er gewußt hätte, 
daß man so schnell zum Kapitel der Opfer käme, 
nach der Ehre getrachtet hätte, vornedran zu sein. 
Er fügte hinzu, man müsse auch das ausschließliche 
Jagdrecht aufheben, unter der einzigen Einschrän- 
kung, daß, wer dieses Recht nicht durch Geburt oder 
Erwerbung hätte, nur harmlose Waffen benutzen und 
nur auf seinem eigenen Gebiet jagen dürfte. 

Der Herr Graf von Montreval verlangte, die Ab- 
schaffung solle auf alle Abgaben ausgedehnt werden, 
die nicht durch Beweise von erfolgtem Erbschafts- 
verzicht gerechtfertigt wären, gleichviel, wie alt der 
Besitz wäre. 

Der Herr Präsident von Saint-Fargeaud*) verlangte, 

*) Lepelletier von Saint-Fargeaud, von dem später in düsterm 
Zusammenhang öfter die Rede sein wird. 



GAULTIER VON BIAUZAT 



309 



die Erklärung hinsichtlich der Steuern solle rück- 
wirkende Kraft erlangen, und er schlug einen Plan 
vor, damit für dieses Jahr alle Lasten von den Privi- 
legierten getragen würden. 

Mehrere andre Adlige, Bischöfe und Würdenträger 
ergriffen noch das Wort; die einen, um die Aufhebung 
der ausschließlichen Fischgerechtigkeit, die andern, 
um die Abschaffung der Zwangsgerechtigkeit für 
Backöfen und Mühlen zu verlangen. Geistliche traten 
für das Verbot der mehrfachen Pfründen ein. Herr 
Mathias, vom Issoire, verzichtete öffentlich auf die 
Pfründen, die er außer seiner Pfarrstelle besitzt. 
Adelsherren und Bischöfe traten für die Zulassung 
von Personen aller Klassen zu jeder Art geistlicher, 
bürgerlicher und militärischer Ämter ein. Die Pfarrer 
verlangten die Abschaffung ihrer Kasualgebühren*). 

Die Abgeordneten der Gemeinen hatten nur zu- 
zuhören und sich zu freuen. Jeder hätte mehr als 
eine Seele haben mögen. Man fühlte sich hingerissen 
und berauscht, als die Szene sich von gut zu besser 
und allerbest verwandelte, als wir all die großen 
Hindernisse, die die Unterscheidungen und Privi- 
legien der Provinzen bis zum heutigen Tag für das 
allgemeine Wohl des Reichs gebildet hatten, zu- 
sammenbrechen und verschwinden sahen. 

Ein Adliger aus der Dauphin^ machte zuerst den 
Vorschlag, alle Unterschiede zwischen den Provinzen 
verschwinden zu lassen; und mit einem Mal sah man, 
wie die verschiedenen Deputationen sich zusammen- 

*) Besondere Zahlungen für Taufen, Hochzeiten, Beerdigungen. 



310 GAULTIER VON BIAUZAT 

schlössen, um als Provinzkörperschaft den von der 
Gerechtigkeit gebotenen und von der Begeisterung 
geadelten Verzicht auszusprechen. 

Ich habe mich zu beglückwünschen, daß die Stadt 
Clermont und diejenigen, die zu dem Gerichtsbezirk 
gehören, der in dieser Stadt seinen Sitz hat, die Not- 
wendigkeit anerkannten, alle Unterscheidungen hin- 
sichtlich der Steuern abzuschaffen. Die Artikel 7, 8 
und 9 des Titels II unsrer Wahlhefte verlangen, daß 
alle Steuern auf zwei zurückgeführt werden, eine Real- 
steuer und eine Mobiliarsteuer, die beide ohne Rück- 
Mcht auf Privilegien, Freiheiten und Ausnahmen der 
einzelnen und Gemeinden von allen Franzosen auf- 
zubringen wären. Ich habe die Ehre gehabt, der 
von dieser erlauchten Versammlung vertretenen 
Nation mit Freude die Vollziehung dieses uneinge- 
schränkten Opfers aller Ausnahmeprivilegien darzu- 
bringen, wie sie dieser Teil der Provinz Auvergne, 
namentlich die Hauptstadt, auf Grund alter Urkunden 
genossen hatte. 

Ich verlangte, daß diese Erklärung ins Protokoll 
aufgenommen würde« Man hat einen Auszug daraus 
von mir begehrt, den ich sofort niedergeschrieben 
habe. 

Der Herr Herzog von Liancourt schlug vor, daß 
das Andenken dieses Tages durch eine Medaille ge- 
feiert würde. 

Herr von Lally beantragte, daß der König zum 
Wiederhersteller der französischen Freiheit ej^klärt 
würde. 



ANTON BEROIER 31I 

Der Herr Erzbischof von Paris schlug vor, in der 
königlichen Kapelle und in allen Diözesen ein Te 
Deum singen zu lassen. Ich war der Meinung, es 
müßten im ganzen Reich Gnadenerlasse ergehen. 



Anton Bergier an Gaultier von Biauzat*) 

Clermont-Ferrand, 13. August 1789. 

Sie sind pünktlich bedient worden. „Beachten Sie, 
bitte, und veröffentlichen Sie es als sicher," so heißt 
es in Ihrem Brief vom 8., „daß die Zwangsgerechtig- 
keiten zu der Masse derjenigen Rechte gehören, die 
von Stund an aufgehoben sind, und daß sie durch 
einen Redaktionsfehler in dem ersten Artikel des De- 
krets ausgelassen und in den zweiten aufgenommen 
wurden." Die beste Art, diese Interpretation des Be- 
schlusses der Versammlung zu veröffentlichen, war, 
sie zu drucken, und noch in der Nacht nach An- 
kunft Ihres Briefes wurde sie in Druck gegeben. 
Ich für mein Teil indessen fühle mich nicht ver- 
pflichtet, Beifall zu spenden. Ein Beschluß, der mir 
die Mitgift einer meiner Töchter entreißt, der mich 
ohne meine Zustimmung eines Eigentums beraubt, 
das ich sehr redlich für schönes bares Geld unter 
öffentlich-rechtlicher Garantie erworben habe, braucht 
mir weder erfreulich noch sehr gerecht vorzukommen. 



♦) Der Advokat Bepgiep(1742 — 1826)j?ehörte dem permanenten 
Munizipalausschuß an und korrespondierte in dessen Namen fort- 
laufend mit dem Abgeordneten. 



312 ANTON BERGIER 



Er ist für Herrn von Merdogne, dem er den dritten 
Teil seines väterlichen Erbes wegnimmt, und für 
hundert andere Privatmänner in der Provinz nicht 
ergötzlicher, wovon er dem einen das tägliche Brot 
nimmt, während er die andern ins Spittel schickt. 
Zur Zahl dieser gehört ein Herr Richard aus La 
Chaise-Dieu, ein Kleinbürger, der nichts weiter in 
der Welt besitzt als die Gerechtigkeit dieser kleinen 
Stadt*). Unsere Hefte haben uns von diesem Schick- 
sal nichts angekündigt. Sie atmen die Achtung vor 
dem Eigentum, und sie verlangen im Artikel 10 des 
letzten Titels die Abschaffung der Zwangsgerechtig- 
keiten nur gegen Entschädigung der Besitzer dieser 
Rechte. Wie hätte man auch in der Tat in der Pro- 
vinz auf den Gedanken einer Abschaffung der Ge- 
rechtigkeiten ohne Entschädigung kommen können, 
wo diese Gerechtigkeiten weder Feudalrechte noch 
herrschaftliche Rechte sind; wo sie ihren Ursprung 
nur dem Herkommen verdanken und wo sie meistens 
in der Hand einfacher Privatleute sind, die sie durch 
Kauf erworben haben! Ich habe auch in der aUge- 
meinen Zusammenfassung der Hefte gesehen, daß 
die meisten für die Abschaffung dieser Hindernisse 
waren, die sich der sozialen Freiheit entgegenstellten; 
aber immer unter der Bedingung der Entschädigung. 
Das steht Seite 296 und 297 der Hefte des dritten 
Standes. In der Tat, geehrter Herr, wenn mir die 
Nationalversammlung das Eigentum meiner Gerech- 

*) Meistens handelt es sich um Mühlen- und Backofengerech- 
tigkeiten. 




ANTON BERGIER 313 



tigkeit ohne Entschädigung wegnehmen kann, dann 
kann sie mir ebenso meinen Zehnten, meinen Grund- 
zins, mein Haus und mein Feld wegnehmen; denn 
ich habe auf eines dieser Objekte keinen bessern 
Rechtsanspruch als auf das andre. Meine Vorfahren 
oder ich haben sie durch Kauf erlangt. Die öffent- 
liche Sicherheit ermunterte uns, das eine ebenso ruhig 
zu kaufen wie das andre, weil sie alle im Handel 
waren. Und wenn diese öffentliche Bürgschaft nicht 
für das eine gewährt wird, braucht sie es künftig 
auch nicht für das andre; denn schließlich, der erste 
Ursprung jeglichen Eigentums ist nichts weiter als 
das Recht des ersten Besitzergreifenden oder, wenn 
man will, des Stärkeren. Wenn die Übergabe von 
Hand zu Hand das Übel dieses Ursprungs in einer 
Zirkulation von dreizehn oder vierzehn Jahrhunderten 
nicht gereinigt hat, so muß man also in dem Codex 
der Rechte des Gesellschaftsmenschen, mit dem Sie 
die Verfassung beginnen wollen, die große Maxime 
streichen, die den ruhigen Besitz garantiert: 

„Niemand schuldet irgendwem das Opfer seines 
Eigentums, auch nicht der politischen Körper- 
schaft, die sich desselben nur im Fall einer unbe- 
dingten öffentlichen Notwendigkeit bemächtigen 
darf, und auch dann nur, wenn sie vorher dem 
Eigentümer Ersatz durch einen mindestens gleichen 
Wert geleistet hat." 
Im Gegenteil, man muß dann sagen, in der großen 
Gesellschaft sei alles gemeinsamer Besitz; ich zittre, 
wenn ich an die Folgen denke und breche ab. 



314 ANTON BERGIER 



Der Beschluß der Versammlung über die Tauben- 
schläge, die in dieser Provinz das Eigentum eines 
jeden sind, der welche einrichten wollte, hat den 
meisten nicht besser behagt. Unsre Limagne*) ver- 
liert dadurch ein jährliches Einkommen von fünf- 
bis sechsmalhunderttausend Livres, ohne andre Ent- 
schädigung als die geringe Ersparnis an der Arbeits- 
zeit der Kinder, die man damit beschäftigte,* den 
keimenden Hanf zu bewachen. Die Körner, die ver- 
loren gingen, werden den Spatzen bleiben und werden 
darum nicht auf die Tenne wandern. So ist der Ge- 
winn sehr mäßig, der Verlust aber nicht. Ich sage 
Verlust; denn wie soll man daran denken, Tauben- 
schläge zu halten, wo man künftig die Tauben in der 
Hälfte der guten Jahreszeit eingesperrt halten muß, 
wenn man nicht Gefahr laufen will, daß sie vom 
ersten besten getötet werden? Ohne Zweifel sind in 
der Auvergne wie anderswo in Sachen der Tauben- 
schläge Mißbräuche abzustellen, aber Sie schaffen die 
Tauben tatsächlich ganz ab; und binnen drei Jahren 
werden Sie das Unrecht einsehen, das Sie dem flachen 
Land antun. Zum Unglück wird es dann zu spät sein, 
es wieder gut zu machen. 

Verzeihen Sie, geehrter Herr, daß ich Ihnen so 
mein Herz eröffne; die sehr natürliche Empfindlich- 
keit bei einem für mich sehr beträchtlichen Verlust, 
auf den ich nicht gefaßt war, hat mir die ersten 
Klagen eingegeben und dient mir für sie als Ent- 
schuldigung. Noch lebhafter empfinde ich den Ver- 

♦) Tal der Auvergne. 



GAULTIER VON BIAUZAT 315 

lust meiner Nächsten, die weniger als ich imstande 
sind, ihn auszuhalten, und vor allem ängstigen mich 
die Konsequenzen. Was die Taubenschläge angeht, 
so spricht mein persönliches Interesse dabei wenig 
mit; ich besitze nur einen einzigen Taubenschlag und 
habe schon darauf verzichtet; aber ich kann mich 
nicht enthalten, für die Landleute in der Limagne 
im allgemeinen betrübt zu sein*). 



Versailles, 13. August 1789**). 

Ich überlasse es Ihrer Klugheit, meine Herren, ob 
es ratsam ist, die schreckliche Nachricht, die ich 
Ihnen mitteile, öffentlich vorzulesen. Am letzten 
Dienstag gegen Mittag hat die Bevölkerung von 
Versailles die Exekution eines Verbrechers verhindert, 
der verurteilt war, wegen Vatermords lebendig aufs 
Rad geflochten und verbrannt zu werden. Der arme 

*) So ähnliche Briefe aus dem Bürgertum in Stadt und Land 
dürften die Abgeordneten sehr viele erhalten haben; jedenfalls, 
als es an die gesetzliche Durchführung der Beschlüsse vom 
4. August ging, wurden diese Einwände, vor allem, was die durch 
Kauf erworbenen Bannherrlichkeiten, Zehnten usw. anging, be- 
rücksichtigt und Entschädigungen und Ablösungen festgesetzt. Die 
tatsächliche Folge der Beschlüsse vom 4. August war aber, daß 
die Bauern, wo es irgend ging, nicht mehr zahlten. Erst der Kon- 
vent schaffte am 17. Juli 1793 alle ehemaligen grundherrlichen 
Leistungen und Feudallasten endgültig ohne jede Entschädigung 
ab. Dabei blieb es und — wie Kropotkin mit Recht hervorgehoben 
hat — die Bauern Frankreichs mußten sich nicht arm zahlen, 
um frei zu werden. 

**) Dieser Brief des Abgeordneten war ausdrücklich als geheim 
bezeichnet. 



3l6 GAÜLTIER VON BIAUZAT 

Sünder war bereit, sein Schicksal zu erleiden, der 
Henker hatte sogar schon Hand an das Todeswerkzeug 
gelegt, als sich eine Stimme erhob und: Gnade! rief. 
Der Scharfrichter und der Gerichtete stiegen sofort 
vom Schafott herunter; die Stadtvogteiwachen, die 
den Zug begleitet oder gedeckt hatten, steckten den 
Säbel in die Scheide und zogen sich zurück. Binnen 
zwei Minuten bildeten das Schafott und der Henker- 
karren zusammen mit dem Scheiterhaufen, der dazu 
bestimmt gewesen war, den widernatürlichen Sohn 
in Asche zu verwandeln, ein einziges Freudenfeuer; 
und der Entsetzliche, der sich nicht einmal zur Bitte 
um Verzeihung hatte herbeilassen wollen, wurde 
noch am Abend vom Volk im Triumph durch die 
Straßen von Versailles herumgeführt, die noch vom 
Blut seines Vaters gefärbt waren, den er im vorigen 
Monat ermordete. Dieser Pöbel begab sich erst zum 
Richter und dann zum Herrn Großsiegelbewahrer, 
um diesen Gnadenakt sanktionieren zu lassen. Es 
gab nichts mehr zu überlegen, und man mußte sich 
damit begnügen, die aufgeregten Geister zu be- 
ruhigen. 

Wie sehr wichtig ist es in diesem Augenblick, die 
Pöbelansammlungen zu vermeiden! Wenn sie auch 
bloß gelegentlich und ohne Plan zustande kommen, 
können sie in dem Maße gefährlich werden, daß es 
der öffentlichen Gewalt unmöglich wird, ihren schreck- 
lichen Einwirkungen Widerstand entgegenzusetzen. 

Ich bin überzeugt, daß Sie mit mir die unaus- 
weichliche Notwendigkeit erkennen, die Bildung zu 



GAULTIER VON BIAUZAT 317 

beträchtlicher Gruppen von Leuten aus dem niederen 
Volke zwar nicht ausdrücklich zu verbieten, aber, 
ohne daß man es merkt, zu verhüten . . . 



Versailles, Dienstag, 6. Oktober 1789. 

. . . Um die öffentlichen Angelegenheiten steht es 
in diesem Augenblick so schlecht, daß sie den Äuße- 
rungen einer dankbaren Seele gar keinen Raum lassen. 
Ich wandte früher die Vorsichtsmaßregel an, Sie durch 
Privatbriefe, die nicht bekannt zu geben waren, von 
Ereignissen zu unterrichten, die nur unnütz beun- 
ruhigen konnten; aber die Nachrichten, die Sie mit 
diesem Kurier aus Paris erhalten werden, nötigen mich, 
sie öffentlich zu besprechen, damit Ihre Befürchtungen 
nicht noch größer seien als die Übel. 

Die Offiziere haben hier zwei Festgelage abgehalten. 
Das letzte, das im Namen der Gardes du Corps im 
Opernsaal abgehalten wurde, hat, gleichviel ob ab- 
sichtlich herbeigeführt oder nicht, zu Szenen geführt. 
Die Nationalkokarde wurde mit Füßen getreten. Man 
riet erst: Es lebe der Graf von Artois! Es lebe der 
Fürst von Lambesc! und dann: Zum Teufel mit der 
Nationalversammlung! Die Orgie schloß mit einem 
Tanz zwischen Männern unter den Fenstern des 
Schlosses. Die Königin hatte das Vergnügen dieses 
lärmenden Schauspiels; ich hatte keine Gelegenheit, 
das in meinem vorigen Schreiben mitzuteilen. 

Am Sonntag morgen, den 4., sah man schwarze Ko- 
karden; man sah auch weiße, die aber nicht angesteckt 



3l8 GAULTIER VON BIAUZAT 

wurden; Hofdamen hatten sie verteilt. Es gab sogar 
am Sonntag abend, was man einen Auftritt nennen 
kann, zwischen einem Privatmann von Versailles, dem 
eine Dame diese weiße Kokarde durch einen Herrn 
vom Hofe anbieten ließ, und diesem Junker, der den 
Auftrag besorgte. 

Zu gleicher Zeit war die Stadt Paris in der grauen- 
haften Gefahr der Hungersnot; man hatte Müller durch 
Briefe, denen Banknoten beigelegt waren, dazu ge- 
bracht, nicht zu mahlen. 

Ich erlaube mir nicht, weder diese Tatsachen mit- 
einander in Verbindung zu bringen noch darüber Be- 
trachtungen anzustellen; ich kenne sie nur vom all- 
gemeinen Hörensagen; aber erfahren Sie nun, was ich 
gesehen oder unmittelbar nachher gehört habe: 

Gestern gegen drei Uhr langte ein Trupp Weiber 
aus Paris in der Zahl von anscheinend 2000 hier an 
und trat zum Teil in den Saal der Nation ein, wo die 
Versammlung noch tagte. Ihr Redner erklärte als 
Motiv ihres Kommens die Furcht vor der Hungersnot 
und die Absicht, Maßregeln ergreifen zu lassen, um 
sie zu verhüten; ferner die Entrüstung gegen die- 
jenigen, die den wohlmeinenden Mitgliedern der Na- 
tionalversammlung Widerstand entgegensetzten. Die 
geistlichen Abgeordneten wurden ausdrücklich der 
erstgenannten Klasse zugerechnet. 

Die Versammlung schickte sofort eine Abordnung 
an den König ab. Seine Majestät gab die Befehle, um 
die man ihn bat; die Deputation der Versammlung 
war von einer großen Zahl dieser Weiber begleitet. 



GAULTIER VON BIAUZAT 319 

Die Weiber gingen mit ihren Deputierten der Stadt 
Paris aus den königlichen Gemächern intra muros. Sie 
begaben sich in die Versammlung, wo ein Dekret er- 
lassen wurde, das dazu bestimmt war, energisch auf 
die einzuwirken, die den Umlauf des Getreides auf- 
halten. 

Während dieser Zeit waren von einer neuen Men- 
schenmenge, die inzwischen mit vier Kanonen den 
Weibern gefolgt waren, einige Gardes du Corps be- 
merkt worden; es wurde aus Flinten auf diese Herren 
geschossen; ein Pferd blieb auf dem Platz; auf einem 
andern Pferd wurde ein Sterbender weggeführt. 

Zwischen acht und neun Uhr abends kamen 3 bis 
4000 Männer aus Paris an, die wieder Kanonen bei 
sich hatten. 

Das Regiment Bretagne, die Schweizer Garden, das 
Dragonerdetachement und die Gardes du Corps stan- 
den kampfbereit auf der Place d' Armes unter Waffen. 
Die Gardes du Corps wurden aufgefordert, sich zurück- 
zuziehen. Das Volk von Versailles, mit dem die Pariser 
noch nicht vereinigt waren, pfiff die Gardes du Corps 
aus. Diese, sagt man, gaben ein paar Schüsse auf den 
Pöbol ab; man antwortete ihnen mit 80 Schüssen. 
Eine halbe Stunde später gab es wieder ein paar Salven. 
Um zehn Uhr läutete es in beiden Pfarreien Sturm; 
die allgemeine Unordnung verbreitete sich auch im 
Saal, wo fast alle Sitze von Weibern eingenommen 
wurden; es geschah indessen nichts Schlimmes, nicht 
einmal böse Reden gegen jemanden. Ich ging ab- 
wechselnd hinaus und kam wieder zurück, immer von 



320 GAULTIER VON BIAUZAT 

der heftigsten Unruhe gepeinigt. Endlich zog ich mich 
gegen Mitternacht zurück, um mich in einen Lehnstuhl 
zu werfen. 

Eine halbe Stunde später sah ich eine geordnete 
Truppe ankommen: die Nationalgarde von Paris; man 
gibt ihre Zahl auf 30 000 an. Sie können sie nach der 
Tatsache bemessen, daß sie in einer Breite von sechs 
Mann im Geschwindschritt marschierten und eine volle 
Stunde brauchten, um an dem Haus, in dem ich wohne, 
vorbeizumarschieren. Dieses Armeekorps war in ver- 
schiedene Abteilungen eingeteilt, von denen jede ein 
Geschütz hatte; ich zählte im Mondschein bis zu sechs 
Stück. 

Es sind schon mehrere Gardes du Corps gefallen. 
Man trägt Köpfe herum; fürchten Sie indessen nichts 
für den Ihres Abgeordneten. 

Die Nationalgarde von Versailles hat durch gütliche 
Übereinkunft den Parisern die Wachen und Posten 
abgetreten. Sie verbrüdern sich alle und erklären laut, 
daß die Bürger und Abgeordneten nichts zu fürchten 
haben. 

Ihr Kurier trifft im Augenblick, viertelzehn Uhr 
morgens ein, und ich verlasse das Haus, um zum 
Minister zu gehen. Gaultier von Biauzat. 

Ich bitte Sie, meinen Brief meiner Frau mitteilen 
zu wollen, die über das Schicksal ihres Mannes und 
ihrer Tochter sehr ruhig sein darf. Meine Sekretäre 
haben sich nicht von zu Hause fort getraut; schicken 
Sie mir, bitte, sofort eine Abschrift dieses Schreibens. 



GAULTIER VON BIAUZAT 321 

Versailles, den 6. Oktober, 
halb drei Uhr nachmittags. 

Ich habe Sie mit meinem Brief von heute morgen 
in Unruhe versetzt. Kann ich Ihnen über die öffent- 
lichen Angelegenheiten nichts Tröstliches sagen, so 
kann ich Sie wenigstens über die Ereignisse, die wir 
zu fürchten hatten, beruhigen. Ich spreche zu guten 
Franzosen, die es billigen werden, daß ich ihnen vom 
allgemeinen Interesse rede, ehe ich unsre besonderen 
Angelegenheiten erwäge. 

Das Gebäude der Gardes du Corps war, als ich heute 
früh meinen Brief schloß, geräumt worden; ein Teil 
dieses Korps hatte Versailles verlassen, die andern 
hatten sich ins Schloß, das heißt zum König zurück- 
gezogen, wo mehrere andre in ihrem Dienst beschäftigt 
waren. Diese letzteren wurden von der Pariser Na- 
tionaltruppe verhaftet; und zum Glück hatte man sie 
in der großen Galerie in Verwahrung genommen, wo 
ich sie gesehen habe: sie glaubten alle, sie dürften nur 
hinaus gehen, um in Qualen ihr Leben zu verlieren. 
Wie hart kommt es mein Herz an, Ihre Herzen auf 
die Folter zu spannen! Aber verscheuchen Sie Ihre 
Furcht; keinem von ihnen ist etwas geschehen, und 
nur um der geschichtlichen Treue willen berichte ich 
ihre Ängste, an denen ich teilgenommen habe. Ich 
war in dem Augenblick bei diesen Herren, wo man 
von Seiten des Königs dem Volk von Paris verkündete, 
er, der König, würde sich mit der Königin und seinen 
Kindern, seinem Bruder, seinen Schwestern und Tan- 

Landauer, Briefe ans der franzOs. Eevolution I 21 



322 GAULTIER VON BIAUZAT 

ten, kurz mit allem, was die königliche Familie bildet, 
heute nach Paris begeben. „So sind wir denn ver- 
loren," sagte mir ein Garde du Corps aus unserm Land; 
„wenn der König weg ist, wird man uns umbringen." 
Sie waren nicht die einzigen, die so dachten. Plötzlich 
entstand eine Bewegung, die ich merkte, und in dieser 
Minute faßte man unerwarteterweise eine Hoffnung, 
die der Güte des Königs zu verdanken war, der immer 
darauf bedacht ist, das Schlimme zu vermeiden und 
das Gute zu tun. Seine Majestät trat auf seinen Balkon, 
um für die Gardes du Corps um Gnade zu bitten. Ich 
sage „bitten", aber er war es, der sie gewährte, denn 
die Wohlmeinenden sind von ihm nicht zu unterschei- 
den. Sofort wurde von allen Seiten Beifall gerufen: 
die Grenadiere der Pariser Nationalgarde zeigten die 
Gardes du Corps, wie sie zwischen zwei Grenadieren 
an den Fenstern standen: die Gardes du Corps trugen 
die Mütze der Grenadiere und diese die Mütze jener. 
Sofort stiegen die Gardes du Corps, jeder zwischen zwei 
Grenadieren, mit ihnen untergefaßt, in den Marmorhof 
hinab. Allgemeiner Beifall hat alle Anwesenden be- 
ruhigt, und sofort begleitete man die Gardes du Corps 
auf die beschriebene Art in ihr Logis. Niemand aus 
der Auvergne ist gefallen oder verwundet worden. 

Die Freude brachte in diesem Augenblick in ganz 
Versailles einen allgemeinen Aufruhr hervor. Die 
Nationaltruppe schoß zahlreiche Salven in die Luft, 
ebenso wurde fortwährend aus Kanonen geschossen, 
zum Zeichen, daß man zufriedengestellt war; die Ein- 
wohner indessen, die sich in die innersten Räume ihrer 



GAULTIER VON BIAUZAT 323 

Häuser zurückgezogen hatten, glaubten, es würde auf 
teure Personen geschossen. Zum Glück wurde man 
bald über den Zusammenhang aufgeklärt. 

Die Nationalversammlung, die amtlich von der Ab- 
sicht des Königs, der Bitte der Pariser nachzugeben, 
in Kenntnis gesetzt wurde, erklärte einstimmig durch 
Dekret, daß die Person des Königs, solange die Na- 
tionalversammlung tagt, von der Nationalversamm- 
lung untrennbar ist. 

Sie verstehen, warum die Versammlung das Dekret 
beschlossen hat, und Sie ahnen die möglichen und die 
notwendigen Folgen desselben, ich überlasse das Ihrem 
eigenen Nachdenken. 

Darauf wurde dekretiert, daß eine zahlreiche Depu- 
tation den König nach Paris begleiten wird . . . 

Das Staatsschiff macht in diesem Augenblick einige 
schwankende Bewegungen durch. Aber denken Sie 
ja an keinen Schiffbruch; die Winde können uns aller- 
dings nur dienen, weil wir keine Segel aufgespannt 
haben. Aber kluge Voraussicht lenkt die Hände, die 
die Ruder halten, und wir trotzen dem Sturm. Etwas 
sehr Gutes wird das Ergebnis einiger Übel sein. 

Ich habe eben den König mit der ganzen könig- 
lichen Familie nach Paris abreisen sehen; die Beglei- 
tung war nicht danach angetan, froh zu stimmen; 
aber im Unglück muß man sich glücklich preisen, mit 
den geringsten jQbßlp davonzukommen. Die Menge, 
die sich aus Indi. luen aller militärischen Waffen- 
gattungen und bewaffneten Bürgern mit Kanonen 
zusammensetzte, war ein imponierendes Schauspiel. 

21* 



324 



GAULTIER VON BIAUZAT 



Ich, der ich mich immer meinen philosophischen 
und politischen Gedankengängen überlasse, habe in 
dieser Vermischung von Gardes du Corps, Soldaten, 
Beamten aus dem königlichen Gerichtsbezirk, Wür- 
denträgern des Hofes und Nationalgarden, Soldaten 
und Offizieren des Regiments Flandern, Offizieren und 
Soldaten aller Korps ein gutes Vorzeichen erblickt. 
So vermischen sich da, wo die Berge, die für den freien 
Ausblick ein Hindernis waren, sich senken, alle Teile 
und bilden die Ebene; so verwirklicht sich die so er- 
wünschte politische Gleichheit. 

Ich habe es Ihnen jüngst gesagt, wir sind jetzt in 
der großen Krise, und gewiß kann sich die allgemeine 
Umgestaltung, die so notwendig ist, nicht ohne einige 
Reibungen bewerkstelligen; der alte Baum muß sich 
biegen, um sich zum Schilfrohr herabzubegeben. Was 
für Opfer für einige private Existenzen! Aber es 
gilt unbedingt, das Wohl der AUgemeinheit zu be- 
gründen . . . 



Der permanente Munizipalausschuß von 
Clermont an seinen Abgeordneten Gaultier 

von Biauzat 

Clermont, 15. Oktober 1789. 
Geehrter Herr! 

Ihre Kinder haben keine Mutter, Sie haben keine 
Gattin mehr. Der Himmel, der Ihnen nicht mehr 




GAULTIBR VON BIAUZAT 325 

Eifer und Tatkraft für die Sache des Gemeinwohls 
einflößen konnte, hat Ihnen noch mehr Freiheit geben 
wollen, indem er dem Tod erlaubte, ein Band, das die 
Natur geschaffen und das gegenseitige Dienste noch 
stärker geknüpft haben, zu zerreißen. Voll ehrerbie- 
tiger Achtung vor Ihren Gefühlen machen es sich Ihre 
Mitbürger zur Pflicht, Ihren Schmerz zu teilen, und 
finden Trost nur in der Hoffnung, Ihnen bezeugen zu 
können, was sie Ihnen verdanken. Da das Vaterland 
seit langem Ihre Familie war, ist Ihre Familie, geehrter 
Herr, jetzt feierlich vom Vaterland adoptiert worden. 
Wenn Sie über Ihre häuslichen und irdischen Ange- 
legenheiten irgend in Unruhe wären, so wäre das für 
den Ausschuß kränkend. Wollen Sie, geehrter Herr, 
jedes seiner Mitglieder als den uneigennützigen Ver- 
walter Ihres Hauses, als den treuen Vormund Ihrer 
Kinder betrachten. Wir freuen uns im voraus darauf, 
in diesen jungen Herzen den tapfern Patriotismus 
des Vaters wachsen zu sehen. Die Philosophie, die 
zugleich die Grundlage Ihres Charakters und das 
Produkt Ihres Denkens ist, läßt uns hoffen, daß Ihr 
Gram Grenzen kennen wird. Wir für unsern Teil 
kennen keine für unsre schuldige Dankbarkeit. 
Wir sind ehrerbietig usw. 

Die Munizipalbeamten und Mitglieder des per« 
manenten Ausschusses von Clermont: 

[folgen zwölf Unterschriften.] 



326 QAULTIER VON BIAUZAT 

Paris, 8. JuU 1790. 

. . . Jeder Tag bringt mir neue Freuden, wenn hinter- 
einander unsre braven Mitbürger ankommen, die bloß 
von sich aus kommen sowohl wie die entsandten Ver- 
treter. Sie sind wie ich über den unbeschreiblich 
glühenden Eifer aller Einwohner und gegenwärtig in 
Paris Anwesenden für die festliche Begehung des gro- 
ßen Nationalfestes erstaunt. Sie haben gewiß schon 
vernommen, daß die Nachlässigkeit von 9 bis 10 000 
Arbeitern, die man aus den Armenhäusern genommen 
hatte, fürchten ließ, die Herrichtung des Marsfeldes 
würde bis zum 14. nicht fertig. Die ganze Stadt setzte 
sich in Bewegung, um diese unglücklichen Nichts- 
tuer zu ersetzen: Soldaten, Kaufleute, Kohlenträger, 
Zünfte, Priester, Ordensgeistliche und andre, Schüler 
aller Lehranstalten, Seminaristen, alle Welt arbeitet 
ausdauernd und tapfer. Selbst Frauen, darunter sehr 
schöne und glänzende Damen, begeben sich täglich be- 
zirksweise aufs Marsfeld, wo sie mit Schub- und Kipp- 
karren Erde wegschaffen. Dieses Schauspiel, das man 
zunächst für lächerlich oder lustig halten möchte, reißt 
zur Bewunderung hin; ich bin gestern dabei gewesen, 
und ich bin überzeugt, daß, wenn die Franzosen je 
den Eindruck der Leichtfertigkeit gemacht haben, 
dies daher kam, daß die Gewohnheit der Knechtschaft 
ihnen verwehrte,' ihren Charakter an den Tag zu legen 
und zur Entwicklung zu bringen. Ich habe diese 
Werkstatt von über 60 000 Arbeitern und Arbeiterin- 
nen vom politischen Standpunkt aus betrachtet und 



GAULTIER VON BIAU2AT 327 

ich habe gelernt, daß es für Völker, die vom Geiste der 
Freiheit beseelt sind, nichts Unangenehmes und nichts 
Unmögliches gibt. Durch die ziffernmäßige Aufstel- 
lung über die Grab- und Transportarbeiten wird be- 
wiesen werden, daß in wenig Tagen mehr Boden aus- 
gegraben und weggeschafft worden ist, als nötig wäre, 
um die ganze Länge und Breite des Wegs von Cler- 
mont nach Montferrand um 20 Fuß höher zu legen. 
Man hofft zuversichtlich, daß alle Vorbereitungen 
vor dem 14. beendet sind; und wenn wir schönes 
Wetter haben, wird es das glänzendste und wohl- 
tuendste Fest sein, das man sich vorstellen kann. 
Zu einer und derselben Zeit wird in allen Teilen des 
Reichs die Freude herrschen ... 

Jean-Fran^ois Gaultier*). 



*) Zum erstenmal unterschreibt er einfach Gaultier; durch 
Dekret vom 19. Juni auf Antrag^ des Abgeordneten Lambel, den 
die Herren von La Fayette, von Noailles, von Montmorency und 
andre Vertreter des hohen Adels unterstützten, war der Adel ab* 
geschafft worden. 



MADAME JULLIEN 

AN MANN UND SOHN 

Madame Jullien, bei Ausbruch der Revolution 40 bis 45 Jahre 
alt, war eine ungewöhnlich gebildete Dame aus der Dauphin^. Sie 
ging um der Erziehung ihres Sohnes willen nach Paris und be- 
richtete von dort an den Mann, den seine Landsleute zum stell- 
vertretenden Abgeordneten zur Gesetzgebenden Versammlung 
gewählt hatten; später, als der Sohn in England und dann in 
einer politischen Mission in Touloucre und der Mann als Mitglied 
des Konvents in Paris war, an den Sohn. 

fidouard Lockroy, Journal d'une bourgeoise pendant la Revo- 
lution 1791 — 1793, publik par son petit-fils. 



An den Sohn*) 

Romans, 6. September 1789. 

Du hast mir zwei reizende Briefe geschrieben, liebes 
Kind, und ich danke Dir für die große Freude, die 
Du mir gemacht hast. Ich habe sie all unsre Freunde 
teilen lassen, die Dir ein zärtliches Andenken bewahren 
und mich beauftragen. Dir das zu sagen. 

Die Pariser Wirren und die Verlegenheit, in die sie 
die Nationalversammlung setzen, haben etwas recht 
Beunruhigendes. Ich wiege mich indessen immerzu 
in den angenehmsten Hoffnungen. Alles, was uns bis 
jetzt die größten Übel androhte, hat uns große Wohl- 
taten verschafft: und ich schmeichle mir gern mit der 
Erwartung, daß es diesmal gerade ^so gehen wird. 
Unsre tapferen Vertreter werden sich, nachdem sie 
den Blitzen des Despotismus Trotz geboten haben, 
von dem Geschrei einer zügellosen Menge nicht ein- 
schüchtern lassen; und wollte sie sich zu gefährlichen 
Ausschweifungen hinreißen lassen, so verstünde es der 
Held, der an der Spitze der Pariser Bürgerwehr steht**), 
mit ihr fertig zu werden. In unsrer Provinz und in 
denen, durch die ich auf der Reise hierher gekommen 
bin, ist jetzt alles sehr still; es hat jedoch viel ver- 
brannte Schlösser gegeben, und, was viel grausamer 
ist, eine große Zahl Bauern sind von den Soldaten 



*) Damals 14Vs ^^^^^ ^^* 
♦*) La Fayette. 



332 . MADAME JULLIEN 

der Bürgerwehr niedergemetzelt oder von der Hand 
des Henkers geopfert worden. Diese Unseligen hatten 
sich von falschen Edikten, die man ihnen zu lesen 
gegeben hatte, täuschen lassen und glaubten so den 
Befehlen des Königs zu gehorchen, wenn sie die Schlös- 
ser und Urkunden ihrer Herren verbrannten. Hat es 
je Schuldige gegeben, die Milde verdienten, so sind 
sie es wahrlich. Man hat sie jedoch mit äußerster 
Barbarei behandelt. All das ist sehr zu beklagen; 
kennt man indessen die Menschen, ihre Leidenschaf- 
ten und ihre Vorurteile, so ist man viel mehr betrübt 
als erstaunt. 



An den Mann 

• Paris, Dienstag, 1. Juni 1790. 

Ich schreibe an Dich und habe dabei den Eindruck, 
mit einem Degen in die Luft zu stechen. Ich weiß 
nicht, wo Du bist, weiß nicht, wie ich Dich fassen 
soll; aber ich muß Dir schreiben, um meinem Herzen 
Erleichterung in seinen Sorgen zu schaffen. Ich muß 
Dir ein paar liebe Worte sagen, damit ich mich ein 
bißchen wohler fühle und nicht in Ermangelung der 
Rede ganz und gar ersticke. Bist Du heute abend 
etwa in Pisan^on, dann, mein Lieber, umarme ich 
Dich dort von ganzem Herzen; ich versichere Dich 
meiner alten starken Freundschaft, die dort angefan- 
gen hat und nirgends enden wird. Ich überhäufe Dich 
in meinem und der Kinder Namen mit Zärtlichkeiten 



MADAME JULLIEN 333 

und bitte Dich, kehre auf Windesflügeln zurück: wir 
sind wie Leiber ohne Seelen, wenn Du uns fehlst . . . 

. . . Die S. haben seltsame Abenteuer bestanden. In 
G., wohin sie sich zu Herrn von Montelegien geflüchtet 
hatten, wurden sie von Bauern belagert, die dieses 
Schloß stark im Verdacht hatten, ein Aristokratennest 
zu sein. Der famose Baron hat unsre Gemeindever- 
waltung in Anspruch genommen, ihren Truppen ent- 
sprechende Befehle zu geben. Als Herr F. das ablehnte, 
hat man ihm gedroht, ihn um einen Kopf kürzer zu 
machen, und unser Wackerer hat erwidert, er würde 
sich lieber in Stücke hacken lassen, als einen Befehl 
unterzeichnen, der den Dekreten der Nationalver- 
sammlung und der heiligen Menschlichkeit entgegen- 
laufe; man müsse ohne Waffen hingehen und die 
Bauern zur Vernunft bringen. Die andern Gemeinde- 
verwaltungen unterzeichneten aber den Befehl, und so 
ist die Truppe marschiert; es lief jedoch alles glimpf- 
lich ab. Nicht ein Blutstropfen verspritzt; nicht ein- 
mal ein Schuß in die Luft. Man kam auf beiden Seiten 
mit der Angst davon, und Herr S. und seine Frau 
sind sicher und ruhig nach Romans geführt worden. 

Der Kanonier von V., der nicht auf das Volk schie- 
ßen wollte, ist durch Romans gekommen, weil er seinen 
Abschied erhalten hat. Seine Kameraden haben ihm 
bis dahin in feierlichem Zug und mit klingendem Spiel 
das Geleite gegeben. Die Truppe der Vorstadt hat ihn 
mit den größten Ehren empfangen. Mit Lorbeer ge- 
krönt ist er durch die Stadt gezogen; man hat ihm ein 
prächtiges Festessen gegeben. Die Beamten der Ge- 



334 MADAME JULLIEN 

meindeverwaltung, F. an der Spitze, haben 50 Flaschen 
köstlichen Weines geliefert, um mit der Truppe zu 
trinken und sie zu bewirten. Sie haben mit dem Ka- 
nonier und all den Wackern angestoßen. Kurz, dieses 
patriotische Fest, das im Garten des Zollhofes statt- 
fand, war so schön und rührend, daß alle Frauen vor 
Freude und Vergnügen weinten. Der Kanonier wurde 
von der Truppe bis zum Rathaus zurückgeleitet, wo 
seiner die nämlichen Ehren warteten. So geehrt und 
geleitet begibt er sich an seinen Bestimmungsort. Eine 
gute Lehre für die Soldaten, die sich weigern, das Blut 
ihrer Mitbürger zu vergießen . . . 

[Bericht über Neckers zweistündige Rede im Senat vom 29. Mai, 
worin er die Finanzlage in den rosigsten Farben malte und sich 
gegen die unruhigen Bewegungen äußerte.] 

Dann verlas man [im Senat] eine Proklamation, 
Ludwig gezeichnet, die honigsüß war und unter anderm 
bestimmte, die Nationalkokarde sollte im ganzen Ge- 
biet seines großen Reichs getragen und geehrt werden. 
Am Sonntag Morgen ritt unser guter König auf einem 
schönen Pferd, fast ganz allein, von den Tuilerien zum 
Marsfeld, um 4000 Bürgersoldaten an sich vorüber- 
ziehen zu lassen. Er hat Herrn von La Fayette Kom- 
plimente gemacht. Der Truppe hat er reizende Glück- 
wünsche übermitteln lassen: er war fröhlich und zu- 
frieden wie ein König. Das Volk war wie im Rausch; 
die Hochrufe auf den König kamen allen aus Herzens- 
grund. Schlagen wir die englische Geschichte auf ; gehen 
wir dem Geist der Menschen auf den Grund, wir haben 
dann ein weites Feld für nachdenkliche Betrachtungen. 



i 



MADAME JULLIEN 335 

Paris, 1790. 

[Kritischer Bericht über eine Adresse an den König, die von 
Bürgersoldaten der Provinz Dauphin^ ausgehen sollte, jedoch von 
Frau J. für ein täuschendes Machwerk des „ci-devant Pseudo- 
barons von GiUier" erklärt wird.] 

. . . Aber die guten und wahrhaften Patrioten sagen 
in Romans, was das Gerücht mit seinen hundert Mün- 
dern überall wiederholt: daß gerade die Gunst, die diese 
Adresse erlangt hat, ein Beweis für ihre Heuchelei 
und Erbärmlichkeit sei; daß sie bezweckt, den König 
zu einem verhängnisvollen Irrtum zu verführen, und 
daß sie furchtbare Spaltungen unter wackern Bürgern 
hervorrufen kann. 

Ein andrer Zwischenfall: Herr Mercier, Journalist, 
Literat, Patriot, ein trefflicher Schriftsteller und fest 
in den trefflichen Prinzipien, hat die Kühnheit, das 
aristokratische Meisterwerk des Barons anzugreifen; 
dieser hat schon Klagen darüber drucken lassen, daß 
die Presse nur so krachte. Ohne Frage hat er ver- 
gessen, daß die tapfern edelmütigen Pariser die er- 
schrecklichen Türme der Bastille geschleift haben, die 
so oft für unschuldige unglückliche Bürger das Grab 
abgegeben haben, deren ganzes Verbrechen oft nichts 
weiter war, als so eine Respektlosigkeit, wie die, deren 
sich Herr Mercier schuldig gemacht hat. 

Der Herr Baron sollte jedoch wissen, daß der große 
Verteiler der königlichen Verhaftbefehle nicht mehr 
vorhanden ist und daß wir an seiner Stelle einen 
ehrenwerten Generalanwalt der Laterne haben . . . 

Dieser Generalanwalt der Laterne genießt überall 



336 MADAME JULLIEN 

eines glänzenden Rufes. Sein Name ist Camiüe Des- 
moulins; der Name seines Blattes: Die RevoliUianen 
Frankreichs und Brabants; seine Spezialität das Epi- 
gramm. 

Er streut mit vollen Händen das attische Salz aus, 
und seine Eigenart ist ebenso neu wie originell. Es 
ist französische Heiterkeit zusammen mit römischer 
Festigkeit . . . 

Mein Brief ist nicht wichtig genug, um in das Blatt 
[Herrn Brissots von Warville] eingerückt zu werden; 
aber mach, bitte, ein patriotisches Artikelchen dar- 
aus, das dazu dient, die wackern Bürger von Romans 
zu stärken und zu ermutigen. 



Herr JuUien an seinen Sohn 

9. Mai 1791. 

Du hast mir einen reizenden Brief geschrieben, lie- 
ber Sohn, und Dein Vater glaubt Dir für das Ver- 
gnügen und die Ehre, die er ihm erwiesen hat, danken 
zu sollen. Ich habe ihn all meinen Freunden vor- 
gelesen, und sie alle haben mir gerührt zu dem Glück 
gratuliert, einen Sohn zu haben wie Dich. Mein lieber 
Freund, während so viele entartete Kinder ihre Eitel- 
keit von dem Verdienst ihrer Vorfahren nähren, kann 
ich, der ich wohl weiß, daß ich ein Vater bin, der der 
Welt nichts nütze ist, mich nur des Verdienstes meines 
Sohnes rühmen. Nicht von Deinem Stil will ich reden, 
wiewohl er im allgemeinen rein, edel und erhaben wie 



HERR JULLIEN 337 



Deine Seele ist, sondern von Deinen Empfindungen, 
von Deiner patriotischen Entschlossenheit, vor allem 
von der Wärme, die Du in der Freundschaft und der 
Verteidigung der Gerechtigkeit an den Tag legst . . . 
Deine Mutter und Du müßt Euch erinnern, daß ich 
tausendmal gesagt habe, der gegenseitige Haß zwi- 
schen La Fayette und den Jakobinern müsse schließ- 
lich zu einer furchtbaren Explosion führen. Ich staune 
also nicht, daß dieser Augenblick gekommen ist, son- 
dern vielmehr, daß er so lange hat auf sich warten 
lassen. Der Zustand der Krise, in den die Spaltungen 
der Pariser Armee die Hauptstadt versetzt haben, 
wird vielleicht nicht so schnell am Ende sein; und 
solange der Generalstab unsrer sechzig Bataillone nicht 
durch die freie Wahl der Kommune ein andrer wird, 
müßt Ihr Euch jeden Tag auf neues Unglück gefaßt 
machen. Als ich Deinen Brief unsern Freunden vor- 
las, hatte ich Mühe, je weiter ich las, ihre immer stei- 
gende Unruhe zu besänftigen. „Seid ruhig," sprach 
ich zu ihnen; „trotz allem Anschein ist es nicht wahr, 
daß die Mehrheit der Pariser Soldaten diesen ruch- 
losen Eid geleistet habe, der jeden Freiheitsfreund 
zittern läßt. La Fayette selbst hat keinen Teil daran 
gehabt." — Ich zweifle nicht, daß die Opponenten 
besiegt werden; aber ich fürchte, daß sie den Sieg 
teuer machen und daß bald in Paris Ströme von Blut 
fließen. Qiud omen deus avertat! — Eine andre Sorge, 
die ärger ist und die mich seit Beginn der Revolution, 
nie verlassen hat, ist die, die Könige, die Frankreich 
umringen, könnten eine Liga bilden, um unsre kei- 

Landauer, Briefe aus der französ. Revolution I 22 



338 MADAME^JULLIEN 

mende Freiheit zu ersticken und auf die Weise die 
ansteckende Wirkung dessen zu verhüten, was sie die 
Franzosenkrankheit nennen. Gewiß werden sie keinen 
Erfolg haben; aber sie werden viel Elend über uns 
bringen. Leb wohl, mein lieber, sehr lieber Sohn. 

Ich werfe mich Eurer trefflichen Mutter zu Füßen 
und bete sie an. liebe Kinder ! huldigt ihr mit mir 
zusammen, danken wir dem Himmel, der Euch die 
zärtlichste Mama, mir das tugendhafteste, vernünf- 
tigste und liebenswürdigste Weib geschenkt hat. 



An den Solm 

Paris, Dienstag, 2. August 1791. 

Du hast mir leid getan, daß Du Dich bei Deiner 
niedrigen*) Handvoll Aristokraten aufhalten mußtest. 
Aber das Kapitel der Widerwärtigkeiten ist im Men- 
schenleben das längste und häufigste; es hat hundert- 
tausend Seiten; man muß sich daran gewöhnen, mein 
Lieber, und sich mit dem Schild der Geduld wappnen, 
um ihn nie wieder aus der Hand zu legen. Ich kenne 
Leute, die ihn nur gegen die Riesen zu gebrauchen 
verstellen und die sich von Zwergen zähmen lassen, 
das heißt, daß sie bei aller Kraft, große Widerwärtig- 
keiten auszuhalten, die Schwäche besitzen, bei den 
kleinsten vor Schwäche zu kochen. Ich empfehle 

*) Die Mutter wendet auf die adlige Feriengesellschaft des 
Jungen das Wort vilain an, das die französische Sprache bis zur 
Revolution dem niedrigen Volk, vor allem den Leibeigenen vor- 
behielt. 



MADAME JÜLLlEN 339 

Deiner beobachtenden Philosophie, mir die Lösung 
dieses Problems zu geben; denn ich begreife nicht, 
wie ein Mann, den ein großer Stein nicht ins Wan- 
ken bringt, über einen Strohhalm strauchelt . . . 

Aus allen Unterhaltungen, die ich geführt habe, 
geht hervor, daß die öffentliche Stimmung hoffnungs- 
voll ist und glaubt, daß wir in den Hafen kommen. 
Was die Koalition der Mächte angeht: farturiunt 
montes, nascetur ridiculus mu8. Diese Art, die Dinge 
anzusehen, gewährleistet die allgemeine Ruhe. Das 
Ereignis (wir stehen dicht davor) wird lehren, wer 
das Ziel besser vorausgesehen hat, die Scharfsichtigen 
oder die Vertrauenden*). Ich für mein Teil, die blind 
an die Vorsehung der Revolution glaube, erwarte im 
festesten Glauben ein neues und letztes Wunder, das 
uns das Heil bringen wird. Lieber, guter Freund, die 
Wölfe haben immer die Schafe gefressen; werden die 
Schafe diesmal die Wölfe fressen ? Da haben wir einen 
kleinen Umsturz der Natur, wie sie nur in den furcht- 
baren Krisen zustande kommen. Noch einmal sage 
ich, es bedarf eines Wunders . . . 



An den Sohn 

Donnerstag, 11. August 1791. 

. . . Ich habe gestern Deinem Papa geschrieben, ihm 
von meinen Reiseabenteuern berichtet und ihm meine 



*) ClairvoyarUs und ConfiarUa waren in der damaligen Sprach- 
mode technische Ausdrücke für die zwei Parteien in der Gesell- 
schaft. 

22* 



340 MADAME JULLIEN 

Beobachtungen über den öffentlichen Geist mitgeteilt^ 
der in dem ganzen Kanton, den ich jetzt verlassen 
habe, voll weiser und milder Mäßigung ist. Man betet 
die Verfassung an, man bewundert die Nationalver- 
sammlung. Man sieht das Schiff schon im Hafen; man 
fürchtet die äußeren Feinde wenig; man spottet über 
die inneren; kurz, man lebt in einer Ruhe, die nur durch 
eine kleine Geldknappheit gestört wird, die alles 
hemmt; aber man fügt hinzu, sie werden uns dadurch 
nicht besser zwingen als durch den Hunger, den sie 
sich ausgedacht haben, um uns klein zu kriegen. 
Unsre Ausdauer und unser Mut werden alles über- 
winden. Die Liebe zur Verfassung hebt alle Herzen 
zu einem gewissen Grad des Heldentums empor. Darin 
ist der öffentliche Geist reif und rund. Und dann 
erlangt die Achtung vor dem Gesetz eine solche Macht, 
daß man ihm, ob recht, ob unrecht, gehorchen will. 
Man hört immer nur das Wort: Das Gesetz, das Gesetz. 
Könnte das Gesetz ohne die Behörde kommen, wie 
mein Freund Jean-Jacques sagt, der die Arznei ohne 
den Arzt will, so stünde uns das Reich Asträens bevor; 
aber die Menschen verderben alles durch ihren Mangel 
an Takt. „Alles ist gut, was aus den Händen der 
Natur hervorgeht" ; alles wird verdorben in denen des 
Menschen. Das Gesetz ist in seinem Prinzip gut; aber 
die Verwaltung ist oft schlecht. 

Mein Lieber, große Verachtung gegen den Reich- 
tum und, wie das Evangelium sagt, nicht mit zweierlei 
Maß und Gewicht messen, das verliehe unsrer Themis 
das wahre Vertrauen und beugte alle Knie vor ihr. 



MADAME JULLIEN 34I 

Ich hoffe, daß das neue Regime Tugenden zeugen wird; 
das hat mich zu meiner Vergötterung der Revolution 
gebracht. Du weißt, ich nicht am wenigsten verliere 
durch sie; meine Gesundheit und meine Ruhe, nicht 
zu reden von meinem Glück infolge der ewigen Ab- 
wesenheit Deines Vaters, sind durch sie gewaltig ge- 
stört worden. 

' Ich habe darauf verzichten müssen, vieles zu lesen, 
was mich sonst der Entmutigung überliefert hätte. 
Es ist von der Natur schöner Seelen nicht zu trennen, 
daß sie gewisse Dinge lieben, die für die andern zu 
erhaben sind. Es gilt, auf das gewöhnliche Niveau 
hinabzusteigen und zu bedenken, daß das Bessere 
der Feind des Guten ist. Ich habe mich also von 
meinem römischen Fieber erholt, das mich übrigens, 
aus Furcht vor dem Bürgerkrieg, nie bis zum Re- 
publikanismus gebracht hat. Mit den Tieren aller 
Arten schließe ich mich in die heilige Arche der Ver- 
fassung ein und warte mit Ungeduld darauf, daß man 
die Taube aus ihr aussendet, die uns den Ölzweig 
bringen soll ... 

Ich muß Dir sagen: die Leute in der Provinz be- 
trachten die Revolution wie die Zuschauer in der 
Oper, die in den Logen der Bühne gegenüber sitzen. 
Die Illusion ist vollkommen. Wir Pariser aber nehmen 
einen Platz ein, der uns gewahren läßt, was hinter den 
Kulissen vorgeht. Wir sehen, wie die Schauspieler 
Kostüme und Rollen wechseln; wir sehen die Fäden, 
an denen die Gottheit in den Olymp gezogen wird; 
den Savoyarden, der die Rollen mit Silberpapier dreht, 



342 MADAME JULLIEN 

die die klaren Fluten vorspiegeln usw. usw. Leb 
wohl, mein Lieber. 

Ich wäre nicht erstaunt, wenn ich Euch bald mit- 
zuteilen hätte, daß unser König abreist, abgereist ist 
usw. usw., und daß „die Wache, die am Tor des 
Louvre steht", nichts davon merkt — 

Man hat mir heute versichert, Santerre hätte fliehen 
müssen. Die Mitglieder des Klubs der Cordeliers wer- 
den verfolgt. Seit Sonntag ist die rote Fahne von der 
weißen ersetzt worden. Ich bin Eure Freundin, Eure 
Mutter, die zärtlichste der Frauen, alles für meine 
zwei Lieben — nach Maßgabe der Ansprüche eines 
jeden. 



An den Mann 

Sonntag, 14. August 1791. 

... Da Du mit Deinen Luchsaugen ins Buch des 
Schicksals eindringst und Du darin mit einem BUck 
die Vorder- und Rückseite erfassest, sage mir doch, 
lieber Prophet, was das Schicksal mit uns vor hat? 
Ich für mein Teil bin Dir neue Lobesspenden schuldig, 
seit ich in andern Gegenden gereist bin; ich habe 
Patrioten gesehen, die die Revolution lieben, die sich 
jedoch als Oberflächliche an die Oberfläche halten 
und mit allem zufrieden sind. Sie glauben treuherzig 
jedes Ammenmärchen. Ich habe über viele Punkte 
bescheidenes Schweigen bewahrt; wenig Menschen 



MADAME JULLIEN 343 

lieben die Sache in unsrer Art: uns entflammen die 
heilige Liebe zur Humanität und die allerheiligste 
Liebe zur Tugend. Nun, mein Lieber, diese zwei Arten 
Liebe sind vielen Leuten, die großen Lärm machen, 
unbekannt. Ehrgeiz, Interesse, alle kleinen mensch- 
lichen Leidenschaften üben auf die Denkenden ihre 
Macht aus, und die Leute, denen die Ehre des Denkens 
nicht verliehen wurde, sind in so großer Zahl und 
sind solche Schafsnaturen, daß es nur eines Schäfers 
Guillot bedarf, der sie alle zur Schlachtbank führen 
könnte. 

Da ich meines schönen friedlichen Todes sterben 
und nicht die Märtyrerin meiner Empfindsamkeit 
werden will, habe ich allen Verkehr mit solchen abge- 
brochen, die einem zu unverhüllt die Fesseln zeigen, mit 
denen man uns bedrückt; ich kann kein Glied davon 
zerbrechen und verwunde mich an all denen, die 
Spitzen haben; ich lese fast nichts mehr, ich lähme 
mich, oder ich widme mich vielmehr meiner wahren 
und natürlichen Bestimmung, der Erziehung meines 
lieben August und meinen Klöppeln. Da hast Du die 
Frucht meiner Beobachtungen. Man ist noch ein 
wenig Huronin, wenn man in Paris Spartanerin oder 
Römerin ist. Nun, es wird sich noch finden, für ge* 
wisse Metamorphosen ist mehr als ein Tag nötig. 
Übrigens ist wirklich öffentlicher Geist und Liebe zur 
Verfassung unverkennbar vorhanden. Kurz, man hat 
viel Vertrauen, vielleicht zu viel; aber „warten wir 
das Ende ab; vom fernen Horizont naht mit Wnt 
der schrecklichste der Söhne" usw. usw. . . . 



344 MADAME JÜLLIEN 

Sonntag abend. 

... So sehr ich Dich vermisse, habe ich doch eine 
gewisse Freude bei dem Gedanken, daß Du nicht in 
diesem babylonischen Turm Paris bist; und schon 
bin ich in Unruhe, was der Winter bringen wird. Ich 
hoffe, daß meine Schwester kommt und mir dieses 
Kreuz tragen hilft. 

Was es so schwer macht, ist die Feindseligkeit, die 
man zwischen dem Bürger und dem Soldaten sät. 
Dieser verfluchte Korpsgeist tötet die Seele. Ich für 
mein Teil sähe mit Vergnügen, wenn alle Uniformen 
der Welt in einem Freudenfeuer aufgingen, und es 
wäre eine Erquickung für meine Augen, wenn unsre 
Nationalmiliz in allen Farben gekleidet ginge, wie die 
Truppen Heinrichs IV. Eitelkeit der Eitelkeiten, alles 
ist eitel . . . 



An den Sohn 

Samstag, 20. August 1791. 

Heute will ich mit dem Herrn Sekretär politisieren 
und philosophieren*). Erfülle, mein Lieber, die Ob- 
liegenheiten dieses Postens mit der ganzen Weisheit 
und Klugheit eines reifen Mannes. Bedenke, daß unter 
den 25 Millionen Franzosen, die dieses große Reich be- 
völkern, kaum einer auf hundert kommt, der sich auf 
die Höhe der Revolution erhoben hätte und erfassen 



*) Der Sechzehnjährige war in dem Heimatstadtchen Sekretär 
einer patriotischen Gesellschaft geworden, 



MADAME JULLIEN . 345 

könnte, was Deine neue und tatkräftige Seele so emp- 
findet und versteht, wie all jene tapfern Römer, mit 
denen Du in Deinen Studien Verkehr gepflogen hast. 
Wenn Du richtig beobachtet hast, kann Dir der 

öffentliche Geist, wie er wahrhaft herrscht, nicht ent- 

I 
gangen sein; er ist im großen ganzen sanft und ge- 
mäßigt, wiewohl fester, als man es natürlicher Weise 
von französischen Köpfen erwarten konnte. Ich für 
mein Teil finde, daß die einfachsten Menschen in diesen 
zwei Jahren ein Jahrhundert hinter sich gebracht 
haben, und ich befolge das Verfahren, das Du mir so 
geschickt geraten hast. Ich beuge mich, um mich auf- 
zurichten. Wenn man niemanden vor den Kopf stößt, 
wenn man sich im Gegenteil allmählich zur Höhe seines 
Ziels erhebt, dann gelangt man dazu, daß es schließ- 
lich selbst die Zwerge erreichen, während, wenn man 
es von allem Anfang an in seiner wahren Größe zeigt, 
jeder glaubt, man verliere sich im Nebel und schicke 
seinen Verstand in den Mond, wo ja in der Tat so 
viele den ihren haben. Erinnern wir uns des guten 
La Fontaine: „Mit Sanftmut kommt man weiter als 
mit Gewalt." In allen Ecken Frankreichs betet man 
die Verfassung an. Sie ist das Feldgeschrei, das alle 
einen sollte. Manche meinen, unsre Gesetzgeber hätten 
bessere Arbeit verrichten können; wieder andre, sie 
hätten ihr Bestes geleistet. Darüber geht der Streit 
ohne Ende; zieht man indessen die allgemeine Ver- 
derbnis und die Entartung der Menschen in Betracht^ 
die von mehr als zwölf Jahrhunderten der Sklaverei 
geschändet wurden, so ist man noch glücklich, halbe 



346 MADAME JULLIEN 



Wohltaten von ihnen zu erlangen, und nur von der 
Zeit kann man eine Regeneration erhoffen, die sich 
trotz allen Hindernissen durchsetzen wird. Wenn, wie 
man hofft, unsre zweite Gesetzgebende Versammlung 
tugendhaft ist, indem sie die wenigen guten Gesetze, 
die geschaffen worden sind, zur Ausführung bringt, 
wie viel Gutes kann sie da leisten! Sie wird von der 
öffentlichen Meinung gestützt werden, die, was die 
Masse angeht, rein ist wie die Luft bei uns auf dem 
Lande. Was für Wunder sind ohne jede Neuerung zu 
vollbringen! Schließlich, mein Lieber, kann die bloße 
Verantwortlichkeit, wenn sie nur von einem kraft- 
vollen Arm in Zug gebracht wird, einen Stoß hervor- 
rufen, der uns um zwanzig Grad weiter bringt. 

Paris ist ruhig wie die Fläche eines Teiches, abge- 
sehen von den Privatstreitigkeiten, die alle Tage zu 
Tragödien führen. 

Donnerstag, den 25sten. 

In dieser Woche legt man die Verfassung vor. Es 
gibt darüber alle möglichen Vermutungen in verschie- 
denem Sinne, und Nostradamus hat niemals kühner 
gefaselt. Der König der Verfassung scheint mir so 
gut behandelt und alle Kleinodien der Krone sind von 
unsern Gesetzgebern mit so viel Kunst gesammelt und 
angebracht worden, daß ich glaube, der Strauß, den 
sie ihm am Donnerstag präsentieren wollen, wird von 
den höfischsten Nasen bereitwillig berochen werden. 
Sie riechen den angenehmen Duft der Zivilliste, die 
uneingeschränkt geblieben ist. Andre sind der Mei* 



MADAME JULLIEN 347 

nung, die Verblendung, mit der die Partei der Schlech- 
ten geschlagen ist, würde den König zu einem Wider- 
stand fortreißen, dessen Folgen unberechenbar wären. 
Nichts kommt der frechen Sicherheit unsrer Feinde 
gleich. Ich für meine Pörson sehe eine Rettung nur 
in der Gunst der Wunder, die ich von der Vorsehung 
der Revolution erwarte, wie sie deren schon so viele 
getan hat; ich hoffe, sie hat in ihrem Hauptbuch ein 
verborgenes für künftigen Donnerstag in Bereitschaft. 
All die auswärtigen Mächte, die man uns zum 
Schreckgespenst macht, fürchte ich kaum. Ich denke 
dabei an die vielen Nöte, die ihnen genug zu schaffen 

s 

machen, und an die Angst, die sie vor den Menschen- 
rechten haben müssen, die allenthalben im Umlauf 
sind ; dazu kommt die Eifersucht auf die Vorherrschaft 
und die Politik der Winkelzüge, wie sie alle Minister 
üben. Auf allen Seiten Spaltung, und bis sie so weit 
sind, über den Hauptpunkt, den Angriff, sich zu eini- 
gen, schützt uns der Winter vor ihnen. 

Was unsre schwarze Armee angeht und unsre Prin- 
zen, die ihre Führer sind — wenn die Nationalver- 
sammlung in der rechten Art patriotisch dreingeblasen 
hätte, wären sie vernichtet. Diese Versammlung hätte 
uns auf den Gipfel der Ehren und des Gedeihens brin- 
gen können. Verfluchte Verderbnis! 

Man sagt, unsre Jakobiner erfreuten sich steigender 
Gunst, und die Feuillants sänken. Ich liebe die Politik 
gewisser Männer, die mit beiden Gesellschaften in Be- 
ziehung traten, zu sehr, um recht urteilen zu können, wo 
der wahre Patriotismus ist. Übrigens bin ich in nichts 



348 MADAME JULLIEN 



sicher ; denn ich sehe wenig Menschen und habe mich 
freiwillig mit den Journalisten der Exaltierten*) über- 
werfen, weil sie zu sehr Recht hatten, um nicht im 
Unrecht zu sein, und mich persönlich folterten, ohne 
daß es der Sache der Allgemeinheit genützt hätte, für 
die ich nichts vermag. Du erinnerst Dich, daß die 
Aufregung, in die sie mich versetzten, wie das Fieber 
war, das einem Essen und Schlaf raubt . . . 

Sonntag abend. 

. . . Gestern war hier ein prächtiges Fest auf den 
Elysäischen Feldern ; ganz Paris war auf den Beinen . . , 
Glaube ja nicht, hier bei uns herrsche Trauer; nie ist 
die Hauptstadt glänzender, lärmender, prächtiger, 
tanzender, üppiger gewesen; und all das, während man 
über das Elend jammert und die schrecklichste Geld- 
knappheit herrscht. Wir sind immer Franzosen; die 
Fröhlichkeit begleitet uns und erheitert all unsre 
Leiden. 



An den Sohn 

Montag, 5. September 1791. 

. . . Die Tuilerien waren gestern geöffnet, und es 
strömte eine solche Menschenmenge hinein, daß kein 
Apfel zu Boden fallen konnte; man hat in feierlichem 
Aufzug das Königskind gezeigt. Seine Mutter und 
seine Tante nahmen ihn hintereinander auf den Arm, 

*) Exaltia war ein techniacliQic Ausdruck l^x di^ radikalst^ 
Ricjitung, 



MADAME JULLIEN 349 



um ihn dem Volk zu zeigen. Die ausführende Gewalt*) 
hat in aller Form ihren Entschluß erklärt, Paris nicht 
zu verlassen. All das Gepränge für Gaffer und Gimpel 
hat schon wieder angefangen; die Messe im Schloß 
war gestern eine der glänzendsten, die Musik prächtig, 
und als er vorbeifuhr, wurde: Es lebe der König! ge- 
rufen; allerdings auch: Es lebe die Verfassung! Man 
erwartet ihre Annahme von Seiten des Königs in größ- 
ter Ruhe und mit den schönsten Hoffnungen; er wäre 
sehr heikel, wenn er nicht zufrieden wäre. Aber, wie 
wiederum La Fontaine sagt: 

Man hatte reichlich aufgetragen. 

Doch wann ist gesättigt ein Königsmagen? 

Wir werden sehen . . . 

Im Th^ätre fran^ais wird ein neues Stück gegeben, 
Virginia oder Die Dezemvirn. Allegorische Verse darin 
haben den größten Erfolg: 

Wollt ihr Gesetze geben, so müßt ihr sittlich sein. 

Man klatschte den feinsten Anspielungen stürmi- 
schen Beifall zu; es sind tausend darin, und es wird 
weiter gehen, denn die Regina del Mondo hat's ge- 
schworen, und sie ist die Königin der Könige. 

Leb wohl, mein geliebtes Kind, Hoffnung meines 
Herzens durch die erhabene Vorstellung, daß Du immer 
der entschlossenste Freund der Tugend sein wirst; 
höre nur auf sie, und gelange, ohne nach rechts oder 



*) Mit diesem verfassungsinäßigen Ausdruck meint sie den 
König. Das ist revolutionärer Sprachgebrauch, der häufig vor- 
kommt. 



35Ö MADAME JULLIEN 



links zu sehen, auf den Gipfel, selbst wenn Du über 
Messerklingen schreiten müßtest. Behüte Deine Ju* 
gend. Selbst Telemach hätte, wenn Mentor nicht ge- 
wesen wäre, seine weißen Haare von den Fehlern seiner 
jungen Jahre befleckt gesehen. Birg Dich immer unter 
dem Schild Minervens. Mein Julius, wie liebe ich dieses 
Bild! Leb wohl. 



An den Sohn 

Paris, 20. Oktober 1791. 

Dein Klageruf soll nicht unerhört bleiben, mein 
Sohn. Dein Vater, der sonst nichts in der Welt will 
als das Glück seiner Kinder und dessen aufgeklärte 
Philosophie keinem Vorurteil unterworfen ist, läßt 
Du* die Freiheit, den Beruf zu wählen, der Dir zusagt. 
Ein gutes Betragen in jeder Lage, die strenge Befol- 
gung der Tugenden, in der er Dir mit dem Beispiel 
vorangeht, das ist alles, was er von Dir verlangt, mehr 
noch zu Deinem Glück als zu seinem. Ich für mein 
Teil, mein Sohn, die ich weniger nachgiebig bin, will 
nicht unterlassen, Dir noch einiges zu erklären. Zu- 
nächst bin ich verletzt, daß Du uns eine Art Tadel 
über die Erziehung aussprichst, die wir Dir gegeben 
haben, und Deine Anführungen aus Jean- Jacques 
passen in Wahrheit auf den Fall sehr wenig, denn Du 
hast uns so leben und Dich großziehen sehen, daß 
sogar im Palais Royal Flanieren für Dich keine größere 
Gefahr der Ansteckung birgt als für uns. Hat man 



MADAME JULLIEN 35I 

erst sichere Grundsätze über das, was wahrhaften Wert 
besitzt, so läßt man sich nicht mehr von Flitter blen- 
den. Diese Grundsätze nun sind entweder in unaus- 
löschlichen Zügen in Dein Herz gegraben, oder Du 
wirst sie nie begreifen, und in der kümmerlichsten 
Provinz wirst Du für Tugenden, deren Grundlage so 
gebrechlich ist, daß man sie auf allen Seiten stützen 
muß, einen Stein des Anstoßes finden. Mein Sohn, 
Du bist ein Mensch und geschaffen, um mit den Men- 
schen zu leben. In Paris, in Peru, in Japan, in der 
Provinz, auf dem Dorf gibt es Laster und Tugenden; 
man muß die Menschen kennen lernen, muß suchen, 
sie zu ergründen, ehe man das Gebiet feststellt, wo 
sie schlechter oder besser sind, und wo es Dir besser 
bekommt. Dich niederzulassen. Die Provinz ist, wenn 
man alle Verhältnisse in Betracht zieht, vielleicht ge- 
fährlicher als die Hauptstadt, und der junge Mann, 
der sich hier absondern will, hat hier tausendmal mehr 
Freiheit und ist tausendmal mehr vor der Gefahr der 
Leidenschaften geschützt, als wenn ihn eine kleine 
Stadt einschließt, wo er die Gegenstände der Leiden- 
schaften nicht fliehen kann. Es gibt hier eine Art 
Verderbnis; nur ist sie so niedrig und verworfen, daß 
ich glaube, sie ist für. jeden ohne Gefahr, der auch 
nur im geringsten den Drang nach dem Höheren in 
der Seele trägt und von der Natur ein ehrbares Herz 
empfangen hat. Prüfe Dich ernsthaft, mein Sohn-, und 
sei ehrlich gegen Dich selbst. Vielleicht haben die 
drei Monate, die Du in Romans verbracht hast. Deinem 
moralischen Charakter mehr Schaden getan als die 



352 MADAME JULLIEN 

sechs Jahre, die Du in der Hauptstadt mit Übungen 
verbracht hast, die Du in Deiner Weisheit für wertlos 
hältst. Und in dieser sinnlosen Weisheit gibst Du 
Deinem Vater ein Wort von Rousseau zurück: „Ein 
weiser Erzieher muß damit beginnen, den Körper zu 
pflegen" usw. Ist das ein Vorwurf ? Ist's eine Lektion ? 
Armer Jüngling! Weißt Du, daß man von den ersten 
Augenblicken Deiner Geburt an nach den Mitteln ge- 
sucht hat. Dich in gleicher Weise an Leib wie Seele 
gesund zu erhalten? Weißt Du, daß wir in Deiner 
Kindheit auf dem Lande gelebt haben, um dort Deinen 
Körper zu kräftigen ? Weißt Du, daß wir die süßesten 
Genüsse aufgegeben haben, um mit Dir einen Boden 
zu bestellen, auf dem Du allein ernten sollst ? Weißt 
Du, daß andre Eltern ihre Kinder Unbekannten an- 
vertrauen und sie unter Gefährdung ihrer Tugend fort- 
schicken, um die Wissenschaft zu erlernen ? Vater und 
Mutter sind Dir gefolgt, um Dich unter ihren Flügeln 
zu bergen. Warst Du nicht glücklich im väterlichen 
Schoß und in den Übungen, wie sie junge Menschen 
treiben? War die Ruhe unsrer häuslichen Freuden, 
war der Kamerad, den man Dir zum Sporn bei Deinen 
Arbeiten und zum Gefährten Deiner Spiele gegeben 
hatte, war das alles nichts für Dein Glück? Deine 
Erfolge und Deine gute Haltung in der literarischen 
Laufbahn wiegten mich in die süßesten Illusionen; 
ich glaubte. Du wärest glücklich — bis zu dem Augen- 
blick, wo Du mir gesagt hast, daß Du es nicht warst. 
Zur rechten Zeit erinnere ich mich eines Deiner 
Argumente: Das Glück ist nichts andres als die Ab- 



MADAME JULLIEN 353 

Wesenheit des Unglücks. Du hast Dich dauernd in 
diesen sechs Jähren einer guten Gesundheit erfreut. 
Du hattest alles, was zum Leben gehört, im Überfluß; 
Du hast Deine Pflicht so erfüllt, daß man glauben 
mußte, es mache Dir Freude. Du warst von Deinen 
Eltern zärtlich geliebt. Niemals hat weder der Vor- 
wurf, noch die Klage, noch irgendeine Strafe Deiner 
Seele die Frische geraubt. Freundschaft und Achtung 
all unsrer Freunde haben Deine Kindheit geehrt, wie 
sie Dir Dein Betragen und das Zeugnis verdienten, 
das der trefflichste Vater und die empfindsamste 
Mutter Dir gern ausstellten. Da, mein Sohn, ich rufe 
Dich zur Gerechtigkeit auf, da hast Du das Unglück, 
über das Du klagst. Hüte Dich, die Vorsehung zu 
lästern. 



^ An den Mann 

Paris, 16. April Jahr IV der Freiheit (1792). 

In einer Art Freudenrausch schreibe ich Dir, mein 
lieber Mann; das Fpst ist vorbei, es ist mit dem ganzen 
Gepränge, mit der ganzen großartigen Einfachheit und 
der ganzen tiefen Ruhe eines Volksfestes begangen 
worden. Nichts Schöneres kann es geben! Ich habe 
es mit eigenen Augen gesehen; und wenn ich etwas 
bedauert habe, so war es das, daß ich den Mann nicht 
an meiner Seite hatte, der mich wahre Schönheit emp- 
finden und würdigen gelehrt hat. Warum konntest Du 
nicht da sein? Die abscheuliche Reise! Aber still, 

Landauer, Briefe aus der französ. Revolution I 23 



354 MADAME JULLIEN 

mein Herz, in der großen öffentlichen Freude gehe 
dieses private Mißgeschick unter. Nun zum Bericht 
über das Fest. 

Ich befand mich im ersten Stock auf dem Balkon 
einer prächtigen Wohnung, auf den Boulevards, 
gegenüber der Rue Montmartre unter dem Schutz des 
guten Fräulein Canot. Alle Fenster auf allen Boule- 
vards waren besetzt. Eine solche Menge Menschen 
strömte zu dem langen Zug herbei, daß man meinte, 
er könnte gar nie aufhören. Von der Barriere du Tröne 
bis zum Marsfeld war es das nämliche Schauspiel. 
Nichts konnte imposanter sein als die Ruhe und Heiter- 
keit, die aus allen diesen Mienen strahlten. Der Ab- 
marsch verzögerte sich zuerst durch einige äußerst 
kluge und maßvolle Anordnungen, die dem Fest einen 
andern Charakter, gegeben haben, ohne doch den ersten 
Plan ganz und gar zu ändern. Die Soldaten von 
Chäteau-Vieiix*), die ebenso wie die Frauen und Kin- 
der und die Allegorie der Fülle auf dem Triumphwagen 
hätten sein sollen, marschierten alle in geschlossenem 
Zug inmitten der andern Bürger. Diese gewaltig er- 
gossene Menge ordnete sich mit ^ner wunderbaren 
Ruhe und Genauigkeit zur Mauer, so daß die Pohzei 
nie besser und milder gehandhabt worden ist. Die 
Gesetzestafeln, von stämmigen Männern getragen, folg- 
ten den ersten Gruppen, die sich aus Leuten zusammen- 

*) Soldaten des Regiments Chäteau-vieux in Nancy,' die wegen 
Empörung des Regiments auf die Galeeren gekommen waren, 
waren jetzt begnadigt worden. Nach dem Vorgang der Jakobiner 
von Brest wurde die rote Mütze der Galeerensklaven nun ein Be- 
standteil der Revolutionstracht. 



MADAME JULLIEN 355 

setzten, welche verschiedene Banner zu Ehren der 
Freiheit trugen. Es folgten die Bildnisse der großen 
Männer, mit Bürgerkronen geziert. Steine der Bastille, 
auf denen die Worte Freiheit^ Gleichheit zu lesen waren, 
wurden auf einer Tragbahre getragen, die mit den 
drei Farben dekoriert war; dann kam die Lade, in 
der sich das Buch unsrer heiligen Verfassung befand; 
weiter ein Trauersarkophag, von Zypressen umrahmt 
und mit Flor umhüllt, der die Asche der unglücklichen 
Nationalgarden enthielt, die in Nancy gestorben sind. 
Ein oben angebrachtes Banner, das die Farben der 
Trauer aufwies, trug in großen Buchstaben die traurige 
Aufschrift: Die Opfer BouilUs. Ein beträchtliches 
Musikkorps begleitete diese Gruppe mit entsprechen- 
den Klängen. Truppen von Nationalgarden marschier- 
ten unter die Bürger gemischt, sich unterfassend, in 
der Ordnung des Zuges und hatten einige Frauen in 
ihrer Gesellschaft. Es gab da keine gesonderten Grup- 
pen, aber einzeln zeigte man mir Danton, Manuel, 
Santerre usw. usw. Die Soldaten von Ch&teau-Vieux 
marschierten zusammen mit Nationalgarden und mit 
andern Militärpersonen. Überall, wo sie vorbeikamen, 
erhob sich jubelnder Beifall. Frauen und Kinder 
streckten ihnen die Arme entgegen; die Männer lüf- 
teten die Hüte, und die einstimmigen Rufe: Es lebe 
Chäteau-Vieux ! schollen zum Himmel, begleitet von 
den Rufen: Es lebe die Nation! Es lebe die Freiheit! 
Ein ebenso interessantes Schauspiel führt einen an- 
dern Eindruck herbei und gewährt neues Vergnügen, 
verbunden mit zartem Mitleid: eine Galeere und Ruder 

23* 



356 MADAME JULLIEN 



werden auf einer erhöhten Bahre mit der Inschrift ge- 
tragen: Dcts Verbrechen macht die Schande^ nicht das 
Schafott; und darauf folgten etwa hundert junge Mäd- 
chen, die als Nymphen gekleidet und schön wie Nymphen 
waren und die die Fesseln der unglücklichen Soldaten 
trugen. Dieser glänzende Zug wurde geschlossen von 
einem Trauersarkophag mit Inschriften zu. Ehren der 
vom Kriegsgericht so unmenschlich geopferten Sol- 
daten, und 40 junge Mädchen trugen auf Fähnchen den 
Namen eines jeden der Soldaten von Chäteau-Vieux, 
die der Rache des Gerichtshofs entgangen waren. Die 
Fahnen der drei freien Nationen waren vereinigt und 
wurden von einem Gewinde in den drei Farben zu- 
sammengehalten. Ich habe sie nicht am gehörigen Ort 
erwähnt und vergesse sicher etwas; denn ich habe noch 
keinen Bericht gelesen, und das alles ist die Erzählung 
dessen, was meine Augen gesehen haben. Die 83 De- 
partements wurden von 83 Männern dargestellt, die 
Banner in den drei Farben mit dem Namen jedes De- 
partements trugen, und dabei immer Gruppen von 
Nationalgarden, Bürgern, Lastträgern in ihren Trach- 
ten. Da in dem Zug manchmal Lücken entstanden, 
trat man, um diesem großen Körper Zeit zu lassen, 
sich wieder zu sammeln, zu Tänzen zusammen, und die 
Melodie (la ira wurde von den Fenstern aus dermaßen 
aufgenommen, daß der Tanz ganz von allein ging und 
die kleine Unregelmäßigkeit, die im Festzug entstan- 
den war, ihm eine große Schönheit dazu lieferte. Der 
Zug dauerte über eine Stunde und bot die mannig- 
faltigsten und malerischsten Bilder; die Zurufe und 




MADAME JULLIEN 357 

all die Rufe, die der Freiheit geweiht wurden, hatten 
sich so einstimmig und mit ^iner so rührenden Be- 
geisterung wiederholt, daß kein Konzert und keine 
Musik mehr in Einklang stehen könnten. Aber paß 
nun wieder auf, sieh, da kommt ein prächtiger Wagen, 
von 20 herrlichen Pferden gezogen und mit den Ver- 
fassungsfarben geschmückt; Führer mit roten Mützen 
auf lenkten die Pferde zu Fuß, um Unglücksfälle zu 
verhüten. Zwei oder drei waren auf dem Bock, und 
ein einziger hielt die vordersten Zügel. Dieser Wagen 
war zwei Stockwerke hoch; die aufsteigenden Stufen, 
die ursprünglich eine andere Bestimmung gehabt hat- 
ten, waren leer, aber ausgeschmückt, so daß es nicht 
schlecht aussah. Die Fama, die eine schöne Frau als 
Statue vorstellte, stand oberhalb der ersten Stufen, 
mit einer Inschrift, die ich nicht lesen konnte. Die 
stolze Statue der Freiheit stand auf der Plattform, 
die den Wagen abschloß, mit dem Füllhorn und allen 
Attributen des Ruhms und des Glücks. Die Relirfs 
waren prächtig; die Begeisterung stieg auf den Gipfel, 
und ich höre noch: Es lebe die Freiheit! Frei leben 
oder sterben ! so oft wurde dieser Ruf wiederholt. Um 
acht Uhr* abends war das Fest zu Ende, gekrönt niit 
dem. größten Erfolg und der vollkommensten Ruhe. 
Der wackere Petion*) ist mit Ruhm bedeckt. Er hatte 
die Einsicht besessen, endlich das Departement und 
die Stadtverwaltung in dem edlen Gefühl zu vereinigen, 
das Volk sich selbst zu überlassen und ihm die Polizei 
seiner Feste anzuvertrauen. Keine einzige Patrouille, 

♦) Der neugewählte Maire der Pariser Kommune. 



358 MADAME JULLIEN 

kein Nationalgardist war in Waffen, weder im Zug 
noch auf den Straßen; und unter 600 000 Menschen 
gab es kein Gedränge. Die Polizei des Volkes ist die 
gegenseitige Freundlichkeit. Ich war dabei, ich war 
dabei; und damit meine gute Schwester Virginie, die 
ich sehr vermißt habe, überzeugt sei, daß mein Pa- 
triotismus in nichts übertreibt, sage ihr, daß ich, wenn 
man morgen wieder so ein Fest veranstaltete, im 
Stande wäre, August allein hinzuschicken, so viel Höf- 
lichkeit und Rücksicht habe ich gefunden. Das Fa- 
mose an der Sache ist, daß die Intrige ins Wasser 
gefallen ist; ich nenne keine Namen, aber Du wirst 
sie leicht kennen, denn sie sind alle mit langer Nase 
abgezogen. Die Mutter eines gewissen Kommandanten 
hatte mich beschworen, mich zu Hause mit meiner 
Familie einzuschließen; ihr Sohn hatte ihr gesagt, daß 
die Truppen in den Generalquartieren zusammenge- 
zogen wären und in Bereitschaft stünden ; Petion würde 
gezwungen werden, die rote Fahne einzuziehen, und 
man würde mit Kartätschenkugeln dieses ganze hirn- 
verbrannte Volk von der Straße fegen, das sich in 
den Kopf setzte, Feste zu feiern. Ich habe in dieser 
Sache in einer interessanten Unterhaltung mit Herrn B. 
(Maler aus Desisle, der seinerzeit nach Nancy gegangen 
ist, um ein Nationalgemälde als Seitenstück zu Davids 
Schwur im Ballhaus zu malen) erstaunliche Sachen 
gehört, die er von dem Vater und der Mutter des 
jungen Helden erfahren hat, der von Soldaten seines 
Regiments getötet worden ist. Die Chftteau-Vieux 
lagen damals außerhalb der Stadt. 




MADAME JULLIEN 



359 



Mein Freudenrausch steht im Verhältnis zu der 
Furcht, die ich hatte, es könnte Blut fließen. 



An den Mann 

Paris, 30. April 1792. 

Ach, mein guter Mann, wie habe ich Dich in diesen 
drei Tagen vermißt ! Es bedürfte der Feder des Tacitus, 
um ihre Geschichte zu schreiben. Niemals, nein, nie- 
mals hat das Volk sich mächtiger und ruhiger gezeigt, 
und seine Majestät hat in den Augen des Philosophen 
und des Forschers wahrlich einen andern Glanz als 
die der Könige. Ich habe 2 oder 300 000 Menschen 
in den Tuilerien, den Höfen des Schlosses, den Um- 
gebungen des Senats beisammen gesehen, und es ist 
im Gedränge nicht einmal ein Fuß verstaucht worden. 
Das Volk war wahrhaft aufgestanden: wie ist es stolz 
und machtvoll in dieser Haltung! Du hast seit der 
Revolution nichts ähnliches gesehen, und unsre Augen 
waren Zeugen dieses großen Schauspiels. Ich war am 
Dienstag, als die Nationalversammlung aus war, in 
die Tuilerien gegangen, um sie zu durchqueren, und 
ich glaubte, ich käme nie wieder heraus. Ich war an 
den vier Toren, ohne hinaus zu können, und der Garten 
war völlig voll. Die weiten Schloßhöfe waren in glei- 
cher Weise angefüllt. Als ich da durchging, sah ich 
die Höhle des Löwen auf allen Seiten in gleicher Weise 
bewacht; und von da bis zum Pont-Neuf überall der 
gleiche Andrang. Marion, die in den Tuilerien war 



360 MADAME JULLIEN 

and sich in alle Gruppen gedrängt hatte, hat trefOiche 
Dinge gehört. Das Volk wollte seine Kraft, die es 
stolz empfand, nicht mißbrauchen; zahlreiche Pa- 
trouillen, die in der Menge verteilt waren, jedoch 
ihre Mäßigung respektierten, hatten nichts zu unter- 
drücken, nichts zu strafen. 

Die Sitzung, der ich am Dienstag von acht Uhr 
morgens bis fünf Uhr nachmittags beigewohnt habe, 
bot bis zum Ausgang ein immer steigendes Interesse, 
wie wenn die Vorsehung für diesen Tag ein regelmäßi- 
ges und großartiges Stück in Form einer Tragödie ge- 
liefert hätte, deren Wärme und Bedeutung von Szene 
zu Szene zunahmen. Der höchste Beamte des Volkes, 
Petion, kam, um über die Polizei von Paris Bericht 
zu erstatten. Sein Vortrag war beredt und schlicht: 
begünstigt von der genauesten Überwachung herrschte, 
sagte er, die tiefste Ruhe; der Gesetzgeber könnte sich 
zur Höhe des Amtes erheben, das das Volk ihm an- 
vertraut hätte, ohne fürchten zu müssen, seine Be- 
ratungen würden durch irgendeine Unordnung ge- 
stört. Die Masse der Bürger dieser großen Haupt- 
stadt sei rein, ihr Bürgersinn aufgeklärt und fest, die 
Übelwollenden würden es nicht wagen, sich sehen zu 
lassen usw. Händeklatschen, Bravo, überschäumende 
Freude und Begeisterung äußerten sich dermaßen, als 
wollten sich die Gewölbe des Tempels auftun. Der Maire 
schritt hindurch, begleitet von den lebhaftesten und 
aufrichtigsten Zurufen. Dann traten etwa zwanzig In- 
validen vor die Schranke und beklagten in edeln Worten 
die Notwendigkeit, in die sie versetzt seien, ihre Offi 



MADAME JULLIEN 361 

ziere wegen der Weisung, die sie für die verflossene 
Nacht erhalten hätten, zur Anzeige zu bringen. Sie 
ging dahin, den Wachen des Königs, sogar der National- 
garde die Tür zu öffnen. Der Vortrag dieser wackeren 
Soldaten hat uns zu Tränen gerührt. Man rief die 
Offiziere vor die Schranke. Um es kurz zu machen, 
sage ich, daß sie sich schlau herausgeredet haben, in- 
dem sie sagten, sie hätten für die Nacht Unruhen in 
Paris befürchtet und hätten darum Befehle gegeben, 
um solchen Personen, die sich in ihre Häuser flüch- 
teten, ein friedliches Asyl zu sichern. Wäge das in 
Deiner Weisheit und urteile. Man hat sie frei gehen 
lassen. Bazire begann seine Anklage über die Leib- 
wache des Königs*), sein einleitender Vortrag war kurz 
und voller Mäßigung. Die Verlesung der ordentlich 
und beglaubigt unterzeichneten Beweisstücke dauerte 
zwei Stunden, und man hat mehr weggelassen als ge- 
lesen, aus Überdruß an der Sache und weil das Delikt 
mehr als genug bewiesen war. Drei junge Gardisten 
des Königs verlangten, an der Schranke gehört zu 
werden, und in der Redeweise frischer und freier Seelen 
zeigten sie Greuel an, deren Zeugen und Opfer sie 
gewesen waren, indem sie wegen ihres Bürgersinns 
allen Arten der Unterdrückung ausgesetzt waren. Sie 
sagten, im Vorzimmer der Königin sei die Schlappe 
von Mons als glorreicher Erfolg behandelt worden: 
„Schon 300 Sanskülotten sind gefaUen, bravo! Man 

*) Die Leibwache durfte verfassungsmäßig nicht mehr als 
1800 Mann betragen; die Anklage gegen den Herzog von Brjjssac 
ging dahin, er habe ihre Zahl auf 6000 gesteigert. 



362 MADAME JULLIEN 



reinige die Erde von dieser Brut, dann wird unser 
Herr König sein" usw. usw. Meine Feder sträubt sich, 
wiederzugeben, was ich gehört habe. Die Wildheit 
der Tiger ist die Menschlichkeit der Höfe. Man er- 
öffnete die Debatte. Dumas wagte es, die Verteidigung 
der königlichen Leibwache zu übernehmen. Andre, 
die geschickter waren, beriefen sich auf die Verfas- 
sung, um ihre Entlassung zu verhindern, die in Bazires 
Dekret gefordert war. Kriegerische Musik ließ sich 
hören und beruhigte den Geist in einer Debatte, die 
anfangen wollte, zu stürmisch zu werden. Alles in 
dieser Sitzung war wunderbar durch die kunstvolle 
Aufeinanderfolge der einzelnen Geschehnisse, die die 
Seele stufenweise durch alle verschiedenen Empfin- 
dungen führten: Grauen, Mitleid, Bewunderung, 
Freude, Lust, Qual — wir sind durch alles hindurch- 
gegangen, und zwar mit einer Energie, die durch den 
mächtigsten Anteil, die furchtbarste Gefahr erzeugt 
war. 

Diese kriegerische Musik kündigte die Sektion der 
Gobelins und das Faubourg Saint-Marceau an. Der 
Redner, ein Mann in Lumpen, sprach wie Cicero: ich 
weiß nicht, wo man die neuen Schönheiten der Bered- 
samkeit herholen wird, aber eine so schlagende hat es 
noch nie gegeben. Der Redner bat die Versammlung 
um Erlaubnis, daß die ehrenwerten Bürger der Sektion 
durch den Saal zögen, um den Gesetzgebern zu zeigen, 
wie viele Herzen ihnen entgegenschlügen und wie viele 
Arme Waffen trügen, um sie zu stützen. 6000 Men- 
schen, Soldaten, Männer, Frauen, Kinder ?oge^ in 



% 



MADAME JULLIEN 363 

einer neuen und sehr reizvollen Ordnung herein. Die 
Bürgergruppen waren in gewissen Abständen durch 
drei oder vier Reihen Soldaten unterbrochen, und die 
ganze Schar marschierte zum Takt eines Trommlers, 
der einen lustigen und sanften Marsch schlug. Alle 
Frauen reckten den rechten Arm in die Höhe; die 
Männer waren mit Piken, Gabeln, dreizackigen Hacken, 
Sicheln bewaffnet, unter die sich die Bajonette der 
Soldaten mischten. Die Kinder trugen gezogene Säbel, 
und der Saal widerhallte von Rufen wie: Frei leben 
oder sterben, Verfassung oder Tod ; hoch die National- 
versammlung, nieder mit den Tyrannen; das franzö- 
sische Volk ist frei, es hat nur einen Herrn, das Gesetz; 
hoch das Gesetz, hoch die Nation! und das währte 
eine halbe Stunde lang. Die Bravo, die Beifallrufe, 
das Klatschen, alles zusammen bildete eine Kako- 
phonie, die tausendmal schöner war als die ganze 
Harmonie der Großen Oper. Urteile selbst, mein 
Lieber, ob nicht die Vorsehung in Person durch diesen 
kräftigen Zuspruch unsern Abgeordneten den Mut und 
die Kraft stärkten, die sie brauchten! Die Schwar- 
zen*) waren kraft der Angst zu Weißen geworden. 
Etwas andres kennen sie nicht, außer dem Mut der 
Schändlichkeit. Sie waren leichenblaß und wie vor 
den Kopf geschlagen. Das Faubourg Saint-Antoine 
hat am Abend in größerer Zahl wiederholt, was ich 
von dem Faubourg Saint-Marceau gesehen und eben 



*) Damals nannte man die „Aristokraten**, Reaktionäre und 
Gemäßigten les noira^ die Schwarzen. Später hieben sie les blancs, 
die Weißen. 



364 MADA ME JULLIEN 

berichtet habe. Die Nacht verging in der größten Ruhe. 
Paris ist sorgsam beleuchtet, und die Gesetzgeber, ge- 
bieterisch von der öffentlichen Meinung gelenkt, haben 
in dieser Nacht die Verabschiedung dieser Prätorianer- 
garde dekretiert, die bereit war, uns beim leisesten 
Wink zu erdrosseln. Brissac Coss6 wurde in Anklage- 
zustand versetzt, verhaftet und heute morgen nach 
Orleans überführt. Ich habe Dich vermißt, ich habe 
Dich herbeigerufen, ich habe Dich ersehnt, mein lieber 
Mann; diese großen Szenen erschöpfen die Seele. Die 
Gefahren, in denen wir geschwebt haben, die Frech- 
heit der Aristokraten, die die Gegenrevolution und 
ein Blutbad ankündigten, wie man ein reinigendes Ge- 
witter prophezeit, all das hat das Höchste Wesen er- 
zürnen müssen, und ich betrachte alles, was nun ge- 
schehen ist, als lauter Wunder seiner Macht und seiner 
Güte gegen das Volk. Die Menschen haben nichts 
Großes dabei getan; die Verbrechen haben sich ge- 
häuft, die Umstände wurden von der Vorsehung der 
Revolution gereift und beschleunigt, ohne daß ihr 
eigentlich die menschliche Klugheit viel dabei half, 
und haben so die Gesetzgeber gezwungen, uns und 
sich selber zu retten. Suprema lex salus populi. 



An den Mann 

Paris, 3. Mai Jahr IV der Freiheit (1792). 

Mein lieber Mann, ich werfe mich in Deine Arme, 
traurig^ sorgenyoll -^ ich weiß nicht, was ich Dir sagen 



MADAME! JÜLLlEN 365 



soll in dieser ungewissen Lage. Man kann kaum atmen 
in Erwartung neuer Nachrichten; alle Herzen sind be- 
wegt, aller Sinn ist gespannt, und man sucht sich 
gegenseitig voller Unruhe auf, um nach dem Neuesten 
zu fragen. Du weißt schon von der Niederlage Dillons 
und seinem traurigen Los. Ein zweiter Zusammenstoß 
vor Mons, wo Herr von Biron die Führung hatte, nahm 
auch kein gutes Ende; aber er hat den Rückzug gut 
bewerkstelligt. Heute morgen ließ Herr Truffer mir 
sagen, Mons wäre von dem nämlichen General genom- 
men, der Eilbote wäre gestern abend neun Uhr an- 
gelangt, und er wüßte es aus sicherer Quelle. Heute 
sollen wir die Bestätigung erhalten. Die National- 
versammlung macht uns Angst; man merkt, daß der 
Kanonendonner sie betäuben wird; man ist nicht mit 
ihr zufrieden. Unsre Aristokraten zeigen wilde Freude, 
die hoffentlich von kurzer Dauer sein wird. Schließ- 
lich, mein Lieber, fürchtet man das* jakobinische Mini- 
sterium, und wenn die Vorsehung nicht mit starken 
Söhlägen trifft, sind wir zu beklagen. Das Mißtrauen 
wird vom Verrat so gerechtfertigt, daß wir, um zu 
siegen, auf Wunder angewiesen sind. Ich erwarte 
welche von La Fayette, weil sein Interesse und das 
unsre in diesem Augenblick zusammengehn. Er muß 
sich mit einer großen Macht und großem Vertrauen 
ausrüsten, und alles was er tut, läuft darauf hinaus. 
Geduld und Mut, wir sind in einer römischen Be- 
stürzung, aber die Hoffnung läßt es nicht dazu kom- 
men, daß sie zur Niedergeschlagenheit wird. Würde 
unser Senat die öffentliche Meinung unterstützen, so 



366 MADAME JULLIEN 

wäre all das nicht schlimm. Mirabeau hatte recht, 
die Aufmerksamkeit, die der Krieg an sich reißt, nimmt 
alle Köpfe in Anspruch, und das ist nicht günstig, 
wenn man so viele andere Sachen zu besorgen hat. 

Was für abscheuliche Geheimnisse werden der Ge- 
schichte entgehen, und was für entsetzliche Bösewichte 
waren und sind unsre Großen! Ihr seid sehr glücklich, 
wo Ihr seid. Es kommt mir so vor, als hinderte Euch 
die Kriegstrompete nicht, die ländliche Flöte zu hören, 
und als lachten und ergingen sich meine kleinen Schwe- 
stern wie im tiefsten Frieden . . . 

. . . Fräulein Virginie soll sich nicht einfallen lassen, 
sich daran zu erinnern, daß ich Triumphe voraus- 
gesagt habe, und soll nicht meine Glaubwürdigkeit 
erschüttern. Ich sehe die Sache im Großen und ziehe 
ihr Ganzes in Betracht. Wir waren auf Verrätereien 
und kleine Schlappen gefaßt; aber der Krieg hat mich 
immer traurig gemächt, wenn ich an die Hekatomben 
von Opfern dachte, die man der Intrige und Unred- 
lichkeit hinschlachtet. 



An den Sohn 

Paris, 19. Mai 1792. 

. . . Ich war mit Fräulein C. in Saint-Eustache in 
der Predigt. Niemals, nein, niemals ist die Kanzel der 
Wahrheit von einem Würdigeren betreten worden. 
Der Redner hat mit glänzender Beredsamkeit von den 
Mitteln gesprochen, den Bürgerkrieg zu verhüten und 



MADAME JULLIEN 367 

den äußern Krieg zu gutem Ende zu führen. Mit dem 
Evangelium und der Verfassung in der Hand hat er 
mit den Blitzen des Genies Freiheit, Gleichheit und 
Brüderlichkeit gepredigt. Die Bilder, die er von der 
widernatürlichen Verderbtheit der Tyrannen und Höfe, 
von der Erniedrigung und Pein der Völker entworfen 
hat, waren von so schlagender Wahrheit, daß ich seit 
der Revolution nichts so Schönes und Starkes gelesen 
habe. Der Gegensatz, zu dem er kunstvoll hinführte, 
eines Bürgerkönigs, der in frommer Treue gegen seinen 
Schwur mit festem Schritt auf der Bahn der Tugend 
wandelt und sich mit der Nation auf den Gipfel des 
Ruhms erhebt, war von ergreifender und großartiger 
Ironie. Kurz, mein Lieber, die Flechier und Bourda- 
loue haben in ihren größten Leistungen nichts, was 
sich damit messen kann. In dem Augenblick, wo er 
in der herrlichsten Apostrophe den Donner der himm- 
lischen Gerechtigkeit auf die strafwürdigen Häupter 
herabrief, erschütterte ein richtiger Donnerschlag die 
Gewölbe der Kirche. Der römische Aberglaube hätte 
das als gutes Vorzeichen für Jupiters Gunst genom- 
men. Wir aber haben schweigend diesen seltsamen 
Umstand bewundert, den der Zufall so zur rechten 
Zeit anbrachte, und haben im geheimen Kämmerlein 
des Herzens die Gottheit angefleht, sie möchte mit 
einem so gewaltigen Schlag ihre Justiz und Allmacht 
an den Tag legen. Die Zuhörer waren so hingerissen 
und entzückt, diesen würdigen Diener des Höchsten 
Wesens zu hören, daß der Beifall nicht enden wollte 
und von allen Seiten dröhnte . . . 



368 MADAME JULLIEN 

. . . Man spricht hier von einem großen Sieg der Eng- 
länder über Tipo Sahib, der sie in Besitz aller Schätze 
Hindustans setzen würde. Sage mir, ob das wahr ist?*) 
Ich nehme an allem, was diese Nation angeht, warmen 
Anteil. Mit Bewunderung habe ich ihre Beratung über 
den Negerhandel gelesen. Ich will die Fortschritte 
dieser großen Sache verfolgen, die die Sach6 der Hu- 
manität ist . . . 

... Du kennst meine tiefe Verehrung für den Doktor 
Priestley. Wenn Du das Glück hast, ihn zu sehen, 
betrachte ihn, wie wenn Phocion, Aristides oder So- 
krates wiedererstanden wären. Die Weisheit dieses 
großen Mannes darf sich allem an die Seite stellen, 
was Du von den drei andern gelesen hast. Es ver- 
langt mich, Dich über tausend Sachen zu hören, die 
ich brennend gern wüßte. Erzähle die Details ein 
wenig mit Detail. Ich kann es nicht leiden, wenn man 
mit geschlossenen Füßen über die Umstände weg- 
sevZv ... 



An den Sohn 

Paris, 1. Juni 1792. 

Ein Traum, ein Nichts, alles ängstet uns, wenn es 
um das geht, was man liebt. Mein Sohn, mir hat heute 
nacht geträumt, daß wir. Dein Bruder, Du und ich, 
beim blassen zitternden Schimmer des Mondes am 



*) Der Sohn war, mit vielen Empfehlungen, unter andern an 
Priestley, nach England gereist. 




MADAME JULLIEN 369 



Rand eines Abgrunds gingen; da ich in der Gefahr 
nichts Heilsameres kenne als Unverzagtheit und Kalt- 
blütigkeit, sage ich mutig zu Euch: Geht festen Schrit- 
tes, Kinder, aber geht weiter. Ein falscher Tritt, den 
Du machtest, stürzte Dich vor meinen Augen 100 Fuß 
tief hinab. Ich rufe um Hilfe, ich lege mich auf den 
Felsen, der fast senkrecht abfällt; ich lasse mich mit 
ganzer Kraft hinabgleiten und komme fast gleichzeitig 
mit Dir auf dem Boden des Abgrundes an, ohne auch 
nur betäubt zu sein. Ich hebe dich auf. Du bist ganz 
zerquetscht, aber voller Leben und Mut. Zwei Männer, 
die mir gefolgt sind, nehmen Dich auf ihre Arme und 
tragen Dich nach oben, indem sie einen Pfad hinauf- 
steigen, der so steil ist, daß Menschenfuß ihn niemals 
beschritten hat. Ich ging mühsam hinter der Gruppe 
her. Die Mutterliebe gab mir die Kraft eines Herkules, 
und die Freude, auf dem Gipfel anzulangen, erweckt 
mich; ich bin von Schweiß bedeckt und keuche vor 
Freude. Ich konnte nicht wieder einschlafen, so hatte 
die Aufregung dieses Traums all meine Lebensgeister 
geweckt. Sollte er prophetisch sein? Droht Dir eine 
Gefahr ? Mein liebes Kind, ich sehe die Jugend immer 
an Vulkanen, an Abgründen und am Schlund der 
Leidenschaften Deiner Jahre gehen. Urteile über meine 
Gedanken! Ich flehe Dich an, im Namen Deiner 
Mutter, wache über meinen Sohn. Ich wiederhole Dir, 
so oft Du es willst, das einzige Wort, mit dem alles 
gesagt ist: ein weises Mißtrauen möge das Auge Deines 
Gewissens bei jedem Deiner Schritte wach halten . . . 
Wenn Du einen Quäker triffst, küsse in meinem 

Landauer, Briefe aus der franzOs. Eevolution I 24 



370 MADAME JULLIEN 



Namen den Saum seines Kleides. In all der Vielfältig- 
keit der Menschen, die das Erdenrund bewohnen, gibt 
es in meinen Augen keine, die der Menschheit mehr 
Ehre machen. Da ich sie nur aus dem Gemälde kenne, 
sprich mir von ihnen, wenn Du irgendwo welche siehst, 
und sage mir, ob dpr Pinsel Voltaires und der andern 
Philosophen ihnen nicht geschmeichelt hat . . . 

Von den Grenzen gibt es nichts Neues. Dein kleiner 
Bruder hat seine patriotische Gabe dargebracht; nach- 
dem er die patriotische Gabe hingelegt und sein Sprüch- 
lein gesagt hatte, hat man ihm unter lebhaftestem 
Beifall die Ehren der Sitzung bewilligt. Dieses heilige 
Feuer, das für den öffentlichen Geist bezeichnend ist, 
ist so stark, daß es ohne Übertreibung Gold regnet. 
Gestern hat ein Bürger aus Bordeaux 57 000 Livres 
in klingender Münze auf den Altar des Vaterlandes 
gelegt; und Tag um Tag ist das Bureau damit be- 
deckt . . . 



An den Mann 

Paris, 14. Juni 1792. 

. . . Deinen Brief habe ich erst begeistert und dann 
nachdenklich gelesen. Mir will scheinen, daß Du nicht 
ohne Absicht meine Augen auf die friedliche Hütte 
lenkst, die inmitten der politischen Stürme die Ruhe 
birgt; diese Arche des Armen wird vielleicht in der 
allgemeinen Sintflut sich schwimmend erhalten, und 
die Tugend wird ihr entsteigen, wenn die Erde gerei- 
nigt ist. Meine Seele ist ihr mit ganzer Kraft zugeflo- 



MADAME JULLIEN 371 

gen. Ich genoß die Freude schon im voraus, sie mit 
Dir zu bewohnen, und sagte zu Marion: „Gehen wir 
in die Dauphin^, bei uns auf dem Lande wird der 
Himmel nicht so grollen wie hier." Moliere pflegte mit 
Recht sein Dienstmädchen zu Rate zu ziehen; meines 
antwortete mir mit köstlicher Philosophie: „Gnädige 
Frau, wir werden uns dort kaum eingerichtet haben, 
so wird der Herr den Wunsch haben, eine Reise nach 
Paris zu machen, um das große Schauspiel der poli- 
tischen Angelegenheiten mit Augen zu sehen." Das 
hat mich so natürlich und so wahr bedünkt, daß es 
hiermit meine einzige Antwort auf den Gesnerüchen 
Teil Deines liebenswürdigen Briefes sei . . . 



An den Sohn 

Paris, 16. Juni 1792. 

. . . Die Dürre Deines letzten Briefes hat mich be- 
trübt. Du sagst mir darin an zwei Stellen: Ich weiß 
nicht, womit ich das Papier füllen soll, und Du er- 
widerst auf all meine Zärtlichkeiten kein einziges Wort. 
Du lächelst nicht über den Traum, den die Mutter- 
liebe mich träumen und, scheint mir, mit der Wärme 
der Empfindung erzählen ließ. Du bläst nicht darüber 
hin, um den schmerzlichen Eindruck zu zerstören. 
Mein Sohn, dessen Seele so zart ist, antworte mir: kann 
die Mitteilung zwischen zwei Freunden je erschöpft 
werden? Braucht es politische Ereignisse, pikante 
Anekdoten, neue Berichte, um empfindsame Herzen 

24 ♦ 



372 MADAME JULLIEN 

ZU nähren? Ich bin durch die Beschaffenheit meiner 
Einbildungskraft so geneigt, anzunehmen, daß es keine 
Wirkungen ohne Ursache gibt, daß ich mich mit der 
Frage abquäle, woher diese Erschöpfung in einem eben 
beginnenden Verkehr kommen mag, den die Liebe eher 
überströmend und warm als trocken und eng machen 
sollte. Ich habe mir mit Bitterkeit gesagt: Vielleicht 
ist mein guter Julius unglücklich und beschuldigt im 
geheimen seine Mutter einer grausamen Übereilung 
beim Werk unsrer Trennung. Mein Sohn, ich habe 
Dich zum Richter Deines Schicksals gemacht; ich habe 
zu diesem Entschluß geraten, habe ihn begünstigt, 
weil ich ihn für gut hielt. Wenn die Maßregeln der 
Klugheit, die mich Deine Ausbildung, Dein Interesse 
und Dein Glück in dieser Reise erblicken ließen, unsern 
wahrhaften Absichten nicht entsprechen; wenn der 
Aufenthalt in London Dir mißfällt; wenn die Men- 
schenkenntnis, die Du dort erlangen sollst. Dich zu- 
rückstößt; wenn der englische Humor nur dazu dient, 
die Neigung zur Schwermut, die ich lieber €d)ge8chwächt 
als genährt sähe, in Dir zu verstärken, — dann sprich 
die zwei Worte aus, die die Seele erweitern: Ich hin 
frei. Ziehe Deine Vernunft zu Rate, prüfe Deine Nei- 
gungen, und folge mit Maß und Klugheit dem Be- 
schluß, den Du dann wohlüberlegt gefaßt hast. Unsre 
Arme und unsre Herzen stehen Dir offen. Fern bleibe 
uns die Tyrannei der Eltern, die nicht leiden wollen, 
daß ein Schritt rückgängig gemacht wird! Es gilt, 
in allen Richtungen die Weisheit und das Glück zu 
suchen. Man kann ohne Scham seine Entschlüsse und 



MADAME JULLIEN 373 



Meinungen ändern. In Deinen Jahren prüft man den 
Boden, erprobt die We^e, bis man den gefunden hat, 
auf dem man zu Nutzen und Freude wandern kann. 
Ist das Ereignis der Herr der Toren, so ist besonnene 
Erfahrung der Führer der Klugen. Mißtraue Deiner 
ersten Regung, dem Ungestüm Deines Kopfes ; unter- 
wirf sie Deinem Gewissen und Deinem Herzen . . . 

. . . Beunruhige Dich nicht wegen Paris. Vier Jahre 
voller Wunder der Vorsehung, die ihren majestätischen 
Schutz für das Volk deutlich erkennen läßt, müssen 
selbst die Ungläubigen zum Glauben bringen, ^a ira. 

Der König hat eben das Ministerium zum Teil ge- 
wechselt: Du wirst das in den Blättern finden. Diese 
Kühnheit verblüfft mich; aber wir werden uns auch 
das zunutze machen, wie seine übrigen Dummheiten. 
HerrServan, den er zerschlägt wie ein Glas, war wahr- 
haftig ein Patriot, fest wie ein Römer und fähig zu 
den größten Unternehmungen. Wir kennen ihn per- 
sönlich, darum hat mein Urteil über ihn eine ge- 
sicherte Grundlage. Er hatte Romans verlassen, um 
als Kriegsminister das Ruder zu führen. Herr Du- 
mouriez ist an seine Stelle getreten; wolle Gott, daß 
er ebenso rein ist wie er. Gouvion ist tot; es ist die 
Narrheit der Franzosen, beim Verlust von Offizieren 
immer zu übertreiben. Die Natur scheint die Ci-dernnt 
in einer besonderen Form gebacken zu haben, so daß 
sie allein das Talent zu Kommandostellen haben. Zum 
Donner! Chevert war Soldat gewesen, ehe er General 
wurde, und es gibt vielleicht Troßbuben in der Armee, 
die Turenne werden könnten, wenn nicht die Albern- 



374 MADAME JÜLLIBN 

heit unsres Vcnnirteils wäre. In diesem Augenblick 
sind Ehrlichkeit und Bargersinn für das Heil des 
Reichs die wünschenswertesten Eigenschaften an 
onsren Generälen 



An den Mann 

Paris, 24. Juni 1792*). 

. . . Herr Boucly hat nicht yerfehlt, mir behäbig- 
freundlich von allen politischen Prinzipien des Mon- 
taigu-Klobs zu sprechen. Ich habe ihm lebhaft genug 
gesagt, daß sie Feuillants sind. Er meint, „daß die aus- 
führende Gewalt**) verräterisch und perfid sei; aber 
es sei Sache der Verfassung, ihr auf den Weg zu helfen. 
Hat sie dazu nicht das Mittel, so muß man zusehen 
und vor allem die Verfassung respektieren; dieses Volk 
in Waffen ist nicht das wahre Volk, es sind Fremde, 
Räuber oder das, was man früher die Hefe des Volkes 
nannte, die nichts hat und also nur an der Unordnung 
interessiert ist''. Ich habe maßvoll gesagt, was sich 
sagen ließ ; aber ich habe die Bourgeoisaristokratie ge- 
sehen, die in der Klasse des Volkes diese furchtbare 
Trennung erzeugt, welche gefährlicher ist als alles. 
Überall wird getrommelt. Das Bataillon von Sainte 
Genevi^ve steht schon in Bereitschaft. 

Ich bin über den Platz gegangen; ein Offizier sagte 

*) Am 20. war in den Tuilerien die große Demonstration gegen 
den König, das Vorspiel des 10. August gewesen. 
•♦) Siehe Anmerkung S. 349. 



I 



MADAME JULLIEN 375 

ZU mir: „Madame, wir werden das Gesetz schützen", 
worauf er sich entfernte. Ein Soldat hat erwidert: 
„Wir sind nicht seiner Meinung. Bah! ^a ira; wir 
werden nicht schießen . . ." 

. . . Heute morgen ging ich über den Platz des Pan- 
theon, wo drei Bataillone mit ihren Kanonen standen; 
die Lunten waren entzündet. Man sah fast lauter 
Offiziere. Es ist ein nettes Regiment von Rasier- 
schusseln; so nennt man die Bleche, die sie auf der 
Brust tragen. Die Weiber trieben ihren Spaß mit 
ihnen: „Die Herren warten sicher, bis es Österreicher 
regnet, denn sie sind viel zu galant, um Franzosen 
zu töten.*' Eine andre: „Das ist wahrhaftig die Armee 
von Coblenz; es sind lauter Epaulettengecken." Bis 
ein Uhr lungerten sie herum, und nach dieser Helden- 
tat gaben sie das Signal zum Rückzug. Ich habe all 
das mit Vergnügen gesehen und gehört. Schließlich, 
mein Lieber, ist wieder ein Gewitter abgewandt wor- 
den. Geduld und Mut. Ich kann mich nicht enthalten. 
Dir die Abendzeitung zu schicken, mit so viel Ver- 
gnügen habe ich alles, was es Interessantes gibt, 
gelesen. 

Um sieben Uhr abends gingen wir auf die Tribüne 
unsrer Sektion im ehemaligen College de Navarre; es 
war gestopft voll. Wir haben gehört, wie der Be- 
schluß gefaßt wurde, daß der kommandierende General 
und Herr Pinon das Vertrauen der Nation verloren 
haben. Die Section des Lombards teilt mit, sie habe 
alle ihre Uniformen der Nationalgarde in Säcke ge- 
packt, um sie an ihre Freiwilligenregimenter zu senden. 



376 MADAME JULLIEN 

denen die Bekleidung fehlt; künftig würden die Ein- 
wohner dieser Sektion ihren Dienst in BürgerkleiderD 
tun. Man beschloß eine Adresse an die Nationalver- 
sammlung mit der Forderung, die 60 Bataillone auf 
48 zu beschränken, der Zahl der Sektionen entspre- 
chend, und den Generalstab der Nationalgarde auf- 
zuheben. All das wurde mit stürmischem Beifall auf- 
genommen und ebenso ein Antrag, in der National- 
versammlung solle die Adresse des Faubourg Saint- 
Antoine verlesen werden, die Du in der Zeitung fin- 
den wirst. 

Boucly hatte mir gesagt: „Frau JuUien, gehen Sie 
nur einmal in unsre Sektion; Sie werden sehen, was 
damit los ist, es i^ind wahre Sanskulotten, die Unsinn 
reden." Ich kann dieser Meinung nicht beitreten; 
D., der bisher ihr Präsident war, hat an diesem Abend 
seinen Rücktritt mitgeteilt, da er sich auf die Feuil- 
lantiner des Montaigu- Klubs stützen kann. Der öffent- 
liche Geist im Volk ist vortrefflich; nur die Bourgeois- 
aristokratie beraubt die Gesellschaften der Hilfe, die 
sie von Seiten des aufgeklärten Volksteiles erhalten 
müßten ; aber es ist nicht alles verloren, es geht weiter, 
trotz den Bösewichten und Dummen . . . 



An den Mann 

Paris, 8. Juli 1792. 

. . . Mit Genugtuung bemerke ich, daß der Hof, wie 
das Verbrechen, einen schwankenden Gang hat. Sie 




MADAME JULLIEN 



377 



wissen nicht, was sie tun; gestern hat der König mit 
der Miene der Heiterkeit und der Redlichkeit eines 
konstitutionellen Monarchen seine Gärten öffnen las- 
sen; heute läßt er sie mit der Laune eines Despoten 
schließen. All das entgeht den Beobachtern nicht, und 
der öffentliche Geist verdirbt nicht, obwohl er durch 
die boshaften Listen in die Irre geführt wird . . . 

. . . Gestern warteten wir auf heute, und heute war- 
ten wir auf morgen. Das französische Ungestüm ist 
sehr anglomanisch geworden, und diese Achtung vor 
dem Gesetz ist ein mächtiger Zaum, was auch immer 
die Verkleinerer des Volks darüber sagen mögen . . . 



An den Sohn 

Paris, 10. Juli 1792. 

. . . Alle Föderierten, die in Menge aus den 83 kon- 
stitutionellen Teilen Frankreichs eintreffen, versichern, 
daß die Ernte in Korn, Wein und andern Früchten 
nie besser gestanden habe. Die Vorsehung überschüt- 
tet uns mit ihren Wohltaten, und die verschwenderische 
Natur bietet in allen Bezirken dieses weiten Reiches 
Schätze und eine Fülle, die sein Gedeihen verbürgen. 
13 Föderierte wohnen im Montaigu und 12 im Na- 
varre; diese Männer der Freiheit sehen streng und 
stolz aus wie die Freiheit selbst. Madame Crouset sagte 
abends zu mir: „Sie sehen aus wie Leute ohne Lebens- 
art." Was liegt daran, gab ich ihr zurück, wenn sie 
nur sterben können. 



378 3CADAME JXXLIEX 

Dabei fällt mir ein, jongst sah ich im Schiff der 
Kirche Saint-Germain-rAuxerroLs, im Köni^sproigd. 
eine prächtige Steintafei, in die die Menschenrechte 
gegraben waren. Das hat meine Andacht Terdoppelt, 
and ich habe also sehr glühend gebetet. Als ich die 
Kirche verließ, sah ich aal dem Platz zwei Männer aal 
Brettergerösten, am die an die 100 Mensehen herum- 
standen. Sie hatten jeder einen Kateclusmas, in Fra- 
gen and Antworten, den sie mit wahrhafter Redekanst 
aaslegten. Der eine vertrat die Aristokratie, der andre 
die Verfassang. Meiner Treo, dieser letztare hatte alle 
Lacher aaf seiner Seite. Er sagte Dinge, die mit dem 
Salz ihrer treffenden Einfälle Mirabeaas würdig waren. 
Ein Mann aus dem Voik stieß mich aas Versehen and 
entschuldigte sich dann so eifrig, daß er 200 Schritte 
mit mir ging, am meine Verzeihung za erlangen. 
Schließlich versicherte er mir, sie liebten so sehr die 
Wohltätigkeit and Gerechtigkeit, daß ihrer 5000 Trä- 
ger oder Dienstmänner wären, die ein Gesuch unter- 
schrieben hätten, den wackem Petion wieder rasch 
in sein Amt einzusetzen. 

Da hast Du das Volk, mein Lieber, und man kann 
es nach dem Sprichwort beurteilen: Volkes Stimme, 
Gottes Stimme. Diese abgedroschene Redensart, die 
so alt ist wie die Welt, scheint mir einen so hohen 
Sinn zu bergen, daß ich mich nicht enthalten kann, 
sie als schönste Redeblume hierher zu pflanzen 

. . . Die Polen schlagen die Russen völlig aufs Haupt; 
Katharina wird enden wie Ludwig XIV. Weiß die 
Megäre nicht, daß das Glück ein Weib ist! 



MADAME JULLIEN 379 

Wenn wir je unter den Befehl eines patriotischen 
Generals kommen, sage ich Dir voraus, daß Preußen, 
Österreicher, Ulanen, Walachen, Teufel, alles zusam- 
men von freien Männern geschlagen und besiegt wer- 
den wird. Ich fürchte mich vor nichts als vor fran- 
zösischen Verrätern. 

Die Jakobiner sind majestätisch und ruhig, als ob 
die Kanonen kein Pulver hätten; sie wollen ihnen mit 
den Blitzen der öff Ältlichen Meinung begegnen. Collot 
d'Herbois hat an der Schranke der Nationalversamm- 
lung wie ein Römer für Petion geredet. Alle Sektionen, 
alle Gesellschaften, das ganze Volk hat gerufen und 
ruft noch: Gebt uns Petion zurück, er ist der Mann 
des Guten, der tugendhafte Mann, der den Übeln Strei- 
chen unsrer Feinde preisgegeben ist. Ah! Der feuil- 
lantinische Narr sagt, wir seien alle bezahlt, um im 
Chor zu schreien. Es bedürfte des Goldes des Pactolus, 
wenn man das wollte. Die Dummköpfe, die Tröpfe, 
mit ihrem gelben Kot! Sie bilden sich ein, dieses 
schmutzige Werkzeug bewege alles in der Welt. Ich 
soll bezahlt sein, ich, um zu rufen: Hoch Petion! Für 
die Partei der Guten ist Gold nichts, und das öffent- 
liche Interesse alles. 



An den Sohn 

Paris, 18. Juli 1792. 

. . . Eine Gemeinde hat beschlossen, unentgeltlich 
die Äcker aller der Einwohner zu bestellen, die in 



38o MADAME JULLIEN 

den Krieg gingen, und hat so die Verpflichtung über- 
nommen, für die Witwen und Waisen zu arbeiten. 
Meine weibliche Logik möchte aus diesem kleinen Vor- 
fall ein großes Argument zu Ehren der Menschheit 
gewinnen. Die Tugend verbirgt sich unter dem Stroh- 
dach, und das Laster bewohnt oft den Palast. Nun, 
in dieser Welt hienieden kommen hundert Hütten auf 
einen Palast; das, Verhältnis der Tugend zum Laster 
wäre also wie hundert zu eins. Mache darüber eine 
geometrische Proportion und einen philosophischen 
Abriß und Du wirst sehen, mein Sohn, daß wir, die 
wir an jedes Individuum den gleichen Maßstab an- 
legen und es nach seinem innern Wert schätzen, wenn 
wir auf unser flaches Land blicken, zu dem Urteil 
kommen müssen, daß es hienieden in der Tat mehr 
Tugenden als Laster gibt . . . 



An den Mann 

Paris, 23. Juli 1792. 

Du willst also nicht, daß ich Dir von Politik rede? 
Das ist in Wahrheit ein großer Widerspruch; denn 
ich beschäftige mich mit nichts anderm, und das öffent- 
liche Interesse wird so persönlich, daß man sich nicht 
enthalten kann, es wie etwas im Herzen zu tragen, 
das unser Glück und unser Leben ausmacht. 

Ich segne die Vorsehung dafür, daß unser lieber 
Sohn fern von uns ist. Sie hat gestattet, daß diese 
Entfernung in einer Zeit geschah, wo nichts Anstößiges 



MADAME JULLIEN 381 



daran war; heute wäre sie unmöglich. Alle jungen 
Männer melden sich zur Fahne; ich habe gestern mehr 
als 200 im Gefolge eines der Delegierten gesehen, die 
in der Section der Gobelins sich aufbieten ließen ; und 
diese beiden Tage, die für die Musterung bestimmt 
waren, werden die ganze Jugend von Paris unter Mars' 
Fahnen sehen. Da Du nur in den Zeitungen lesen 
willst, blase ich zum Rückzug und will versuchen. 
Dich von Regen und Sonnenschein zu unterhalten . . . 



An den Sohn 

Paris, 8. August 1792. 

In diesem Augenblick steigen am Horizont Wolken 
auf, die eine furchtbare Explosion hervorrufen müs- 
sen. Die Wolke birgt den Blitz: wo wird er ein- 
schlagen ? 

Die Nationalversammlung scheint mir zu schwach, 
um den Volkswillen zu stützen, und das Volk scheint 
mir zu stark, um sich von ihr bändigen zu lassen. Aus 
diesem Konflikt, aus diesem Kampf muß ein Ereignis 
hervorgehen: Freiheit oder Sklaverei von 25 Millionen 
Menschen. Mein reizbares Mitgefühl in Verbindung 
mit meinem Tätigkeitsdrang hat mich oft in die Na- 
tionalversammlung, zu den Jakobinern, auf die öffent- 
lichen Plätze getrieben, wo alles von den Fragen des 
Augenblicks widerhallt. 

An diesen verschiedenen Orten, scheint mir, habe 
ich so wichtige Beobachtungen gemacht, daß ich die 



382 MADAME JULLIEN 

Zukunft mit einem, glaube ich, prophetischen Blick 
voraussehe. Die patriotische Partei wird den Sieg 
davontragen; aber es ist leider unmöglich, daß ihr 
Lorbeer nicht binnen kurzem mit Blut gefärbt wird. 

Die Absetzung des Königs, die von der Mehrheit 
gefordert und von der Minderheit, die die National- 
versammlung beherrscht, abgelehnt wird, wird den 
schreckUchen Zusammenstoß hervorrufen, der sich 
vorbereitet. Der Senat wird nicht die Kühnheit haben, 
die Absetzung auszusprechen, und das Volk wird nicht 
die Feigheit haben, die Verachtung, mit der man die 
öffentliche Meinung behandelt, zu dulden. Die Armeen 
die in den Händen von Verrätern sind, bilden den Stolz 
und die Hoffnung unsrer Feinde, und daher wird uns 
das Heil kommen. Die Soldaten der Freiheit können 
nicht mehr die Trabanten und Rächer der Despo- 
ten sein. 

Urteile also über die unberechenbare Summe der 
Ereignisse, die aus diesem Chaos hervorgehen müssen, 
und sage mir, mein Freund, ob eine Frau und ein 
Kind, die unverzagt der guten Sache anhängen, und 
die überall dabei sind, um das Neueste zu erfahren, 
sich nicht freiwillig der Gefahr aussetzen. Ich könnte 
zu Hause bleiben, schön; ich könnte die Einsamkeit 
des Landaufenthaltes aufsuchen, recht und gut; aber 
ich habe eine gewisse Neugier, deren Quelle in meinem 
Herzen fließt und die meine Schritte gebieterisch dahin 
lenkt, wo oft die Gefahr ist. Das Geheimnis der Weisen 
ist, sich gut zu kennen; nun, da hast Du mich. Es 
ist mir leichter zu fliehen als Widerstand zu leisten. 



MADAME JULLIEN 383 

Ich habe mir tausendmal gesagt, daß dieses Schauspiel 
der Aufregung und des Kampfes der Leidenschaften, 
die in diesem Augenblick so heftig sind, für die zarte 
junge Seele meines August nicht paßt; meine Vernunft 
hat mir darüber alles gesagt, was Mentor mir hätte 
sagen können; und immer wieder fange ich mich in 
der nämlichen Schlinge, das große politische Interesse 
treibt mich zum Herd der Politik, und da sind wir 
so glühend bei der Sache, daß wir dann nach Hause 
kommen, die Seele vor Ermattung erschöpft und das 
Herz oft von Leidenschaft kochend, mit dem Wunsch, 
morgen die Fortsetzung dessen zu erleben, was heute 
angefangen hat. 

Ich bin heute nicht in der Nationalversammlung 
gewesen. Es war ein beträchtlicher Aufruhr dort. 
Der Ausschuß erstatt^e den Bericht über La Fayette 
und schloß mit einem Anklagedekret. Die Debatte 
war stürmisch und die namentliche Abstimmung war 
ihm günstig. Die Enttäuschung der Freiheitsfreunde 
kannst Du Dir denken. Das bereitet ihnen eine andre 
Niederlage vor, deren Schande, dessen bin ich sicher, 
sie treffen wird. Aber all das führt nur einer Kata- 
strophe entgegen, vor der die Freunde der Humanität 
zittern; denn Blut wird in Strömen fließen^ ich über- 
treibe nicht, und da die Wichtigkeit der Beratung lang- 
sames Vorgehen erfordert, mache ich mich noch auf 
14 Tage gefaßt, ehe der schreckliche Schlag fallen 
wird, der mindestens für eine Zeitlang über das Ge- 
schick des Reiches entscheiden wird. Wir sind in einer 
Krise, die furchtbarer ist als alle vorhergehenden; aber 



384 MADAME JULLIEN 

man darf nicht so undankbar sein, aD die Wunder 
zu vergessen, die der Himmel in diesen vier Jahren für 
uns getan hat. Die Vorsehung deckt uns mit ihren 
Fittichen, und wehe denen, die ihr nicht vertrauen ! . . . 



An den Mann 

Paris, 9. August 1791 

Die Sturmglocke ruft, der Generahnarsch wird ge- 
schlagen, Alarm in ganz Paris. Die Strafien sind voller 
Menschen, und die Frauen stehen zitternd am Fenst» 
und richten erschreckt Fragen an die Vorbeigehenden. 
Was wird geschehen? Die Phantasie stellt sich die 
ungeheure Bevölkerung der Hauptstadt, achtmalhun- 
derttausend Seelen, vor, die allen Ängsten ausgesetzt 
sind. Dazu kommen der schwarze Flor der Nacht und 
die furchtbaren Signalrufe des Schreckens. Der Tod 
hat nichts Durchbohrenderes für mich als dieses Gefühl 
des tiefsten Schmerzes, das meine Seele erfüUt. 

Freitag, 7 Uhr morgens*). 

Dank sei dem Himmel, das Gewitter hat gegrollt, 
ohne daß der Blitz einschlug, und die Strahlen des 
Tages haben die Schreckensgesichte der Nacht ver- 
scheucht. Seit fünf Uhr morgens durchstreife ich 
mein Stadtviertel; es war nichts als blinder Lärm, 
man weiß nicht, wo man die Ursache von alledem 
suchen soll . . . 



*) Das ist schon der 10. August. 



MADAME JULLIEN 385 

. . . Ich bin die ganze Nacht aufgeblieben und schlafe 
jetzt. Ich muß Dir sagen, daß wir mit der National- 
versammlung höchst unzufrieden sind. Sie zeigt eine 
Schlaffheit, die uns ins Verderben führt, wenn sich 
nicht das ganze Volk, die Departements in Unterstüt- 
zung der Hauptstadt, noch einmal erheben . . . 

. . . Man hört noch immer die Trommeln; ich bin 
wirklich froh, daß ich so großmütig damit einverstan- 
den war, die Rückkehr Eures Bruders noch aufzu- 
schieben. Der Himmel läßt eine gute Tat nie ohne 
Lohn. Jedenfalls könnt Ihr nicht all unsre Sorgen 
haben, und seid in jeder Hinsicht besser dran als wir. 

Die Staatsangelegenheiten sind meine Herzensange- 
legenheiten ; ich denke, träume, empfinde nichts andres. 
Ich sehe in der Erniedrigung unsrer Partei einen Ab- 
grund von Schlimmem. Euer Sonderinteresse ist mit 
dem allgemeinen verknüpft, so wie das aller andern. 
Mut, helft Euch! Die Einigkeit der Departements 
wird Frankreich das Heil bringen. Der Hof wird uns 
mitspielen, bis er uns zugrunde gerichtet hat. Er läßt 
dem König die Verfassung predigen, wie der Abb6 
Maury die Religion predigte: im Herzen darüber spot- 
tend. Ich maße mir nicht an, mich für fähig zu halten, 
die große Frage zu lösen; aber da habt Ihr einen Aus- 
spruch des Abbe Maury, den ich auf sie anwende: 
„Wer den Zweck will, muß auch das Mittel wollen." 

Lebt wohl, ich will etwas herumlaufen; nichts natür- 
licher, als daß man Quecksilber unter den Füßen be- 
kommt, wenn man in einer so interessanten Krise lebt, 
wenigstens, wenn man nicht eine Memmenhaftigkeit 

Landauer. Briefe aui der franzOe. Revolution I 25 



386 BiADAME JULLIEN 

und Selbstsucht besitzt, die in einer Seele wie meinor 
nicht wohnen können. Ich bin vorsichtig, das ist alles, 
was ich tun kann. 

In der Nationalversammlung war ich seit Montag 
nicht, wo ich die prächtige Petition des Marsfelds mit 
angehört habe, die von Demosthenes oder Cicero vor- 
getragen wurde, so sehr stand der Redner auf der Höhe 
seiner Aufgabe. Heute wird ganz Paris dort sein. 
Gestern haben unsre dummen Abgeordneten Klagen 
vorgebracht. Die Herren Unverletzlichen wollen re- 
spektiert sein, und wir wollen sie auch respektieren, 
unter der Bedingung, daß sie respektabel und keine 
Coblenzer sind; denn man muß sie sehen und hören, 
um sie recht zu beurteilen. 

Ich brenne darauf, Euch sagen zu können: Denkt 
Euch, es ist alles ruhig geblieben; aber die Iden des 
März sind noch nicht vorüber. Lebt wohl. 



An den Mann 

Paris, 10. August 1791 

Tag des Blutes, Tag der Gewalttat, und doch Tag 
des Siegs, der von unsern Tränen benetzt wird; höret 
und bebet! 

Die Nacht war ohne Ereignisse vorbeigegangen. Die 
große Frage, die auf dem Spiele stand, mußte viele 
Menschen und, sagte man, die Faubourgs herbeiziehen; 
darum hatte man in die Tuilerien viele Nationalgarden 
berufen. Die Nationalversammlung hatte auch drei- 



Madame jullien 387 

fache Wache. Der König hatte um sechs Uhr morgens 
an der Drehbrücke die Parade über die Schweizer ab- 
genommen. Um acht Uhr begab er sich in die National- 
versammlung. Die Marseiller verbanden sich brüder- 
lich mit den Pariser Garden. Man hörte Rufe: Es lebe 
der König! Im Faubourg rief die Nation: Es lebe die 
Nation ! 

Mit einem Mal werden alle Fenster im Schloß von 
Schweizern besetzt, und sie geben urplötzlich eine 
Salve auf die Nationalgarde ab. Die Tore des Schlosses 
öffnen sich, dahinter starrt es von Kanonen, die ihre 
volle Ladung auf das Volk abschießen. Die Schweizer 
verdoppeln sich. Die Nationalgarde hatte kaum so 
viel Munition, um zwei Schuß abzugeben; sie hat eine 
Menge Verwundete; das Volk flieht; dann sammeln 
sich alle in Wut und Verzweiflung. Die Marseiller 
sind lauter Helden, die Wunder der Tapferkeit ver- 
richten. Man stürmt das Schloß. Die Gerechtigkeit 
des Himmels ebnet alle Wege, und die Schweizer büßen 
den niedrigen Verrat, dessen Werkzeuge sie sind, mit 
Tod jedweder Art. Die ganze königliche Familie, der 
Spielball einer blutgierigen Sippe, hatte sich in einem 
günstigen Augenblick in die Nationalversammlung ge- 
flüchtet. Man hat sie auf der Tribüne des Logogra- 
phen*) untergebracht, wo sie noch sind. Es ist keine 
Zeitung erschienen, ich habe kein Wort von der Na- 
tionalversammlung erfahren, und, unerhört, sie ist 



♦) Die Logographie war das System, durch schnelles, abgekürz- 
tes Schreiben, vor allem aber durch Verteilung der Sätze auf meh- 
rere Schreiber, die Reden so gut wie wörtlich wiederzugeben. 

25* 



388 MADAME JULLIEN 

vielleicht heute ruhiger gewesen als in irgendeinem 
andern Zeitpunkt ihres Daseins. 

Heute, am 10. August, sollte die Gegenrevolution 
in Paris ausbrechen. Immer töricht, wie sie sind, 
glaubten unsre Widersacher, daß die Korruption der 
Führer eines Teils der Nationalgarde, gestützt von 
den Royalisten mit ihren Schweizern und allen 
Lakaien der Tuilerien, die Sache machen und den 
waffenlosen Sanskulotten Schrecken einjagen würden. 
Sie sind niedergeschmettert, das Glück hat sich ge- 
wendet; und in weniger als zwei Stunden ist der 
Louvre gestürmt und der Sieg entschieden. Die 
Sturmglocken, der Generalmarsch, tausend Unheil 
verkündende Schreie: Zu den Waffen! zu den Waf- 
fen! ertönen in ganz Paris. Die Läden werden ge- 
schlossen, Frauen und Kinder verbergen sich, nichts 
kann die Bestürzung und Verzweiflung schildern, in 
der wir waren. 

Die Kommune hat meisterhafte Arbeit verrichtet; 
die Einzelheiten kann ich nicht Jangeben. Mit einem 
Schlag von ihrem aristokratischen Gift gereinigt, hat 
sie sich unabhängig vom Departementsdirektorium or- 
ganisiert; sie hat Waffen und Munition verteilt und 
der Aktion der Bürger beigestanden, die der Verrat 
so völlig einigte, daß Kavallerie, Grenadiere, Jäger, 
Sanskulotten Brüder sind und alle im nämlichen Sinne 
der öffentlichen Sache dienen. Die Piken und die Ba- 
jonette haben heute das aufrichtigste und erhabenste 
Bündnis geschlossen. Alle Offiziere werden heute 
abend kassiert werden, und Santerre ist seit Mittag 



MADAME JULLIEN 389 

kommandierender General der Nationalgarde. Manuel 
und Danton haben den Zivildienst übernommen. 

P6tion lebt von Kopf zu Fuß, aber hört und zittert: 
der König hatte ihn gestern um Mitternacht ins Schloß 
berufen; um fünf Uhr morgens war er noch nicht wie- 
der da. Die Kommune eilte voller Unruhe in den 
Senat und erlangte ein Dekret, um die Herausgabe 
des höchsten Beamten des Volks zu erlangen. Er 
kommt heraus, geleitet von den wackern Bretonen; 
er wird zum Rathaus geführt, wo Manuel ihm die 
heftigsten Vorwürfe macht, daß er sich fern von sei- 
nem Posten zurückhalten ließ, und er gibt ihm auf 
Beschluß der Kommune Hausarrest unter Bewachung 
der tapfern Bretonen (man sagt, das geschah, um sein 
Leben zu retten und ihn vor der Verantwortung zu 
schützen). Kurz, er war an dem Tag eingeschlossen. 
Man behauptet, sein Kopf hätte bei der ersten 
Salve der Schweizer ins Volk hinunter geworfen wer- 
den sollen. 

Das Volk hat alles im Schloß zertrümmert. Es hat 
den ganzen Pomp der Könige unter seinen Füßen zer- 
treten. Die kostbarsten Schätze sind durchs Fenster 
geflpgen; die Schweizerkasernen sind an allen vier 
Ecken angezündet worden, und man hat geschrien, 
das Schloß solle dem Erdboden gleich gemacht werden. 
Köpfe sind abgeschnitten worden, und es kam zu Aus- 
brüchen der Volkswut, deren Grausamkeit solchen, 
die nicht weiter nachdenken, gräßlicher vorkommt 
als die raffinierte und zivilisierte Ruchlosigkeit der 
Höflinge, die um der Laune einer Mätresse oder der 



390 



MADAME JULLIEN 



Willkür eines Intriganten willen ganze Geschlechter 
zugrunde richten. 

Das französische Volk hat in Paris Osterreich und 
Preußen besiegt. Dieser Tag, den zwei oder drei Aristo- 
kraten, die ich in ihrem Keller besucht hatte, mir als 
den genannt hatten, der sie wie auf Flügeln in die 
Tuilerien tragen sollte, entfernt sie um 10 000 Meilen 
davon. Sie sagten auch, er würde das Signal zu einem 
Bürgerkrieg, und ich denke, wir haben heute die Fackel 
ausgelöscht, die ihn entzünden sollte. 

Ludwig XVI. ist tatsächlich abgesetzt; er hat ge- 
duldet, daß man seine Trabanten gegen sein Volk be- 
waffnete, er hat mehr getan: er hat es nieder kartätscht! 
Lest die Verfassung — 

Die Kommune hat sich die Briefe eines Kuriers 
ausliefern lassen, der gerade anlangte. 

Das Überraschendste ist, daß gegen die Mittags- 
stunde der unheilvolle Krieg zu Ende war und daß 
die Sicherheit, nein die Heiterkeit wieder da war. Alle 
Frauen liefen weinend und jammernd auf die Straßen, 
weil jede in Erwartung und Befürchtung eines grau- 
samen Verlustes war. Viele Truppen kehrten gegen 
zwei Uhr mit Trophäen zurück: Waffen, Fetzen, die sie 
auf ihren Bajonetten aufgespießt hatten, Trümmer von 
den Schweizern usw. Marion ist bis in den Hof des 
Carrousel gekommen, wo sie viele Tote gesehen hat, die 
man forttrug, der Rest von vielleicht mehreren Tau- 
senden. Man hat die Zahl der Toten noch nicht fest- 
gestellt. Sie hat mir berichtet, daß die Straßen voller 
Frauen wären; nie hat sie mehr Menseben gesehen. 



MADAME JULLIEN 



391 



Ich bin mit August auch den ganzen Nachmittag 
herumgegangen; aber wir sind nicht weiter vorge- 
drungen als bis zur Mairie und zum Palais; man mußte 
sich überall durchs Gedränge winden, und das hat mich 
gehindert, weiter zu gehn. Ich habe auf meinem Weg 
Einzelheiten über die Salve der Schweizer gesammelt, 
die so verräterisch und unerwartet war, daß sie den 
Löwen völlig geweckt und alle Parteien geeint hat. 
Sie war in keiner Weise provoziert, und ganz Paris 
wird diese Wahrheit bezeugen. Ich werde zur Nacht 
bei offenen Türen schlafen, während alle Besitzenden 
in der Hauptstadt in Erwartung der Räuber ihr Tor 
mit doppelten Riegeln verschlossen haben. Die Räu- 
ber! das ist jetzt ihr Steckenpferd, und viele Leute 
werden morgen sehr erstaunt sein, daß sie noch leben, 
weil doch die Kanaille, die nicht vom Gesetz gebän- 
digt ist, sich heute abend auf sie und ihre Schätze 
stürzen muß. 

Paris ist illuminiert, und Patrouillen ziehen wie 
Anno 89 durch die Straßen. Die tiefste Ruhe herrscht, 
und die Sicherheitspolizei ist so tätig, daß man in 
Ruhe schlafen kann. Vom Abend bis elf Uhr nachts 
hat man die Zeitung ausgerufen; ich habe sie nicht 
bekommen können. Ich bin gestern bis Mitternacht 
aufgeblieben, und meine Seele ist müde und abge- 
spannt von den starken Erregungen, die ich in den 
letzten vierundzwanzig Stunden mitgemacht habe. 

Es ist Mitternacht; Trommelschläge haben mich 
aus dem Bett gerufen: ein Dekret der Nationalver- 
sammlung, in 15 oder 20 Artikeln, wird auf den Straßon 



392 MADAME JULLIEN 



verkündet. Am Tor des Platzes, Rue St. Jacques, 
ist es verlesen worden; ich habe nur einzelne Worte 
verstanden; aber aus dem lebhaften Beifall, den sie 
erhalten haben, schließe ich, daß das Manifest gut ist. 
Wackere Marseiller, ihr habt den Ruhm, Frankreich 
frei zu machen! Diese tapfern Märtyrer der Freiheit 
sind als erste gefallen, weil sie in der vordersten Reihe 
standen. 

Die Suspension des Königs, die Rückberufung der 
früheren Minister, die Bestrafung der Offiziere, die 
gestern ihre Soldaten verraten haben, was zu dem 
Tod von 15 000 Menschen geführt hat, die Berufung 
der Urwählerversammlungen, das ist das Werk der 
Nationalversammlung: der Wille der öffentlichen Mei- 
nung, durch Dekrete geheiligt. Der König ist im 
Luxembourg, wo er vom Volk bewacht wird. Es hat 
bewunderungswürdige Dinge und schauderhafte Dinge 
gegeben. Arme Sanskulotten haben der Kommune alle 
Schätze gebracht, die sie erobert hatten; sie haben 
120 Diebe gehängt, die sich unter sie gemischt hatten. 
Eine Anzahl Verräter, man schätzt sie auf etwa 100, 
sind der Leidenschaft und Wut des Volks zum Opfer 
gefallen. Alles m allem: wir haben eine zweite Revo- 
lution, die diesen Tag als „Gimpeltag" feiern darf*), weil 
es der Tag ist, der für die Gegenrevolution festgesetzt 
war und weil am nächsten Tag alle Jakobiner im 
Königreich in ihrem Blut hätten schwimmen sollen . . . 

•) Joumie des Dupes wird der 11. November 1630 genannt, 
an dem Richelieu Maria von Medici anführte. 



MADAME JULLIEN 393 

An den Mann 

Paris, 15. August 1792. 

. . . Die Schonung und die halben Maßregeln, die 
ebenso verhängnisvoll für unsre Feinde wie für uns 
sind, lassen mich zittern. Heute gilt es, aus Humani- 
tät barbarisch zu sein und ein Glied abzuschneiden, 
um das Ganze zu retten. All das ist gefährlich. Man 
sagt, Charles Lamette sei von seinen eigenen Soldaten 
verhaftet worden . . . 

. . . Mir ist, als hätte ich in vier Tagen Jahrhunderte 
gelebt; so daß ich, da ich in der Zeit von Euch und 
Julius kein Lebenszeichen empfangen habe, traurig 
und unruhig bin; wiewohl die Übel, die wir vermieden 
haben, mich über die trösten, vor denen wir uns nicht 
haben schützen können, ist mir ein tief schmerzlicher 
Eindruck zurückgeblieben; und in der Empfindung 
alles dessen, was aus unsrer Lage folgen muß, habe 
ich solche Angst, man könne die geringsten Vorteile 
der Lage verderben, daß ich nur halb lebe . . . 



An den Sohn 

Paris, 18. August 1792. 

. . . Der König ist mit seiner Familie im Turm des 
Temple. Ich habe einen Kommandanten gesprochen, 
der dort 24 Stunden Wache gehabt hat. Die Natur 
dieser gekrönten Leute ist wahrhaftig eine andre als 
pnßre, Sie sind seelenlos; ihr Mahl, ihr Schlaf, nichts 



394 MADAME JULLIEN 

hat sich verändert; sie spielen Triktrak, und in einem 
Unglück, das uns mit Grauen erfüllt, scheinen sie nicht 
daran zu denken. Sie sind gut bewacht, aber gut be- 
dient. Frau von Lamballe, Frau von Tourcel, Frau 
Babet, die Tochter des Königs, der kleine Prinz, Frau 
Thibot, die Kammerfrau und andre Bediente, das 
ganze Nest, sind immer beisammen. Zwei Munizipal- 
offiziere bewachen das Bett des Königspaars, das dar- 
nach getrachtet hat, über Frankreich ein Meer von 
Blut zu bringen, und in dessen Augen man noch die 
Hoffnung auf Rache liest. 

Mein Lieber, ich für mein Teil habe seit Freitag 
nicht mehr ordentlich essen und schlafen können. 
Meine Seele ist erdrückt unter einem Berg der Schmer- 
zen. Die Folgen von alledem, die eine schreckliche 
Bedeutung haben, dringen mir ins Herz . . . 



An den Sohn 

Paris, 21. August 1792. 

. . . Seit dem 10. sind wir ruhig, als wenn nichts 
wäre. Die Zeiten eines Interregnum sind die Augen- 
blicke der Ruhe. Der Handel geht hier glänzend; es 
wimmelt von Fremden in Paris; niemand geht fort, 
so daß die Bevölkerung größer, ist als je. Alles ist hier 
unter den Waffen. Kommune, Sektionen, Senat be- 
finden sich in der schönsten Harmonie. Die Jakobiner 
sind überall, nur nicht in ihrem Klub, weil diese echten 
Bürger das Bedürfnis des Zusammenseins luc^^ me))r 




MADAME JULLIEN 395 

haben, seit jeder seinen natürlichen FJlatz hat. In die- 
sem Augenblick sind ihre Sitzungen leer, und gerade 
so steht es um die andern Gesellschaften, die in der 
nämlichen Lage sind. Alle höheren Offiziere sind durch 
neue ersetzt . . . 

Gestern ging ich auf die Mairie. Mein Gott, wie 
fröhlich und liebenswürdig ist der Franzose! Er sät 
überall Rosen. Es waren da diesmal Föderierte der 
83 Departements mit baskischen Geigen; sie tanzten 
Tänze von Perigord, Bourrees, ausländische Tänze, 
mit einer Grazie, einer Leichtigkeit, einer Heiterkeit, 
die entzückend waren; sie schienen jetzt eben ange- 
kommen und schienen ihre Ankunft auf dem Boden 
der Hauptstadt zu feiern; alle waren sie so bizarr, daß 
sie gewiß aus lauter entfernten Gegenden des Reichs 
gekommen waren. 

Mein lieber Bester, wenn Du Paris sähest, und man 
gäbe Dir den geschichtlichen Bericht der Geschehnisse 
vom 10., Du schwörtest, die Sache sei unmöglich, an- 
gesichts des offenkundigen herzlichen Einvernehmens, 
das überall herrscht, und besonders der flutenden Men- 
schenmengen, die mit französischer Lebhaftigkeit und 
Unbändigkeit kommen, gehen und sich rühren. Nur 
daß die Männer den Kopf höher tragen und nachdenk- 
licher aussehen, besonders die Leute aus dem Volk. 
Es gibt keine außerordentlichen Patrouillen mehr, 
nichts kündet Aufregung an; niemals hat man weniger 
Gruppen gesehen; kurz. Du adressierst am besten 
Deinen nächsten Brief irgendwohin in den Straßen, 
denn ich finde solches Gefallen daran, diesen öffent- 



396 MADAME JULLIEN 

liehen Geist zu studieren, daß ich den ganzen Tag 
herumlaufe. Erzähle Frau P., daß ich am Samstag 
von der Nationalversammlung bis zum Arsenal mit 
Deinem kleinen Bruder, der über alles vergnügt ist 
und der mir sehr dienlich ist, langsam über die Kais 
gegangen bin. Ich sehe aus wie eine unerfahrene Mut- 
ter, die ihr verzogenes Kind spazieren führt. 

Ich habe ünsre Märtyrer der Freiheit sehr beweint 
und beweine sie noch, selbst die Schweizer; man hat 
sie mit Geld, Fleisch und Wein traktiert und ihnen 
die unglaublichsten Schändlichkeiten vorerzählt. Die 
großen Schuldigen sind die, die diese Verbrechen be- 
fohlen haben. 



An den Mann 

Paris, 2. September 1792. 

Wer das Ziel will, muß auch die Mittel wollen; keine 
barbarische Humanität! Das Volk ist aufgestanden, 
das Volk, schrecklich in seiner Wut, rächt die Ver- 
brechen dreier Jahre voll des feigsten Verrats! Oh, 
lieber Freund, ich flüchte mich in Deine Arme, um 
einen Tränenstrom zu vergießen; aber ich rufe Dir vor 
allem zu : Frankreich ist gerettet ! Diese Tränen vergieße 
ich über das Los unsrer unglücklichen patriotischen 
Brüder, die unter dem Schwert der Preußen gefallen 
sind. Verdun wird belagert und kann sich nur noch 
zwei Tage halten. Die Freude unsrer wilden Aristo- 
kraten hebt sich grell ab gegen, unsern tiefen Kummer^ 



MADAME JULLIEN 397 

Höre, zittere! Die Alarmkanone donnert gegen Mit- 
tag; die Sturmglocke läutet, der Generalmarsch wird 
geschlagen. Man kommt und geht in den Straßen. 
Alles war in der heftigsten Krise; pathetische Prokla- 
mationen der Stadtverwaltung richteten die Aufmerk- 
samkeit des Volkes auf einen Punkt und rührten sein 
Herz: „Eilt euren Brüdern zu Hilfe! Zu den Waffen; 
zu den Waffen!" Jeder eilt, läuft. Kurz, heute abend 
brechen 40 000 Mann auf, die sich auf die Preußen 
stürzen wollen, sei es in Verdun, sei es weiter vorn, 
wenn sie vorrücken. Die kriegerische Wut, die alle 
Pariser ergriffen hat, ist ein Wunder; Familienväter, 
Bürgersleute, Truppen, Sanskulotten, alles eilt zu den 
Waffen. Das Volk hat gesagt: Wir lassen zu Hause 
unsre Frauen, unsre Kinder mitten unter unsern Fein- 
den, reinigen wir den Boden der Freiheit von ihnen. 
Mein Freund, ich werfe hier, mit zitternder Hand, 
einen Schleier über die Verbrechen, die man das Volk 
zu begehen gezwungen hat durch die Schuld all derer, 
deren trauriges Opfer es seit drei Jahren ist. Die 
schwarzen Anschläge, die auf allen Seiten aufgedeckt 
werden, werfen das schmählichste Licht und die 
sicherste Gewißheit auf das Schicksal, das die Patrio- 
ten erwartet und bedroht; wenn sie nicht den Unter- 
gang bereiten, gehen sie unter ! Wilde Notwendigkeit, 
unheilvolles Werk unsrer Feinde! Abgeschnittene 
Köpfe, niedergemetzelte Priester. Ich kann Dir den 
Bericht davon nicht geben, obwohl meine Vernunft 
mich aufklären will und mir zuruft: Die Preußen und 
die Könige hätten dasselbe und tausendmal schlim- 



398 MADAME JULLIEN 

meres getan! Wenn das Volk — Ah! unglückseliges 
Volk, man hüte sich, dich zu verleumden! . . . 

. . . Ich bin von Grauen, von Entsetzen gepackt; 
ich weiß nicht, was ich empfinden soll. Vernimm die 
Einzelheiten, die ich von sechs Maurern höre, die von 
ihrer Arbeit kommen. Ein Bataillon von Leuten aus 
dem Volke hat sich, unter dem Eindruck der drohen- 
den Gefahr, im Fall des Gelingens eines Komplotts 
oder des Herannahens der Preußen die Übeltäter aller 
Gefängnisse über uns herfallen zu sehen, Richter zur 
Begleitung ausgewählt und sind von Gefängnis zu Ge- 
fängnis gezogen. Alle Gefangenenlisten wurden vor- 
geholt. Die Diebe wurden getötet, die Assignaten- 
fälscher getötet; die Schuldhäftlinge freigelassen, die 
Händelsucher entlassen, die jungen Leute, die wegen 
leichtsinniger Streiche festgesetzt waren, in die Bande 
aufgenommen. So hat man die Gefängnisse völlig 
geleert, selbst Bicetre, wo man noch ist. Die nationale 
Gendarmerie und die andern Truppen sagen zu den 
Bürgern: „Kameraden, wir lassen euch unsre Frauen, 
unsre Kinder; schützt sie vor den Feinden im Innern, 
die sie töten könnten, während wir fort sind, um die 
von draußen zu bekämpfen." Diese neuen Exeku- 
tionen einer schrecklichen und barbarischen Justiz 
vollzogen sich, heißt es, in ungewöhnlicher Ruhe. 
Mehrere Priester sind der Volksrache geopfert worden. 
Diese Maurer haben an den Toren der Gefängnisse 
Haufen von Leichen gesehen. Meine tiefe Mensch- 
lichkeit läßt mich über das Schicksal weinen, das 
Schuldige und unglückliche Unschuldige zusammen- 




MADAME JULLIEN 399 



wirft. Mein Gott! habe Erbarmen mit einem Volk, 
das man so reizt, daß es auf den Weg des Blutbads 
getrieben wird; rechne ihm nicht an 

Mein Freund, meine Seele ist niedergedrückt. Die 
Preußen, die sekundäre Ursache so vieler Grausam- 
keiten, infolge des Gefühls der Gereiztheit und des 
Schreckens, hervorgerufen durch ihren ungerechten 
Angriff und ihre Invasion, werden vernichtet werden, 
und wären es 100 000. Mit welch wütender Glut haben 
unsre tapferen Freiwilligen Paris verlassen! Sie sind 
sicher, zu sterben oder als Sieger wiederzukehren. 

Leb wohl, mein Freund, unsre Maurer, von denen 
der eine Zeuge von allem gewesen ist, haben uns das 
mit einer Art Unschuld und mit wahrhaftem Bedauern 
erzählt, daß das Volk, um sich vor all seinen Feinden, 
vor den Verrätern und Verschwörern zu retten, ge- 
nötigt gewesen sei, so weit zu gehen und sich selbst 
Justiz zu schaffen. 



An den Mann 

Paris, 6. September 1792. 

Der Patriotismus ist auf seiner siegreichen Höhe an- 
gelangt, die Musterungen, der Aufbruch der Gemuster- 
ten geben der Hauptstadt ein neues Leben und dem 
Handel eine solche Lebhaftigkeit, daß die Kaufleute 
wieder zu Patrioten werden müssen. Fröhlichkeit und 
Sicherheit marschieren nach dem Takt der Trommeln. 
Man sieht nur Föderierte, man hört nichts als Militär- 



400 MADAME JULLIEN 



musik. Die Straßen sind von dieser ungeheuren Be- 
völkerung erfüllt, die einem immer den Eindruck 
macht, als wäre das ganze Weltall in Paris beisammen, 
und allenthalben ruft's aus vollem Halse: Hoch die 
Nation! Wir sehen nicht wie ein bedrohtes oder gar 
ein niedergeschlagenes Volk aus, sondern wie eine 
große Familie, die herrlich und in Freuden lebt. Wer 
sich von der Hauptstadt eine andre Vorstellung macht, 
kennt die Franzosen nicht. Über die gräßlichen Bilder 
ist der Schleier geworfen. Die Aufdeckung der höllisch- 
sten Machenschaften erstickt das Bedauern. Hätte 
das Volk die Erde nicht von den Ruchlosen gereinigt, 
die in den Gefängnissen saßen, so hätten sie die Erde 
mit dem Blut des Volkes getränkt. Man hat Waffen, 
Geld und alle Beweise für das hassenswerte Komplott 
gefunden, das in der Nacht des 5. zum 6. September 
alle Patrioten hätte vernichten sollen. Wenn P6tion 
und Manuel dem Anschlag nicht auf die Spur gekom- 
men wären, so wären die Dinge nicht so düster und 
schauderhaft zum Äußersten gediehen; aber in einer 
gerechten und notwendigen Verteidigung wird alles 
gerechtfertigt. Sollte man es glauben ? Unsre Feinde 
geben sich immer noch mit Verschwörungen ab; kaum 
ist ein Faden zerrissen, so wird ein neuer geknüpft; 
sie planen einen letzten Schlag der Verzweiflung; sie 
warten auf ihre lieben Preußen. Das Unbegreifliche 
ist, daß wir hier nur unbestimmte Nachrichten vom 
Kriegsschauplatz erhalten. Halb Paris versichert, 
Verdun sei gefallen, und die andre Hälfte bleibt dabei, 
die Zitadelle halte sich gut. Und die beiden Generäle 




MADAME JULLIEN 40I 

schließlich, in ihren Depeschen an Servan, die heute 
zur Verlesung kamen, reden kein Wort davon. Wenn 
man dem Gerücht glauben darf, stellen die Champagne 
und Burgund mehr als 50 000 Mann. Paris allein 
leistet ebenso viel. Man nimmt an, daß unsre Truppen 
die angreifende Armee auf der einen Seite einschließen 
werden, während die neu Ausgehobenen auf der andern 
einen Ring um sie bilden, so daß Österreicher und 
Preußen zwischen zwei Feuern wären, ohne entrinnen 
zu können. Es bereitet sich da ein so schrecklicher 
Ausbruch vor, daß unsre Geschicke, ehe acht Tage 
vergehen, für immer entschieden sein müssen. Ich 
bin in einer qualvollen Erwartung, und ich habe 
solche Furcht vor dem Hunger für unsre unzähligen 
Armeen, daß ich wollte, sie nähmen den Sieg im 
Sturm ... 

. . . Auf dem Bureau regnet es Gold, Silber, Assi- 
gnaten; kurz, die Flüsse müßten bergauf fließen, wenn 
wir untergehn sollten. Es fehlt mir an Farben, um 
die edelmütige Glut zu malen, die unsre patriotischen 
Truppen entflammt. Mein Pinsel ist nicht imstande, 
das bewegte, überraschende Schauspiel darzustellen, 
das die Hauptstadt bietet. Ich war in der Kommune, 
in der Nationalversammlung, im Palais; Ruhe und 
Bewegtheit bilden einen so schönen Gegensatz, daß 
man immer auf den öffentlichen Plätzen sein möchte, 
um ihn zu bewundern. Kameraden, Brüder — man 
hört nur noch diese holden Bezeichnungen; und die 
wohltätige Gleichheit nähert und öffnet alle Herzen. 
Die feuillantinischen Narren in ihrer kindischen Art 

Landauer, Briefe am der franzOa. Revolution I 26 



402 MADAME JULLIEN 

glauben, das Volk wolle sie fressen. Da sie sich alle 
mit ihrem barbarischen Moderantismus gegen das Volk 
verschworen haben, und da man die Unterzeichner der 
Petitionen gegen Petion sehr übel ansieht, haben sie 
Angst. C. und B. haben die Dummheit, es wie der 
Tyrann Dionysius zu machen: man weiß nie, wo sie 
schlafen; das ist ihre letzte Kränkung gegen das arme 
Volk, das kaum an sie denkt. Und doch hat sich der 
Despotismus dieser albernen Werkzeuge zu seinen 
Zwecken bedient; und die nämlichen Menschen, die 
mit Entsetzen auf das Vorgehen des Volks blicken, 
hätten es gut gefunden, daß 20 000 Jakobiner der 
Schärfe des Gesetzes, wie es ein von der Zivilliste ge- 
dungener Richter gehandhabt hätte, zum Opfer ge- 
fallen wären. Sie hätten zu ihrem Meister gesagt: 
„Hoher Herr, du ehrst sie, indem du sie verschlingst." 
Was die Richter angeht, die haben, so hätten sie ge- 
sagt, die Verfassung befolgt, das Gesetz ausgeführt. 
Die Jakobiner waren Bösewichte, die wollten, daB 
Recht und Vernunft die Welt regieren und daß die 
Menschenrechte keine bloßen Chimären sind. Man 
urteile danach über ihr Verbrechen. Dabei fällt mir 
ein, es gibt keine Jakobiner mehr, und diese Gesell- 
schaft, deren Mitglieder überall tätig sind, bildet keine 
Korporation mehr. Es gibt nur noch eine Einheit, 
die Französische Republik^ und nicht die Jakobiner 
haben den Ruhm gehabt, sie zu proklamieren, sondern 
das Geschrei unsrer Feinde. 

Wenn der Gang der Ereignisse wieder eine ruhige 
Gestalt annimmt, wie es uns heute unser wackerer 




MADAME JULLIEN 403 

Maire verkündet, werde ich selteneren* Gebrauch von 
meiner Feder machen; ich habe meine Maurer, die mir 
jeden Morgen über die Nacht Bericht erstatten. Es 
ist einer darunter, der bei allem dabei gewesen ist, 
ohne an den blutigen Geschehnissen irgendeinen Anteil 
zu nehmen; denn er ist voller Humanität und gesun- 
dem Menschenverstand. Wollte ich die Ergebnisse, 
die uns diese Grausamkeiten eingebracht haben, nach 
den Beweisen berechnen, die er mir lieferte, so würde 
ich Dir sagen, daß der Unterschied in der Zahl der 
Opfer sich wie 1 zu 1000 verhält, und in der Qualität 
blieb die Wahl zwischen einem Individuum, das 
wegen Mordes zum Strick verurteilt war, oder Petion, 
Robespierre, Dubois de Cranc6, Manuel, Dir, mir, 
unsern Kindern und allem, was den gesunden Grund- 
sätzen der Gerechtigkeit, Philosophie und Humanität 
huldigt. 

Nichts ist so sicher, wie daß Paris ruhig ist. Man 
hat die Tore wieder geöffnet. Die Furchtsamen stieben 
in alle Winde; ich für mein Teil bleibe auf meinem 
Posten, bis ich weiß, wo der Deine und der meines 
Sohnes ist*). Die Feigheit und der Egoismus derer, die 
uns angreifen, haben immer zuwege gebracht, daß ich 
unverzagt bleibe. Trotzdem bin ich in diesen letzten 
acht Tagen tausend Tode gestorben, ich habe nicht 
essen und nicht schlafen können. 

Die Verschwörer waren von der Zivilliste gedungen. 
Die Beweise dafür sind ganz klar, selbst für die Blöden; 

*) Jullien Vater sollte in den Konvent gewählt werden, Jullien 
Sohn in die Dienste der Republik treten; beides geschah. 

26* 



404 MADAME JULLIEN 

wir hatten es ja lange geahnt. Es stehen viele Abge- 
ordnete auf dieser Liste, die ich nicht nennen will, 
aber das Volk kennt sie. In diesem Augenblick haben 
sie nichts zu fürchten, diese ehrlosen Volksvertreter. 
Der Respekt des Volkes vor der Nationalversamm- 
lung geht bis zur Abgötterei. 



An den Sohn 

Paris, 24. Oktober 1792*). 

Ich will von Politik reden; bei diesem Gedanken 
schon wird meine Seele matt. Ich sehe eine Republik 
ohne Republikaner, und ich kann keine nach meinem 
Herzen finden, außer in der kommenden Generation, 
die noch ganz in der Knospe oder im Keime ist. Ich 
schmeichle mir mit der Hoffnung, daß sich da die 
Tugenden entwickeln werden, die ich erwarte. Aber 
bis dahin, mein Sohn, was müssen solche, die, wie wir, 
durch die Liebe zur Humanität und die Hoffnung auf 
eine Besserung der Menschen gleich im ersten Anfang 
auf die Höhe der Revolution getragen worden sind, 
für Leiden ausstehen von der allgemeinen Korruption, 
die allem in den Weg tritt! Indessen gibt es schon 

*) In den anderthalb Monaten, aus denen keine Briefe der Frau 
Jullien vorliegen, haben sich große Dinge ereignet: der Konvent 
ist zusammengetreten; der große Gegensatz zwischen Girondisten 
und Berg ist zum Vorschein gekommen; und vor allem: Valmy 
hat der Revolution den kriegerischen Sieg gebracht; die Lage 
Frankreichs und Europas ist anders geworden. 



\ 



HERR JULLIBN 405 



einen . solchen Wandel in unsern Sitten und unsern 
Anschauungen, daß das Schlimme und das Gute ein- 
ander die Wage halten . . . 



Herr Jullien an seinen Sohn 

Paris, 15. Dezember 1792, 
Jahr I der Republik. 

. . . Mein Lieber, ich wünsche zu sehr Dein Glück, 
als daß ich Dir die Berühmtheit wünschen möchte. 
Ich glaube, man erlangt sie niemals, ohne sie sehr 
teuer zu bezahlen. Du wirst mir sagen. Du wollest 
nur auf dem Weg der' Tugend zum Ruhm gelangen. 
Ich weiß es wohl, lieber Sohn; aber die privaten Tu- 
genden genügen der Moral und bilden die sicherste 
Grundlage unsres Glücks. Ich habe mich davon durch 
meine Erfahrung überzeugt und wollte, sie wäre für 
Dich nicht verloren. Dein warmer Eifer, für das Sy- 
stem der Gleichheit Proselyten zu machen, ist ohne 
Zweifel sehr löblich; aber er kann Dich zu Grunde rich- 
ten, wenn Du nicht lernst, ihn zu mäßigen. Wer mit 
gar zu großem Eifer am Wohl der Menschheit arbeitet, 
erlangt oft nur sein eigenes Unglück. Es gilt, die Men- 
schen seines Jahrhunderts zu kennen und die Sklaven 
Cäsars nicht in Catone verwandeln zu wollen. Unsre 
Zeitgenossen sind sehr verderbt, und ich zweifle, ob 
man jemals wahre Republikaner aus ihnen machen 
kann. Man muß trotzdem daran arbeiten, aber mit 
weiser Umsicht. Wage Dich nie zu weit vor, miß die 



406 HERR JULLIBN 



Stärke der Vorurteile, ehe Du sie bekämpfst, und greife 
sie nur mittelbar an, wenn Du keinen vollkommenen 
Sieg erhoffen darfst. Der große Fehler unsres Gesell- 
schaftszustandes (und er ist vielleicht unheilbar) kommt 
von der widernatürlichen Ungleichheit der Vermögen. 
Die Reichen merken wohl, daß dieser Zustand in einer 
demokratischen Republik nicht von langer Dauer 
sein könnte; und da hast Du den Grund, warum ihr 
Egoismus so heftig gegen ein Regierungssystem gereizt 
ist, das sie früher oder später eines Teils ihres Ver- 
mögens berauben muß. Sie können sich nicht ver- 
hehlen, daß die arbeitende und ärmste Klasse die zahl- 
reichste ist und also einen großen Anteil an der Aus- 
übung der Souveränität haben muß, und daß sie davon 
zur Verbesserung ihres Loses Gebrauch machen wird. 
Wären alle, die mehr als das Notwendige besitzen, 
gerecht und gut, so würden sie sich beeilen, zu Gunsten 
ihrer schlecht gestellten Brüder Opfer zu bringen, und 
würden so großem Unglück zuvorkommen. Aber da 
haben wir die Klippe der modernen Philosophie. Wohl 
hat sie die Gleichheit der Rechte aufgestellt; aber sie 
will die ungeheure Ungleichheit der Vermögen auf- 
recht erhalten, die den Armen auf Gnade und Ungnade 
dem Reichen ausliefert und diesen letzteren zum Rich- 
ter über all seine Rechte macht, weil er ihm das Recht 
der Existenz rauben kann. Es wird nicht so bleiben, 
oder die Tyrannei wird wieder erstehen. Soll die Re- 
publik sich halten, so ist unumgänglich, daß den 
ärmsten Bürgern ein sorgenloses Leben vermittelst ihrer 
Arbeit gewährleistet sei; und daß die, die nicht im- 




MADAME JULLIEN 407 

Stande sind zu arbeiten, auf Kosten des öffentlichen 
Vermögens ernährt und erhalten werden. mein 
Freund! was für Leiden müssen wir noch durch- 
machen, ehe wir so weit sind! Alle, die sich zu Be- 
schützern der Armen werden machen wollen, werden 
die Reichen zu Todfeinden haben und werden große 
Gefahr laufen, ihre Opfer zu werden; denn die Reichen 
haben den Vorteil, daß sie die bedürftige Masse gegen 
sich selbst bewaffnen und sie so zum Schlachten ihrer 
wärmsten Freunde bringen können. Dazu bedarf es 
weiter nichts, als das Korn aufzukaufen und dann 
gegen die Agitatoren zu wettern. Werde ich selbst, 
mein Lieber, nicht in diesem Augenblick von den un- 
glücklichen Bauern meines Kantons verabscheut, denen 
man eingeredet hat, ich hätte im Nationalkonvent den 
Antrag gestellt, alle Maulbeerbäume zu fällen? Die 
Schlechten erlauben sich alles, und die unwissende 
Menge glaubt alles . . . 



An den Sohn 

Paris, 20. Januar, Jahr I der Republik, 

Dein Papa ist heute Nacht um drei Uhr nach Hause 
gekommen*). Der Aufschub ist zurückgewiesen wor- 
den, und das Dekret lautet, daß die Hinrichtung bin- 
nen 24 Stunden stattzufinden hat, und überträgt der 



*) Von der Konventssitzung, in der die Vollstreckung des Ur- 
teils gegen den König beschlossen wurde. 



4o8 MADAME JULLIEN 

Exekutive das Amt, die Form und den Tenor zu über- 
wachen. 

Die öffentliche Meinung ist so stark, so ausgespro- 
chen, so mächtig, so Königin der Welt, daß in Paris 
die majestätischste Ruhe herrscht; keine einzige Be- 
schwerde, keine einzige Klage. 



An den Sohn 

Paris, Mai 1793. 

Es geht um das Heil von 25 Millionen Menschen 

und vielleicht um das Glück der gesamten Mensch- 
heit. Gewisse Patrioten bilden Klüngel, die einander 
gegenseitig bekämpfen und eine Partei spalten, deren 
vereinigte Kräfte kaum genügen, um die Hydra der 
Gegenrevolution zu besiegen. In einem tugendhaften 
und festen Volk hätten Robespierre und Brissot ihre 
privaten Händel zum Opfer gebracht, um sich dem 
Wohl der Allgemeinheit zu widmen. Themistokles 
und Aristides und ebenso zwei berühmte Römer geben 
ihnen dafür ein großartiges Beispiel. Der Gesetzgeber, 
der Vertreter eines großen Volkes, der echte Mann der 
Sache der Öffentlichkeit intrigiert nicht; er hat keine 
Kreaturen, hat keine Ämter zu vergeben; er sucht 
kein Ansehen als durch die Tugend. Es gibt keine 
Individuen für ihn, das allgemeine Interesse allein 
bestimmt seine Blicke; ihm opfert er all seine Leiden- 
schaften. Ist sein Todfeind geeignet, daran mitzuar- 
beiten, so muß er ihn in seine Arme schließen und ihn 



MADAME JULLIEN 



409 



in Person auf den Kampfplatz tragen, um edelmütig 
die Mittel zu besprechen, das Gute zu tun. Sie sind 
in ihren Anschauungen getrennt, aber nicht in ihren 
Gefühlen; alle beide wollen sie das Glück und die 
Wohlfahrt eines großen Volkes. 

Was für ein Flecken auf Namen, die unser Stolz 
unter die Zahl unsrer Befreier gestellt hat! Sie haben 
Trabanten, die den Streit in den Tempel der Freiheit 
tragen. In einer Wahlmännerversammlung, wo die 
Souveränität des Volkes ihren Sitz hat, sagt man sich: 
Heute hat Brissots Partei die Oberhand; morgen wird 
Robespierre an die Reihe kommen. Intrigantenvolk, 
rüste deinen Feinden den Triumph ! Die Tugend allein 
könnte sie besiegen, und sie scheint das gebrechlichste 
deiner Werkzeuge. Kabalen, unnatürliche Bündnisse, 
Ränke, das sind deine Mittel. Brissot und Robespierre, 
wenn ihr euren Haß und euren Streit in die National- 
versammlung traget, die über unsre Geschicke be- 
stimmen soll, können wir euch da unter die Zahl der 
edelmütigen Verteidiger des Volkes rechnen? Rettet 
uns, rettet euch! Nur ein Weg ist offen und sicher, 
die Vereinigung der Patrioten und das großmütige Ver- 
gessen aller Persönlichkeiten. Der Stolz eines Staats- 
manns muß erhabener und edler Art sein wie sein Amt. 
Er identifiziert sich mit der Sache der Öffentlichkeit, 
und alles, was ihr nicht schaden kann, darf ihn nicht 
verletzen. Die Eigenliebe eines Gesetzgebers muß 
unter einem Schild stehen, den keine Streiche treffen 
können. Rousseau sagt, es seien Götter nötig, um 
Menschen zu regieren; ich aber sage, daß nur Menschen 



410 MADAME JULLIEN 

nötig sind, um die Franzosen zu regieren, weil dieses 
großmütige Volk, das von seinem Unglück gelernt hat, 
und das stolz darauf ist, Fesseln abgeschüttelt zu ha- 
ben, die es in erniedrigender Sklaverei hielten, nichts 
weiter will, um glücklich zu leben, als weise Gesetze. 
Gerechtigkeit, Freiheit und Gleichheit, alles, was sich 
auf diesen geheiligten Grundlagen erheben wird, wird 
unsterblich sein wie die Gottheit, von der diese Tu- 
genden ausgehen. 




HALEM 

Gerhard Anton von Halem, Jurist, Dichterund Historiker, geboreo 
1752 in Oldenburg, gestorben 1819 in Eutin. Ein Mann, der in 
Deutschland nicht so unbekannt sein sollte, wie er es ist. Einer 
der tüchtigen Männer zweiten Rangs, die von Ooethe und Schiller 
in ihrem großen Parteikampf zur Strecke gebracht wurden. 
Auch der Herausgeber dieses Buches hätte nichts von ihm gewußt, 
wenn nicht der französische Forscher Chuquet Halems Briefe aus 
Paris 1896 in einem Buch von 400 Seiten, von denen 150 einer 
Würdigung Halems gewidmet sind, in französischer Übersetzung 
herausgegeben hätte. 

Die Briefe liegen nicht im Original vor, sondern nur in dem unten 
genannten Buche Halems. Solche Bücher — wie Goethes Italia- 
nische Reise, wie Forsters Ansichten vom Niederrhein — sind 
aber damals in großer Zahl aus tatsächlichen Briefen zusammen- 
gestellt worden, und Halem versichert überdies, daß es sich so 
verhält. Er hat die Briefe, die er wirklich schrieb, sagt er, mit 
Stellen aus seinen Tagebüchern hie und da angefüllt; es handelt 
sich also um Äußerungen, die den unmittelbaren Eindruck in 
persönlicher Wendung wiedergeben. 

Blicke auf einen Teil Deutschlands, der Schweiz und Frankreichs 
bey einer Reise vom Jahre 1790. Von G. A. von Halem. Zwei 
Teile. Hamburg 1791. 




Lyon*). 

Ich hoffe nicht, daß unser Entschluß, nach Paris 
zu gehn, Sie beunruhigt hat. Man reiset so sicher 
wie sonst, und selbst die Revolutionsfeinde kamen 
darin überein, daß wir nichts zu besorgen hätten . . . 

Wir logieren auf dem schönen Platze des Terreaux 
im Hotel de Milan, besser, wie wir auf der ganzen 
Reise gewohnt haben . . . 

Dieser Platz, auf welchem Gemüsemarkt gehalten 
wird, wimmelt immer von Menschen und fast von 
ebenso viel Eseln, auf denen die Landmädchen mit 
ihrem Krautvorrat zur Stadt geritten kommen. , 
Man könnte stundenlang im Fenster liegen, ohne 
bei dem Wechsel der Gegenstände zu ermüden. 
Jetzt zieht ein unexerzierter Haufen Nationaltruppen, 
einige in Uniform, andre in bürgerlicher Kleidung, 
trommelnd vorüber; jetzt folgt ein Korps wohl 
berittener' Jäger; jetzt wechseln Kabrioletts mit 
chatB ä banc (welche man auf der ganzen Reise 
häufig sieht und die also dem gebirgigen Teile der 
Schweiz nicht eigentümlich sind); nun wird der 
bon Dieu unter eii^em verbleichten Himmel vorbei- 
geklingelt. Ein Bauer wendet sich und kniet. Indes 
entläuft sein Esel und verliert sich unter die Menge. 
Jetzt erschallt der JRuf eines Kolporteurs**): „Der 
dritte Brief, höllisch patriotisch, über die Assignaten. 






*) Die hier ausgehobenen Briefe reichen von September bis 
November 1790. ' \- i 

**) Bei Halem französisch» yras nun folgt. 



414 HALEM 



Kaufen Sie das für zwei Sols, Sie werden sich für 
vier amüsieren." — „Genaue Einzelheiten über die 
schreckliche Feuersbrunst in Madrid", ruft ein andrer. 
Der dritte ruft: „Komplott von vier Sträflingen, die 
den Hafen von Brest in Brand stecken wollten." 
Wie ich diesen Morgen über eine Brücke ging, fand 
ich über einer Bude die Worte: Digraisseur national. 
So wird alles jetzt nationalisiert bis zum FUch 
ausmacher herab. Den eigentlichen Nationalfleck des 
Despotismus sucht nun freilich die Nationalversamm- 
lung auszumachen. Bekanntlich wollen aber einige 
behaupten, daß, wie das oft bei Zeugen der Fall ist, 
das Tuch unter der Beize leiden werde. Man scheint 
hier, so weit ich vorläufig merke, für die neue Ordnung 
der Dinge nicht sehr enthusiasmiert zu sein. Daher 
man auch willkürlich eine Nationalkokarde aufsteckt 
oder es auch ohne Gefahr unterläßt. An der Wirts- 
tafel, an welcher viele Schweizer Offiziere speiseten, 
redete man wenigstens sehr frei. „Die National- 
versammlung faselt, sobald von Dingen des Militärs 
und der Marine die Rede ist." Sie konnten nämlich 
den gerade verordneten Appell von diktierten Militär- 
strafen nicht fassen; dagegen sie mit den Verände- 
rungen, die in der nicht militärischen Gerichtsordnung 
gemacht waren, sehr zufrieden schienen. Umgekehrt 
geht es ebenso mit den Zivilisten. Ein jeder Stand 
ist froh, daß dem andern Stande die Flügel beschnitten 
sind. Daß man aber die seinen , beschnitten habe, 
findet er sehr unrecht. Das Volk ist klug genug zu 
fühlen, wie sehr es durch beider Beschneidung an 




HALEM 415 



Gewicht gewinne; und die entfiederten Stände werden 
schon ihre Unzufriedenheiten gegen einander auf- 
heben müssen . . . 



Lyon. 
[Berichtet vom Theaterbesuch.] 

. . . Das andremal sahen wir Das großmütige Liebes- 
paar in fünf Akten und die Oper Raoul der Blaubart. 
Das erste Stück ist eine Nachahmung der Lessing- 
schen Minna von Barnhelm, deren Französierung 
mir Spaß machte. Die Schauspielerin, welche sich 
an die Minna wagte, hatte einen gar unangenehmen 
Ton, verfehlte aber doch vielleicht am wenigsten 
den Geist der Rolle. Teilheim, ein Offizier, mit roten, 
vollen Wangen und der Nationalkokarde am Hute, 
spielte den Edelmut seines Originals. ^fi*est un tres 
galant homme, que ce majori''*' sagt Lessings Riccaut. 
Werner ist nun vollends verfehlt, wie man sich vor- 
stellen kann. Just trinkt nicht und schimpft nicht, 
und daran wäre nun am wenigsten verloren. Aber 
ungern vermißt man Franziskas Naivität. Wie der 
Brief des Königs anlangt, der Tellheimen herstellt, 
reißen sich die Weiber darum wie die Kinder. Es 
geschieht wohl, um die sarkastische Bemerkung an- 
zubringen: „Wie begierig sie sind, das Wunder zu 
sehn, daß ein König schreiben kann." . . . 



Paris, den 8. Oktober. 

Es war den 4. dieses, nachmittags drei Uhr, als 
wir von der Höhe von Judenstadty zwei Meilen von 



/'• 



4l6 HALEM 



Paris, auf die gewaltige Häuser masse, die man Paris 
nennt, herabsahn. Der Nachmittag war herrlich. 
Die Weinlese, welche jetzt beginnt, hatte die weite 
Gegend umher mit frohen Menschen bevölkert. 
Haufen von Buben wanden sich in Ringelreihen und 
sangen Chansons: 

Viva l'amour 
Viva l'amour! 

war der Refrain. So zogen wir mit frohem Herzen 
weiter. Sogar die Schilder an den Wirtshäusern vor 
der Stadt amüsierten uns. Das eine hieß Zur Gottes- 
gnade. Das Sinnbild war ein Schiff auf den Wogen. 
Nahe dabei fand man Das Stelldichein der Hahnreie; 
und dann kam gleich Der große Monarch. Bei der 
Barriere stehn ein paar neue, aber unvollendete und 
schon wieder verfallende Gebäude von vorzüglicher Bau- 
kunst. Wir wurden gar leicht visitiert und ohne daß 
uns ein Paß abgefordert worden wäre, eingelassen . . . 
. . . „Welches ist das nächste Theater ?'* fragte ich 
schnell den Kellner. — • „Das Theater der Nation." — 
(So wird jetzt das Theätre frangais genannt.) „Meine 
Freunde!" rief ich, wie elektrisiert, „wir sind nahe 
dem Theater, wo le Cain, Baron, Preville spielten, 
wo Voltaire gekrönt wurde, nahe dem ersten Theater 
der Erde; und wir stehn unschlüssig, was wir tun 
sollen?" — „Junge, nimm deinen Hut!" und schon 
waren wir unterwegens, und schon standen wir nach 
wenigen Minuten auf dem geräumigen Platze des 
schönen Theätre fran^ais. Drei Gassen führen darauf 



HALEM 417 



hin. Die mittelste heißt Rue du Theätre fran^ais, die 
andern beiden Rue de Corneille und Rue de Voltaire. 
Uns führte Voltaire zu Thaliens Heiligtum, dessen 
edle, simple Fassade sich durch ein Peristyl von acht 
dorischen Säulen majestätisch ankündigt. Auf neun 
Stufen tritt man unter die Säulenhalle und dann durch 
die große Pforte in den vestibule. Hier empfängt einen 
die Bildsäule Voltaires, welche Houdons Hand in 
Marmor bildete. Der durch einen einzigen Lüster von 
etwa 50 Argandschen Lampen vortrefflich erleuchtete 
Saal formiert einen vollkommenen Zirkel, wodurch 
die Ansicht des Theaters nicht nur, sondern auch der 
Zuschauer unter sich außerordentlich erleichtert wird. 
Die großen Vorzüge dieses Schauspielhauses vor den 
übrigen in Ansehung der innern Einrichtung haben 
wir, nachdem wir' jetzt den italiänischen und franzö- 
sischen Opernsaal besuchet haben, sehr bemerket. Der 
Vorhang, den eine weit strahlende Sonne ziert, hob 
sich nun, und man sah im halben Zirkel eine Ver- 
sammlung von syrakusischen Rittern, die sich be- 
ratschlagten, wie sie das Joch der Sarazenen, der 
Eroberer Siziliens, abwerfen wollten. Alle Schau- 
spiele, worin von Abwerfung eines Jochs die Rede ist, 
werden jetzt gefordert; und so spielte man heute — 
Voltaires Tancred. Gleich wie Argire seine Mitritter 
anredete: 

„Ihr Ritter, die ihr um Sizilien zogt in Streit — 
Ihr kamt von weit her, auf mein graues Haupt bedacht. 
Zu stürzen im Verein mit mir Tyrannenmacht, 
Damit gedeihen mag fortan Gerechtigkeit" — 

Landauer, Briefe ans der französ. Bevolutionl 27 



4l8 HALEM 



begannen die Applaudissements des vollen Hauses. 
Wie er aber fortfuhr: 

„Zeit ist's, vom Untergang verhängnisvoller Art 
Den teuersten Besitz zu retten, der uns ward, 
Der edlen Sterblichen urangestammtes Recht, 
Die Freiheit'' — 

so wurden sie zum Donner, die das Spiel gewnß auf 
eine Minute unterbrachen und nur nachließen, um 
bei den Worten: 



„Zu unsrer Freiheit wies der Himmel einen Weg; 
Der Augenblick ist da, nutzt ihn zu eurem Heil — " 

desto lauter wieder zu eklatieren. 

Im dritten Akt tritt Tancred auf mit den Worten: 

„Wie ist das Vaterland den edlen Herzen wert!" usw. 

und als ihm Aldamon sagt: 

„Ich war nur ein Soldat, ein Bürger schlicht und 

recht" 

unterbricht ihn Tancred: 

„So bin ich Bruder Euch: denn Bürger sind geeint/' 

Man kann denken, was das alles unter jetzigen 
Konjunkturen für Wirkung tun muß . . . 

. . . Madame Vestris spielte die Amenaide vor- 
trefflich. Ich glaubte bisher nicht, daß die gereimten 
französischen Alexandriner und die langen Tiraden 
belebt werden könnten ; ich hatte keinen Begriff von 
dem Ausdruck, dessen Stellen, wie folgende, fähig sind: 



HALEM 419 



„Gefahren sind mir wert: die Liebe zeugte sie." 

Oder auf des Vaters Vorwurf: 

„Was tatest du?" 
ihre Antwort: 

„Die Pflicht." 

Oder als ihre Vertraute ihren Geliebten bei ihr ver- 
teidigen will: 

„Doch kennt er nicht ..." — 

Amenaide: 

„So müßte er mich kennen; 
„Du solltest wissen, daß es mir unmöglich sei, 
Daß ich zerrisse je ein so gefügtes Band." 

Das Feuer, mit dem diese Worte, die Energie, 
mit der besonders das müßte, das unmöglich gesagt 
wurde, ist nicht zu beschreiben . . . 

. . . Auf dem Pont neuf weilt' ich bei dem offenen 
Tisch eines Flickenhändlers. Gar lustig ist es anzu- 
sehen, wie die Bettler sich hinandrängen und aus den 
mannigfaltigen Tuchflicken das für ihren Schaden 
Passende heraussuchen und mit einem Liard bezahlen. 
Auf den Boulevards wurde in einer Bude ein Schau- 
spiel für zwei Sous angekündigt. „Herein, meine 
Herren! Hier, die letzte Rettung der Aristokraten!" 
rief unaufhörlich ein Männchen mit heller Stimme. 
Ich ging ein und fand erst eine weiße Maus, die durch 
ihren Lauf den eingetonnten Diogenes herumdrehte. 
Über dem Philosophen standen die Worte: Ich suchte 

27* 



420 HALEM 



mt i^Ü 



einen Mann und fand tausend. „Das soll"', sagte der 
Künstler, „auf die 1200 Mitglieder der N.-V. zielen." 
Man nimmt dann der Kürze wegen eine runde Summe. 
Das zweite Kunststück war ein Felsen, an dessen 
Fuß sich ein Mühlrad drehte. Auf den Höhen stand 
hier einer vom Klerus, dort ein Nobler. Das Wasser 
lief aus ihren Höhen auf die Mühle des dritten Standes^ 
und sie schauten trostlos herab. „Und welches ist nun 
die letzte Rettung der Aristokraten ?" fragt' ich, — 
„Sie laufen zu lassen", antwortete der Künstler. 
Die Antwort war wohl zwei Sous wert. Ich passierte 
weiter das Th^ätre de l'Ambigu comique, wo man ein 
Stück „Die Aristokratin" ankündigte. Die Damen 
scheinen überall mehr für das alte System zu sein, 
da sie die Demokraten für weniger galant halten. 
„Bleiben Sie! wir sind nach der Revolution!" sagte 
mir neulich mein Nachbar in einer Loge, als ich einer 
Dame Platz machen wollte. 

Wenn man um fünf oder sechs Uhr abends ins 
Palais royal geht, so findet man in diesem Foyer, 
von dem die Revolution ausgegangen ist, immer 
mehrere Menschengruppen, die sich um einen Redner 
versammelt haben. Je lauter die Stimme wird, 
desto größer wird der Haufe; und es ist lustig anzu- 
sehn, wie nach und nach die Spaziergänger stehen 
bleiben und neugierig horchend ihr Ohr zwischen eine 
Lücke drängen. Die Reden sind oft so dreist, daß man 
sich bei dem jetzt herrschenden Geist darüber wun- 
dern muß. So hört' ich einen Mann die Wirkungen 
der Revolution freimütig diskutieren. „Wer unter 



HALEM 421 



euch allen," fragte er endlich die ihn umringenden 
Menschen, welche ich meist für Handwerker hielt, 
„wer kann mir sagen, was er durch die Revolution 
eigentlich gewonnen hat; ja ich will verloren haben, 
wenn mir einer nur bestimmt angeben kann, was er 
zu gewinnen hofft." Es entstand ein Gemurmel. Man 
sprach von „Narr" und „Fasler"; der Redner blieb 
allein, doch war man tolerant genug, ihn nicht in den 
Graben zu werfen. Ich schloß mich an einen andern 
Haufen. Hier demonstrierte ein Mann mit vieler 
Beredsamkeit, daß der angenommene Unterschied von 
aktiven und nicht aktiven Bürgern wider die ge- 
priesene Gleichheit sei. „Was ?" sagte er, „die Bezah- 
lung von drei Livres soll uns erst zu wahren Citoyens 
machen; sie uns erst die Fähigkeit geben, Repräsen- 
tanten zu wählen? Unser Arm, unser Blut, so wir 
dem Staate weihen, gilt das nicht so viel als drei 
Livres? Man will, heißt es, dadurch die Industrie 
zum Erwerb eigener Güter ermuntern, Aber was war 
denn vorher das Streben, in den Stand der Privile- 
gierten zu kommen und so einigen Anteil an der 
Regierung zu gewinnen ? Diese Industrie hat die Na- 
tion gemißbilliget. Sie sollte konsequent sein. Jetzt 
wird es eine Aristokratie der Reichen^ und dann sind 
wir schlimmer daran wie vor. Die Reichen lassen 
kein Geld aus ihrem Kasten, dagegen die Nobles es 
doch unter die Leute brachten." „Er hat recht, er 
hat recht", tönte es umher, und sein Auditorium ver» 
mehrte sich , , . 



422 HALEM 



Paris, den 21. Oktober. 
. . . Die Uhr ward sechs, und jeder Jacobin eilte 
in den Klub. Es war das erstemal, daß ich eingeführt 
wurde. Erst ging ich in das Zimmer des Sekretärs 
und unterschrieb gegen Empfang des Eintrittsbilletts 
keine andre Verpflichtung, als daß ich dieses Billett 
niemandem geben oder leihen wollte. Man zahlt 
vierteljährlich zwei große Taler oder eine halbe 
Karoline, wovon Licht, Feuerung und die Druck- 
kosten der Vorträge, deren Druck gut gefunden wird, 
bestritten werden. Die Versammlung war zahl- 
reicher als sie, wie ich hörte, lange gewesen war; 
und der Saal enthielt gewiß über tausend Menschen. 
Man sitzt auf ungepolsterten, jedoch belehnten 
Bänken nicht sehr bequem. Die Wände sind mit 
Bücher- Repositoriis besetzt. Doch ist die Heraus- 
nahme der Bücher durch vorgenagelte Querlatten 
unmöglich gemacht. Ich dachte mir oft die Geister 
der Patres, wie sie trauernd hier ihre bestaubten 
Werke umschweben und über die fürchterlichen Wahr- 
heiten, die sie hören müssen, zusammenbeben. Die 
schwache Erleuchtung des gewölbten Klostersaales, 
zu dem man durch einen dunklen Kreuzgang ge- 
langt, gibt dem Ganzen ein sombres Ansehn. Die 
innere Einrichtung ist die der Nationalversamm- 
lung. Doch wu'd der Präsident nicht, wie hier, alle 
14 Tage, sondern, wo ich nicht irre, alle 4 Wochen 
gewechselt. Er hat seine Beruhigungsklingel, wie 
in der Nationalversammlung, und ihm gegenüber 
ist die Rednertribüne, an welcher man ein Blatt, 



HALEM 



423 



worauf die Tagesordnung verzeichnet ist, geheftet 
findet. 

Mr. rOiseau führte heute das Präsidium. Erst 
verlas man die eingelaufenen Briefe der affiliierten 
Klubs. Mirabeau erschien. Er war bisher Mitglied 
des Klubs von 1789 gewesen. Doch da dieser vor- 
züglich von Abbe Sieyds und la Fayette gestiftete 
Klub in den letzten Zeiten vieles von seinem Ansehn 
verloren hatte, dagegen der politische Einfluß des 
Klubs der Jacobins täglich zunahm, so war Mirabeau 
seinen Waffenbrüdern, den Barnave und Lameth, 
die sich zuerst von jenem Klub trennten, gefolget. 
Bei seinem Eintritt ward er mit Applaudissements 
empfangen. Ein erstaunlicher Ernst und hohes Ge- 
fühl seines Wertes spannte sein pockengrubiges Ge- 
sicht. Nun bestiegen nacheinander die größten 
Redner unter den DemcJkraten die Bühne und ent- 
wickelten die Ursachen des verlorenen Gefechts, 
taten Vorschläge zur Ersetzung des Verlusts und 
nahmen Abrede, wie sie über die Brester Sache am 
folgenden Morgen stimmen wollten. Mirabeau stand 
nun auf. Ihm wich, wie er zu reden winkte, der 
(vormalige Herzog) d'Aiguillon, welcher schon das 
Wort hatte, mit einem Komplimente, das beiden 
Ehre machte. Schön verteidigte sich Mirabeau zuerst 
wider die Ausstreuungen seiner Feinde, daß er Konfe- 
renzen mit den Ministern gehalten habe. „Ich rede", 
sagte er, „ungern von mir. Aber ich darf es sagen; 
meine Reputation ist ein Teil der Domänen der 
französischen Freiheit." Er schloß mit Bemerkungen 



424 



HALEM 



über die Brester Sache und mit Ermunterungen seiner 
Waffenbrüder zur Verdoppelung ihrer Energie. Nun 
redeten nacheinander Aiguillon, Noailles, Barnave, 
beide Lameth, der elsässische Deputierte Rewbel, ein 
kluger, feiner Mann, Robespierre und andre mehr . . . 



Paris, den 5. November. 

. . . Noch beschäftigten mich diese Elans der 
jungen gallischen Freiheit, als ich am 31. Oktobo* 
abends in den Klub der Jacobins kam. Denn was 
leugn' ich's? Ich ziehe das Vergnügen, hier hinter 
den Kulissen die kaum entfesselten Franzosen sich 
ihrer Freiheit freuen und mitunter mit ihren Ketten 
spielen zu sehen, gar oft der schönsten Oper vor, 
wo Vestris tanzt, dem schönsten Trauerspiele vor, 
worin la Rive spielt. 

Nach einigen andern Vorträgen erhob sich Dubois 
de Cranc6, ein Mitglied der Nationalversammlung, 
setzte die Anwesenden in die Zeit zurück, da am 
20. Juni vorigen Jahres 600 umhergescheuchte, wehr- 
lose Deputierte, umringt, wie er sich ausdrückte, von 
orientalischem Pomp und deil Bajonetten des Despo- 
tismus, durch den bekannten Schwur im Ballhause 
zu Versailles den Grund zur französischen Freiheit 
legten. Nie denke er daran, sagte er, ohne daß sein 
Herz lauter schlage, ohne daß er glühe von Patrio- 
tismus. Er schlug eine Adresse an die National- 
versammlung vor, worin sie zu dekretieren gebeten 
\\rurde, 1. daß das Ballhaus ?u Versailles, dieses Grab 



^ 



HALEM 425 



des Despotismus, diese Wiege der Freiheit, für ein 
Nationaldenkmal erkläret, verschlossen, dem Schwei- 
gen geheiliget, in demselben Zustande, wie es den 
20. Juni 1789 gewesen, erhalten, und, sank' es unter 
der Hand der Zeit, in derselben Form wieder gebauet 
würde; auch daß beim Anfang jeder Legislatur 
die Mitglieder verpflichtet sein sollten, dort den 
feierlichen Eid zu erneuern; 2. daß der schöne Moment 
des ersten Schwüre durch ein Gemälde 30 Fuß hoch 
und 20 breit, von der Hand des größten französischen 
Meisters auf die Nachwelt gebracht und das Ge- 
mälde in dem Nationalversammlungssaale aufge- 
hänget werden möge. „Ich sage", fuhr er fort, „von 
der Hand des größten Meisters; und wen anders 
könnt' ich meinen als ihn, der (in so erhabenem Stil) 
Brutus malte und den Schwur der Horatier?" 

Der gewölbte Saal erscholl von wiederholtem lauten 
Beifall. Davide der angedeutete Maler, war in der 
Versammlung, Alle schauten auf ihn, und blaß von 
Enthusiasmus, betrat der junge Mann die Redner- 
bühne, dankte mit bebender Stimme für das in ihn 
gesetzte Vertrauen, das er zu erfüllen und den Wün- 
schen seines Herzens und der Versammlung zu ent- 
sprechen hoffe. Er fügte schön hinzu: „Man hat mir 
den Schlaf für eine Reihe von Nächten geraubt." 
Nun entstand ein edler Wetteifer. Der Abt DiUon 
trat zuerst auf und vindizierte sein Recht, in dem 
Tableau unter den Schwörenden gemalt zu werden. 
Er war einer der wenigen Geistlichen, die sich schon 
vor dem Tage des Schwures ??ur NationalversftDfimlung 



426 HALEM 



gesellet hatten. Zur Zeit des Schwures hatte er das 
unbedeutende Archiv des Clerge bewahren müssen, 
und nur darum war er nicht dabei gegenwärtig ge- 
wesen. Hierüber rief er die anwesenden Mitglieder 
zu Zeugen, und man fand sein Begehren gerecht. 
Nun trat Noailles auf, bezeugte seinen Beifall über 
die Idee, den Schwur jener braven Bürger zu feiern. 
„Aber ach! die ci devant Noblesse sieht sich aus- 
geschlossen, und wie viele von ihnen waren doch mit 
ihrem Herzen bei dem Schwur. könnte der Maler 
sie von ferne stehend malen mit hinloderndem 
Herzen und mit dem brennenden Wunsche, unter 
den Schwörenden sein zu können!" Ein dritter stand 
auf und wünschte, daß die Suppleants mit gemalt 
werden möchten. Ein vierter wollte die Elenden, die 
bei einem solchen Schwüre gegenwärtig gewesen und 
dennoch in der Folge die gute Sache verlassen hätten, 
nicht mit gemalt wissen. Ein fünfter trat auf und er- 
zählte einen Zug von Bailly, der nach einigen fruchtlosen 
Versuchen, das das Ballhaus umwimmelnde Volk zu 
beruhigen, hervorgetreten und im Namen der Nationair 
Versammlung Ruhe geboten habe. Diese Entschlossen- 
heit, der Befehl, der Name der Nationalversammlung, 
welcher damds zuerst öffentlich unter dem Volke ge- 
nannt war, alles dieses hatte Wirkung getan, hatte 
das Volk beruhiget, hatte die öffentliche Meinung 
vielleicht für die Zukunft bestimmt. Der Redner 
stellte dem Maler anheim, ob er in seinem Gemälde 
Gebrauch von diesem Zuge machen könne. 

Der Maler betrat wieder die Bühne, dankte fiir 




HALEM 



427 



alle Bemerkungen und bat nur zu bedenken, daß doch 
historische Wahrheit und Einheit im Bilde sein müsse. 
Er ward allgemein applaudiert, und Mirabeau nahm 
das Wort, räumte mit herrlicher Wendung dem Genie 
und Talent einen völligen Despotismus ein, der auch 
dem Künstler David zugute kommen müsse, und 
schlug vor, daß dem Dubois de Crance die Aufsetzung 
des schriftlichen Antrags an die Nationalversammlung 
aufgetragen würde. Dubois entschuldigte sich mit 
einer Landreise. Alles rief jetzt: Mirabeau! Mirabeau! 
Er verstand den Ruf und übernahm die Entwerf ung 
der Adresse. In einer der nächsten Sitzungen verlas 
er sie, und man erkannte die Hand des Meisters . . . 
. . . Ich beuge mich vor deinem Geiste, o Mirabeau! 
und hast du nun, David, dein Gemälde des großen 
Schwurs vollendet, dann komme ich wieder, es zu 
sehen; und find' ich eine zweite Leinwand von dir 
ausgespannt, dann wird meine Phantasie Mirabeau 
dahin malen, wie er die unsterblichen Worte sagt: „Wir 
werden unsre Plätze nur vor der Macht der Bajonette 
verlassen!" Du wirst mir die Hand drücken, David! 
denn derselbe Gegenstand glühte schon in deiner Seele. 



Paris. 

. . . Bei der Vorstellung der AtJudie war das Haus 
erstaunlich voll. Denn man war begierig, zu sehn und 
zu hören, wie Mlle. Joly, die bisher nur Soubretten 
gemacht hatte, als Athalie debütieren würde. Wirklich 
deklamierte sie richtig u^4 spielte mit Ausdruck; 



428 HALEM 



aber ihre Stimme ist zu gellend, und ihre Physiogno- 
mie hat zu wenig Adel, um mit Glück die Heldinnen- 
karriere zu verfolgen. „Ihr Gesicht ist nicht genug 
ausgeprägt," sagten die Franzosen, „ihre Gesten be- 
kunden zu sehr die Routine ihres langjährigen Be- 
rufs." Der Joas wurde, deucht mir, vollkommen gut 
gespielt. Die Ausdrücke der. Religiosität in des Kindes 
Munde waren außerordentlich rührend. Daß aber 
der Hohepriester vor dem Kinde, welches nun König 
ward, sich niederwarf, empörte den Stolz und Frei- 
heitsgeist des ganzen Hauses. Ich hörte ein allge- 
meines Lächeln und Murmeln. Daß die Franzosen 
ihren Racine auswendig wissen, merkte ich besonders 
bei der Athalie. Alle Augenblicke hört' ich die fol- 
gende Reimzeile vorher murmeln, uiid entspricht 
dann der Ausdruck der Erwartung, so sind gleich 
die Hände in Bewegung. Die Revolution hat dies 
noch sehr vermehrt. Denn nun kann keine Stelle 
über Gesetz und König und Rechte des Volks vor- 
kommen, ohne daß eine Partei klatscht. Die Athalie 
ist voll solcher Stellen, und ich hörte sogar einmal 
rufen: 6w, als ob es eine Arie wäre. 

Die stärksten Äußerungen des herrschenden Frei- 
heitsgeistes sah ich aber in der Vorstellung des Brutus, 
Dies Voltairische Stück hatte, wie es 1730 zuerst aus 
des Dichters Händen kam, in Frankreich nicht den 
Beifall erhalten, den es im Auslande erhielt, und den 
besonders die ersten beiden Akte so sehr verdienen. 
Die darin verbreiteten Freiheitsideen sind zu ver- 
schiede» von de^ep^ die damals herrschten oder ge- 



^ 



äußert werden durften. Es war nur sechzehnmal 
gegeben utd nachher von der Bühne verdrängt 
worden. Bei jetzigen so veränderten Umständen 
suchte das Nationaltheater, das im Geruch des 
Aristokratismus ist, durch Vorstellung des Brutus 
andre Grundsätze zu affichieren. Indessen bot der 
Brutus Anspielungen dar von mancherlei Art. Nicht 
nur konnten die republikanisch Gesinnten bei den 
energischen Versen, in denen Brutus wider die von 
ihm zertrümmerte monarchische Gewalt donnert, 
applaudieren, sondern die Monarchisten fanden auch 
Gelegenheit, ihre Hände zu bewegen, wenn Aron die 
Süßigkeiten der absoluten Monarchie rühmt und von 
Volk und Senat mit Verachtung spricht. Alles war 
daher auf die erste Vorstellung vom 17. November ge- 
spannt, und schon einige Tage vorher waren alle Pa- 
trioten in mehreren Zeitungsblättern zu Besuchung 
dieses Freiheitsstücks eingeladen worden. Schon um 
fünf Uhr fuhr ich hin, und — kein Platz mehr zu finden. 
Um allen zu besorgenden Unordnungen vorzubeugen, 
war von Polizei wegen verfüget, daß man alle Stöcke 
und viel mehr noch alles Gewehr zurück lassen solle. 
Da man dies nicht, wie bei den nachherigen Vor- 
stellungen geschah, in den Affichen bekannt gemacht 
hatte, und man das Verbot von der Wache zuerst 
vernahm, so erregte dies Unzufriedenheit und Un- 
ordnung, weil man mit den Stöcken nirgends hin " 
wußte. Dienstb.are Weibsbilder waren nicht wie in 
den Tuilerien zur Hand, und man mußte also die 
Stöcke ins nächste Kaffeehaus bringen. Neben mir 



430 HALEM 



am Bureau, wo die Billetts genommen werden, stand 
Mirabeau und erhielt noch im vierten Rang einen Platz, 
weil es Mirabeau war. Ich folgte aufs Geratewohl 
dem Schwärme und erhielt noch ein Plätzchen in 
einer vermieteten Loge, bis die Mietleute kamen. 
Mirabeau'n empfing bei seinem Eintritt ein Donner 
von Applaudissements. Alles rief: Mirabeau auf die 
Galerie! Da er nicht kam, so machte sich eine 
Deputation zu ihm auf. „Das französische Volk", 
redete ihn der eine an, „verlangt seinen Brutus." — 
„Und du," sagte er zu Mirabeaus Gefährten, dem 
Nationaldeputierten Mailly, „und du, Titus! komm 
auch!" Die beiden mußten nachgeben und wurden 
fast hinab getragen und mit wiederholtem Jauchzen 
in der Galerie empfangen. Welcher Triumph für 
ihn, als nachher Valerius' Worte an Brutus: 

„Du bist es, der allein den Blick hier auf sich lenkt, 
Der unsre Ketten brach und uns die Freiheit schenkt 



(( 



auf ihn gedeutet wurden. 

Ich mußte für das Mal weichen. Aber bei der zwei- 
ten Vorstellung, die zwei Tage nachher gegeben ward, 
fand ich mich früh genug und ohne Stock ein. Das 
Haus war erstaunlich gefüllt. Um sich bis zu Anfang 
des Spiels zu desennüyieren, entstanden Anträge im 
Parkett. Einer sprang auf die Bank und schlug 
vor, die Büste Brutus', des Vaters der Freiheit, auf 
Subskription in Marmor hauen und yor dem Theater 
aufstellen zu lassen. Der Antragsteller wurde sehr 
applaudiert. Der Vorhang hob sich, und das Theater 




HALEM 431 



zeigte auf der einen Seite Voltaires, auf der andern 
Seite Brutus' Büste. Der römische Senat, ganz in 
antikem Kostüm, ist versammelt beim Altare des 
Mars. Im Hintergrunde erblickt man die Türme Roms 
und das Capitolium. Es hatte jemand vorn aufs 
Theater eine Brieftasche geleget. Ein Senator nahm 
sie auf, zog ein Blatt heraus und las die Worte: 

„Du zeigst, Marmorbild, den Brutus groß und schlicht ! 
Da in Paris du bist, verließest Rom du nicht." 

Vanhove machte den Brutus vortrefflich, Sainval den 
Sohn. Alles ging gut, bis Porsennas Gesandter Aron 
in der zweiten Szene des ersten Akts die Worte sagt: 

„Zermalmt den Staat nicht ganz, den ihr nur ändern 

sollt". 

Hier entstanden Applaudissements aus den ersten 
Logen und dem Orchester, dessen Sitze den ersten 
Logen gleich bezahlet werden und wo auch ich war.^ 
Die Revolutionärs im Parkett hatten die Applau- 
disseurs genau bemerkt; und gleich erhob sich ein 
Lärm, der das Spiel gewiß zehn Minuten lang unter- 
brach. Auf die in den Logen wurde so lang gedeutet 
und so lange gelärmet, bis sie sich entfernet hatten. 
Die im Orchester hielten sich länger und warteten, 
bis ein Haufe aus dem Parkett mit geballten Fäusten 
auf sie eindrang. Nun war es Zeit für die fünf oder 
sechs, die applaudiert hatten, sich zu retirieren. Sie 
liefen aufs Theater, und die Wache, die jetzt aus 
den Kulissen hervorkam, konvoyierte sie durch den 



43^ HALEM 



römischen Senat und entrettete sie so den Gefahren 
des Tarpejischen Felsen. 

Bei der ersten Vorstellung hatten bei den Worten 
der sechsten Szene des vierten Akts, wo Brutus seinem 
Sohne sagt: 

„Seh' ich dich Sieger nicht, wähl' ich gleich dir den Tod, 
Nicht herrsche mehr in Rom ein König und Despot!" 

einige applaudiert. Auf einmal wird gepfiffen. Einer 
schwingt seinen Hut um den Kopf und ruft: Es lebe 
der König! — Es lebe der König! wiederholten nun 
laut Parterre und Logen und huldigen so, während 
sie der Freiheit huldigen, zugleich ihrem Könige. 
Bei der zweiten Vorstellung hörte man bei diesen 
Worten weder Applaudissements noch Huldigungen 
und das Stück endigte ohne weitere Unordnung. 
Am Schluß war ich frappiert, Davids Brutusgemälde 
hier auf der Bühne dargestellt zu finden. Brutus' 
letzte Worte, womit das Stück sich schließt, sind: 

„Rom ist nun frei: das ist genug... den Göttern 

Dank!" 

Vanhove nahm ganz die Stellung, die Davids 
Brutus hat. Zugleich wurde des Sohnes Leiche im 
Fond übers Theater getragen. Jeder Pariser kennt 
Davids Gemälde. Jeder erkannte gleich die Absicht, 
den Künstler durch diese Darstellung öffentlich vor 
der Nation zu ehren. Allgemeines Applaudissement 
verstärkte diese Nationalfeier . . . 




LUDWIG XVi 



1754—1793 
1774—1792 

Gorrespondance politique et confidentielle in^dite de Louis XVI, 
avec des observations par H41dne-Maria Williams. 2 vols. Paris, 
Jahr XI— 1803. 

CaptiviU et derniers moments de Louis XVI, publ. par le marquis 
de Beaücourt. 2 vols. Paris 1892. 



Landauer, Briefe aus der französ. Bovolution I 28 



An Malesherbes*) 

Versailles, 13. Dezember 1786. 

Ich liebe und achte die Menschen, mein lieber 
Malesherbes, die durch nützliche Werke zeigen, daß 
sie einen weisen Gebrauch von ihren Geistesgaben 
machen; aber ich werde nie durch irgendeine private 
Wohltat Erzeugnisse fördern, die zur allgemeinen 
Entsittlichung führen müssen. Voltaire, Rousseau, 
Diderot und ihresgleichen, denen für einen Augen- 
blick meine Bewunderung galt, die ich auch seitdem 
zu würdigen wußte, haben die Jugend verdorben, 
die im Rausche liest, und haben die zahlreichste 
Klasse Menschen verdorben, die ohne Überlegung 
liest. Ohne Zweifel, mein lieber Malesherbes, erweitert 
die Freiheit der Presse den Kreis der menschlichen 

*) Chr^tien-Guillaume Lamoignon von Malesherbes, geb. 1721; 
glänzende Karriere als Jurist, zeigt früh seine Unabhängigkeit, 
hat sich in amtlicher Eigenschaft große Verdienste um das Er- 
scheinen der Encyclopödie und anderer freier Bücher erworben; 
1771 scharfe Verteidigung der Parlamente gegen die Königsgewalt, 
Voltaire fand sein Auftreten zu hart und unehrerbietig. M. for- 
dert die Berufung der Qeneralstaaten und wird gemaßregelt. 
1774 wiederholt er seine kühnen Forderungen und Beschwerden 
beim Regierungsantritt Ludwigs XVI. ; Frankreich leide unter 
einer Regierung, die unheilvoller sei als der Despotismus. 1775 
unter dem Druck der öffentlichen Meinung beruft der König 
Turgot und Malesherbes ins Ministerium. Als M. 1776 nach neun 
Monaten unfruchtbarer Kämpfe zurücktritt, sagt der König: 
„Sie sind glücklicher als ich, Sie können abdanken.** M. geht 
auf Reisen, widmet sich dem Landleben, dem Gartenbau, der 
Pflanzenkunde. 1787 wird er wieder Minister und geht abermals 
bald, weil er nichts durchsetzen kann. 

28* 



436 LUDWIG XVI. 



Kenntnisse; ohne Zweifel ist es wünschenswert, daB 
die Schriftsteller ohne Zustimmung irgendeiner Zensur 
ihre Gedanken äußern können; aber die Menschen 
gehen immer dermaßen über den Punkt hinaus, an 
dem die Weisheit ihnen Halt gebieten müßte, daß 
es nicht nur einer strengen Polizei für die Bücher 
bedarf, sondern einer rührigen Überwachung der 
Personen, die das Amt haben, sie zu prüfen, damit die 
schlechten Bücher möglichst wenig Verbreitung finden. 
Ich weiß es, jede Inquisition ist gehässig, aber die 
Zügellosigkeit muß in Schranken gehalten werden, 
denn ohne dieses Mittel würden Religion und Sitte 
bald ihre Macht und die königliche Gewalt den Re- 
spekt verlieren, der immer in ihrer Begleitung sein 
muß* Unsre modernen Philosophen haben die Wohl- 
taten der Freiheit nur darum übertrieben, um die 
Saat der Empörung geschickter in die Geister zu 
werfen. Nehmen wir uns in acht, vielleicht kommt 
der Tag, wo wir uns eine etwas zu große Nachsicht 
gegen die Philosophen und ihre Meinungen werden 
zum Vorwurf machen müssen. Ich fürchte, daß sie 
die Jugend verderben und daß sie für diese Genera- 
tion, die sie in Schutz nimmt, viele Verwirrungen und 
Unruhen in Bereitschaft haben. Die Vorstellungen der 
Geistlichkeit sind zum Teil gegründet; ich muß ihrer 
Voraussicht Beifall zollen. Sie haben in meinem 
Namen in der Versammlung der Geistlichkeit zu- 
gesagt, die schlechten, die gottlosen Bücher zu ver- 
folgen. Wir werden unser Versprechen halten, weil 
die zu verwegene Philosophie des Jahrhunderts einen 




LUDWIG XVI. 437 



Hintergedanken hat, weil sie die Jugend verdirbt und 
geeignet ist, alle Ordnung zu stören und in alles 
Zwiespalt zu tragen. 



An den Grafen von Artois*) 

13. Juli 1789, 11 Uhr morgens. 

Mein lieber Bruder, ich hatte Ihren dringenden 
Bitten, den Vorstellungen einiger treuen Untertanen 
nachgegeben; aber ich habe es inzwischen reiflich über- 
legt. In diesem Augenblick Widerstand leisten hieße 
sich der Gefahr aussetzen, die Monarchie zu Grunde 
zu richten; das hieße uns alle zu Grunde richten. 
Ich habe die Befehle, die ich gegeben hatte, zurück- 
genommen; meine Truppen werden Paris verlassen; 
ich werde sanftere Mittel anwenden. Reden Sie mir 
nicht mehr von einem Gewaltstreich, von einem großen 
Machtakt; ich halte es für klüger, hinzuhalten, dem 
Stiu*m zu weichen und alles von der Zeit, von dem 
Erwachen der rechtschaffenen Menschen und der 
Liebe der Franzosen zu ihrem König zu erwarten. 



An Mirabeau 

8. Januar 1790. 

Es macht mir zu viel Vergnügen, geehrter Herr, 
an die Gefühle, die Sie nach Ihrer Versicherung für 

*) Seinen jüngsten Bruder (später Karl X.). 



438 LUDWIG XVI. 



meine Person und meine Familie hegen, zu glauben, 
als daß ich Ihr Gesuch um ein Privatgespräch nicht 
erfüllen sollte. Herr de la Porte wird Sie heute 
abend neun Uhr einführen; ich wünsche lebhaft, 
geehrter Herr, daß Sie ebenso viel Geschick an 
den Tag legen mögen, das Übel, das geschehen ist, 
wieder gut zu machen, als ich mich eilen werde, so 
viel nur in meiner Macht steht, bei allem zu helfen, 
was zu diesem Ziel führen kann. 



An den Grafen von Artois*) 

20. März 1791. 

... Oh! sagen Sie den Franzosen, die gegen meinen 
Wunsch, gegen meine Befehle an den Ufern des Rheins 
versammelt sind, sagen Sie es ihnen oft, daß ich alle 
Hoffnung verloren habe, daß .es mir unmöglich ist, 
die Hydra der Zwietracht zu zerschmettern, die 
Geister zu versöhnen, den inneren Frieden wieder- 
herzustellen; aber daß mir in den großen Gefahren, 
von denen ich umringt bin, noch ein Mittel geblieben 
ist: sterben zu können. 



*) Er war am 17. Juli 1789 aus Frankreich geflohen und hatte 
damit die Emigrantenpolitik eröffnet. Seitdem war er damit be- 
schäftigt, den Bund der Monarchien gegen Frankreich zustande 
zu bringen. Jetzt war er von Turin aus unterwegs nach Koblenz, 
dem Hauptquartier der Emigranten im Reich seinet Oheims, 
des Kurfürsten von Trier. 



LUDWIG XVI. 439 



An Monsieur*) 

28. April 1792. 

. . . Herr von Rivarol**), dessen Geistesgaben mir 
sehr wertvoll sind und dessen Eifer keineswegs nach- 
läßt, machte mir gestern einen der seltsamsten Vor- 
schläge, den jeder andre als ich sicherlich annehmen 
würde. „Ich habe", sagte er zu mir, „über Ihre Lage 
nachgedacht; ich habe die Chancen, die für und gegen 
Sie sind, erwogen; ich glaube den Charakter der 
Franzosen gut genug zu kennen, um es zu stände 
zu bringen, daß Sie aus der Narrheit des Tages auf 
eine Art Nutzen ziehen,, die Ihre Macht verdreifachen 
wird. Weil die Jakobiner nur alles zerstören wollen, 
um zu herrschen, schließen sie sich kühn dieser Gesell- 
schaft an, setzen Sie die rote Mütze, in deren Namen 
man befiehlt, auf Ihr königliches Haupt, Ihr An- 
spruch auf Autorität ist der ältere. Das Staunen, 
die ' Trunkenheit über einen so außerordentlichen 
Schritt, wird unbestreitbar alle verbrecherischen Um- 
triebe Ihrer Feinde vereiteln; dieser Schritt wird Sie 
national machen und wird der Menge der Agitatoren 

*) Titel des ältesten Bruders des Königs, der später Lud- 
wig XVIII. hieß. 

**) Antoine Graf von Rivarol, geb. uml754 in Languedoc: einer 
der witzigsten Köpfe der Zeit, berühmt wegen seiner Bonmots 
und seiner treffenden Vorhersagungen. Witz seiner Art, der auch 
vor den Schreckensmännern nicht Halt machte, war in der 
späteren Periode der Revolution unbeliebt, 1793 mußte er fliehen. 
Er lebte von da an im Ausland: Brüssel, England, Hamburg. 
1801 ist er in Berlin gestorben. 



440 LUDWIG XVI. 



den Mund stopfen." Das ist im wesentlichen einer 
der tausenderlei Pläne, lieber Bruder, die der Eifer 
etlicher Freunde der Monarchie mir zur Verfügung 
stellt, um mit dem Ungeheuer zu kämpfen, das nahe 
daran ist, Frankreich zu verschlingen. Sie zweifeln 
nicht, daß meine Religion, meine Ehre, die Würde 
meiner Krone und meine Zärtlichkeit für meine 
Familie es mir verwehren, daß ich irgend etwas 
akzeptiere, was mich in den Augen Europas zum 
Schauspiel machen könnte. Kann sein, daß ich das 
Schicksal Karls I. erleide; denn, wenn die Schranken 
der Gerechtigkeit niedergerissen sind, gibt es für den, 
der herrscht, nicht mehr Sicherheit als für den, 
der seinerseits nach der Herrschaft strebt. Wenn der 
Sturm das Schiff zertrümmert, bleibt dem Reisenden 
nur mehr der Mut der Resignation; das ist annähernd 
meine Situation. Leben Sie wohl, lieber Bruder, die 
Gefahren, mit denen man mich bedroht, werden nie- 
mals wandeln, was ich mir als König und als H$iupt 
einer der ersten Nationen der Welt schuldig bin. 

Ludwig. 

N.S. Ich füge Ihnen die Abschrift eines Briefes 
bei, den ich an Dumouriez geschrieben habe, der mir 
aus andern Motiven ungefähr den nämlichen Vor- 
schlag gemacht hatte wie Herr von Rivarol*). 



*) Es war die Zeit des Ministeriums Dumouriez-Roland; Lud- 
wigs Bruder stand im Lager der Feinde Frankreichs, denen der 
König jetzt eben — am 20. April — den Krieg erklärt hatte. Das 
ist einer der Falle, wo, was nicht im Brief steht, ebenso interessant 




LUDWIG XVI. ^^I 



An den Minister Roland 

21. Mai 1792. 

Man kann mich überraschen, aber man kann mir 
nie Furcht einflößen und nie durch dieses Mittel 
Herr über meine Seele werden. Ich weiß, daß die 
Partei, deren Patriotismus, Macht und großen Ein- 
fluß Sie mir rühmen, imstande ist, alles zu wagen; 
aber ich weiß auch, daß die Partei, die ihr entgegen- 
steht, zahlreicher und weniger übertrieben ist; sie 
setzt sich aus einer Mehrheit rechtschaffener Menschen 
zusammen, die endlich Kühnheit zeigen und den Mut 



ist wie der Wortlaut. Von dem Krieg ist in dem Brief an den emi- 
grierten Bruder nicht die Rede ; der König läßt aber durchblicken, 
daß seine einzige Hoffnung draußen, im Lager der Feinde ist. — 
In dem Brief an Dumouriez heißt es: „Man will, daß ich mich mit 
dem Verbrechen in Verhandlungen einlasse; man macht mir un- 
yerschämte Vorschläge: man geht darauf aus, meine Seele zu er- 
niedrigen, nachdem man meine Krone erniedrigt hat . . . Ich habe, 
von einer weisen Politik geleitet, mehr nachgeben können, als 
mein Gewissen und mein Wille mir erlauben wollten; aber ein 
Verräter, ein Treuloser bin ich nicht gewesen. Die wahren Freunde 
der Verfassung werden mich immer die Urkunde der nationalen 
Verfassung verteidigen sehen, die zu sanktionieren ich lange ge- 
zögert habe, und die zu verwerfen mir vielleicht mein Interesse, 
das Interesse meines Sohnes zur Pflicht gemacht hätte . . . 
Hoffen Sie nicht, geehrter Herr, daß ich meine Meinung andre, 
daß ich mich über die Verfassung stelle oder darunter: ich werde 
die Stellung behaupten, die sie mir anweist . . . Das ist mein 
Glaubensbekenntnis und meine Antwort.** — Es ist die Zeit des 
Streits um das Feto, wo der König auf Grund formal verfassungs- 
mäßigen Rechtes die Männer (seine Brüder, die Emigranten 
überhaupt und die eidverweigernden Priester) schützte, die ein- 
geständlich von außen durch Krieg und von innen die Verfassung 
umstürzen und den alten Zustand wiederherstellen wollten. 



442 LUDWIG XVI. 



der Tugend üben müssen. Ich weiß, daß ich unter- 
liegen kann, daß die Schlechten zu allem imstande 
sind, daß das irregeführte Volk an ihren Patriotismus, 
ihre Uneigennützigkeit glaubt; aber, geehrter Herr, 
ich wage vorherzusagen, daß der Triumph dieser 
Männer nicht von langer Dauer sein wird; unter- 
liege ich, so werden sie meine Hinterlassenschaft 
teilen wollen. Diese Teilung wird zu unheilvollen 
Spaltungen führen; die rechtschaffenen Menschen 
werden dann einen Augenblick aufatmen können; 
sie werden dann ihren Mut wiederfinden; ihre Sache 
ist gerecht, sie werden siegen; die Franzosen werden 
gerächt werden: eines Tages werden sie sich vielleicht 
herbeilassen, mein Andenken zu rechtfertigen. Ge- 
ehrter Herr, nie werde ich diese Menschen empfangen 
und werde niemals mit ihnen verhandeln können. Da 
haben Sie meinen Entschluß, er ist unerschütterlich. 



An Monsieur 

29. Mai 1792. 

Die Verwegenheit der Aufrührer hat keine Zügel 
mehr, lieber Bruder; die sinnlosesten Vorschläge 
werden mir gemacht, abzudanken. Wenn ich mich 
dieser angeblich vom öffentlichen Wohl gebotenen 
Maßregel füge, so werde man meinen Sohn als König 
der Franzosen proklamieren. Ein Regentschaftsrat 
werde bis zu seiner Volljährigkeit alle Geschäfte führen 
und in seinem Namen zeichnen. Wenn ich mich füge, 
werde man mir die Freiheit lassen, meine Residenz 




LUDWIG XVI. 443 



aufzuschlagen, wo es mir beliebt, sogar außerhalb 
des Reichs. Man werde mir das Eigentum all meiner 
Erbgüter lassen und dazu eine Besoldung von fünf 
Millionen, von denen zwei der Königin zufallen würden, 
wenn ich sterben sollte. Diese Vorschläge sind mir 
von jemandem gemacht worden, den ich Ihnen noch 
nicht nennen kann, der jedoch die Seele jener Ge- 
sellschaft ist, die bis zu diesem Tage alles unter- 
graben hat, was die Jahrhunderte aufgebaut hatten. 
Von allen Seiten erhalte ich anonyme Briefe. Man 
zeigt mir an, wir seien nahe an der Epoche einer Tra- 
gödie, deren Lösung der Sturz der Monarchie und mein 
Tod sein werde, wenn ich mich nicht entschließe, 
mich ins Privatleben zurückzuziehen. Ich denke nicht 
daran, auf diese verbrecherischen Zumutungen zu 
hören; ich werde da sterben, wohin die Vorsehung 
mich gestellt hat, unerschütterlich, weil ich nie auf- 
gehört habe, gerecht zu sein. Ich bin gänzlich auf 
alles gefaßt und darein ergeben. Gott und die Hoff- 
nung, das, lieber Bruder, kann mir niemand nehmen. 
Ich habe, um dem Haß der Schlechten zu trotzen, 
mein Gewissen und die Festigkeit, die das Unglück 
verleiht. 

Leben Sie wohl, übermorgen schreibe ich Ihnen 
ausführlicher. 

An Monsieur 

1. Juli 1792. 

Sie sind schon von den Mißhandlungen unterrichtet, 
lieber Bruder, denen ich am 20. Juni ausgesetzt war; 



444 LUDWIG XVI. 



um so empfindlicheren Mißhandlungen, als der Teil 
des Volks, der gewaltsam in mein Haus eingedrungen 
ist, von Menschen geführt war, die ich früher mit 
meinen Wohltaten überschüttet hatte. Die National- 
garde, die, wenn es irgend mit rechten Dingen zuging, 
mich hätte schützen müssen, war an die Aufrührer 
verkauft. Ihr Befehlshaber war zu stolz darauf, 
mir trotzen zu können, als daß er die Versuchung 
gespürt hätte, seine Autorität zu gebrauchen*). 

Ich habe dem Geschrei der Böswilligen die Ruhe 
der Unerschütterlichkeit entgegengesetzt; diese kühle 
Festigkeit hat für jenen Tag ihren blutigen Plänen 
das Konzept verdorben. Die Königin und meine 
ganze Familie haben eine heldenhafte Gefaßtheit an 
den Tag gelegt ; wir sind seit langem mit dem Gedanken 
vertraut, alles für möglich zu halten; unser Los ist 
so wenig beneidenswert, daß das Verbrechen kaum 
beenden wird, was es begonnen hat. — Die Versamm- 
lung hat zum Teil tiefe Entrüstung geäußert. Le- 
gendre sagte auf der Tribüne der Jakobiner, das 
Volk hätte seinen Beauftragten, indem es zu ihm 
zu Besuch kam, geehrt. Marat und Hubert in ihren 
Blättern verkündeten die nämlichen Grundsätze. 
Bezahlte Schreier stießen unter meinen Fenstern 
Drohungen aus, die ein Beweis für die Verwegenheit 
dieser Aufrührer waren. Ohne die Tröstungen der 
Religion hätte ich schon lange auf die höchste Ge- 
walt verzichtet: Dumouriez hat mir verschiedene 

*) Der Bierbrauereibesitzer Santerre (1752 — 1809) war dieser 
Oberbefehlshaber der Nationalgarde. 



LUDWIG XVI. 445 



Projekte vorgeschlagen, um die Anschläge der Jako- 
biner, der Robespierre und Danton zu vereiteln; 
aber das läßt sich nur machen, wenn viel Blut fließt; 
ich will tausendmal lieber das Opfer der Bösewichte 
werden, als mein Leben mit dem Tode eines einzigen 
Franzosen beflecken. Wenn ich sehe, wie die Ver- 
derbtheit triumphiert und wie sich die Verwegenheit 
als Nebenbuhlerin der ausgleichenden Gerechtigkeit 
aufspielt, so billige ich den Entschluß, den Karl der 
Fünfte faßte: dem Thron zu entsagen. Ich weiß nicht, 
lieber Bruder, was das Geschick mir für die Zukunft 
vorbehält; in diesem Augenblick kann man nicht un- 
glücklicher sein, als es Ihr Freund und Ihr Bruder ist. 



An Monsieur 

17. Juli 1792. 

Ich muß Ihnen, lieber Bruder, einen sehr skanda- 
lösen Auftritt schildern. Ich habe Ihnen von gewissen 
Vorschlägen gesprochen, die mir von zwei Abgeord- 
neten gemacht worden sind, die oft bei den Jakobinern 
zusammen stimmen*). Diese Männer, die sich gegen- 

*) In allem weiteren ist nicht von den zwei Abgeordneten, son- 
dern von den Jakobinern die Rede, von den zwei Gruppen, die sich 
jetzt als Parteien deutlich abzuheben beginnen: den Girondisten 
und dem Berg, den Anhängern Brissots und denen Robespierres 
oder, wie man für diese Zeit auch sagen kann, den Anhängern der 
Frau Roland und denen Marats. — Es war viel hinter den Ku- 
lissen vorgegangen und ging weiter vor in dieser Zeit zwischen dem 
20. Juli und 10. August. Die Föderierten, die Marseiller, kamen 
als Marats Truppen nach Paris; im Kuß des Lamourette kam eine 



446 LUDWIG XVI. 



seitig von Herzen verabscheuen, die einander schon 
zu mißtrauen scheinen und schließlich den Krieg bis 

äußerliche Versöhnung zwischen Hof, Brissotisten und Robespier- 
risten zustande; gleich darauf aber wird (am 11. Juli) das Vaterland 
in Gefahr erklärt und damit nicht nur der Krieg bis aufs äußerste 
gegen die äußern Feinde, sondern der Belagerungszustand, die 
Schreckensherrschaft, die revolutionäre Regierung vorbereitet; 
um was es da geht, versteht wieder die andre Partei, die Partei 
Roland sehr gut und setzt sich — durch Vermittlung eines 
Kammerdieners und auf andern Wegen — mit dem König in 
Verbindung; die Königin arbeitet fieberhaft mit den Feinden des 
Reichs. Luckner und Lafayette, die Generäle gegen den äußern 
Feind, hätten am 16. nach Paris kommen und den König zu den 
Armeen entführen sollen, was vereitelt wurde; der Herzog von 
Braunschweig, der Feldherr der Feinde, bereitete, in engster Ver- 
bindung mit den Vertrauenspersonen der Königin, sein furcht- 
bares Manifest gegen die Franzosen vor, in dem er den Städten 
und vor allem Paris Mord, Brand und Exekutionen furchtbarster 
Art androhte, das Manifest, das ein französischer Emigrant ver- 
faßte, das man dem Hof heimlich als dem Bundesgenossen, für den 
das alles geschah, zukommen ließ, das man aber vergaß, der fran- 
zösischen Regierung amtlich mitzuteilen. Das ist das Milieu des 
Verrats, des Kriegs, des Bluts, das den König retten sollte. Alle 
Minen sollten jetzt springen; aber es war wieder wie am 14. Juli 
1789, wie in allen entscheidenden Krisen dieser Revolution: die 
Revolutionäre standen. früiver auf; es kam der 10. August, kamen 
die Haussuchungen Dantons, kam das Werk Marals, die Sep- 
tembermorde. Und es kam noch mehr von daher: in dieser Zeit, 
zwischen dem 20. Juli und 10. August, hatten die Girondisten in 
geheimer Verbindung und in öffentlichem Auftreten ihr Los mit 
dem des Königs verknüpft, wie sie es während seiner Gefangen- 
schaft und des Prozesses wieder taten. Auch ihr Sturz — Mai, 
Juni 1793 — ist in diesem Zeitpunkt verankert. Sie waren die 
ersten und echten Republikaner Frankreichs, die das nicht nur 
ungestüme, volksmäßige, sondern auch organisationsfähige Drän- 
gen der neuen Gewaltherrscher über alles fürchten mußten; sie 
witterten in ihnen den keimenden neuen Cäsarismus, der sich ihnen 
im Herzog von Orleans personifizierte, wie er sich später dann tat- 
sächlich in Napoleon verkörpert hat; und so begaben sie sich in 




LUDWIG XVI. 447 



aufg Messer gegeneinander führen werden, möchten 
mich gern, ich weiß nicht recht, warum, in ihren Reihen 
sehen. Ihren Versprechungen, ihren Drohungen un- 
zugänglich, gegen ihre Aufforderungen taub, habe ich 
es immer abgelehnt, ihren Plänen zu dienen. Sie haben 
mir Angst machen wollen. Eine Deputation der Ver- 
sammlung war um wichtiger Gegenstände willen zu mir 
entsandt worden: es ist geglückt, diese Abordnung aus 
überspannten Männern zu bilden, aus diesen schlecht 
organisierten Köpfen, die dem schicklichen Benehmen 
Hohn sprechen und die sich für die Ebenbürtigen der 
Könige und für ganz besonders freie Menschen halten, 
weil sie starke Lungen haben, weil sie die Gabe des 
Schimpfens mit Löffeln gefressen haben und weil sie nie 
gelernt haben, Ehrfurcht vor dem Unglück zu haben. 
Die Deputation wü'd eingeführt. Ein gewisser Gen- 

die verzweifelte Situation, sich um der Republik, man darf ruhig 
sagen, auch um ihrer Herrschaft willen, mit dem König ver- 
bünden zu wollen. Die Renaissancemethoden Mirabeaus, ange- 
wandt von vielfach edlen, feinen, aber schwachen, akademischen, 
artistischen, philosophischen oder doktrinären Geistern. So ist 
cum grano salis richtig und, weil von einer persönlichen Ver- 
trauten herrührend, wichtig, was Helen Maria Williams (Corre- 
spondance de Louis XVI, II, 119) schreibt: „Wir haben sie [die 
Girondisten] alle persönlich und intim gekannt, und wir glauben, 
daß die meisten von ihnen eine starke Vorliebe für den Republi- 
kanismus hatten; aber eine solche Neigung vereinbart sich in 
reinen Seelen sehr wohl mit einer tatsächlichen und freien Unter- 
werfung unter den bekannten Willen der Mehrheit; und da der 
Wille der Mehrheit die [monarchische] Verfassung akzeptiert 
hatte, glaubte sich die Partei der Gironde verpflichtet, sie lieber 
aufrecht zu halten, als es mit einer andern zu versuchen, deren 
Erfolg nur unsicher sein konnte.** Die andre Verfassung — war 
die andre Partei, und dazu noch der neue Despotismus. 



448 LUDWIG XVI. 



8onn6 führte das Wort; er spricht gut, sogar mit einiger 
Mäßigung. Seltsame Wendungen jedoch, gewagte Aus- 
drücke entstellen seine Rede. 

Ich habe geantwortet; ich habe mit dem Herzen, 
nicht mit dem Kopf geredet ; ich vergaß, daß ich König 
bin und habe mich freimütig ausgesprochen. 

Die Königin war dabei; ein junger Mann, ein Hitz- 
kopf, mit einer Miene, der man die Unbesonnenheit 
ansah, hat das Wort ergriffen; er machte die Königin 
herunter: „Sie, Madame," sagte er, „Sie richten den 
König zu Grunde; das sind Ihre Ratschläge; Sie um- 
geben sich nur mit Royalisten und Sie entfernen die 
Patrioten." Die Königin hat mit Würde geantwortet; 
er zuckte mit den Achseln. Ich wollte den Grimm 
dieses vorwitzigen Tadlers besänftigen; er ergriff mit 
großer Unverschämtheit wieder das Wort, er geruhte 
mir zu versichern, ich wäre ein braver Mann, aber ich 
wäre von Verrätern, von Feinden des Vaterlandes in 
die Irre geführt. Was sollte ich antworten, um diesen 
Mann aus seiner Täuschung zu reißen ? Stillschweigen, 
das Wort an den Sprecher der Abordnung richten; 
das war mein Verhalten. Ich bemerkte, daß mehrere 
der anwesenden Mitglieder der Deputation die Ra- 
serei teilten, sie Mut nannten und dem verwegenen 
Jüngling Beifall zollten ; man versicherte mir, er heiße 
Merlin von Thionville*). 

*) Der „junge Mensch'* war dreißig Jahre alt und also acht Jahre 
jünger als der König. 1794 hielt er sich zu den Dantonisten, hlieb 
aber am Leben und beteiligte sich eifrig am Sturz Robespierres. 
Unter dem Direktorium war er Mitglied des Rats der Fünfhundert 
Er starb 1833. 



LUDWIG XVI. 449 



Ich habe diese Anekdote mehreren Mitgliedern der 
rechten Seite erzählt; sie versicherten mir, am Tage 
darauf hätte dieser junge Abgeordnete «ich in einer 
der Alleen des Gartens der Feuillants mit seiner Ver- 
wegenheit gebrüstet, und er wäre sich als würdiger 
Nebenbuhler Catos vorgekommen, weil er es einer 
Fürstin gegenüber an der schuldigen Höflichkeit fehlen 
ließ. Das sind die Menschen, die den Anspruch er- 
heben, Frankreich zu regieren. mein Bruder, be- 
klagen Sie mich ! 

An den Grafen von Montmorin 

Paris, 1. August 1792. 

Sie wollen mich trösten, mir Mut zusprechen und 
mir eine holde Hoffnung zeigen Nein, unmög- 
lich kann ich an eine glückliche Zukunft glauben. Ich 
hatte alles getan, um auf sie hoffen zu dürfen. Meine 
Feinde hatten, die Verwegenheit des Verbrechens für 
sich, bis jetzt haben sie Erfolg gehabt. Sie brauchen 
nur noch einen Versuch zu machen; er wird ihnen 

gelingen Meine Situation ist um so grausamer, 

als ich von all denen verraten bin, die sich meine 
Freunde nennen, die anhänglich an mich sein müßten, 
und die ich zu den öffentlichen Ämtern berufen habe; 
alle Tage reden sie mir von ihrer Anhänglichkeit, 
schwören sie mir, sie seien bereit, sich für mich zu 
opfern; es kommt der Augenblick, und ich finde sie 
wenn sie mir dienen sollen, wie zu Eis gefroren, oder 
sie stellen sich in die Reihen meiner Feinde. 

Landauer, Briefe aus der f ranzös. Bevolution I 29 



450 LUDWIG XVI. 



Sie sprechen mir von den und jenen Zusammen- 
künften von Royalisten, von den und jenen Freun- 
den, die mir ihr Vermögen und ihre Arme anbieten; 
es kommt mir nicht mehr zu, Opfer zu begehren. Ein 
unglücklicher König schreckt davor zurück, am Unter- 
gang seiner Freunde schuld zu sein. Danken Sie diesen 
treuen Untertanen in meinem Namen; aber suchen 
Sie meine Freunde auf, die Leute, die durch Interessen 
oder durch Versprechungen gewonnen werden können. 
Handeln Sie, wenn es noch Zeit ist, ich verlasse mich 
ganz auf Sie. 



An Verpniaud*) 

11. August 1792, 10 Uhr morgens. 

Herr Präsident! 
Im Aufruhr einer so stürmischen, für mein ganzes 
Gefühl so zerreißenden und für die Würde der Na- 
tionalvertretung so empörenden Sitzung denke ich, 
daß die Gesetzgebende Körperschaft sich mit den Mit- 
teln beschäftigen wird, die Wut des Volkes zu beruhi- 
gen. Ich verlange keinerlei Gericht über das große 
Attentat, das mich genötigt hat, mich mit meiner 
Familie vertrauensvoll unter die Ägide der Delegierten 
des Volks zu stellen; es wären zu viele Schuldige zu 
strafen, um daran denken zu dürfen, durch ein großes 

*) Geboren in Limoges 1753, Advokat in Bordeaux, einer der 
glänzendsten Redner der Girondisten, zur Zeit Präsident der Na- 
tionalversammlung. — Am 31. Oktober 1793 als einer der ein- 
undzwanzig verurteilten Girondisten hingerichtet. 




LUDWIG XVI. 451 



Exempel die Verderbten einzuschüchtern. Sei das 
Böse, das geschehen ist, vergessen; erstehe der Friede 
aus der Asche des Palastes meiner Väter; auch dann, 
meine ich, wird das Opfer dem tiefen Schmerz nicht 
gleichkommen, den ich über die Gewalttat gegen die 
Gesetze und über den Umsturz der öffentlichen Ord- 
nung empfinde. 

Die Arbeiten der Versammlung erfordern, daß man 
mir ein Asyl wähle, wo ich Sicherheit für meine Familie 
finden und für meine eigene Person ein Gut genießen 
kann, das die Gesamtheit der Franzosen von Ihren 
angelegentlichen Bemühungen erwartet. 



An Monsieur 

Im Schoß der Nationalversammlung, 
11. August 1792. 

Blut und Feuer waren hintereinander das Zeichen 
für den gestrigen schändlichen Tag, lieber Bruder: 
gezwungen, meinen Palast mit meiner Familie zu ver- 
lassen, eine Zuflucht mitten unter meinen grausamsten 
Feinden zu suchen, zeichne ich Ihnen unter ihren 
Augen, vielleicht zum letzten Mal, meine schändliche 
Lage. Franz I. schrieb in einem Augenblick der Gefahr: 
Alles ist verloren, nur nicht die Ehre; ich habe keine 
andre Hoffnung mehr als auf die Gerechtigkeit Gottes, 
auf die Reinheit der wohltätigen Absichten, die ich nie 
aufgehört habe, für alle Franzosen zu hegen. Unter- 
liege ich, wie alles zu verkündigen scheint, so denken 
Sie daran, Heinrich IV. während der Belagerung von 

29* 



452 LUDWIG XVI. 



Paris und Ludwig XII., als er den Thron bestieg, nach- 
zuahmen'*'). 

Leben Sie wohl, mein Herz ist niedergedrückt; alles, 
was ich sehe, alles, was ich höre, ist dazu angetan, 
mich traurig zu machen. Ich weiß nicht, wann und 
wie ich Ihnen künftig werde schreiben können. 



An Monsieur 

Paris, 12. August 1792, 7 Uhr morgens. 

Mein Bruder, ich bin nicht mehr König; die öffent- 
liche Kundmachung wird Ihnen die grausamste Kata- 
strophe mitteilen; ich bin der unglücklichste 

Gatte und Vater; ich bin das Opfer meiner Güte, 

der Furcht, der Hoffnung: es ist ein unfaßbares Ge- 
heimnis der Unbill! Man hat mir alles genommen; 
man hat meine Getreuen ermordet; man hat mich 
mit List fern von meinem Palast entführt, und man 
klagt mich an! Ich bin Gefangener; man wirft mich 
ins Gefängnis; die Königin, meine Kinder, Madame 
Elisabeth teilen mein trauriges Los. Ich kann nicht 
mehr daran zweifeln ! * die Franzosen haben sich gegen 
mich einnehmen lassen, ich bin für sie ein Gegen- 
stand des Hasses Nun ist noch der grausamste 

Schlag auszuhalten. Mein Bruder, bald werde ich 
nicht mehr sein; denken Sie daran, mein Andenken 
zu rächen, indem Sie veröffentlichen, wie sehr ich 

♦) Das heißt,. milde und nicht rachsüchtig zu sein; beide waren 
besonders volkstümliche Monarchen, beide wurden als „Vater des 
Volks" geliebt. 



\ 



MALESHERBES 453 



dieses undankbare Volk geliebt habe. Erinnern Sie 
es eines Tages an all sein Unrecht; und sagen Sie ihm, 
daß ich ihm vergeben habe. Leben Sie wohl, mein 
Bruder, zum letzten Mal*). 



Malesherbes an den Präsidenten des 

Konvents**) 

Paris, 11. Dezember 1792. 

Ich weiß nicht, Bürger Präsident, ob der Konvent 
Ludwig XVL einen Rechtsbeistand zu seiner Ver- 
teidigung geben und ob er ihm die Wahl lassen wird. 
In diesem Fall wünsche ich, daß Ludwig XVI. wisse, 
daß ich, wenn er mich zu diesem Amte erwählt, bereit 
bin, mich ihm zu widmen. Ich ersuche Sie nicht, 
dem Konvent von meinem Anerbieten Mitteilung zu 
machen, denn ich bin weit entfernt, mich für eine so 
wichtige Persönlichkeit zu halten, daß er sich mit mir 
beschäftigen sollte; aber ich bin zweimal von dem in 
den Rat berufen worden, der in der Zeit mein Herr 
war, wo dieses Amt von aller Welt begehrt war; ich 
schulde ihm heute den nämlichen Dienst, wo es sich 



•) Der Brief hat den Adressaten nicht erreicht. Der König 
hatte ihn in einem Stück Brot einem Vertrauten übergeben; an 
der Grenze wurde er dann aufgefangen. Er ist spater im Archiv 
der Kommune in Paris gefunden worden. 

♦*) Sainte-Beuve erzählt, Malesherbes sei im Sommer 1792 in 
der Schweiz gereist; eines Tages, nach dem 20. Juni, habe er sich 
bei einer Verwandten, der Marquise Daguesseau, mit den Worten 
verabschiedet: „Ich reise nach Paris; die Dinge werden ernster; 
ich muß auf meinen Posten; der König könnte mich brauchen.** 



454 LUDWIG XVI. 



% 



um ein Amt handelt, das viele Leute für gefährlich 
halten. Wenn ich einen gangbaren Weg wüßte, um 
ihm meine Bereitschaft mitzuteilen, so nähme ich mir 
nicht die Freiheit, mich an Sie zu wenden; ich denke, 
daß Sie an dem Platz, den Sie einnehmen, mehr als 
irgend sonstwer Gelegenheit haben, ihm von diesem 
Brief Mitteilung zu machen. 



Ludwig XVI. an Malesherbes 

Le Temple. 

Mir fehlen die Worte, mein lieber Malesherbes, um 
Ihnen auszudrücken, wie gerührt ich über Ihre herr- 
liche Treue bin. Sie sind meinen Wünschen zuvor- 
gekommen: Ihre achtzigjährige Hand'*') hat sich mir 
entgegengestreckt, um mich vom Schafott ziurückzu- 
reißen; und wenn ich noch auf meinem Thron säße, 
müßte ich ihn mit Ihnen teilen, um mich der Hälfte 
würdig zu erweisen, die mir noch bliebe. Aber ich habe 
nur Ketten, die Sie leichter machen werden, indem Sie 
sie mir tragen helfen; der Himmel und Ihr eigenes 
Herz allein können Ihnen dafür den Dank erstatten. 

Ich gebe mich keiner Täuschung über mein Schicksal 
hin; die Undankbaren, die mich entthront haben, wer- 
den nicht auf halbem Wege stehen bleiben; sie müßten 
zu sehr erröten, ihr Opfer fortwährend vor Augen zu 
haben. Meiner wartet das Los Karls I., und mein Blut 
wird fließen, auf daß ich dafür gestraft werde^ daß ich 
niemals welches vergossen habe. 

♦) M. war 71 Jahre alt. 



LUDWIG XVI. 455 



Aber sollte es nicht möglich sein, meine letzten 
Augenblicke zu adeln? Die Nationalversammlung 
birgt in ihrem Schöße die Verwüster meiner Monarchie, 
meine Angeber, meine Richter und wahrscheinlich 
meine Henker! Man klärt solche Menschen nicht auf; 
man bringt sie nicht zur Gerechtigkeit; man kann sie 
noch weniger rühren; wäre es nicht besser, einige Stärke 
in meine Verteidigung zu bringen, da ihre Schwäche 
mich nicht retten wird? Ich habe den Gedanken, 
man müßte sie nicht an den Konvent, sondern an ganz 
Frankreich richten, das Gericht über meine Richter 
hielte und mir im Herzen meiner Völker einen Platz 
wiedergäbe, den zu verlieren ich nie verdient habe. 
Dann würde meine Rolle, was mich persönlich angeht, 
sich darauf beschränken, die Zuständigkeit des Tri- 
bunals nicht anzuerkennen, vor das die Gewalt mich 
gestellt hätte. Ich würde ein würdevolles Schweigen 
bewahren, und die Männer, die sich meine Richter 
nennen, wären, wenn sie mich verurteilen, nur noch 
meine Mörder. 

Übrigens verstehen Sie, lieber Malesherbes, und 
ebenso Tronchet, der Ihre Hingebung teilt*), davon 
mehr als ich: wägen Sie in Ihrer Weisheit meine 
Gründe und Ihre gegeneinander ab; ich unterwerfe 
mich blind allem, was Sie tun werden; wenn Sie dieses 
Leben retten, werde ich es bewahren, um Sie wieder 
und wieder an Ihre Wohltat zu erinnern; wenn man 



*) Der König hatte, ehe er von Malesherbes* Erbieten etwas 
wußte, Tronchet und Target zu Verteidigern gewünscht; Target 
lehnte ab; i\x den beiden andern kam noch Desdze dazu« 



456 LUDWIG XVI. 



es uns nimmt, werden wir uns, mit noch größerer 
Freude, am Sitz der Unsterblichkeit wieder begegnen*). 



An den Exekutivrat**) 

[20. Januar 1793.] 

Ich fordere einen Aufschub von drei Tagen, um mich 
vorbereiten zu können, vor Gott zu erscheinen; ich 
fordere also, daß ich den Mann, den ich den Kom- 
missaren der Kommune nennen werde, allein sprechen 
darf und daß dieser Mann um dieses Aktes der Barm- 
herzigkeit willen, den er an mir üben wird, nichts zu 
befürchten und irgend zu befahen habe. 

*) In dem Briefe, den M. an den Präsidenten des Konvents 
richtete, hat man vielleicht bemerkt, daß er mit ziemlicher Vor- 
sicht Ausdrücke wie „der König" oder gar „Seine Majestät" ver- 
mied ; ihm lag offenbar daran, seinen Zweck zu erreichen. Später 
hat er, wie er selbst noch später im Gefängnis erzählen konnte, 
solche Vorsicht nicht mehr geübt. Als der König auf ein Verhör 
im Konvent wartete, hörte der Abgeordnete Treilhard, wie M. 
Ludwig XVI. mit Sire und Majestät anredete und steUte ihn dar- 
über heftig zur Rede; was ihn so kühn mache? M. antwortete: 
„Verachtung gegen euch, und Verachtung des Lebens." — Die 
konnte der Greis bald genug betätigen. Dezember 1793 wurde 
er mit Tochter und Schwiegersohn verhaftet ; er soUte sich gegen 
die Einheit der Republik verschworen haben. Am 22. April 1794 
wurde er zugleich mit seiner Tochter und vielen Unbekannten 
hingerichtet. 

**) Der Exekutivrat, an der Spitze der Justizminister, begab 
sich zu Ludwig XVI. in den Temple, um ihm das Urteil des Kon- 
vents vom 15. — 20. Januar mitzuteilen. Nach der Verlesung über- 
gab Ludwig, nachdem er erst in demselben Sinne geredet, dies 
Schriftstück, das noch am selben Tag dem Konvent vorgetragen 
wurde. 




LUDWIG XVI. 457 



Ich fordere, von der unaufhörlichen Bewachung be- 
freit zu werden, die der Generabat seit einigen Tagen 
eingeführt hat. 

Ich fordere, in dieser Zwischenzeit meine Familie, 
wann immer ich nach ihr verlange, und ohne Zeugen 
sehen zu dürfen. 

Ich möchte wünschen, daß der Nationalkonvent sich 
unverzüglich mit dem Schicksal meiner Familie be- 
schäftige, und daß er ihr gestatte, sich frei und schick- 
lich dahin zurückzuziehen, wo sie es für gut hält. 

Ich empfehle alle Personen, die anhänglich an mich 
waren, der Wohltätigkeit der Nation: es sind ihrer 
viele, die ihr ganzes Vermögen in den Diensten, die 
sie erwiesen, verbraucht haben, und die, da sie keine 
Gehälter haben, in Not sein müssen, und dasselbe gilt 
von denen, die nur von ihren Gehältern lebten; unter 
den Pensionären gibt es viele Greise, Frauen und Kin- 
der, die nichts andres zum Leben hatten. 

Gegeben im Turm des Temple, am zwanzigsten Ja- 
nuar tausendsiebenhundertdreiundneunzig. 

Gezeichnet: Ludwig*). 



*) Der erste Wunsch — nach dem Priester — wurde bewilligt; 
der zweite — seine Familie ohne Zeugen zu sehen — ebenfalls. 
Im übrigen gab der Konvent teils keine, teils scharfe Antworten: 
die Sorge um seine Familie dürfe er der Nation überlassen, die 
immer groß und immer gerecht sei; über die Forderung, die sich 
auf „die Gläubiger seines Hauses" beziehe, ging der Konvent zur 
motivierten Tagesordnung über: sie sollten ihre Forderungen an- 
melden; das Recht hätten sie. Über die Hauptsache, den Auf- 
schub der Vollstreckung des Urteils, ging der Konvent ohne wei- 
teres zur Tageßprdnung über. 



458 LUDWIG XVI. 



Clery an Madame Vigee-Le Brun*) 

Wien, 27. Oktober 1796. 
Gnädige Frau, 

Die vollkommene Bekanntschaft mit den Persön- 
lichkeiten der erhabenen Familie Ludwigs XVI., die 
Sie haben, hatte mich dazu gebracht, zur Frau Gräfin 
von Rombeck zu sagen, niemand anders als Sie könnte 
die herzzerreißenden Szenen wiedergeben, die diese 
unglückliche Familie im Lauf ihrer Gefangenschaft hat 
durchmachen müssen. So interessante Ereignisse dür- 
fen der Nachwelt nicht verloren gehen, und nur der 
Pinsel von Madame Le Brun kann sie ihr mit Wahr- 
heit vermitteln. 

Von diesen Schmerzensszenen könnte man sechs 
zum Malen auswählen: 

1. Ludwig XVL in seinem Gefängnis, von seiner 
Familie umgeben, wie er seinen Kindern Unterricht 

♦) Clery (1759 — 1809) war Kammerdiener im Hofstaat Lud- 
wigs XVI.; am 10. August rettete er sich durch einen Sprung aus 
dem Fenster; am 24. August stellte er sich und erklärte sich bereit, 
sich mit dem König einschließen zu lassen, um ihn zu bedienen. 
Pas wurde akzeptiert. Am 1. März 1793 erlangte er seine Freiheit, 
um am 4. verhaftet zu werden und ein Jahr in Erwartung des 
Todes gefangen zu sitzen. Am 22. Thermidor Jahr II (9. August 
1794) ließ man ihn frei. Nach der Freilassung der Tochter Lud- 
wigs XVI. {Madame RoyaU) begab er sich zu ihr nach Wien und 
später zu Monsieur (Ludwig XVIII.) nach Verona. Berühmt ist 
C16ry nicht nur wegen seiner Treue, sondern auch wegen seiner 
Oberaus interessanten Erinnerungen an den Aufenthalt Lud- 
wigs XVI. im Temple, die in London 1798 erschienen. — Di% 
Malerin Vig^e-Le Ißvm l^bte von 1755 bis 18^2. 



■«>i^ 



LUDWIG XVI. 459 



ia Geographie und Lektüre erteilt; die Königin und 
Madame Elisabeth*) in diesem Augenblick mit Nähen 
und Ausbessern ihrer Kleider beschäftigt; 

2. Trennung des Königs von seinem Sohn am 11. De- 
zember, dem Tag, an dem der König zum ersten Mal 
im Konvent erschien und bis zum Tag vor seinem Tod 
von seiner Familie getrennt wurde; 

3. Ludwig XVL im Turm von vier Konventsmit- 
gliedern verhört und von seinen Rechtsbeiständen, 
den Herren von Malesherbes, de S^ze und Tronchet 
umgeben; 

4. Der Exekutivrat teilt dem König sein Todes- 
urteil mit; Verlesung dieses Dekrets durch Grouvelle; 

5. Abschied des Königs von seiner Familie, am Tag 
vor seinem Tod; 

6. Sein Aufbruch vom Turm, um zur Richtstätte 
zu gehn. 

Von diesen Ereignissen scheint der Augenblick des 
Abschieds die fühlenden Herzen im allgemeinen am 
meisten zu rühren. In England ist der Vorwurf in 
einem Stich behandelt worden, aber er bleibt weit 
hinter der Wahrheit zurück, sowohl in der Ähnlich- 
keit der Personen wie der örtlichkeit. 

Ich will versuchen, gnädige Frau, Ihnen die Einzel- 
heiten mitzuteilen, die Sie wünschen, um eine Skizze 
zu diesem Gemälde zu machen. Der Raum, in dem 
diese Szene vorging, mag fünfzehn Fuß im Geviert 
groß sein; die Wände sind mit Papier in der Form 

*) Schwester des Königs, zehn Jahre jünger a}s er, iO^'b^sAil^^ 
guillotiniert. 



46o LUDWIG XVI. 



von Mauersteinen bekleidet, was so aussieht wie das 
Innere eines Gefängnisses. Rechts, nahe bei der Ein- 
gangstür, ist ein großes Fenster, und da die Wände 
des Turms neun Fuß dick sind, befindet sich das 
Fenster in einer Vertiefung von ungefähr acht Fuß 
Breite, die sich aber nach außen, wo man sehr starke 
Gitterstäbe sieht, verringert. In dieser Fensternische 
steht ein Kachelofen, zweieinhalb Fuß breit und drei- 
einhalb Fuß hoch; das Ofenrohr geht unter dem Fen- 
ster durch und ist auf der linken Seite der Nische 
und da, wo sie beginnt, mit der Wand verbunden. 
Von dem Fenster bis zur Vorderwand mögen es acht 
Fuß sein; an dieser Wand, in der Nähe des Ofens ist 
. eine Argandische Lampe, die den ganzen Saal erhellte, 
die Szene ging nachts, das heißt, um zehn Uhr abends 
vor sich. Die Vorderwand mag fünfzehn Fuß lang 
sein; eine Flügeltür trennt sie, die sich aber mehr 
nach rechts hin befindet. Diese Tür ist grau gemalt; 
einer der Flügel muß offen sein, damit man in einen 
Teil des Schlafzimmers Einblick hat. Man muß die 
Hälfte des Kamins sehen, der sich der Tür gegenüber 
befindet; ein Spiegel ist darüber, ein Teil der Tapete 
aus gelbem Papier, ein Stuhl beim Kamin, ein Tisch 
davor; ein Schreibzeug, Federn, Papier und Bücher 
sind auf dem Tisch. Die linke Seite des Saals ist 
durch eine gläserne Wand abgeteilt; an den beiden 
Enden sind zwei Glastüren; hinter dieser Scheidewand 
ist ein kleines Zimmer, das als Eßzimmer diente. In 
diesem Zimmer hat der König, sitzend und von seiner 
Familie umgeben, ihnen Mitteilung von seinem letzten 




LUDWIG XVI. 461 



Willen gemacht. Beim Herauskommen aus diesem 
kleinen Eßzimmer, wie der König auf die Eingangs- 
tür zugeht, wie um seine Familie hinauszugeleiten, 
muß diese Szene festgehalten werden, und das war 
auch der schmerzlichste Augenblick. 

Der König stand, hielt mit der rechten Hand die 
Königin, die sich kaum aufrechthalten konnte; sie 
lehnte sich an die rechte Schulter des Königs; der 
Dauphin, der auf der nämlichen Seite steht, wird 
vom rechten Arm der Königin umschlungen, die ihn 
an sich drückt; er hält in seinen kleinen Händen die 
Rechte des Königs und die Linke der Königin, küßt 
sie und benetzt sie mit seinen Tränen. Madame Elisa- 
beth steht auf der linken Seite des Königs, umschließt 
mit ihren beiden Händen den Oberarm des Königs 
und hebt die mit Tränen gefüllten Augen zum Himmel. 
Madame Royale ist vor ihr, hält die linke Hand des 
Königs und erfüllt den Raum mit den schmerzlichsten 
Lauten des Jammers*). Der König, der immer ruhig, 
immer erhaben blieb, vergoß keine Träne, aber er 
schien unter den Qualen seiner Familie grausam zu 
leiden. Er sagte mit dem sanftesten Klang der Stimme, 
aber voll innigen Ausdrucks: „Lebewohl sage ich euch 
nicht; seid versichert, daß ich euch morgen früh um 
sieben noch wiedersehe." — „Sie versprechen es uns ?" 
sagte die Königin, die kaum einen Laut herausbringen 
konnte. — „Ja, ich verspreche es euch," erwiderte der 

*) Diese einzig lebende Tochter des Königspaars war damals 
14 Jahre alt. Sie blieb noch bis zu ihrem 17. (Ende 1795) im Ge- 
fängnis. 



462 LUDWIG XVI. 



König, „lebt wohl." — In diesem Augenblick verdop- 
pelte sich das Weinen und Klagen; Madame Royale 
fiel fast ohnmächtig dem König zu Füßen und klam- 
merte sich an ihn; Madame Elisabeth war um sie ge- 
schäftig, um sie zu halten. Der König führte einen 
schmerzlichen Kampf mit sich selbst; er riß sich aus 
ihren Armen und ging in sein Zimmer. Da ich bei 
Madame Elisabeth stand, half ich dieser Prinzessin ein 
paar Augenblicke lang, Madame Royale zu stützen, 
aber man erlaubte nicht, ihnen weiter zu folgen, und 
ich ging zum König zurück. Während dieser Szene 
standen vier Munizipalbeamte, von denen zwei sehr 
schlecht gekleidet waren und den Hut auf dem Kopfe 
hatten, regungslos in der Fensternische und wärmten 
sich am Ofen. Sie trugen ein dreifarbiges Band mit 
einer Kokarde in der Mitte. 

Der König trug einen braungesprenkelten Rock und 
ebensolchen Kragen, eine weiße Weste aus Marseiller 
Piqu^, eine Kniehose aus grauem Kasimirtuch und 
grauseidene Strümpfe, goldene, aber sehr einfache 
Schnallen an den Schuhen, einen Hemdkragen aus 
Musselin, die Haare etwas gepudert, eine Locke in 
zwei oder drei geteilt, die kurz geschnittenen Haare 
des Schopfes schon wieder etwas lang geworden, 
die Haare des Hinterkopfes zu einem Knoten auf- 
geschürzt. 

Die Königin, Madame Royale und Madame Elisa- 
beth trugen Kleider aus weißem Musselin, sehr ein- 
fache Linonbrusttücher, völlig gleiche Faltenhäub- 
chen, die mit einer kleinen Spitze eingefaßt waren, 




LUDWIG XVI. 463 



ein Spitzentuch, das in Form einer Marmotte über dem 
Häubchen gebunden war*). 

Der junge Prinz trug einen Rock aus graugrünem 
Kasimir, eine ebensolche Hose, eine kurze Weste aus 
weißgestreiftem Barchent, der Rock ließ den Hals 
tief herunter frei und war umgeschlagen, der Hemd- 
kragen glatt und über den Rockkragen fallend, der 
Busenstreif aus gefälteltem Batist, die schwarzen 
Schuhe mit einem Band verschnürt, die blonden Haare 
ohne Puder, nachlässig zurückfallend und über der 
Stirn und den Schultern in Locken, hinten als Zopf 
zusammengebunden, vorn natürlich fallend und ohne 
Puder. Die Haare der Königin waren fast ganz weiß, 
die von Madame Royale schön lichtblond und die 
von Madame Elisabeth ebenfalls blond, aber dunkler 
im Ton. 

Das, gnädige Frau, wärien ungefähr die Einzelheiten, 
die ich Ihnen zu diesem Vorwurf mitteilen kann; wenn 
sie Ihren Wünschen nicht genügen, wollen Sie so 
freundlich sein, mir weitere Fragen zu stellen, und ich 
werde versuchen, sie zu beantworten. Ich habe noch 
eine Gunst zu erbitten, daß nämlich all diese Einzel- 
heiten unter uns bleiben. Da ich Aufzeichnungen 
habe, in denen alle diese Dinge niedergeschrieben sind, 
möchte ich nicht, daß sie vor ihrem Druck bekannt 
werden. Ich hoffe, Sie werden eines Tages wieder 
hierher ziehen; und wenn Sie den Wunsch haben, 
andre Bilder über diese traurigen Geschehnisse zu 

*) Bei der MarmoUß fällt ein Zipfel nach hinten, und zwei 
werden unter dem Kinn zusammengebunden. 



464 LUDWIG XVI. 



malen, wird es mich sehr freuen, Ihnen in irgend etwas 
dienlich sein zu können'*'). 



Bericht von Jacques Roux**) 

[21. Januar 1793.] 

Wir legen euch Rechenschaft von der Erfüllung 
unsres Auftrags ab. 

Wir haben uns in den Temple begeben; da haben 
wir dem Tyrannen angekündigt, daß die Stunde der 
Hinrichtung da sei. 

Er verlangte, einige Minuten für seinen Beichtiger 
zu haben. Er wollte uns ein Päckchen geben, das wir 
euch zustellen sollten; wir erwiderten ihm, daß wir 
nur den Auftrag hätten, ihn zum Schafott zu führen. 
Er antwortete: „Das ist richtig." Er gab das Päck- 
chen einem unsrer Kollegen***). Er empfahl seine 

♦) Frau Le Brun, die diesen Brief in ihren Memoiren veröffent- 
lichte, erklärte, der Bericht hätte sie so schmerzlich berührt, daß 
sie keines der Bilder zu malen vermocht hätte. 

♦♦) Jacques Roux und Jacques-Claude Bernard, Munizipal- 
beamte und Kommissare der Gemeindeverwaltung, waren beauf- 
tragt, Ludwig zur Richtstätte abzuholen, und erstatten hier der 
Kommune Bericht. — Jacques Roux (1759 — 1794) war Priester 
gewesen, lebte dann in Armut in Paris und predigte den Arbei- 
tern und einmal — am 25. Juni 1793 — auch im Konvent eine noch 
recht ungefüge Art Kommunismus. Kurze Zeit gab er ein Blatt 
heraus, das „Der Schatten Marats*' hieß. Durch solches Auftreten 
zog er sich die Feindschaft Robespierres zu, kam schließlich vors 
Revolutionstribunal, wo er sich fünf Dolchstiche beibrachte, an 
denen er bald darauf — Februar 1794 — starb. 
♦*♦) Es enthielt Ludwigs Testament. 



LUDWIG XVI. 465 



Familie und bat, Clery, sein Kammerdiener, solle 
Kammerdiener bei der Königin werden, dann verbes- 
serte er sich schnell und sagte: bei meiner Frau. 
Überdies bat er, daß seine früheren Diener in Ver- 
sailles nicht vergessen würden. Er sagte zu Santerre: 
„Gehen wir." Über den einen Hof ging er zu Fuß und 
stieg im zweiten in den Wagen. Unterwegs herrschte 
das tiefste Schweigen. 

Es gab keinen Zwischenfall. Wir stiegen in die Bu- 
reaux des Marinegebäudes, um das Protokoll über die 
Hinrichtung aufzunehmen. Wir haben Capet bis zur 
Guillotine nicht aus den Augen gelassen*). Um zehn 
Uhr zehn Minuten kam er an; drei Minuten erforderte 
das Aussteigen aus dem Wagen. Er wollte zum Volke 
reden. Santerre hat es nicht zugelassen. Sein Kopf 
fiel. Die Bürger tauchten ihre Piken und ihre Taschen- 
tücher in sein Blut. 

Nach der Fertigstellung des Protokolls begaben wir 
uns in den provisorischen Exekutivrat, der sich jetzt 
mit den Nachforschungen nach dem Mörder von Saint- 
Fargeau**) beschäftigt; wir haben uns beeilt, euch 
Rechenschaft abzulegen. 



*) Die Hinrichtung fand auf der Place de la Revolution, der 
früheren Place Louis XV. statt: zwischen dem Denkmal Lud- 
wigs XV. und der Avenue des Champs Elys^es stand das Schafott. 
An dem Platz, Ecke der Rue de la Revolution, stand das Marine- 
gebäude; dort von einem Fenster aus verfolgten die Munizipal- 
beamten die Vorgänge. 

•*) S.-F. war, weil er im Konvent für die Hinrichtung des 
Königs gestimmt hatte, von einem Royälisten getötet Worden, 

Landauer, Briefe aus der franzde. Revolution I 30 



466 LUDWIG XVI. 



Henker Sanson an den Bürger Redakteur 
^ der Zeitung Le Tliermometre in Paris 

Paris, 20. Februar 1793, 
Jahr II der französischen Republik. 
Bürger, 

Ich war einen Augenblick verreist, und das war der 
Grund, daß ich nicht die Ehre gehabt habe, der Ein- 
ladung zu entsprechen, die Sie in Ihrem Blatt hin- 
sichtlich Ludwig Capets an mich richten. Hier erhal- 
ten Sie nun meinem Versprechen gemäß die genaue 
Wahrheit über die Vorkommnisse. 

Als er zur Hinrichtung aus dem Wagen stieg, sagte 
man ihm, man müsse seinen Rock ausziehen; er 
machte einige Schwierigkeiten, indem er sagte, man 
könnte ihn, so wie er wäre, hinrichten. Als man ihm 
vorstellte, daß das eine unmögliche Sache sei, half er 
selbst beim Ausziehen seines Rocks. Dann machte er 
die nämliche Schwierigkeit, als es sich darum handelte, 
ihm die Hände zu binden, die er selbst hinstreckte, 
als der Mann, der ihn begleitete*^), ihm sagte, das wäre 
ein letztes Opfer. Dann fragte er, ob die Trommler 
immer trommeln würden; es wurde ihm geantwortet, 
man wisse es nicht. Und das war die Wahrheit. Er 
stieg auf das Gerüst und wollte schnell nach vorne, 

♦) Der Abbö Edgeworth (1745 — 1807), der, ein eidverweigern- 
der Priester, in der letzten Zeit vor dem 10. August, der Beicht- 
vater des Königs gewesen war, sich versteckt hielt und dann die 
Erlaubnis erhielt, den König zum Tod vorzubereiten und auf 
seinem letzten Gang zu begleiten. Er machte sich auf Verhaftung 
und Tod gefaßt; doch gelang die Flucht. 



LUDWIG XVI. 467 



weil er reden wollte. Aber man stellte ihm vor, daß 
die Sache noch unmöglich sei. Er ließ sich dann an 
die Stelle führen, wo man ihn festband, und da hat 
er sehr laut gerufen: Volk, ich sterbe unschuldig. Dann 
drehte er sich uns zu und sagte zu uns: Meine Herren, 
ich bin unschuldig an alledem, wessen man mich be- 
schuldigt. Ich wünsche, daß mein Blut das Glück der 
Franzosen kitten möge. Das, Bürger, sind seine letz- 
ten und seine echten Worte. 

Die Art kleiner Wortstreit, die sich am Fuß des 
Schafotts ereignete, drehte sich darum, daß er es nicht 
für nötig hielt, daß man seinen Rock auszog und ihm 
die Hände band. Er machte auch den Vorschlag, sich 
selbst die Haare abzuschneiden. 

Und um der Wahrheit die Ehre zu geben, er hat 
all das mit einer Kaltblütigkeit und einer Festigkeit 
mitgemacht, die uns alle erstaunt hat. Ich bleibe ganz 
überzeugt, daß er diese Festigkeit in den Prinzipien 
der Religion geschöpft hatte, von welcher niemand 
mehr als er durchdrungen oder überzeugt schien. 

Sie dürfen versichert sein, Bürger, daß Sie hier die 
Wahrheit in ihrem ganzen Lichte haben. 

Ich habe die Ehre, Bürger, zu sein 

Ihr Mitbürger 

Sanson. 

Testament Ludwigs XVI. 

Im Namen der allerheiligsten Dreieinigkeit, des 
Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. 

80* 



468 LUDWIG XVI. 



Heute am fünfundzwanzigsten Tag des Dezembers 
tausendsiebenhundertzweiundneunzig erkläre ich, Lud- 
wig XVI. meines Namens, König von Frankreich, der 
ich von denen, die meine Untertanen waren, seit über 
vier Monaten mit meiner Familie im Turm des Temple 
in Paris eingesperrt und jedweder Verbindung, seit 
dem elften dieses Monats selbst mit meiner Familie 
beraubt bin; der ich überdies in einen Prozeß ver- 
strickt bin, dessen Ausgang infolge der menschlichen 
Leidenschaften unmöglich vorhergesehen werden kann 
und für den man in keinem bestehenden Gesetz irgend 
Vorwand oder Handhabe findet; der ich nur Gott zum 
Zeugen meiner Gedanken habe und keinen außer ihm, 
an den ich mich wenden könnte, erkläre ich hier vor 
seinem Angesicht meinen letzten Willen und meine 
Gesinnung. 

Ich vermache meine Seele Gott meinem Schöpfer; 
ich bitte Ihn, sie in seiner Barmherzigkeit anzunehmen, 
sie nicht nach ihrem Verdienste zu richten, sondern 
nach dem unsres Herrn Jesu Christi, der sich Gott 
Seinem Vater für uns Menschen zum Opfer darge- 
bracht hat, so unwürdig wir dessen sind, und ich zu- 
vörderst. 

Ich sterbe im Schöße unsrer heiligen Mutter, der 
katholischen, apostolischen und römischen Kirche, die 
ihr Amt durch eine ununterbrochene Folge vom hei- 
ligen Petrus her innehat, dem es Jesus Christus an- 
vertraut hatte. Ich glaube fest und bekenne alles, 
was im apostolischen Glaubensbekenntnis und in den 
Geboten Gottes und der Kirche enthalten ist, die Sa- 




LUDWIG XVI. 469 



kramente und Mysterien, wie die katholische Kirche 
sie lehrt und immer gelehrt hat« Ich habe nie bean- 
sprucht, mich zum Richter aufzuwerfen über die ver- 
schiedenen Arten, die Dogmen auszulegen, wovon die 
Kirche Jesu Christi zerrissen ist; aber ich habe mich 
immer an die Entscheidungen gehalten und werde 
es, wenn Gott mir zu leben gewährt, weiter tun, die 
die kirchlichen Oberen, die der heiligen katholischen 
Kirche verbunden sind, entsprechend der von der 
Kirche seit Jesus Christus befolgten Übung geben 
und geben werden. Ich beklage von ganzem Herzen 
unsre Brüder, die im Irrtum sein können; aber ich 
beanspruche nicht, sie zu richten, und ich liebe sie 
nichts desto weniger alle in Jesu Christo, wie die 
christliche Liebe es uns lehrt. 

Ich bitte Gott, mir alle meine Sünden zu vergeben ; 
ich habe gesucht, sie peinlich zu erforschen, sie zu 
verabscheuen und mich vor seinem Angesicht zu de- 
mütigen. Da ich mich nicht des Beistandes eines 
katholischen Priesters bedienen kann, bitte ich Gott, 
die Beichte, die ich ihm abgelegt habe, und vor allem 
die tiefe Reue anzunehmen, die ich darüber hege, daß 
ich meinen Namen (obwohl das gegen meinen Willen 
geschah) unter Akte gesetzt habe, die in Gegensatz 
zu den Vorschriften und zum Glauben der katholischen 
Kirche stehen können, welcher ich im Herzen immer 
aufrichtig verbunden geblieben bin. Ich bitte Gott, 
den festen Entschluß, den ich hege, anzunehmen, mich, 
wenn er mir zu leben gewährt, sowie ich es kann, des 
Beistandes eines katholischen Priesters zu bedienen 



470 LUDWIG XVI. 



und mich all meiner Sünden anzuklagen und das Sa- 
krament der Buße zu empfangen. 

Alle die, welche ich vielleicht durch Unachtsamkeit 
beleidigt haben kann (denn ich erinnere mich nicht, 
jemanden wissentlich beleidigt zu haben), oder die, 
denen ich ein schlechtes Beispiel oder Ärgernis gegeben 
haben kann, bitte ich, mir das Böse zu vergeben, das 
ich ihnen nach ihrem Glauben getan haben kann. 

Ich bitte alle barmherzigen Seelen, ihre Gebete mit 
den meinigen zu vereinigen, um von Gott die Ver- 
gebung meiner Sünden zu erlangen. 

Ich vergebe von ganzem Herzen denen, die sich zu 
meinen Feinden gemacht haben, ohne daß ich ihnen 
irgend einen Grund dazu gegeben hätte ; und ich bitte 
Gott, ihnen zu vergeben und ebenso denen, die durch 
falschen oder schlecht verstandenen Eifer mir viel 
Übles getan haben. 

Ich empfehle Gott meine Frau und meine Kinder, 
meine Schwester, meine Tanten, meine Brüder und 
alle die, die mir durch die Bande des Blutes oder auf 
irgend eine andre Art, welche es auch sei, verbunden 
sind ; ich bitte Gott besonders, Augen der Barmherzig- 
keit auf mein Weib, meine Kinder und meine Schwester 
zu werfen, die seit langem mit mir leiden, sie mit Seiner 
Gnade zu stützen, wenn sie mich verlieren werden, 
und solange sie in dieser vergänglichen Welt bleiben. 

Ich lege meiner Frau meine Kinder ans Herz; ich 
habe niemals an ihrer mütterlichen Zärtlichkeit für 
sie gezweifelt; ich empfehle ihr besonders, sie zu guten 
Christen und ehrenhaften Menschen zu erziehen, ihnen 




LUDWIG XVI. 471 



die Herrlichkeiten dieser Welt (wenn sie dazu ver- 
dammt sind, sie kennen zu lernen) als gefährliche und 
vergängliche Güter zu zeigen und ihre Blicke dem ein- 
zigen beständigen und dauerhaften Ruhm der Ewig- 
keit zuzuwenden. Ich bitte meine Schwester, ihre 
Zärtlichkeit gegen meine Kinder fortsetzen zu wollen 
und ihnen eine Mutter zu sein, wenn sie das Unglück 
haben sollten, die ihrige zu verlieren. 

Ich bitte meine Frau, mir alle Leiden, die sie für 
mich erduldet, und allen Kummer, den ich ihr im 
Lauf unsrer Vereinigung gemacht haben kann, zu ver- 
geben, wie sie sicher sein kann, daß ich nichts gegen 
sie im Herzen trage, wenn sie glauben sollte, sich etwas 
vorzuwerfen zu haben. 

Ich empfehle meinen Kindern sehr lebhaft, nächst 
dem, was sie Gott, der allem vorgehen soll, schuldig 
sind, immer einträchtig miteinander verbunden, ihrer 
Mutter unterwürfig und gehorsam, und dankbar für 
alle Sorge und Mühe, die sie sich um sie gibt, und 
meiner eingedenk zu bleiben. Ich bitte sie, meine 
Schwester als ihre zweite Mutter zu betrachten. 

Ich empfehle meinem Sohn, wenn er das Unglück 
haben sollte, König zu werden, daran zu denken, daß 
er sich ganz und gar dem Glück seiner Mitbürger 
schuldig ist; daß er allen Haß und allen Groll und 
namentlich alles, was auf das Unglück und Leiden, 
das ich erdulde, Bezug hat, vergessen soll; daß er das 
Glück der Völker nur herstellen kann, wenn er nach 
den Gesetzen regiert; zugleich aber auch, daß ein König 
3ie nur so lange zu Respekt bringen und das Gute, das 



472 LUDWIG XVI. 



in seinem Herzen ist, zur Ausführung bringen kann, 
als er die nötige Autorität hat; und daß er andern- 
falls, da er in seiner Betätigung gebunden ist und 
keinen Respekt einflößt, mehr schädlich als nütz- 
lich ist. 

Ich empfehle meinem Sohn, für all die Menschen, 
die mit mir verbunden waren, Sorge "zu tragen, soweit 
die Umstände, in denen er sich befinden wird, ihm 
die Möglichkeit gewähren; daran zu denken, daß das 
eine heilige Schuld ist, die ich gegen die Kinder oder 
Eltern derer, die für mich gestorben sind, und ferner 
derer, die für mich unglücklich sind, eingegangen bin. 
Ich weiß, daß mehrere unter denen, die mit mir ver- 
bunden waren, sich gegen mich nicht so verhalten 
haben, wie sie hätten sollen, daß einige sogar Undank- 
barkeit an den Tag gelegt haben; aber ich vergebe 
ihnen (oft ist man in den Augenblicken des Aufruhrs 
und der Leidenschaft nicht Herr über sich), und ich 
bitte meinen Sohn, wenn er dazu Gelegenheit findet, 
nur an ihr Unglück zu denken. 

Ich wünsche, hier denen meine Dankbarkeit be- 
zeugen zu können, die mir wahrhafte Anhänglichkeit 
und Uneigennützigkeit bewiesen haben. War ich einer- 
seits empfindlich berührt von der Undankbarkeit und 
Treulosigkeit von Menschen, denen ich nie etwas andres 
erwiesen habe, als Freundlichkeiten, ihnen, ihren An- 
gehörigen oder Freunden, so habe ich auf der andern 
Seite den Trost gehabt, die Anhänglichkeit und die 
selbstlose Teilnahme vieler Menschen zu finden. Ich 
bitte sie, dafür meinen ganzen Dank zu empfangen. 



LUDWIG XVI. 473 



So wie die Dinge noch stehen, müßte ich fürchten, 
sie zu gefährden, wenn ich näher darauf einginge; 
aber ich lege meinem Sohn besonders ans Herz, die 
Gelegenheiten zu suchen, es ihnen vergelten zu 
können. 

Ich würde indessen die Gesinnungen der Nation zu 
verleumden glauben, wenn ich meinem Sohn nicht 
offen die Herren Chamilly und Hue ans Herz legte, 
welche ihre wahrhafte Anhänglichkeit an mich dazu 
gebracht hat, sich mit mir an diesem traurigen Ort 
einschließen zu lassen, und die gewillt waren, die un- 
glücklichen Opfer davon zu werden. Ich lege ihm 
ebenfalls Clery ans Herz, dessen Sorgfalt zu loben ich 
allen Grund habe, seitdem er bei mir ist; da er es ist, 
der bis zum Ende bei mir geblieben ist, bitte ich die 
Herren von der Kommune, ihm meine Kleider, meine 
Bücher, meine Uhr, meine Börse und die andern kleinen 
Gegenstände zu geben, die im Rat der Kommune de- 
poniert worden sind. 

Ich vergebe auch sehr gern denen, die mich bewacht 
haben, die schlechte Behandlung und die Martern, die 
sie gegen mich anwenden zu sollen geglaubt haben. 
Ich habe einige fühlende und mitleidige Herzen ge- 
funden; mögen diese in ihren Herzen sich des Frie- 
dens erfreuen, den ihre Denkungsart ihnen schenken 
muß. 

Ich bitte die Herren von Malesherbes, Tronchet und 
de Söze, hier für alle Sorgen und Mühen, die sie sich 
um mich gegeben haben, meinen Dank und den Aus- 
druck meiner Rührung anzunehmen. 



474 LUDWIG XVI. 



Ich schließe, indem ich bei Gott und gerüstet, tot 
ihm zu erscheinen, erkläre, daß ich mir keines d^ Ver- 
brechen vorwerfe, die gegen mich vorgebracht werden. 

In zwei Exemplaren ausgestellt, im Turm des Temple, 
am 25. Dezember 1792. 

Ludwig*). 

*) Dieses Schriftstück ist am 21. Januar 1793 dem Generalrat 
der Kommune übergeben und von seinen Beamten mit amtlichea 
Bemerkungen über den Eingang versehen worden. Es ist dann 
sofort veröffentlicht worden und hat reißenden Absatz gefanden. 
Damals hat man hie und da die Echtheit bezweifeln wollen; das 
französische Nationalarchiv verwahrt aber heute noch das von 
Ludwig eigenhändig geschriebene und offenbar ohne jede fremde 
Hilfe verfaßte Original. Er hat damals nie einen Priester gesehen. 
Die am Schluß erwähnten Herren von Chamilly und Hue waren 
seine Ersten Kammerdiener; sie durften nur kurze Zeit bei ihm 
bleiben, kamen dann ins Gefängnis La Force, wo ihnen die laonische 
Volksjustiz bei der Gefängnisdurchsuchung, die man September- 
morde zu nennen allen Grund hat, die Freiheit gab. Chamilly ist 
dann am 23. Juni 1794 doch noch guillotiniert worden. Hne 
(1757 — 1819) beteiligte sich an den Versuchen, Marie Antoinette 
aus dem Gefängnis zu befreien; 1806 veröffentlichte er in London 
seine wertvollen Erinnerungen an die letzten Jahre Ludwigs XVI. 



Ende des ersten Bandes 




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